Fokus auf die Frauen

Dienstag, 21.05.2019

Cannes 2019: Notizen zu den (Frauen-)Filmen „Portrait of a Lady on Fire“ von Céline Sciamma, „Adam” von Maryam Touzani und „La vie invisible d’Euridice Gusmão“ von Karim Aïnouz

Diskussion

Die #MeToo-Debatte hat auch in Cannes mehr in Bewegung gesetzt, als es die magere Zahl von nur vier Regisseurinnen im Wettbewerb vermuten lässt. So begegnet man in der diesjährigen Auswahl mehreren Werken, in den Frauen die zentralen Figuren sind oder Männer überhaupt keine Rolle mehr spielen. Auch wenn der Grund der Konflikte und Leiden, um die es in den Filmen geht, meistens weiterhin in der männerdominierten Welt liegt. Der Gleichstellungsdruck und die wachsende Sensibilität für die vielen Ungerechtigkeiten im Verhältnis der Geschlechter ermöglichen Filme wie Portrait of a Lady on Fire von Céline Sciamma, in dem das Maler-Model-Verhältnis aus feministischer Perspektive durchgespielt wird, das marokkanische Drama „Adam“ von Maryam Touzani über zwei vom Leben schwer gebeutelte Frauen, oder die Literaturadaption La vie invisible d’Euridice Gusmão von Karim Aïnouz über das Schicksal zweier Schwestern in Rio de Janeiro während der 1950er-Jahre.

Hier die weiteren Blog-Berichte vom Festival de Cannes 2019:


Im Herbst 1770 klettert die junge Malerin Marianne (Noémie Merlant) in Portrait of a Lady on Fire entschlossen die Klippen der Bretagne hoch. Sie soll ein Porträt der zugeknöpften Héloïse (Adèle Haenel) malen, die bislang im Kloster lebte, nach dem (Frei-)Tod ihrer Schwester aber deren Rolle übernommen hat, inklusive einer arrangierten Ehe in Mailand; das Bild ist als Geschenk für den Bräutigam gedacht. Entsprechend frostig gestaltet sich der Auftrag, da die Porträtierte nichts von dem Unterfangen wissen will. Die ungewohnte Aufmerksamkeit der angeblichen Gesellschafterin, deren Augen nicht von Héloïse weichen, weil sie heimlich an dem Ölbild arbeitet, interpretiert diese als amouröses Interesse – zu dem sich der intensive und immer freiere Kontakt sukzessive auch entwickelt.

Tanz ums nächtliche Feuer

Vom Intro an reduziert die französische Regisseurin das Sujet auf ein Minimum an Ausstattung, Kostümen und Personal –visuell wie auditiv eine wohltuende Konzentration, die die Konturen der beiden Frauen (und eines Küchenmädchens) umso klarer hervortreten lässt. Der Verzicht auf einen Filmscore unterstreicht die fast exemplarische Annäherung, bei der sich die Malerin aus den Konventionen ihrer (männerbestimmten) Zunft befreit und auch Héloïse ihrem Schicksal einen aktiven Moment abgewinnt. Man hört das Feuer knistern, die Wellen gegen die Felsen schlagen oder wie die Kreide über die Leinwand kratzt; die wenigen pointierten Musikstücke, etwas ein grandios durchrhythmisiertes Lied nachts am Strand, verwandeln sich in emphatische Momente weiblicher Solidarität.

Adèle Haenel in "Portait of a Lady on Fire"
Adèle Haenel in "Portait of a Lady on Fire"

Mit großem Gewinn fokussiert die Inszenierung immer wieder auf die beiden Gesichter vor und hinter der Staffelei, in deren Mienen sich Anziehung und Irritation, Befremden und Verzauberung, Begehren und Verstehen widerspiegeln. Beide Schauspielerinnen nutzen mit Bravour die Chance, ihren vielfältigen inneren Dramen nuanciert Raum zu geben und die gegenseitigen Empfindungen zum wechselseitigen Spiel der Blicke zu machen. Dafür werden Nóemie Merlant und Adèle Haenel als Kandidatinnen für den Darstellerpreis gehandelt, wie auch Céline Sciamma und ihr Film als heißer Palmen-Kandidat gelten.

