„Man muss beide Figuren lieben“

Montag, 02.12.2019

Anthony McCarten über das Drehbuch zu „Die zwei Päpste“

Diskussion

Das dialogische Drama Die zwei Päpste (ab 5.12. im Kino, ab 20.12. bei Netflix) ersinnt ein Treffen zwischen Papst Benedikt XVI. und seinem NachfolgerKardinal Bergoglio/Papst Franziskus im Jahr vor Benedikts Rücktritt. Bei einer Vorpremiere in München sprach Drehbuchautor Anthony McCarten von seinem Zugang zu dem Stoff und der Herausforderung, für die Dialoge ein Gleichgewicht zwischen progressiven und konservativen Argumenten zu finden.


Zwei allerhöchste kirchliche Würdenträger streiten darüber, ob der konservative oder der reformerische Weg der richtige für die Zukunft der Katholischen Kirche sei. Dass sich der zu dieser nicht besonders verlockend klingenden Synopsis gehörige Film als leichtfüßiges, liebenswertes, von zwei brillanten Darstellern – Anthony Hopkins als Papst Benedikt XVI. und Jonathan Pryce als Kardinal Bergoglio/Papst Franziskus – getragenes Konversations-Drama entpuppt, verblüffte und begeisterte das Publikum nicht nur bei der Uraufführung von Die zwei Päpste in Toronto, auch bei der Vorpremiere im November in München, bei der Anthony McCarten, Drehbuchautor und Initiator des Films, zugegen war und dem Publikum Rede und Antwort stand.

„Ich wollte eine Geschichte schreiben, bei der ich zwei Personen konfrontiere: einen Progressiven und einen Konservativen. Das wollte ich auch deshalb, weil ja überall in Gesellschaft und Politik der Gegensatz von progressiv-versus-konservativ anzutreffen ist und große Spannungen mit sich bringt“, erläuterte McCarten auf Fragen nach seinem Bezug zum Thema, und führte aus, dass sich diese Spannung im kirchlichen Bereich auf besondere Weise zuspitze: „Ich bin ein Dramatiker. Wenn ich eine Debatte zwischen solch gegensätzlichen Positionen entfalten will – und daraus besteht der Film ja zu großen Teilen – dann muss ich beide Figuren gleichermaßen lieben. Ich muss den Argumenten der beiden gleiches Gewicht geben. Dabei folge ich Regeln, die eine lange Tradition haben – bis hin zu Platons Dialogen. Ich begann also die Geschichte zu schreiben und kam mit den Franziskus-Argumenten gut voran, weil meine politischen Sympathien bei ihm liegen. Mit den Benedikt-Argumenten war es schwieriger, aber ich musste mich da hineinarbeiten, denn es sollte zwei gleichrangige Argumentationen geben. Und bei dieser Reise entdeckte ich, dass auch die konservative Benedikt-Haltung starke Argumente für sich hat. Suchen wir in der Religion nicht nach unverrückbaren Wahrheiten, die es zu bewahren gilt? Dazu haben wir ein Zitat von Bischof Sheen in den Dialog aufgenommen: ‚Wenn sich die Kirche mit dem Geist einer Epoche verheiratet, wird sie in der nächsten Witwe sein!‘“

Anthony Hopkins als Benedikt XVI. in "Die zwei Päpste"
Anthony Hopkins als Benedikt XVI. in "Die zwei Päpste"

Spezialist für Biopic-Drehbücher

Anthony McCarten, geboren 1961 in New Plymouth/Neuseeland als Spross einer irisch-katholischen Einwandererfamilie, war längst ein bekannter Romanautor und Theaterschriftsteller, bevor er auch zu einem der derzeit erfolgreichsten Biopic-Drehbuchautoren avancierte. Er porträtierte u.a. den Wissenschaftler Stephen Hawking (Die Entdeckung der Unendlichkeit, 2014), den Politiker Winston Churchill (Die dunkelste Stunde, 2017) und letztes Jahr den „Queen“-Frontmann Freddie Mercury (Bohemian Rhapsody, 2018). Nun zeigt er also das Päpste-Duo Benedikt/Franziskus bei frei erfundenen, aber „von wahren Geschehnissen inspirierten“ Disputen.

