Die „Berlinale“ Retrospektive 2019

Montag, 04.02.2019

„Selbstbestimmt. Perspektiven von Filmemacherinnen“

Diskussion

Berlin kurz nach der Wende. Die Hamburgerinnen Rita, Lilian und Roberta haben keine Lust mehr auf die Hochzeitsparty, zu der sie auf einem Spreedampfer eingeladen sind. Die Freundinnen gehen von Bord und erkunden die Stadt. Die Mauer ist weg, das unbekannte Gelände lädt zum Verrücktspielen ein. Pia Frankenbergs Spielfilm Nie wieder schlafen (1992) passt trefflich in die Retrospektive „Selbstbestimmt. Perspektiven von Filmemacherinnen“. Rund 50 Kurz- und Langfilme von Frauen stehen auf dem Programm, das einen Produktionszeitraum von 1968 bis 1999 absteckt. Im jüngsten Beitrag der Reihe, dem Dokumentarfilm Mit Haut und Haar von Martina Döcker und Crescentia Dünßer, blicken sechs Frauen über 70 auf ihr persönliches 20. Jahrhundert zurück.

Pia Frankenbergs bislang letzter Film, da sich die Regisseurin seither auf die Schriftstellerei konzentriert hat, zählt zu den Trouvaillen des Programms. Expliziter noch als die bekannteren Titel aus westdeutscher Produktion – Ula Stöckls Neun Leben hat die Katze und May Spils’ Zur Sache, Schätzchen (beide 1968) oder Die bleierne Zeit (1981) von Margarethe von Trotta zeigt Nie wieder schlafen Frauen, die sich Freiheiten nehmen, außerehelichen Sex haben, Männerkulte kommentieren (Denkmäler von Generälen und die Umbettung Friedrichs des Großen im August 1991 spielen mit herein) und Rollenmuster umkehren. So stalken Lilian und Roberta in einer Film-Noir-Travestie einen Unbekannten, bis sie feststellen, dass sie einen Langweiler mit einer befremdlichen Geschichte durch halb Berlin verfolgt haben.


Werner Enke und Uschi Glas in Zur Sache, Schätzchen von May Spils, BRD 1968 (© Deutsche Kinemathek)
Werner Enke und Uschi Glas in Zur Sache, Schätzchen von May Spils, BRD 1968 (© Deutsche Kinemathek)

Mehr Bewegungsfreiheit!

Rita, Lilian und Roberta sind nicht zuletzt Flaneurinnen, ein bislang eher vernachlässigter Typus, dem Natalie Lettenewitsch im Begleitbuch zur Retrospektive einen Aufsatz widmet. Frankenbergs Film wird nicht erwähnt, wohl deshalb, weil sich das Kino der Nachwendezeit „auf Konsum und Narzissmus der Flaneurin“ konzentriere, während die „filmischen Imaginationen von Frauen“ in den 1960er- bis 1980er-Jahren nach Lettenewitsch „das Begehen und Erkunden städtischer Räume auch als politische und emanzipatorische Praxis“ zeigten. In Westberlin drehte Helma Sanders-Brahms mit Unter dem Pflaster ist der Strand (1975) einen zentralen Film der deutschen Frauenbewegung.

Flanierende Frauen waren erstmals 1927 in Walther Ruttmanns „Berlin -Die Sinfonie der Großstadt zu sehen. Es dauerte aber noch Jahrzehnte, bis schlendernde Frauen nicht mehr als Prostituierte gelesen wurden, von männlichen Autoren, versteht sich (1999 veröffentlichte Anke Gleber ihre Studie „The Art of Taking a Walk“). Die aktuelle „Berlinale“-Filmreihe setzt in den späten 1960er-Jahren an und berücksichtigt Filme von DDR- wie BRD-Regisseurinnen. Werke aus der Weimarer Zeit kommen nicht vor; dafür nimmt die Auswahl einige Fäden aus der Retrospektive 2018 – „Weimarer Kino – neu gesehen“ – wieder auf. Zudem wird das Filmschaffen der Zeit vor 1933 in der Begleitpublikation erwähnt. Neben Ruttmanns „Sinfonie“ wird auf Tagebuch einer Verlorenen (1921, nach dem Roman von Margarete Böhme) und Mädchen in Uniform (1931) verwiesen, inszeniert von Leontine Sagan, einer der wenigen Regisseurinnen der Weimarer Republik.