Unfreiwillig schwanger in Casablanca

Auch in dem beeindruckenden Regiedebüt „Adam“ der Marokkanerin Maryam Touzami dreht sich alles um zwei Frauen, die Not und Mitleid miteinander in Kontakt kommen lässt. Mit dickem Bauch schleppt sich die junge Samia (Nisrin Erradi) durch die engen Gassen von Casablanca, wo sie Arbeit und einen Unterschlupf sucht, weil ihre Familie nichts von ihrer Schwangerschaft und der bald bevorstehenden Geburt erfahren soll. Gleich nach der Entbindung will sie das Kind zur Adoption freigeben und dann nach Hause zurückkehren. Doch die Türen bleiben verschlossen. Auch Abla (großartig: Lubna Azabal, die für eine Palme in Frage käme, wenn der Film statt in der Nebenreihe Un Certain Regard im Wettbewerb liefe) weist sie zunächst ab; ihr verhärmtes Gesicht zeigt auch dann keine Regung, als sie Samia spätabends für die Nacht doch ein Lager gewährt.

Daraus entwickelt sich eine der intensivsten und packendsten Annäherungen des diesjährigen Cannes-Festivals, weil hier zwei annähernd gleich starke, von tiefem Leid und extremer Verzweiflung geprägte Persönlichkeiten aufeinandertreffen, die in ihrem unfreiwilligen Zusammensein mit viel Mut und Courage an den seelischen Krusten der jeweils anderen kratzen. Samia, die sich als geschickte Helferin in Ablas kleiner Straßenbäckerei erweist, lockt Abla aus ihrer emotionalen Verhärtung; und Abla entwickelt eine Engelsgeduld, damit sich Samia auf ihr Neugeborenes einlässt.

Anti-hierarchisch und klassenübergreifend

Samias Tragödie einer unfreiwilligen Schwangerschaft wird dadurch nicht aufgehoben, so wenig wie die seelischen Narben von Abla; die (Männer-)Gesellschaft ist in „Adam“ wie auch in „Portrait ...“ als dominante Regelwelt omnipräsent, gegen die die Protagonistinnen auf ihre Weise Strategien entwickeln, um für sich neue Freiheiten zu erobern. Die dabei aufscheinende Frauenwelt ist tendenziell anti-hierarchisch und klassenübergreifend, was in Karim AïnouzLa vie invisible d’Euridice Gusmão narrativ auch explizit entfaltet wird.

La vie invisible d’Euridice Gusmão“
La vie invisible d’Euridice Gusmão“

In der Romanadaption nach dem Bestseller von Martha Batalha findet die eine der beiden Gusmão-Schwestern, Guida, Unterschlupf in den Favelas, nachdem sie ihr Vater herzlos verstoßen hat. Die Hilfsbereitschaft und Lebensweise der bunt zusammengewürfelten Frauen in den Armenvierteln sichert ihr und ihrem unehelichen Kind ein halbwegs freies Leben, während die Träume ihrer Schwester Euridice von einer Karriere als Pianistin in einer ungeliebten Ehe immer illusionärer werden.

In allen drei Filmen kristallisiert sich das Machtgefälle zwischen den Geschlechtern an der Frage nach Kindern heraus; Schwangerschaften markieren hier ein Höchstmaß an Bedrohung, denen im Falle von Euridice auch der stufenweise Verlust an Handlungsmöglichkeiten folgt; in „Adam“ droht einer ledigen Mutter sogar der radikale gesellschaftliche Ausschluss, weshalb sie lieber ihr Neugeborenes fortgibt; in „Portrait ...“ erweist sich weibliche Solidarität auch bei einer Abtreibung.

Aus der Perspektive der Gegenwart schaut man irritiert auf die Gnadenlosigkeit der Konsequenzen, mit der vor ein paar Jahrzehnten nichteheliche Schwangerschaften stigmatisiert wurden; und entdeckt, dass die gesellschaftliche Liberalisierung eine noch recht junge Pflanze ist.

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