Verbotener Filmemacher: Jafar Panahi

Zum Kinostart von „Drei Gesichter“: Ein Interview mit Solmaz Panahi, der 29-jährigen Tochter des iranischen Regisseurs Jafar Panahi

Diskussion

Seit 2010 ist über den iranischen Filmemacher Jafar Panahi ein Berufsverbot verhängt, trotzdem inszeniert er unermüdlich gegen diese Einschränkung an. Nach "Taxi Teheran ist seit Ende Dezember sein jüngster Film „Drei Gesichter“ in den Kinos zu sehen. Im Rahmen des Filmfests Hamburg 2018, bei dem Jafar Panahi mit dem Douglas-Sirk-Preis geehrt wurde, sprach Michael Ranze mit Solmaz Panahi, der 29-jährigen Tochter des Regisseurs, die die Auszeichnung stellvertretend entgegen nahm. Sie erläutert, wie Panahi an den staatlichen Repressionen vorbei seiner Arbeit nachgeht und vom Leben im Iran und speziell von den Problemen iranischer Frauen erzählt.


Wie geht es Ihrem Vater?

Panahi: Dem geht es gut, solange er arbeiten kann. Im Moment kann er nicht so arbeiten, wie er sich das vorstellt. Aber sobald er einen Film vorbereitet, ist er glücklich.

Leben Sie noch im Iran?

Panahi: Nein, ich lebe seit dem Jahr 2010 in Frankreich. Das bedeutet leider auch, dass ich meinen Vater acht Jahre lang nicht gesehen habe. Im Juli dieses Jahres aber habe ich ihm endlich leibhaftig zu seinem Geburtstag gratulieren können. Das war mein erster Besuch seit Ewigkeiten im Iran.

Schildern Sie doch bitte aus Ihrer Sicht, was im Jahr 2010 genau passiert ist.

Panahi: Als erstes beschlagnahmten die Behörden den Reisepass meines Vaters. Als er nach Paris fliegen wollte, um einen Vertrag über ein Filmprojekt zu unterschreiben und den Film auch zu inszenieren, ging das nicht mehr. Mein Vater hat immer Filme über Iraner gemacht und die Probleme, die sie im Alltag haben.Bei den umstrittenen iranischen Präsidentschaftswahlen 2009 unterstützte er die Oppositionsbewegung „Grüne Bewegung“von Mir Hossein Mussawi gegen den Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad.Aber die Behörden waren schon nach seinem ersten Film „XX“ (1995) auf ihn aufmerksam geworden. Im Jahr 2010 erhöhte sich der Druck. Mein Vater hatte gerade einen neuen Film zu knapp einem Drittel abgedreht, als Polizisten am 1. März unsere Wohnung stürmten und meinen Vater, meine Mutter und mich verhafteten. Sogar die Personen, die an dem Tag zu Besuch waren, wurden verhaftet. Den Rest kennen Sie sicher: Mein Vater war drei Monate lang im Evin-Gefängnis, dann entschied ein Richter, dass er nicht mehr arbeiten und das Land 20 Jahre lang nicht verlassen dürfe und außerdem für sechs Jahre ins Gefängnis müsse. Auch mit Journalisten dürfe er nicht sprechen.

Die Haftstrafe ist aber noch nicht vollstreckt worden?

Panahi: Genau. Mein Vater hat sie noch nicht angetreten. Das ist natürlich eine große Erleichterung. Vor zwei Jahren sagte ich meinem Vater, wie glücklich wir sind, dass er nicht im Gefängnis ist. Doch er unterbrach mich ein wenig verärgert: „Wenn ich ins Gefängnis gekommen wäre, dann wären die sechs Jahre jetzt um.“ Die Haftstrafe droht ihm also immer noch. Das hat uns einige Zeit wirklich krank gemacht. Jetzt gehen wir etwas gelassener mit dieser Tatsache um. Wenn er jetzt ins Gefängnis müsste, würden wir uns damit irgendwie auch abfinden. Doch seit dem Urteil sind acht Jahre vergangen, und nichts ist passiert. Die Haftstrafe schwebt dennoch immer über ihm. Das ist eine schreckliche Situation. Ich freue mich aber trotzdem mit meinem Vater, weil er immer wieder Wege findet, doch zu arbeiten. Natürlich schränkt das Berufsverbot seine Möglichkeiten ein, von der Wahl des Drehorts bis zur Geschichte. Vorher hatte mein Vater vor allem Filme über die Situation der Frauen im Iran gedreht. Seit 2010 hat er vier Filme gemacht, die sehr viel persönlicher sind, aber immer noch die Alltagsprobleme der Menschen im Iran aufgreifen.


