Schnipsel #6: Diskussionstransparenz

Dienstag, 12.11.2019

Ein Interview mit Gudrun Sommer, der Leiterin der Duisburger Filmwoche, über Kinderfilme von Harun Farocki und warum die Debatte um das Filmerbe dringend mehr Transparenz braucht

Diskussion

Am Sonntag ist die 43. Duisburger Filmwoche (4.-10.11.2019) zu Ende gegangen, die mit einer bemerkenswerten Rede von Gudrun Sommer eröffnet wurde. Sommer leitet das Festival gemeinsam mit Christian Koch, nachdem Werner Ružicka nach 34 Jahren in Ruhestand gegangen ist. Bemerkenswert war die Rede auch deshalb, weil Sommer auf die aus ihrer Sicht ungenügende Debatte über den Erhalt das Filmerbes einging. Was sie damit meinte, erläutert sie im Interview.


Wo gibt es auf der Duisburger Filmwoche Berührungen mit Fragen des Filmerbes? Das Festival hat doch keine Retrospektive.

Gudrun Sommer: Mein konkretestes Erlebnis war 2015 das Zeigen der Kinderfilme von Harun Farocki, die er für „Sesamstraße“ und „Das Sandmännchen“ in den 1970er-Jahren gemacht hat und die beim NDR gelaufen sind. Ich war relativ schockiert, wie schwierig es ist, an diese Filme heranzukommen, weil die Rechte-Lage ungeklärt ist. Wir konnten über eine Kooperation mit dem Grimme-Institut die Aufführung dieser hochgradig interessanten Filme dann doch ermöglichen.

Wie kann man sich das vorstellen?

Sommer: Das Grimme-Institut hat den NDR gebeten, die Rechte für die Vorführung in Duisburg freizugeben. Das ging einfacher als auf der Sachbearbeiter-Ebene, auf der wir zuerst verhandelt hatten.

Weil man dort nur ein Nein erhält, mit Verweis auf unklare Rechte?

Sommer: Das ist auch deshalb so schwierig, weil die Rechte zum Teil bei „Sesame Workshop“ in New York liegen. Das Problem lag aber größtenteils darin, dass die jeweiligen Mitarbeiter gar nicht einschätzen konnten, um welche Filme es ging. Und die die Klärung deshalb vielleicht auch nicht so wichtig nahmen. Das Ganze hat unglaublich lange gedauert. Für uns war das irgendwann ein Grund, nach einem Partner Ausschau zu halten.

In diesem Jahr laufen Farocki-Kinderfilme nochmals im Programm von doxs!.

Sommer: Das sind weitere Filme, die damals nicht gezeigt werden konnten. Wir machen das in Kooperation mit dem „Harun Farocki Institut“ und der „Harun Farocki GbR“. Das lief parallel zur Restaurierung einzelner Filme und einer geplanten Veröffentlichung seiner Kinderarbeiten auf DVD. Unser Wunsch, die zu zeigen, platzte mitten in diesen Prozess. Deshalb waren damals auch noch nicht alle Filme verfügbar. Die waren ebenfalls noch beim Rechte-Klären.

In welchem Zustand befanden sich diese Filme?

Sommer: Das war sehr unterschiedlich; zum Teil sind nur relativ mittelmäßige Abtastungen vorhanden gewesen.

Gedreht wurde vermutlich auf 16mm?

Sommer: Genau. Einige Arbeiten waren auch auf 35mm entstanden. Wenn ich das richtig gehört habe, sind die Originale teilweise vernichtet. Die Restaurierungen zur Wiederverfügbarmachung sind jedoch ganz tolle Kopien geworden. Wir haben die restaurierten und die nicht restaurierten Kopien einmal nebeneinander gezeigt, das lohnt sich schon. Ein anderes Beispiel für das Interesse am Filmerbe, das ebenfalls die Fernseharchive betrifft, wurde bei uns im Rahmen der doku.klasse zum Thema. Ein Regisseur hatte keinen Zugriff mehr auf Rechte eines älteren Films, den er gerne in einer Langzeitbeobachtung eingesetzt hätte. Was völlig absurd ist. Damit wollen wir uns perspektivisch weiter beschäftigen.

Wie?

Sommer: Es gibt konkrete Überlegungen, zu denen ich aber noch nichts sagen kann. Es interessiert uns sehr, diese Schätze des deutschen Fernsehens zu heben, die eigentlich gar nicht unter dem Label „Filmerbe“ gefasst werden.

Ich fand es bemerkenswert, dass Sie in Ihrer Eröffnungsrede auf diese Debatte überhaupt eingegangen sind. Festivals zeigen doch immer nur das Neue, Unbekannte.

Sommer: Ich glaube, dass es für Festivals sehr wichtig ist, sich hier anders zu positionieren. Es wird viel zu wenig diskutiert. Ich bin ja viel im Kinderfilmbereich unterwegs. Da finden keine Diskussionen statt; es gibt wenig Wissen darüber, welche Kinderfilme Teil von Restaurierungsprozessen werden. Es geht also einerseits um technische Fragen, andererseits aber auch darum, eine offenere Debatte darüber zu führen, warum wer was zum Filmerbe erklärt.

Die Antwort auf diese Kanonisierungsversuche ist das fehlende Geld: Weil es nie reichen wird, alles zu digitalisieren, landet man bei solchen Kanonisierungsversuchen wie der „500er-Liste“.

Sommer: Aber es müsste doch genau umgekehrt sein. Weil es so wenig Geld gibt, sollte der Diskussionsprozess viel transparenter und intensiver laufen, als wenn man großzügig mit Geld umgehen könnte. Da müsste, etwa beim Kinderfilm, die deutsche Kinderfilmszene viel mehr involviert sein. Das gilt auch für alle anderen Bereiche. Das muss transparenter werden. Man möchte ja auch wissen, was bleiben soll.

Wie kann die Diskussion breiter geführt werden?

Sommer: Es gibt in Nordrhein-Westfalen das Netzwerk Filmkultur, in dem auch Filmfestivals und Filmwerkstätten mitarbeiten. Wir sind das politische Gegenüber zur Landespolitik im Bereich Film. Wir arbeiten gerade an einem Vorstoß, bestimmte Themen stärker in den Blick zu nehmen. Eines davon ist die Frage, was in der jetzigen Situation aus den Kinos werden soll. Kann man das dem privaten Markt überlassen oder muss sich Politik nicht ähnlich wie bei Museen um eine bestimmte Infrastruktur kümmern? Im Netzwerk Filmkultur gibt es einen starken Drang, mit solchen Themen politisch in die Öffentlichkeit zu gehen.


Foto (oben): Die „Einschlafgeschichten“ (1977) von Harun Farocki zeigen Dinge, die es auf den ersten Blick gar nicht zu geben scheint und hinterfragen augenzwinkernd Wahrnehmung sowie Sehgewohnheiten. © Dokfilmwoche Duisburg


Alle „Schnipsel-Blog-Beiträge und Essays, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums von Matthias Dell entstehen, finden sich hier.

Kommentar verfassen

Kommentieren