Zeit des Aufbruchs: Die Generation der Kriegskinder

„Deutschland 1966. Filmische Perspektiven in Ost und West“, lautete der Titel der Retrospektive aus dem Jahr 2016. Was vor gut 50 Jahren passierte, bildet den eigentlichen Ausgangspunkt der neuen Filmauswahl. 1966 war für Filmemacherinnen ein Jahr des Aufbruchs, denn an der Ulmer Hochschule für Gestaltung und der neu gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) entstanden erste Filme von Regisseurinnen wie Jeanine Meerapfel, Helke Sander, Ula Stöckl und May Spils. Diese Filmdebüts waren Teil der Retro 2016; nun sind spätere Produktionen der Filmemacherinnen zu sehen, etwa Sanders Die allseitig reduzierte Persönlichkeit – REDUPERS (1978) oder Jeanine Meerapfels erster Spielfilm Malou (1980), der von zwei Frauengenerationen erzählt. Malou ist eine Animierdame im Straßburg der 1930er-Jahre und die weibliche Protagonistin einer tragischen Liebesgeschichte, während ihre Tochter Hannah in der Parallelhandlung in Westberlin mit ihrem Mann Martin die Probleme einer Zweierbeziehung meistert.


Peppermint Frieden von Marianne Rosenbaum, BRD 1983 (© Deutsche Kinemathek)
Peppermint Frieden von Marianne Rosenbaum, BRD 1983 (© Deutsche Kinemathek)

Meerapfel zählt zur Generation der Kriegskinder, die das Schweigen über die NS-Zeit brachen und ihre eigenen Familiengeschichten fiktionalisierten. Das gilt auch für die Kolleginnen Helma Sanders-Brahms (Deutschland bleiche Mutter, 1980) und Jutta Brückner (Hungerjahre, 1980). Peppermint Frieden (1983), das Spielfilmdebüt von Marianne Rosenbaum (1940-1999), stellt unter den „Aufarbeitungsfilmen“ einen Sonderfall dar, weil die Regisseurin eine radikale Erzählform wählt. Sie zeigt die Perspektive des Kindes, die sich in vielen subjektiven Einstellungen manifestiert – ein Mittel, das es der Regisseurin erlaubt, ihre in der bayerischen Provinz zwischen 1943 und 1950 spielende Geschichte abweichend von der offiziellen Geschichtsschreibung zu erzählen. Rosenbaum spricht an, was in Deutschland zuvor tabu war – insbesondere die Traumatisierungen, die Kriegskinder wie sie bis in die Gegenwart hinein davontrugen.

Zwischen Arbeit & Familie

Der Alltag berufstätiger Frauen war immer ein besonderes Anliegen von Filmemacherinnen. Interessant ist eine Reihe von Kurzfilmen, die im geteilten Deutschland auf beiden Seiten der Mauer entstanden. Die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie spielt in den ost- wie westdeutschen Produktionen eine zentrale Frage. In dem 30-minütigen Schwarz-weiß-Dokumentarfilm „Sie“ (Gitta Nickel, 1970) kommen Arbeiterinnen und Leiterinnen eines Textilkombinats in Ostberlin zu Wort. Der Film dreht sich um Partnerschaften, Familienplanung, Kindererziehung, Qualifizierung und Gleichberechtigung im sozialistischen Staat. Für Irritationen dürfte bei heutigen Zuschauern der Einsatz einer männlichen Kommentarstimme sorgen, die Frauenemanzipation gleichsam zur Chefsache erklärt: „Das sind wir ihnen und uns schuldig“.

Zur unfreiwilligen Parodie wird dieser Off-Kommentar, wenn der Sprecher in Charles-Aznavour-haftes Summen verfällt. Das klingt, als wäre die Geschlechterparität in der DDR praktisch realisiert; jetzt dürfe sich die (absurderweise weitgehend männliche) Führung mit Fug und Recht auf die eigene Schulter klopfen und ein gönnerhaftes „Lob der Frauen“ anstimmen. Roza Berger-Fiedlers DDR-Doku „Heimweh nach Rügen“ (1977) ist nüchterner im Ton und damit ehrlicher. In 35 Minuten gewährt der Film Einblicke in den schwierigen Alltag der Bürgermeisterin der Insel Ummanz vor Rügen. Sie heißt Hannelore und wäre manchmal gerne ein Hans, denn „wenn man als Frau mit vielen Männern zu tun hat, muss man ganz schön Kraft aufbringen, um sich durchzusetzen“.


