Die beste Rache ist keine Rache

Mittwoch, 01.05.2019

Der Regisseur Sven Taddicken über „Das schönste Paar“, über Zeigbares und Unzeigbares, sichere Räume für Schauspieler und toxische Männerbilder

Diskussion

Ihr letzter Film „Gleißendes Glück“ liegt fast drei Jahre zurück. Ist das die Zeit, die es braucht, um einen neuen Film auf die Beine zu stellen?

Sven Taddicken: Wenn es gut läuft, dauert es zwei Jahre. Dann schreibt man ein Jahr, und Finanzierung, Dreharbeiten und Schnitt machen das zweite Jahr aus. Allerdings war es so auch nur bei meinem Debütfilm; alle anderen Filme haben länger gedauert. Ich wollte Das schönste Paar schon vor „Gleißendes Glück“ drehen, ziemlich bald nach meinem Piratenfilm „12 Meter ohne Kopf“. Eine richtige Punktlandung war dieser Film ja nicht, auch persönlich nicht. Ein paar Monate später kam mir die Idee für „Das schönste Paar“. Das war im Sommer 2010. Also sind es bereits sieben Jahre, die es gebraucht hat. In dieser Zeit habe ich noch zwei andere Drehbücher geschrieben und „Gleißendes Glück“ gedreht. Es hat auch lange gedauert, um das Vertrauen der Sender und Förderer zu bekommen.

Wie kam es zu der Idee – auch wenn sie schon lange zurückliegt?

Taddicken: Ideen hat man ja viele. Die Frage ist eher, warum man bei einer Sache hängenbleibt? Am Anfang stand der Überfall, der eine sehr dunkle Fantasie ist. Das zweite war der Zeitsprung, bei dem ich mich gefragt habe: Wie geht es weiter? Wie geht ein Paar damit um? Welche unterschiedlichen Möglichkeiten gibt es, damit umzugehen? Wie finde ich zu einer unversehrten Intimität zurück, zu einer Lockerheit in der Beziehung? Das fand ich interessant. Der Mann ist ja nicht direkt betroffen. „Habe ich die Liebe meiner Freundin verdient, obwohl ich sie nicht beschützen konnte?“ Das ist eine archaische Angst vieler Männer. Da wird die Figur interessant; man kann ihr Raum geben und ihre Geschichte erzählen. Ich hatte sehr schnell das Gefühl, dass man mit dieser Grundidee viel verhandeln kann.

Wie haben Sie die beiden Hauptdarsteller gefunden?

Taddicken: Luise Heyer ist schon seit 2014 bei dem Projekt. Damals hatten wir die ersten Castings gemacht, weil es ja bald losgehen sollte und ich für die Förderung ein paar Filmschnipsel verschicken wollte. Maximilian Brückner kam erst kurz vor Drehbeginn dazu. Ich hatte bei allen Beteiligten das Gefühl, dass die Lust haben, sich auf diese Situation einzulassen. Das ist ja nicht ohne; thematisch muss man das schon wollen. Es gibt Szenen, die härter sind als bei anderen Filmen, sowohl was die Gewalt als auch die Intimität anbelangt. Dafür muss man den Darstellern einen geschützten Rahmen geben. Die Schauspieler haben die Figuren verstanden und sich auf eine abenteuerliche Reise eingelassen. Das war für mich das Ausschlaggebende, mich für diese beiden zu entscheiden.

Kurz vor der Vertreibung aus dem Paradies: Luise Heyer und Maximillian Brückner
Kurz vor der Vertreibung aus dem Paradies: Luise Heyer und Maximillian Brückner

Zu Beginn des Films sind Malte und Liv ein Paar, das sich gut versteht. Sie schlafen am Strand miteinander, wozu sehr viel Natürlichkeit und Einverständnis gehören. Wie würden Sie ihre Beziehung beschreiben?

