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Schnipsel #12: Obsoleszenzen

Freitag, 21.02.2020

In seinem Siegfried-Kracauer-Blog unterzieht Matthias Dell die Dokumentation „Das Kino ist tot, es lebe das Kino“ von Thomas Schadt einer aufmerksamen Lektüre

Diskussion

Im aktuellen Beitrag des Siegfried-Kracauer-Blogs unterzieht Matthias Dell die Dokumentation „Das Kino ist tot, es lebe das Kino“ von Thomas Schadt einer aufmerksamen Lektüre. Der Film handelt von Dieter Kosslick und der Geschichte der „Berlinale“, Zettel-Konversationen und warum man die chinesische Diktatur nicht mit dem Fehlen eines Filmprojektors im „Berlinale“-Palast verwechseln sollte.


Pünktlich zur 70. „Berlinale“ mit neuer Leitung kommt ein Film ins Fernsehen über die 69. Berlinale mit dem alten Direktor. „Das Kino ist tot, es lebe das Kino“ heißt der Dokumentarfilm, den Thomas Schadt, Leiter der Ludwigsburger Filmakademie, bei UFA Fiction für RBB und SWR in Zusammenarbeit mit arte produziert hat.

Ein Titel mit Ansage, möchte man meinen, wenn sich der schmissige Chiasmus nicht auch als Nullbotschaft lesen ließe. Ein abgenutzter, aber dramatisch wirkender Slogan, kann man immer behaupten, wenn einem sonst nichts einfällt.

Und tatsächlich: Misst man Schadts Film an dem Hintergrund, vor dem er erzählt, dann sieht es mau ist. Mit anderen Worten: Stellte man sich die Frage, ob dieser Film über die „Berlinale“ bei der „Berlinale“ gezeigt werden könnte (in dem Sinne, dass Filmfestivals dieser Größe hohe Ansprüche bei der Auswahl ihres Programms stellen), dann müsste man ehrlicherweise sagen: nein.


Der Film will drei Dinge auf einmal

Die Dokumentation „Das Kino ist tot, es lebe das Kino“ kann sich nicht richtig entscheiden, was sie sein will, und versucht deshalb drei Dinge auf einmal. Zu den Blicken ins „Gehäuse“ (Frank Schirrmacher), also dem exklusiven Zugang zum „Berlinale“-Chef Dieter Kosslick beim Friseur, im Büro und hinter den Kulissen gesellt Schadt Begegnungen mit einem „Berlinale“-Aficionado, einem Filmfreund aus Berlin, der sich für die Zeit des Festivals Urlaub nimmt, um seinem Hobby zu frönen. Der wird freudig, aber auch desinteressiert nach Plan und Urteil befragt, und erinnert dabei an ein Testimonial,  das dazu da ist, zu sagen, was jeder sagt.

Als Drittes will Schadt aber auch „Berlinale“-Geschichte erzählen, indem er Schwarz-weiß-Footage aus den Anfangsjahren in den Film schneidet. Der Gestus ist keck-ironisch, wenn sich etwa Friedrich Luft über die Durchschnittlichkeit des Programms echauffiert. Bei allem Irrtum, der der Filmkritik eigen ist, vergibt sich der Film mit dieser überzeitlichen Perspektive ein ernsthafteres Erkenntnisinteresse. Was die „Berlinale“ sein könnte, bleibt hier auf häppchenhafte Impressionen reduziert, die niemandem aufstoßen sollen.

Durch das Archivmaterial kommt irgendwann auch Alfred Bauer ins Bild, was wohl auf andere Weise geschehe wäre, wenn der Film schon gewusst hätte, was im Januar über Bauers NS-Vergangenheit bekannt geworden ist. Dass „Das Kino ist tot, es lebe das Kino“ an dieser Stelle alt aussieht, kann man dem Film nicht anlasten.


Eine helmutkohleske Ära

Erschreckend und faszinierend zugleich ist dagegen, wie fern einem die Performance von Kosslick nur ein Jahr nach dem Ende seiner helmutkohlesken Ära erscheint. Wie eine Pressekonferenz der neuen Leitung, in der keine schlechten Witze gemacht und keine albernen Motti ausgegeben wurden, sondern ernsthaft über Filme geredet wurde, das jahrelange Kasperletheater noch mal obsoleter erscheinen lässt, das merkt man bei der Betrachtung dieses Films.