"Die Taube auf dem Dach" von Iris Gusner (© DEFA Stiftung)
"Die Taube auf dem Dach" von Iris Gusner (© DEFA Stiftung)

Wenn auf der „Berlinale“ historische Filme gezeigt werden, müssen diese Werke zuvor oft restauriert, wenn nicht überhaupt erst einmal gerettet werden. Denn gerade Filme jenseits des Mainstreams, zu denen man die Werke von Regisseurinnen, insbesondere aus Ostdeutschland zählen muss, sind vom Verschwinden bedroht. Mit Die Taube auf dem Dach drehte Iris Gusner Anfang der 1970er-Jahre einen Spielfilm um die junge und selbstbewusste Mecklenburgerin Linda, die als Bauleiterin im Süden der DDR tätig ist. Wie Linda sind auch der Student Daniel und der Baubrigadier Hans individualistischer gezeichnet, als die DDR erlaubte; eine Dreiecksbeziehung wird zart angedeutet. Trotz der Proteste von Konrad Wolf und Kurt Maetzig wurde der Film nicht zur Aufführung freigegeben; es hieß, dass Gusner der Arbeiterklasse ins Gesicht spucke.

Das Kameranegativ des Films muss wohl als verschollen gelten, doch der Kameramann Roland Gräf fand 1990 im DEFA-Studio für Spielfilme eine farbige, technisch mangelhafte Arbeitskopie, die er als Schwarz-weiß-Negativ sichern ließ. Trotz der Wiederaufführung 1990 im Berliner Kino Babylon gingen sämtliche Materialien noch einmal verloren, bis 2010 im Keller eines Kopierwerks das Duplikatnegativ gefunden wurde. Gusners ruppig-lebendige Filmerzählung wird auf der „Berlinale“ also nur in Schwarz-weiß, aber immerhin: wiederaufgeführt.

„Alles verändert sich, wenn du es veränderst“

Während ostdeutsche Regisseurinnen bis zum Ende der Diktatur immer mit der Zensur und der drohenden Nichtveröffentlichung ihrer Filme rechnen mussten, hatten ihre bundesdeutschen Kolleginnen eher mit engstirniger Kritik zu kämpfen. Die gebürtige Schweizerin Cristina Perincioli hat sich davon nicht ins Bockshorn jagen lassen. 1972 schrieb und inszenierte die dffb-Absolventin die Doku-Fiction Für Frauen. 1. Kapitel, deren Serientitel eher als Selbstverpflichtung aufgefasst werden will, und die in einem Westberliner Supermarkt spielt. Vier weibliche Angestellte, von Laiendarstellerinnen verkörpert, treten in den Streik, um den gleichen Lohn durchzusetzen, den ihr männlicher Kollege erhält. Am Schluss erklingt ein Lied der Band „Ton, Steine, Scherben“: „Alles verändert sich, wenn du es veränderst, doch du kannst nicht gewinnen, solange du allein bist.“

Wer gewinnt – Feminismus oder toxische Männlichkeit, um es überspitzt zu formulieren -, ist nicht ausgemacht. Dass die „Berlinale“ im Zuge von #MeToo mit einer Frauen-Retrospektive sowie (immerhin) sieben von Frauen inszenierten Wettbewerbsfilmen von insgesamt 17 „Bären“-Konkurrenten spät aufs Thema Gender-Parität setzt, lässt sich nicht wirklich behaupten. Doch problembewusste Männer wie Dieter Kosslick oder der künftige „Berlinale“-Chef Carlo Chatrian sind noch eher allein auf weiter Flur. So hat sich Alberto Barbera, der Direktor des Venedig-Filmfestivals, zwei Jahre lang geweigert, mehr als einen einzigen von einer Frau gedrehten Film im Wettbewerb zuzulassen. „Ich würde lieber meinen Job wechseln als mich zwingen zu lassen, einen Film auszuwählen, nur weil eine Frau ihn gemacht hat und nicht auf der Basis der Qualität des Films selbst“, gab Barbera zu Protokoll.

Für weiteren Ärger sorgte ein Journalist, der nach der Pressevorstellung von Jennifer Kents Venedig-Beitrag „Nightingale“ sexistische Flüche ausstieß. Wer ist also Schuld am global unterdurchschnittlichen Frauen-Filmangebot? Der Machismo? Eine spezielle Filmbegabung auf dem Y-Chromosom? Die Gesellschaft, die Filmindustrie, der Festivalbetrieb? Die 69. „Berlinale“ wird nur ein Zwischenfazit liefern. Auf jeden Fall aber extraviele gute Filme von Frauen aus – aktuelle Produktionen mitgerechnet – sechs Jahrzehnten zeigen.



Foto oben: Artwork zur Retrospektive "Selbstbestimmt. Perspektiven von Filmemacherinnen", © Deutsche Kinemathek

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