Taddicken: Ja, sie sind sehr locker, sehr unbekümmert, sehr frei, frei auch von Schuld. Beim Dreh der Strandszene kam sehr schnell das Stichwort von „Adam und Eva“ auf, als eine Art Erinnerung an die Vertreibung aus dem Paradies. Auf dieser Ebene bewegt sich der Film aber kaum. Ich habe beim Schreiben eher darüber nachgedacht, die Figuren ordentlich zu etablieren, bevor ihnen etwas zustößt. Wer ist das? Was machen sie beruflich? Wie stehen sie zueinander? Ich hatte viele Szenen probiert: Was machen sie auf Mallorca am Tag davor? Brechen sie gerade auf, um hinzufliegen? Das hat sich aber alles nicht richtig angefühlt. Ich wollte diesen Überfall nicht als Wendepunkt, sondern als Ausgangspunkt haben. Ich wollte möglichst schnell dahin kommen. Ich wollte dem Zuschauer das Gefühl geben, dass das die Grundlage ist. Da müssen wir jetzt alle durch. Und danach beginnt der Film noch einmal neu, beginnt mit der eigentlichen Exposition. Ich habe schnell gemerkt, dass ich außer einer Liebesszene, also der Andeutung von Zärtlichkeit und Intimität, nicht viel brauche. Genau das wird nämlich später auf dem Spiel stehen, die Versehrtheit oder die Freiheit von Intimität. Alles andere ist fast schon zu weit gedacht.

Wie heikel war es, die Vergewaltigungsszene zu inszenieren? Da steckt ja eine Menge an Angst, Zorn, Aggressivität, Gewalt und Frauenverachtung drin. Das kommt alles sehr taff rüber, man schaut es sich nicht gerne an.

Taddicken: Wie das letztendlich geworden ist, kann ich am wenigsten beurteilen. Es gibt viele andere Filme, die sich mit sexuellen Übergriffen beschäftigen und die so etwas nicht zeigen. Es ging mir nicht darum, hart oder realistisch zu sein. Gerade weil es kein Wendepunkt ist und es nicht um die Frage geht, wie es dazu kommt, sondern darum, wie es weitergeht, wie der Film noch einmal neu beginnt, hatte ich das Gefühl: Das ist wie ein Prolog. Wenn ich die Zuschauer nicht auf die Seite der Hauptfiguren ziehe, dann werden sie in den 90 Minuten, die zwei Jahre später stattfinden, nicht dabei sein. Das war mein Grundgedanke. Natürlich habe ich mich gefragt: Will ich das drehen und zeigen? Ich hatte die Szene explizit ins Drehbuch geschrieben, um mir selbst klar zu werden, was ich da drehen möchte. Auch die Schauspieler müssen im Detail Bescheid wissen. So gehe ich schwierige Szenen generell an. Ich bereite solche Szenen gut vor, choreografiere sie, auch wenn sie dann natürlich und authentisch wirken sollen. So weiß jeder, welchen Gang der Partner macht, wohin sich die Kamera bewegt. Das gibt den Schauspielern die Sicherheit, sich fallen zu lassen und alles mitzumachen. Man erlebt häufig, dass Szenen, vor denen alle Angst haben, gut laufen, weil alle sich vorbereiten und respektvoll miteinander umgehen. Es herrschte eine fast liebevolle Stimmung am Set auf Mallorca. Und dann auch noch mal beim Schnitt. Es gab für mich und den Editor Andreas Wodraschke eine Grenze; wenn man die überschreitet, sitzt man da und denkt: „Was gucke ich mir da denn an? Und warum?“ Wir haben versucht, diese Linie nicht zu überschreiten. Ob es gelungen ist, kann ich schwer beurteilen. Der Zuschauer soll jedenfalls in der Szene bleiben. Das gilt alles auch für die Filmmusik. Der Komponist Erich Neveux hatte ein unbehagliches Wummern komponiert, das er unter die Szene legen wollte. Ich habe erst in der Mischung gemerkt, dass das nicht passt. Man darf hier nichts forcieren. Diese Szene soll schrecklich sein, weil das, was passiert, schrecklich ist, und nicht, weil ich inszenatorisch darauf gepocht habe, dass es schrecklich ist.

Luise Hayer beim Dreh
Luise Heyer beim Dreh

Nach dem Prolog gibt es eine große Ellipse, die viel auslässt. Livs Therapie ist schon zu Ende, über die polizeilichen Ermittlungen erfährt man nichts. Sie überlassen sehr viel dem Zuschauer.

