Dok Leipzig: Eine offene Partitur

Donnerstag, 08.11.2018

Eine Nachlese vom 61. Dok-Festival Leipzig und seiner zwischen Hysterie und Kontemplation schwankenden Stimmung

Diskussion

Von der „Sinfonie der Ungewissheit“ bis zur „Architektur des Unendlichen“. Und zwischendrin viel Lärm um „Lord of the Toys“. Das 61. Dok-Festival in Leipzig als Barometer einer überhitzten Öffentlichkeit zwischen Hysterie und Kontemplation.


Die Leiterin des „Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm“, die Finnin Leena Pasanen, ist eine kämpferisch-geradlinige Person, die bei ihren Auftritten nicht lange fackelt, sondern schnell zum Punkt kommt. Gleiches gilt für ihre Festivalpolitik: Ihre letztjährige Ankündigung, im Programm eine 50/50-Frauenquote anzustreben, löste die 61. Dok-Woche (29.10.-4.11.) prompt ein, mit 91 (Männer-) zu 92 (Frauen-) Filmen, ohne dass sich Qualität oder Anspruch des Programms spürbar verändert hätten. Nicht weniger straight durchorganisiert präsentiert sich das gesamte Festival, obwohl es an Nebenreihen, Sonderprogrammen, Retros oder „Dok Industry“-Events nicht mangelte. Das junge Stadtpublikum weiß die aufgeräumte Fülle zu schätzen und bescherte dem Festival mit 47 200 Besuchern einen neuen Rekord; um die mediale Resonanz brauchte sich Pasanen ebenfalls nicht zu sorgen, da es um den Film „Lord of the Toys“ bereits im Vorfeld zu massiven Protesten gekommen war.

Szene aus "Lord of the Toys"
Szene aus "Lord of the Toys"

Die von einem linken Aktionsbündnis organisierte Entrüstung bezog sich auf eine „Direct Cinema“-ähnliche Beobachtung einer Dresdner Clique um den eloquenten Max „Adlerson“ Herzberg, die ihre sadistischen Exzesse und Sauf-Rituale auf Youtube und Instagram posten und durch dezidiert rechte Wortspiele eine in die Hundertausende gehende Followerschaft erreichen. Für die Antifa-Aktivisten macht sich das Festival dadurch zum Katalysator für rechtsradikale „Influencer“, was tunlichst nicht sein dürfe oder zumindest diskursiv aufgefangen werden müsste. Dem kamen die Veranstalter dann auch schnell nach, weshalb „Lord of the Toys“ für drei Tage zum meistdiskutierten Film des Festivals avancierte.


Flirt mit rechter Rhetorik

Ohne diese massive öffentliche Vor- und Nachbereitung wäre der Film von Pablo Ben Yakov und André Krummel allerdings weit unspektakulärer und deutlich weniger politisch wahrgenommen worden, weil der sächselnde Flirt mit der rechten Rhetorik („Wollt ihr den totalen Suff?“) angesichts der Ödnis eines virtuell aufgeblähten, im Alltag aber erschreckend verwahrlosten Daseins eher am Rande wahrgenommen worden wäre. Selbst der smarte „Adlerson“ i

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