Filmen am Verbot vorbei: Jafar Panahi in seinem Film "Taxi Teheran"
Filmen am Verbot vorbei: Jafar Panahi in seinem Film "Taxi Teheran"

Wie groß ist die Solidarität für Ihren Vater im Iran?

Panahi: Das iranische Kino ist wie eine große Familie. Den iranischen Regisseuren ist es egal, ob mein Vater im Iran lebt oder woanders. Wenn ein Kollege ein Problem hat, muss man ihm helfen. Darum unterstützen sie meinen Vater und bewundern die Art und Weise, wie er seine Filme dreht. Auch als ich jetzt im Iran war, wirkten die Menschen zuvorkommend und hilfsbereit; sie wollten sogar Fotos mit meinem Vater machen. Auch für die Kritik meines Vaters an der Regierung hatten sie Verständnis.

Ihr Vater hat seit seinem Berufsverbot trotzdem vier Filme gemacht, einen davon zuhause, „This Is Not a Film“ (2011), dann „Pardé“ („Closed Curtain“, 2013), „Taxi Teheran“ (2014) und nun „Drei Gesichter“ im Nordwesten des Iran. Wie ist der Film entstanden?

Panahi: Das große Problem meines Vaters ist, dass er für das, was er zeigen und ausdrücken will, einen besonderen Weg finden muss. In „Taxi Teheran“ ging das nur mit einer kleinen Kamera. In „This Is Not a Film“ konnte er den Film so erzählen, wie er sich das gedacht hatte, mit anderen, größeren Kameras. Für seinen neuen Film half ihm eine kleine Gruppe von Menschen, die ihn gut kennen. Als ich „Drei Gesichter“ zum ersten Mal sah, war ich so glücklich, dass er die Erzählperspektive verschieben konnte. Jetzt ist nicht mehr Jafar Panahi im Vordergrund. Natürlich spielt er mit, er fährt das Auto und ist häufig zu sehen. Aber als Person, als der Jafar Panahi der Vorgängerfilme, ist er jetzt sehr zurück genommen. Trotzdem: Dies ist nicht sein Kino. Vor 2010 hat er seine Filme auf andere Weise inszenieren können. Das ist seit dem Berufsverbot anders. Dabei hat er so viele Ideen, er wird nie müde, an Drehbüchern zu arbeiten. Auch sein neuer Film ist durch die Rahmenbedingungen eingeschränkt. Gedreht wurde in drei sehr kleinen Dörfern im Nordwesten Irans, die auch im Film zu sehen sind. Das familiäre und vertraute Umfeld bot die Möglichkeit, ohne Risiko drehen zu können. Für die Menschenansammlungen in einigen Szenen wurde einfach ein Vorwand benutzt, darüber hinaus passte immer jemand auf, ob die Polizei kommt. Als wirklich einmal ein Polizeiauto vorfuhr, versteckte sich Jafar schnell und jemand anderer trat hervor: „Ich bin Regisseur, dies ist meine Erlaubnis, um hier einen Film zu drehen.“ So konnte Jafar Panahi, ohne großes Misstrauen zu erwecken, seinen Film dort drehen und beenden.


Der Regisseur, der Filmstar und die Dorfbewohner: Eine Szene aus "Drei Gesichter"
Der Regisseur, der Filmstar und die Dorfbewohner: Eine Szene aus "Drei Gesichter"

Haben denn die vielen Menschen in einigen Szenen nicht für Aufmerksamkeit gesorgt?

Panahi: Sicher. Aber Jafar Panahi hat diese Drehorte bewusst gewählt,es sind die Geburtsorte von Jafars Mutter, dem seines Vaters und dem seiner Großeltern. Die Menschen dort kennen also unsere Familie und mögen Jafar sehr. Darum fanden sie immer einen Weg, ihm zu helfen. Darüber hinaus wurde schnell und unauffällig gearbeitet

Wissen Sie etwas über die Idee, die Ihren Vater zum Film inspirierte?