Taddicken: Ich habe mich beim Schreiben häufig hinterfragt. Ich wollte sehr schnell dahin, was mich bewegt hat: ein Paar zu zeigen, das den Entschluss fasst, weiterzumachen. „Lass uns zusammen bleiben. Lass uns gucken, wie es uns gut gehen kann.“ Das ist eine Flucht nach vorne, die aber nicht wasserdicht ist, wie man später merkt. Bei ihm bröckelt es früh, bei ihr später. Ihre Therapie erlebt man, wenn sie beendet wird. Das, was dort verhandelt wurde, wird wieder aufbrechen, wenn der Täter auf der Bildfläche erscheint.

Erst kürzlich lief mit „Alles ist gut“ ein anderer Film in den Kinos, in dem sich die Frau nach einer Vergewaltigung nicht zum Opfer machen lassen will und die Rolle der traumatisierten Frau zurückweist.

Taddicken: Mir gefällt dieser Film sehr gut. Mich bewegt das Thema. Es ist ein seltsamer Zufall. Man macht sich auf einer Ebene Konkurrenz, auf der man sich keine Konkurrenz machen möchte. Doch eigentlich ist es gar nicht so. Eine interessante Gemeinsamkeit ist der Mechanismus. Die Frau, die vergewaltigt wurde, hat die Wahl, den Täter zu konfrontieren oder wegzubleiben. In meinem Fall macht das Malte: Er geht hin. Beide Filme zeigen Figuren, die dem gerne gewachsen wären, es aber nicht sind. Die Frau in „Alles ist gut“ hat das Gefühl, etwas ausrichten zu können. Ähnlich geht es Malte, der es jetzt richtig machen will, sich aber immer weiter verwickelt und alles wieder hochkommen lässt. In beiden Filmen geht es um die Ohnmacht angesichts erlittener Gewalt.

Maximilian Brückner und Luise Heyer
Maximilian Brückner und Luise Heyer

Haben Sie sich auch auf andere Filme bezogen?

Taddicken: Ja, auf 1970er-Jahre-Krempel, „Ein Mann sieht rot“ zum Beispiel. Es gab ja auch dieses Subgenre des „Rape Revenge Movie“. Seither habe ich aber wenig gesehen, was sich mit dem Thema auseinandersetzt. Inwieweit soll man sich als Partner diesen Schuh anziehen? Wo geht es zu weit? Man könnte einen neuen Blick auf das Thema werfen. 2011 hatte ich eine Drehbuchförderung bekommen, dann schaut man auch andere Filme an. Es kam „Elle“ von Paul Verhoeven. Man kann von der Frauenfigur halten, was man möchte, aber bis dahin hatte ich noch keine Frau gesehen, die so aggressiv-offensiv mit dem umgeht, was ihr passiert ist. Ein anderer, nicht unähnlicher Film, ist „The Salesman“ von Asgar Farhadi. Es ist schon so, dass Themen irgendwie kollektiv vorhanden sind und dann aufgegriffen werden.

Das Interessante bei den Rape-Revenge-Movies ist ja, dass sich die Frau ermächtigt und am Ende eine weitere Gewalttat begeht. Es braucht diese Katharsis, um die Gewalttat zu vergessen; am Schluss steht der Tod. Rationalisierungsstrategien scheinen nicht auszureichen.

Taddicken: Rache ist in der Fantasie süß, aber langfristig ist sie weder erlösend oder befriedigend, weil man sich die Hände schmutzig macht, mit einer größeren Straftat, Mord zum Beispiel. Aber darum geht es gar nicht. Man hängt immer noch in dem drin, was einem widerfahren ist. Warum sollte man das jemals für gut heißen? Die beste Rache ist keine Rache. Sorg dafür, dass du ein verdammt glücklicher Mensch wirst. Das finde ich wahrer. Das habe ich in „Das schönste Paar“ hinzubekommen versucht. Der Film spielt die Möglichkeiten aus, zeigt sie und fantasiert sie zu Ende. Aber nichts von dem, was den Figuren widerfährt, ist wirklich befriedigend.

