Radio Star - Die AFN Story

Dokumentarfilm | Deutschland 1994 | 94 Minuten

Regie: Hannes Karnick

Dokumentarfilm über die Geschichte des ursprünglich in Berlin, Frankfurt und München angesiedelten Soldaten-Radiosenders AFN (American Forces Network), der nach dem Zweiten Weltkrieg mit Jazz und Rock'n'Roll erfolgreich amerikanisches Lebensgefühl vermittelte. Aus Originalaufnahmen, Interviews mit Zeitzeugen und vielen Hits aus den 50er und 60er Jahren entsteht ein dichtes Gewebe zeitgeschichtlicher Verweise, die wichtige gesellschaftliche Entwicklungen der frühen Bundesrepublik Deutschland illustrieren. Leider endet die Rekonstruktion mit dem Beginn des Vietnam-Krieges. - Ab 14.
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Filmdaten

Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
1994
Produktionsfirma
Docfilm
Regie
Hannes Karnick · Wolfgang Richter
Buch
Hannes Karnick · Wolfgang Richter
Kamera
Wolfgang Richter
Musik
AFN-Hits von 1944-1968
Schnitt
Wolfgang Richter
Länge
94 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
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IMDb

Diskussion
"... und AFN ist weit": Man mußte nicht unbedingt ein Fan von Country- und Westernmusik sein, um wie im Lied von "Truck Stop" im Radio nach dem "American Forces Network" zu suchen. Der ursprünglich in Berlin, Frankfurt und München angesiedelte Soldatensender, dem das Heidelberger Dokumentarfilmer-Duo Wolfgang Richter und Hannes Karnick zum 50. Geburtstag ein differenziertes Porträt gewidmet hat, entwickelte sich schon bald nach 1945 zur bevorzugten Frequenz all jener, die im Nachkriegsdeutschland mit Jazz und Rock'n'Roll der eigenen Provinzialität entfliehen wollten. Glenn Miller, Bill Haley oder Elvis Presley: Wer mit der neuen Zeit ging, hatte das Ohr am amerikanischen Radio, toupierte sich die Haare hoch und verhalf dem Kaugummi zu seinem zweifelhaften Image. Wenn Ältere damals verächtlich von den "Amis" sprachen, bezog sich das auf die "Negermusik" ebenso wie auf das legere Auftreten der "Halbstarken", die in Jeans und T-Shirt ein neues Lebensgefühl erprobten.

Richter und Karnick, beide Jahrgang 1947, haben sich auf filmische Recherche begeben und aus Originalaufnahmen, Zeitzeugeninterviews und mit viel Musik aus den legendären AFN-Charts die Geschichte des Senders nachgezeichnet. Spannend und unkommentiert erzählt der Film von den Anfängen der Bundesrepublik Deutschland, von der für Deutsche noch ungewohnt lockeren Art, Radio zu machen, mischt Anekdoten von Moderatoren wie Bill Ramsey oder Mark White mit Jugenderinnerungen von Fritz Egner, der als Studiotechniker beim AFN durch Zufall seine Karriere begann, oder spürt "ewigen" Rock 'n' Rollern wie Jacky Spelter oder Chuck Herman nach, für die mit Elvis' Tod die Musikentwicklung zum Stillstand kam. Daß aus dieser Spurensuche mehr als ein Fernsehfeature wurde, liegt an der kulturpolitischen Bedeutung, die dem AFN während der Adenauer-Ära zukam. Wie kaum ein anderes Medium vermittelte der Sender über die Musik zentrale Elemente der amerikanischen Lebensart, die ein neues Selbstbewußtsein prägten, auf dessen Boden sich dann auch jene Kräfte formierten, die meist unter der Chiffre '68 summiert werden.

1943, als AFN in Vorbereitung des D-Day in London aus der Taufe gehoben wurde, hatten seine Erfinder primär militärische Ziele im Kopf: die GI mit Informationen zu versorgen und durch Musik und Entertainment die Moral der Truppe zu stärken. Der zeitgeiststiftende Einfluß der Radiostation blieb gleichwohl nicht verborgen, wie die nach dem Krieg bald reichlich fließenden amerikanischen Gelder belegen oder eine Kuriosität am Rande: ein sozialistischer Ost-AFN auf dem Boden der DDR, der besonders während des Mauerbaus für gezielte Desinformation sorgte. Von Beginn an legen die Dokumentarfilmer die militärische Dimension des AFN offen, indem sie historische Aufnahmen vom Truppenbesuch Marlene Dietrichs in Italien oder Marilyn Monroes in Korea zeigen, die auf den Schlachtfeldern ihrer "patriotischen" Pflicht nachkamen und via AFN weltweit übertragen wurden; oder Adrian Cronauer nach den Zensurbestimmungen befragen, jenen AFN-Discjockey, der in "Good Morning Vietnam" von Robin Williams verkörpert wurde. Das Konzept einer "Radio-Waffe", die in den letzten 50 Jahren amerikanische Truppen auf jedem Weg zur Front begleitete, war in Deutschland wenig wahrgenommen worden. Noch heute reibt man sich fast ein wenig verwundert die Augen, wenn hinter dem Mikro im Frankfurter Sendezentrum ein blutjunger Soldat in Uniform sitzt.

Leider fehlt in der AFN-Story die Zeit ab dem Vietnamkrieg. Das ist weniger aus formalen Gründen ärgerlich als vielmehr wegen der geänderten Stimmungslage in Deutschland, wo sich mit der Studentenbewegung unüberhörbar antiamerikanische Tendenzen manifestierten. Vielleicht hätte sich dadurch das Konzept des Films grundlegend geändert und wäre die Erkundung der 50er Jahre weniger vielschichtig ausgefallen. So aber kann man sich manchmal nicht des Eindrucks erwehren, trotz einiger kurzer Hinweise auf Grenada oder Irak. selbst im Bezug auf den deutschen AFN nur mit einer Dekade vertraut gemacht worden zu sein.
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