Mit Filmen wie "Der Konformist", "Die Strategie der Spinne", "Der letzte Tango von Paris" oder dem zweiteiligen Geschichtsepos "1900" hat sich Bernardo Bertolucci den Ruf eines politischen und kontrovers diskutierten Filmemachers erworben. Meist arbeitete er an der italienischen Geschichte, machte ihre Auswirkungen auf die Gegenwart und die politischen Wirren seines Heimatlandes transparent, schuf stimmige Erzählungen über den Verlust von politischer und persönlicher Identität. Doch erst als Bertolucci seine Heimat verließ und mit seinem Film "Der letzte Kaiser" neunfachen "Oscar"-Ruhm gewann, wurde ihm weltweite Anerkennung zuteil. Den folgenden Projekten ("Der Himmel über der Wüste", "Little Buddha") war weniger Glück und Aufmerksamkeit beschieden, vielleicht ein Grund, warum Bertolucci mit "Stealing Beauty" 1 zum ersten Mal seit 1981 wieder in seiner italienischen Heimat gedreht hat.Auf den ersten Blick sieht sein Film auch aus wie eine Liebeserklärung an das Land, doch schon bald offenbart sich, daß die wenigen Eindrücke aus der toskanischen Stadt Siena und der in der Mittagshitze flirrenden Landschaft nur Staffage, Grußpostkarten sind für eine erschreckend dünne Geschichte, die eigentlich ihren Plot schon in der Eröffnungssequenz offenbart. In dieser mit Video aufgenommenen Szene sitzt nämlich die 19jährige Amerikanerin Lucy im Flugzeug und träumt sich ihrem Urlaubsziel entgegen. Die Kamera umkreist sie, zeigt ihr makelloses Gesicht in Großaufnahme, richtet sich zum Abschluß der Sequenz auf ihren Schoß, nistet sich zwischen ihren leicht gespreizten Schenkeln ein, zeigt Jeans-Stoff und meint das Fleisch darunter.Darum gehts - fast ausschließlich. Lucy besucht nach Jahren erneut die Künstlerkolonie der Graysons, ist wie jeder gute Bildungsreisende, Italien bietet sich da natürlich an, auf Sinnsuche. Allerdings ist ihr Bildungshunger etwas eingeschränkt: sie sucht den ihr noch unbekannten Vater, eine Affäre ihrer verstorbenen Mutter, aber mehr noch steht ihr der Sinn nach Defloration. Das mondäne Anwesen der Graysons, ein altes toskanisches Gut mit postmodernem Ambiente, der sich aus Familienmitgliedern, Freunden und flüchtigen Bekannten zusammensetzende Clan, überhaupt die südländische Atmosphäre scheinen ihr zum Zwecke der Entjungferung der angemessene Rahmen. Bald schon lenkt sie die Blicke aller verfügbaren Männer auf sich, unter ihnen auch die des todgeweihten Alex', der trotz seines Dämmerzustandes keinen Zweifel daran läßt, daß es ihm die junge Frau angetan hat. Doch er wird rasch in die Schranken des väterlichen Freundes verwiesen, während die anderen das Rennen unter sich auszumachen versuchen. Leichte Schatten trüben bald das Ferienidyll, und Diana Grayson, Zentrum der Kolonie, Glucke, Mutter und Muse ihres bildhauernden Mannes, hat einiges zu tun, damit die Dinge und die Beziehungen untereinander im Lot bleiben. Am Ende erobert allerdings nicht Nicolo, ein Freund aus unschuldigeren Tagen, die Amerikanerin, sondern sein Freund Osvaldo ist der Glückliche, der Lucy, nach einem Fest, in die Arme schließen darf. Die junge Frau ist, genau wie Alex, der ins Krankenhaus eingeliefert wird, am Ende ihrer Reise angelangt bzw. steht am Beginn einer weitaus beschwerlicheren. Immerhin ist der erste Schritt getan, und auch was die Identität ihres Vaters angeht, hat sie so ihre Ahnung.Wäre diese Groschengeschichte entsprechend voyeuristisch aufbereitet, so könnte man sie für die Fantasie eines alten Mannes ansehen, der nichts unversucht läßt, um eine betörend schöne junge Frau vor der Kamera zu entblättern. Doch mit 55 Jahren ist Bertolucci gewiß kein alter Mann, und zum anderen zielt sein Film nicht in Richtung Sex, sondern ist ausschließlich dem Kunstgewerbe verschrieben. Genau diese Haltung ist es aber auch, die den Zuschauer einer gewissen Ratlosigkeit anheimfallen läßt. Seien es die auserlesenen Schauplätze oder das schicke Dekor, die pseudotiefsinnigen Sprüche oder unglaubwürdigen Leidenschaften - alles wirkt gedrechselt, ausgestellt und gewollt, ein lebengroßes Spiegelbild einer sich isolierenden Gesellschaft, der jeder Funken Leben fehlt. Dies trifft leider auch auf Jeremy Irons zu, eigentlich als Schauspieler eine sichere Bank, der in keiner Szene gefordert wird, und auf den Cocteau-Gefährten Jean Marais, der als verschrobener Kauz durch den Film kaspern darf.Ein Film, der weder besonderen Sinn und schon gar keine Freude macht, dem es an Aussage und Substanz mangelt und der auf dem Zuschauer lastet wie die trockene Hitze über der Toskana, der falsche Stimmungen beschwört, aber nicht auferstehen läßt, der die Jugend und die Körperlichkeit feiert, ohne sich so recht an ihnen zu freuen. Gewiß, nach jahrelanger Abwesenheit ist Bernardo Bertolucci wieder nach Italien gekommen, aber er ist noch längst nicht heimgekehrt.