© Hofbauer-Kongress

Schnipsel #11: Video-Knüppel

Montag, 10.02.2020

Beim Hofbauer-Kongress in Nürnberg greift man zur Not auch auf das Digitalisat eines Films zurück, was Puristen ein Gräuel ist, da sie Filme immer nur auf dem originalen Trägermedium schauen

Diskussion

Beim Hofbauer-Kongress in Nürnberg gehört der „Videoknüppel“ zum gängigen Sprachgebrauch. Der Neologismus umschreibt den pragmatischen Umgang mit dem Trägermedium eines Films, bei dem unter Umständen auch auf ein Digitalisat zurückgegriffen wird, wenn es der Festivalablauf nötig macht. Matthias Dell diagnostiziert in seinem Siegfried-Kracauer-Blog „Schnipsel“ einen klaren Fall von Masochismus.


Das mit den Begriffen ist eine spannende Sache. Beim „Knüppel“ denken die meisten Menschen vermutlich an einen Schlagstock, wenn nicht gleich an einen aus Hartgummi, der zur Ausstattung der Polizei gehört. Dabei hängen am „Knüppel“ noch andere Bedeutungen. Die Berlinerin kennt ihn etwa in Brötchenform. Und in dem Mainzer Lokal Neustadt Apotheke wird mit dem „Knüppel“ das signature dish bezeichnet. Es handelt sich zwar ebenfalls um Backwerk, allerdings um eines, das zur besseren Vorstellbarkeit auch als „Brottasse“ beschrieben wird. Den „Knüppel“ muss man sich hier als eine Art ausgehölte größere Brötchenhälfte denken, in die dann Lachs, Gemüse oder Ziegenkäse gepackt werden.


Der „Videoknüppel“ beim Hofbauer-Kongress

Beim Hofbauer-Kongress in Nürnberg, um in die Sphäre des Films zu wechseln, gehört der „Videoknüppel“ zum Sprachgebrauch. Der Neologismus, der auf ein Gründungsmitglied des sogenannten Hofbauer-Kommandos zurückgeht, ist bei weitem nicht der einzige Fachbegriff, den sich das Festival zur Verständigung geschaffen hat. Aber es ist ein für die Filmerbe-Debatte neuralgischer Begriff, wie die diesjährige 19. Ausgabe des Filmfestivals (9.-13.1.2020) gezeigt hat.

Natürlich sind solche Wörter auch Ausdruck eines Nerdtums, mit dem in Nürnberg – und davon ausgehend auch in anderen Orten – seit einer Dekade immer wieder der filmgeschichtliche Anti-Kanon besichtigt wird. Das Festival, das als mehr oder weniger öffentlicher Videoabend in einem Kino begann, hat eine Form neuer Cinéphilie hervorgebracht.

In dem Moment, in dem die Digitalisierung die Produktion, Distribution und eben auch Konservation von Filmen radikal zu verändern begann, erscheinen Unternehmungen wie die außerordentlichen Kongresse des Hofbauer-Kommandos als Versuche, ein mediales Auseinanderdriften zu überbrücken. Zu sehen ist dort nämlich jener Teil der Filmgeschichte, der es nie auf die Arche-Noah-haft anmutenden 500er-Listen schaffen wird, mit denen eben das, was praktischerweise Filmerbe genannt wird, gerettet werden soll.


Fröhliche Trauerfeiern in Nürnberg

Vor dem Verfall, der dort droht, wo das Ökosystem Kino kippt – von Filmrollen, die nicht mehr abgespielt werden können, weil es nicht nur keine Nachfrage, sondern auch keine Projektionsmöglichkeiten mehr gibt, müssen erst recht keine neuen Kopien gezogen werden. Das macht die Vorführungen in Nürnberg in gewisser Weise zu fröhlichen Trauerfeiern: „Man sieht da, ganz buchstäblich, einem Teil der Filmgeschichte beim Sterben zu, teils in immer noch beglückend leuchtenden Farben, teils aber auch durch rotstichige Schlieren hindurch“, wie Lukas Foerster das 2014 beschrieb.

Das Festival pflegt deswegen allerdings keinen Dogmatismus in Sachen Trägermedium. Was insbesondere die 19. Ausgabe im Januar 2020 vor Augen führte, mit der eine Art Rückbesinnung auf die Anfänge kommuniziert wurde. Also: kein Programm vorab und dementsprechend kein Programmheft; einzige Orientierung boten Angaben zu Raum (das KommKino in Nürnberg) und Zeit (9. bis 13. Januar, ab 14.30 und 21.15 Uhr).

Wie berechtigt beziehungsweise idiosynkratisch die Sorge der ehrenamtlich arbeitenden Kuration ist, die Hofbauer-Kongresse könnten zu „Events“ werden, zu Dienstleistungen, die in klassischen Medien – und eben nicht nur innerhalb der eigenen Vernetzung – Gegenstand von Berichterstattung werden, sei dahingestellt.


Der Anti-Kanon

Interessant ist der totale Begriff des Anti-Kanons, der davon ausgeht, dass eigentlich jeder Film geguckt werden muss: „Es haben Leute angefangen, Filme auszulassen“, lautete die Klage der Macher. Dahinter steht einerseits eine soziale Idee vom Filmeschauen – dass das Publikum hier einen Raum teilt, der allenfalls in den Gesprächen danach in verschiedene Fraktionen zerfällt, die vorab aber nicht die Möglichkeit haben sollen, sich anhand von Geschmäckern durchs Programm auseinander zu navigieren.

Und so führt die Durchführung des Festivals in dieser Form dann andererseits unvermeidlich zu einem pragmatischen Umgang mit Trägermedien. Es muss auf Digitalisate beziehungsweise den „Videoknüppel“ zurückgegriffen werden, wenn, wie dieses Jahr geschehen, spontan am Programmablauf etwas geändert werden soll – weil jede Filmkopie vorab bestellt und präpariert werden muss.

Der auf DVD oder als File leicht zu lagernde „Videoknüppel“ kann dagegen jederzeit aus dem, nun ja, Sack gezogen werden. Man kann fragen, ob sich darin eine Netflixisierung des Festivals erkennen lässt, die Anwesenheit von sehr vielen Sichtungsoptionen zu jeder Zeit.


Zwischen Materialaffinität und kuratorischer Flexibilität

Für den Filmerbe-Diskurs ist jedoch der Kompromiss bemerkenswerter, der hier zwischen Materialaffinität und kuratorischer Flexibilität getroffen wird – und für den die Bildinformation so etwas wie der letzte Grund wäre. Zwar werden in Nürnberg Filme in der Regel auf dem Medium geschaut, auf dem sie gedreht wurden, und mit der Materialgeschichte, die sie haben. Aber es gibt Momente, in denen ein einfacherer Zugriff auf die übersehene Filmgeschichte gestattet ist.

So gesehen könnte man den „Knüppel“ hier auch als dezent masochistische Markierung lesen – als schlechtes Gewissen, dass die Tatsache, etwas überhaupt schauen zu können, höher zu werten als die adäquate Rezeption. Anders gesagt: Es könnte ein richtiges Schauen im falschen geben. An dem ist man dann aber auch selbst schuld und gehört entsprechend bestraft.

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