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Wie sieht es mit den persönlichen Impulsen bei der Zeichnung solch verschiedener Gestalten aus? McCarten entdeckte, wie er ausführte, bei der Arbeit an Biopic-Geschichten „tatsächlich nicht selten, dass es da etwas im eignen Inneren und im eigenen Leben gibt, das zum Ausdruck kommen will. Bei der Geschichte von ‚Die zwei Päpste‘ sieht das so aus: Ich bin katholisch aufgewachsen, in einer sehr intensiv-katholischen Familie. Ich bin eines von sieben Kindern – wie man so sagt: mehr coitus als interruptus –, ich war Ministrant bis zum 15. Lebensjahr, hauptsächlich, um meine Mutter glücklich zu machen. Ihr gefiel das immer sehr, mich beim Dienst am Altar zu sehen – aber ich habe bisher nie über das Katholischsein geschrieben – bis Eva, meine Lebensgefährtin, und ich in Rom waren.“

Jonathan Pryce als Kardinal Bergoglio
Jonathan Pryce als Kardinal Bergoglio

Initialzündung auf dem Petersplatz

In seinem Buch Die zwei Päpste (Diogenes Verlag, im Handel seit 1.10.2019) präsentiert McCarten nicht das Drehbuch, sondern die Vorarbeiten und Recherchen dazu. Dort schildert er auch ausführlich sein Rom-Erlebnis, das die Initialzündung für den Film darstellte. Bei einem Rombesuch geriet er zufällig in eine öffentliche Messfeier von Papst Franziskus auf dem Petersplatz, und dabei wurde ihm klar, dass Benedikts Rücktritt vom Papstamt 2013 ein ganz außerordentliches Geschehnis war, das es in der Kirchengeschichte nur ein einziges Mal zuvor gegeben hatte, vor 700 Jahren. McCarten sieht diesen Rücktritt als „ein deutliches und wohl auch nobles Eingeständnis von Schuld, Mittäterschaft und Unfähigkeit“ beim Umgang mit diversen Skandalen, vor allem bei den Missbrauchsskandalen in der Kirche.

Immer wieder kehrten beim Münchner Q&A die Fragen zurück zu dem Problem, wie man sich einer Person nähert, deren Position man zuerst einmal nicht teilt: „Du musst dich hineindenken und hineinträumen in deren Position. Das verlangt Empathie. Empathie ist die am meisten zivilisierende Empfindung und Fähigkeit, die ein Mensch haben kann. Sie ist die Basis von allem: Verständnis, Mitgefühl, Menschlichkeit. Und das wird dann auch zur Aufgabe für das Publikum: mit jemandem mitzufühlen, mit dessen Haltung man erst einmal nicht einverstanden ist.“

Regisseur Fernando Meirelles und Anthony McCarten (von links) bei der Premiere von "Die zwei Päpste"
Regisseur Fernando Meirelles und Anthony McCarten (von links) bei der Premiere von "Die zwei Päpste"

Debatte ohne Diskreditierung

McCarten erzählte auch davon, wie sich Netflix sofort für das Projekt begeistern ließ, und warum es wichtig ist, Anekdoten und Humor ins Duell der Argumente einzubauen. Er legte seine Prinzipien und Ideen nicht theoretisch dar, sondern machte sie immer in Geschichten anschaulich – er ist der geborene Geschichtenerzähler. Das schönste Beispiel war ein Erlebnis in New York: „Wir zeigten den Film in New York, und ein Mann kam auf mich zu – es war ein sehr alter, liebenswürdiger Mann –, der sagte: ‚Das wissen Sie schon, dass das ein jüdischer Film ist!‘ Ich antwortete: ‚Das ist ja interessant. Wie kommen sie darauf, dass das ein jüdischer Film ist?‘ Und er erklärte: ‚Weil es einer der grundlegenden Aspekte des Judaismus ist, die Schrift in einer Weise zu debattieren, dass du die andere Person nicht diskreditierst. Du darfst nicht die Absicht haben, den anderen zu diskreditieren, du sagst dein Argument, um den anderen zu einem noch besseren Gegenargument herauszufordern. So soll das hin- und hergehen. Das ist Talmud-Tradition, und dies ist der talmudischste Film, den ich je gesehen habe!‘“


Hinweis:

Anthony McCarten ist Initiator und Drehbuchautor des Films, seine Vorarbeiten und Überlegungen zum Projekt hat er in dem Buch Die zwei Päpste. Franziskus und Benedikt und die Entscheidung, die alles veränderte veröffentlicht: Diogenes Verlag, Zürich 2019. 400 Seiten. 24 Euro.


The Two Popes“ / „Die zwei Päpste“ ist ab 5.12. in ausgewählten Kinos und ab 20.12. auf Netflix zu sehen.


Fotos: Netflix

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