Ein Notruf geht ein, Großbrand in einem Wohnhaus. Sofort heulen die Sirenen. Dramatische Schlaglichtmomente zeigen das Feuer und den Einsatz der Rettungskräfte. Eine Hand, die nach einer anderen greift und sie wieder verliert. Dann verharrt die Kamera auf einem Mädchen, das inmitten der Flammen vorwurfsvoll ins Objektiv schaut. Auf das Rot der Feuersbrunst folgt ein kühles Blau. Man sieht die Augenpartie der Feuerwehrfrau Alex (Jeanne Goursaud) im Rückspiegel ihres Autos und versteht sofort: Der anklagende Blick des Brandopfers hat ihr gegolten. Alex hat durch den Einsatz, bei dem sie nicht alle retten konnte, ein Trauma davongetragen.
Kein Routineeinsatz
So knapp führt der Autor und Regisseur Thomas Sieben in „Unsafe“ die Protagonistin und ihre emotionale Last ein. Und geht direkt zum nächsten Notruf über. Ein Mädchen soll in einem Keller eingeschlossen sein. Alex und ihr Kollege Jakob (Laurence Rupp) rücken aus. Während der Nachtfahrt zum entlegenen Waldgrundstück glaubt Jakob noch einen Routineeinsatz. Die atmosphärische Thriller-Inszenierung, die eine unbestimmte Spannung erzeugt, lässt daran jedoch Zweifel aufkommen. Am Einsatzort konkretisiert sich das Problem: Die sechsjährige Laura ist scheinbar beim Spielen in einen Tresor geklettert, der nun schalldicht verschlossen ist. Der Vater Mark (Anton Noori) weiß den Code für das Erbstück ebenso wenig wie die dazukommende Mutter Rebecca (Alexandra Maria Lara). Den Safe aufzuschneiden, wäre riskant. Also zieht das Feuerwehr-Duo den auf Tresore spezialisierten Schlosser Rademeyer (Christoph Krutzler) hinzu.
In dieser Phase zieht „Unsafe“ einige Spannung daraus, dass man wissen will, wie es weitergeht. Die ungewöhnliche Problemlage und die Einheit von Ort, Zeit und Handlung bilden einen klaren Rahmen. Klaustrophobische Bilder aus dem Inneren des Stahlkastens bleiben aus; stattdessen macht die Außensicht das Publikum zu Verbündeten der Retter. Der Experte gibt dem Kind noch schätzungsweise 40 Minuten Sauerstoff zum Atmen. Alex eröffnet den genretypischen Wettlauf gegen die Zeit mit dem Timer an ihrer Armbanduhr. Der Schlosser hat eine weitere schlechte Nachricht: Der etwa 1,50 Meter hohe und freistehende Tresor ist eine besonders einbruchssichere Spezialanfertigung aus Kanada.
Steckt da wirklich ein Kind drin?
Probiert wird das Aufknacken dennoch. Ist der Code ein Geburtsdatum aus dem Kreis der Familie? Kann man Laura mit einem Stethoskop hören? Als Zuschauer stellt man sich in Anbetracht des auffälligen Verhaltens der Eltern und aufgrund des verdächtigen Nachbarn (August Schmölzer) noch eine weitere Frage: Steckt da wirklich ein Kind im Tresor?
„Was ist hier los?“, fragt auch Alex nach einer Weile. Schon davor hat sie ihrem Kollegen zugeraunt: „Mit dieser Rebecca stimmt irgendwas nicht.“ Die Stimmung ist angespannt, die Uhr tickt. Die Inszenierung setzt das mit bewährten Mitteln als kammerspielartigen Thriller in Szene, mit spärlichem Kellerlicht und einer matten Farbpalette, elektronisch wummerndem Soundtrack und kompetentem Tondesign. Auch das alte Haus im Wald trägt zur Atmosphäre bei. Auf der Suche nach Mobilfunkempfang geht Alex auf den Speicher, wo der Holzboden laut knarzt, bis dann plötzlich die Mutter hinter ihr steht. Sukzessive wandelt sich „Unsafe“ zum Mystery-Film, der Hinweise auf eine einschneidende Wendung streut, die dann auch überraschend früh eintritt. Was darauf folgt, gereicht dem Film allerdings nicht zum Vorteil. Was zunächst ein originelles Szenario ist, mündet in eine Abfolge generischer Thriller-Standards. Die schlussendlich aufgedeckten Motive der Beteiligten werfen zudem erhebliche Fragen an die narrative Konsistenz der Geschichte auf.
Die verpatzte Aktion verfolgt die Hauptfigur
Das Trauma der Feuerwehrfrau rückt zum Finale hin deutlich in den Vordergrund. Die einleitende Etablierung ihrer seelischen Verletzung funktioniert auch deshalb so effektiv und wortlos, weil das Muster aus vielen Spannungsfilmen vertraut ist. Die Hauptfigur wird von einer verpatzten Aktion verfolgt, wächst daran und bewährt sich schließlich in einer ähnlichen Situation. Auch Alex ergeht es nicht anders; die Psychologie ihrer Figur entfaltet sich fast lehrbuchartig. Im Moment höchster Anspannung blitzen die Erinnerungen neuerlich auf; außerdem trinkt Alex wieder, und am Ende bricht abermals ein Feuer aus; erneut steht das Leben eines Mädchens auf dem Spiel. Das abgegriffene Schema und die unausgegorenen Wendungen schmälern den anfänglichen Reiz der spannenden Ausgangslage dann doch erheblich.