Hera Hilmar: Die neue Wonder Woman

Die junge isländische Schauspielerin vereint widersprüchliche Züge in sich

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Unerschrocken tritt die isländische Schauspielerin Hera Hilmar im jüngsten Peter-Jackson-Blockbuster Mortal Engines gegen die Mächte des Bösen an. Als rebellische Outlaw-Kämpferin Hester Shaw fordert sie den Oberschurken heraus, um Rache an der Ermordung ihrer Mutter zu nehmen. Dabei begeht sie sogar zwei „Vatermorde“: an ihrem monströsen Frankenstein-Ziehvater, dem Maschinenwesen Shrike, und an dem nach der Weltherrschaft trachtenden Valentine, der sich schließlich als ihr leiblicher Erzeuger entpuppt, dargestellt von Hugo Weaving. Hilmar spielt den australischen Megastar locker gegen die Wand und behauptet sich in der überbordenden Optik des VFX-Blockbusters auch visuell: Sie fällt immer auf.


„A babe with scars“

Zugleich empfiehlt sie die 1988 geborene Darstellerin als Ikone einer neuen Schauspielerinnen-Generation: Sie kann erfolgreich darauf verzichten, ihren jungen Körper für die Kamera zu exponieren. Im ersten Drittel von „Mortal Engines“ ist ihr Gesicht in Banditenmanier bis über die Nase von einem roten Tuch verdeckt; ihr Körper versinkt während des gesamten Films in einem ausladenden Raubein-Mantel, die langen Haare umlodern dabei ungebändigt ihre actiongeladene Performance. Hester Shaw ist „a babe with scars“, wie Hilmar auf Instagram für ihre über 150.000 Follower postet. Ihre linke Gesichtshälfte ist von einer tiefen Narbe gezeichnet, eine deutlich sichtbare Insignie der Rachemotivation – und eine mutige Entstellung in einem Blockbuster-Debüt. Shaws Part ist eine Rolle, mit der sich Hilmar identifiziert: „Es gibt viele Filme mit weiblichen Helden in engen Kostümen, die schön und sexy aussehen. Sie können knallhart sein, gleichzeitig sind sie makellos. Ich denke, dass junge Mädchen sich auf die vernarbte Hester beziehen werden – gegen die Social-Media-Kanäle, wo alle Photoshop-gefiltert sind“, so Hilmar in einem Interview.

Dass sie in einer Steampunk-Verfilmung als Rebellin in Erscheinung treten würde, ließen schon andere Rollen ihrer Filmografie erahnen. Im isländischen Film Der Eid (2016) war Hilmar die nestflüchtende Tochter mit tiefschwarz geschminkten Gothic-Augen, die sich den Drogen hingab. Ein Jahr zuvor wurde sie zum „European Shooting Star“ gekürt, nachdem sie als Vanessa Moschella in der Serie „Da Vinci’s Demons“ aufgefallen war. Immer wieder ist sie die Tochter oder spielt an der Seite deutlich älterer Männer wie in An Ordinary Man“ (2017), wo sie den kämpfenden Sidekick von Ben Kingsley gab.


Rundes Gesicht & „rote Zora“

Hera Hilmar, die Ende 2018 30 Jahre alt wird, sticht durch ein rundes, weiches Gesicht mit kleiner Stupsnase, heller Haut, blauen Augen und dem sehr langen, rötlichen Haar hervor Sie weckt Beschützerinstinkte, assoziiert als „rote Zora“ unwillkürlich aber auch Ideen von bedingungslosem Freiheitsdrang. Ihre widersprüchliche Erscheinung prädestiniert sie für Rollen wie in „Mortal Engines“, wo sie schillernd-uneindeutig die Männerwelt untergräbt. Sie bezwingt die Allmachtsfantasien der Vätergeneration, rächt ihre Mutter und weiß deren Vermächtnis zu nutzen wie einst die männlichen Helden, die dem Auftrag des Vaters folgten. Sie gondelt aber auch frisch verliebt in ihren Gefährten Tom (Robert Sheehan) im Liebes-Luftschiff neuen Abenteuern entgegen.

Dass ihre Rollen so oft mit der Elterngeneration zu tun haben, könnte durch ihre Herkunft motiviert sein. Als Hera Hilmarsdóttir wurde sie in eine Schauspieler- und Regiefamilie hineingeboren; bereits ihr Großvater war ein Dramatiker, ihre Mutter ist Schauspielerin, in einer Filmproduktion ihres Vaters Hilmar Oddson debütierte sie. Mit dem Eintritt in die internationale Filmszene fiel der isländische Namenszusatz „dóttir“ weg. Mit ihrer actionreichen Hauptrolle tritt sie jetzt aus dem Schatten ihrer Kolleginnen Keira Knightley, Emily Watson, Alicia Vikander und Cara Delevingne heraus, an deren Seite sie in Anna Karenina (2012) schon zarte Star-Qualitäten bewiesen hatte. Hinzu kommt, dass sie sich selbst eher in der Independent-Filmwelt zu Hause fühlt. Das alles könnte in den kommenden Jahren eine spannende Mischung ergeben.


Hera Hilmars nächstes größeres Projekt ist die Serie „See“, die wie „Mortal Engines“ ein Science-Fiction-Stoff ist, geschrieben von Steven Knight (Peaky Blinders) und inszeniert von Francis Lawrence. An ihrer Seite spielt unter anderem Jason Momoa.


"Mortal Engines"
"Mortal Engines"


Fotos:  ©UPI

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