Ganz so einfach ist es nicht. Liv sagt doch: „Ich habe dem Täter längst vergeben.“ Trotzdem nützt diese Vergebung nichts.

Taddicken: Ja, das stimmt. Ihre Vergebung ist da, aber an ihre Fantasie gekoppelt. Dann wird sie mit dem Täter konfrontiert, wenn er im Baumarkt Bretter sägt. Da merkt sie, dass sie an etwas festgehalten hat, was vielleicht gar nicht stimmt. Sehr viel mehr weiß sie auch nicht.

Es klang schon an: Der Mann kann der Frau nicht helfen. Er ist auch nicht schuld, weil er den Tätern unterlegen war. Was macht das mit ihm?

Taddicken: Wir haben im Schnitt überlegt, ob es für den Zuschauer Momente gibt, wo er denkt: „Mann, jetzt mach doch mal was!“ Ich habe versucht, es so zu belassen, dass es nachvollziehbar bleibt und man nicht das Gefühl hat, er hätte etwas tun müssen. Trotzdem gibt es diese Verunsicherung, dieses Schamgefühl, dass er die Vergewaltigung nicht verhindern konnte, dass er sich das selbst nicht vergibt. Es wurde in letzter Zeit ja der Begriff der „toxic masculinity“ geprägt. Das spielt darin hinein: Er plustert sich auf, macht sein Problem so groß, dass er meint, er müsse den Täter konfrontieren. Dabei behält er gar nicht im Blick, ob das auch für seine Partnerin gut ist. Ich finde es nachvollziehbar, dass er es sich nicht verzeihen kann, dass er nichts tun konnte. Aber es ist nicht rational. Trotzdem können sich viele Jungs damit identifizieren.

reparaturarbeiten am männlichen Selbstbild: Maximilian Brückner als Malte
Reparaturarbeiten am männlichen Selbstbild: Maximilian Brückner als Malte

Es gibt den schönen Satz, den Malte im Musikunterricht sagt „Wie kann es sein, dass ihr ein Lied im Kopf behaltet, obwohl ihr es hasst“. Das ist eine schöne Analogie zu dem Problem, mit dem Malte sich herumschlägt.

Taddicken: Das stimmt. Es ist dann doch eine Entscheidung zu sagen, dass man dieser Geschichte nicht mehr hinterherläuft und schaut, was das Leben sonst noch zu bieten hat. Klingt immer so einfach. Das ist eine Entscheidung, die man für sich treffen muss.

Inwieweit kümmern Sie sich auch um die anderen Belange des Filmemachens, die Kamera zum Beispiel?

Taddicken: Die Kamera hat Daniela Knapp gemacht. Wir arbeiten seit 1997 zusammen, seit dem dritten Semester an der Filmhochschule. Sie hat fast jeden meiner Filme fotografiert. Wir sind ein „Film-Ehepaar“. Wir haben während der Dreharbeiten in Köln in einer Zweier-WG gewohnt. Sie trägt sehr viel zu den visuellen Entscheidungen bei, ist aber auch allgemein stark involviert. Das ist schwer zu analysieren. Wir werfen uns die Bälle zu, welches Bild passen könnte. Sie hatte auch die Idee, einen Film nur mit einer Brennweite zu drehen. Fassbinder hat das bei Martha gemacht und Ingmar Bergman hat das auch oft getan. Wir hatten das Gefühl, dass das bei „Das schönste Paar“ klappen könnte. Die Prämisse und die Geschichte sind so stark, dass man den Figuren zuschauen soll und visuell gar nicht so viel erzählt werden muss. Also eine normale Brennweite, entsprechend der des menschlichen Auges – das hat den Effekt, dass man sehr mit den Figuren mitgeht. Wenn man eine Nahaufnahme machen möchte, muss man auch nahe herangehen. Wenn die Figur sich bewegt, muss man mit. Das entfaltete eine Dynamik, die fürs Arbeiten sehr schön war.




Fotos: Porträt von Sven Taddicken (oben) © Mathias Bothor. Alle anderen Bilder © OneTwoFilms

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