Schnipsel #5: Rettungsaktionen

Montag, 04.11.2019

Im Keller des geschlossenen Gabriel-Kinos in München wurden Hunderte Filmkopien vornehmlich aus den 1970er-Jahren entdeckt, die durch private Initiative jetzt im Archiv des KommKinos in Nürnberg eine erste Bleibe gefunden haben

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Bei der Abschiedsfeier für das Münchner Gabriel-Kino wurde im feuchten Kellergewölbe ein Lager mit Hunderten von Filmkopien entdeckt. Durch eine Kette von Zufällen und das Engagement privater Sammler landete der Fund jetzt im KommKino in Nürnberg. Eine Auswertung ist für den kommenden Sommer angesetzt.

Auf der Website des Münchner Gabriel-Kinos steht noch stolz etwas von „111 Jahren“, die das Kino alt sei. Erst beim Klicken auf den Button „Programm“ folgt die nüchterne Notiz: „Kino geschlossen! Wir danken unseren langjährigen Gästen für ihre Treue!“

Geschlossen wurde das bis dato älteste Kino Münchens bereits Ende April 2019. Von einem Tag auf den anderen, weshalb die mit Eventmanagement vertraute Studentin Selma Schwesig gemeinsam mit der Gabriel-Betreiberfamilie Büche, die sie durch ihren Großvater kannte, am 18. September noch einen würdevolleren Abschied für das Kino organisierte.

Bei diesem Abschied war der Produzent Philip Montasser anwesend, der wie der Rest der Abschiedsfeiergesellschaft Gelegenheit bekam, in die Keller des Gabriel-Kinos zu schauen. „Ein Wahnsinnskeller“, wie Montasser sagt. Denn dort lagerten Hunderte von Filmkopien, vor allem aus den 1970er-Jahren, als das Gabriel-Kino sein ökonomisches Heil in Pornofilmen suchte.

Damit dieser Bestand nicht mit dem Gabriel-Kino verschwindet, kontaktierte Montasser auf Facebook Jochen Werner, der in Berlin das Pornfilmfestival leitet und in Nürnberg regelmäßig Leistungsschauen des sogenannten „stählernen Filmclubs“ (STUC) veranstaltet, einer Spielart neuerer Cinephilie, die auch vor den härtesten Herausforderungen der Filmgeschichte nicht zurückschreckt.


Palast des deutschen Exploitationfilms

Durch Werner gelangte das Wissen um das Gabriel-Archiv wiederum nach Nürnberg, zur Archiv- und Theaterleitung des dortigen KommKinos, das man sich als „Berlinale“-Palast des analogen (deutschen) Exploitationfilms vorstellen muss. Die Sammler aus Nürnberg hatten schon vom Gabriel-Keller gehört, bis dato waren Übernahme-Überlegungen aber im Sande verlaufen; eine erste Erkundung des wegen der feuchten Lagersituation intern auch „Horrorkellers“ genannten Raumes hatte das Nürnberger Interesse eher versiegen lassen.

Durch Fotos von Montasser und anderen sowie die Information, dass der Keller in seiner Gesamtheit geräumt werden soll, kontaktierten die KommKino-Archivare abermals die Gabriel-Betreiber. Und fuhren Anfang Oktober zu viert in zwei Mietautos und mit fünf Europaletten nach München. In Erwartung von 30 bis 50 Kopien, was sich allerdings als Fehleinschätzung erwies. Tatsächlich dürften es mehr als 200 Filme gewesen sein, die im Gabriel-Kino lagerten. Die beiden Transporter reichten jedenfalls nicht aus, um den gesamten Bestand zu übernehmen. Der Rest der Filme wurde ein paar Tage später von einer Spedition nach Nürnberg gebracht.


Rettung im KommKino-Archiv

Dort wurde das Gabriel-Archiv erst einmal luftdicht verpackt und in einem der mittlerweile drei Lager des KommKinos verstaut. Dass das Nürnberger Kino überhaupt über ein eigenes Archiv verfügt, ist eine relativ junge Entwicklung; das Bewusstsein für die Aufbewahrung von analogen Filmrollen, die es ob ihrer (vermeintlichen) B-Movie-Haftigkeit nie auf eine staatstragende Rettungsliste schaffen werden, ist mit dem Aufkommen des Digitalen gestiegen.

Die Kosten bezahlt das KommKino aus dem, was von den Einnahmen übrigbleibt – der Etat für Ankäufe ist entsprechend wechselhaft. Dennoch bringt es das Archiv mittlerweile auf fast 4 000 Filme, davon ein gutes Drittel auf 16mm (zumeist Lehrfilme), der Rest auf 35mm. Es ist Teil eines Netzwerks von einerseits privaten Sammlern und Archiven, andererseits aber auch den großen, halbstaatlichen Institutionen auf diesem Feld.


Konsequente Sammlungspolitik

Diese Sammlungspolitik ist konsequent: Weggeschmissen werden Filmrollen nur dann, wenn sie komplett hinüber sind.

Was der Bestand aus dem Gabriel-Kino tatsächlich beinhaltet, wird wohl erst im kommenden Sommer erschlossen werden können. Die Rekonstruktion dieser informellen, von gewissen Zufällen und heutigen Vernetzungsmöglichkeiten (Montasser und Werner kennen sich nur via Facebook) abhängigen Geschichte illustriert deutlich, wie vielfältig die Aktivitäten sind, die ohne kulturpolitischen Auftrag an der Bewahrung von so etwas wie dem Filmerbe mitwirken.


Alle „Schnipsel-Blog-Beiträge und Essays, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums von Matthias Dell entstehen, finden sich hier.


Foto: Archiv Familie Büche

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