Panahi: Mein Vater hatte in der Zeitung eine Nachricht über ein junges Mädchen gelesen, das Selbstmord beging, weil ihm verboten wurde, an der Universität Regie zu studieren. Im Iran ist es immer noch ein Problem für junge Frauen, sich in den Künsten zu verwirklichen, egal ob im Theater oder im Kino. Panahi stellte sich also vor, er hätte ein Video von diesem Selbstmord über die sozialen Medien erhalten und er fragte sich, wie er darauf reagiert hätte. So entstand die Idee zu dem Film.

Ihr Vater spielt sich selbst, ebenso die Hauptdarstellerin Behnaz Jafari, was dem Film etwas Dokumentarisches gibt. Gleichzeitig wird aber auch eine Geschichte erzählt. Ist das nicht ein Widerspruch?

Panahi: Ich stimme Ihnen da nicht zu. So widersprüchlich ist der Film nicht. Mein Vater wollte die Lebensbedingungen im Iran zeigen und gleichzeitig einen narrativen Spielfilm drehen. Und das funktioniert meiner Meinung nach sehr gut.


Hommage ans Kino von Abbas Kiarostami: Eine Autofahrt in "Drei Gesichter"
Hommage ans Kino von Abbas Kiarostami: Eine Autofahrt in "Drei Gesichter"

Der Beginn des Films, als man im Auto immer nur die zuhörende Person sieht, nicht die sprechende, erinnert sehr an die Filme von Abbas Kiarostami. Wissen Sie, ob Ihr Vater von ihm beeinflusst ist?

Panahi: Wir lieben die Filme von Abbas Kiarostami. Er ist der wichtigste iranische Regisseur, er ist einzigartig. Man kann ihn nicht kopieren oder auch nur versuchen, so zu sein wie er. Doch obwohl mein Vater Kiarostami sehr verehrt, ist sein Kino doch ganz anderes. Jafar hat bei Kiarostami gelernt, der manchmal richtig wütend auf meinen Vater wurde: „So kannst du das nicht machen.“ Kiarostami konnte sehr hart sein im Umgang mit Studenten. Beider Erzählstil unterscheidet sich aber deutlich. Doch Jafar wollte Kiarostami mit einer kleinen Hommage ehren. Die Szene, die Sie gerade beschrieben haben, funktioniert wie eine Zeitkapsel. Sie erinnert an Kiarostami und ehrt ihn. Das gilt auch für „Taxi Teheran“, der völlig anders als die Filme ist, die Kiarostami gemacht hat.

Der Film heißt „Drei Gesichter“, doch ein Gesicht ist gar nicht zu sehen, das der Schauspielerin Shahrzad. Können Sie etwas über sie erzählen?

Panahi: Shahrzad ist eine Schauspielerin und Tänzerin, gewissermaßen ein Star des iranischen Mainstreamkinos der vorrevolutionären Ära. Sie galt als „leichtes“ Mädchen, weil sie sich sehr freizügig kleidete. Die Menschen waren wirklich böse auf sie, weil sie vor so vielen Zuschauern tanzte. Nach der Revolution wurde es ihr verboten, weiterhin für Film und Theater zu arbeiten. Sie blieb aber, im Gegensatz zu vielen anderen, im Iran und geriet in Vergessenheit. In einem kleinen Dorf begann sie Gedichte zu schreiben.Jafar war von ihr sehr beeinflusst. Nachdem er den Film gedreht hatte, fuhr er nach Isfahan, wo Shahrzad derzeit lebt. Er bat sie um Erlaubnis, ihren Namen zu verwenden. Sie stimmte nicht nur zu, sondern erklärte sich sogar damit einverstanden, eines ihrer Gedichte für den Film zu rezitieren. So präsentiert der Film drei verschiedene Generationen von Frauen im Iran mit all ihren Problemen, vor der Revolution, nach der Revolution und heute.

Ihr Vater greift auch iranische Traditionen auf, die für westliche Zuschauer nicht immer gleich verständlich sind, etwa jene alte Frau, die sich probehalber schon mal in ihr Grab legt…

Panahi: Sie dürfen nicht vergessen, dass dieses Dorf sehr weit entfernt von allem liegt, was mit Modernität zu tun hat. Die Bewohner sind arm und ungebildet. Das macht sie empfänglich für Aberglauben. In einer Großstadt ist das natürlich anders. Jafar wollte den einfachen Lebensstil dieser Menschen dokumentieren, vielleicht auch in der Absicht, dass der Staat sich engagiert, was Bildung und Berufswahl betrifft. Bislang hat sich für diese Menschen nicht viel geändert.


Fotos: © Weltkino

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