Einmal steht Kosslick vor der Wand, an der auf Zetteln die Filme des Wettbewerbsprogramms notiert sind. Kein Wort zu den Filmen („Sie wachsen einem ans Herz durch die Zettel“); stattdessen wird über die Zettel gesprochen, und dabei natürlich nicht über den Umstand, was etwa die verschiedenen Farben bedeuteten. Weshalb man besser sagen müsste: Die Zettel werden beredet in den Wortspielen, die jedem sofort einfielen („verzetteln“, „Zettelwirtschaft“) in Ermangelung eines substantiellen Textes.

Wenn Kosslick die Weltläufigkeit der Filmfestspiele zum Ausdruck bringen will, spricht er von Ländern wie „Mongolien“; wenn er sein Engagement zeigt (Wie kann Roberto Saviano ausreichend geschützt auftreten?), sagt er über den Autor von „Gomorrha“: „Das ist der Typ.“ Das ist nicht böse gemeint, illustriert aber, wie achtlos Kosslick mit Sprache umgeht.


Mantel, Schal und Hut

Die prägnantesten Beobachtungen sind in „Das Kino ist tot, es lebe das Kino“ also die, die sich zu Kosslick machen lassen. Von seinem Vermächtnis hat Kosslick einen präzisen Begriff: „Mantel, Schal, Hut – das ist, was übrig bleibt in der Kinemathek.“ Das wird in jenem Teil des Films erzählt, der mit dem Zwischentitel „Dekonstruktion“ eingeleitet wird und in dem Kosslick davon spricht, dass er in seiner Rolle als Festivalleiter über diesen "komischen Job" zugleich reflektiere, ihn deskonstruiere.

Was immer damit gemeint ist – man versteht dadurch wenigstens die merkwürdige Distanz des vorherigen „Berlinale“-Chefs zur Filmkunst und zum Filmbetrieb. Der „deskonstruierte Kosslick“ wäre eine Erklärung für den Unernst und die Uneigentlichkeit, mit denen der 71-Jährige seinen bekanntesten Job selbst ausstaffiert hat. Und so verwundert es nicht, wenn Kosslick zum nächsten Zwischentitel („Netflix vs. Kino“) wenig beizutragen hat.

Was aus dem Kino in Zeiten der Digitalisierung wird, müssen andere ausführen. Anselm Franke vom „Forum Expanded“ etwa, der sich allerdings mit großer Denkergeste doch nur aufgebrezelte Gemeinplätze („psychomimetisches Labor“) bewegt. An dieser Stelle fällt einmal mehr auf, wie wenig Thomas Schadt vom Gegenstand seiner dokumentarischen Beobachtung will – erst recht, wenn man „Das Kino ist tot, es lebe das Kino“ mit Dominik Grafs Jubiläumsessay „Es werde Stadt“ über den Grimme-Preis vergleicht.


Der fehlende Filmprojektor

Und dann gibt es noch die Stelle, in der Kosslick mit dem Produzenten des chinesischen Regisseurs Zhang Yimou telefoniert, um zu erfahren, dass dessen aktueller Film die Zensur nicht passieren wird. Die Lücke im Programm will der Festivalleiter dann umgehend mit „Das rote Kornfeld“ stopfen, dem Erstling von Zhang Yimou, der gut 30 Jahre zuvor (Kosslick: „vor 40 Jahren“) die „Berlinale“ gewann.

Bis sich herausstellt, dass ein aktuelles DCP des Films ebenfalls in China erfragt werden müsste und daher wohl kaum den Weg nach Berlin finden wird. Die hier noch existenten 35mm-Kopien können wiederum im „Berlinale“-Palast nicht vorgeführt werden, weil dort kein Projektor mehr vorhanden ist. Kosslick, dessen Witz häufig darin besteht, einfach alles zusammen zu assoziieren, macht daraus eine „Zensur“ der Technik – in Analogie zur tatsächlichen Zensur, die eine Vorführung des aktuellen Films von Zhang Yimou verhindert hat.

Das trifft es eher nicht. Vielmehr wird mit dieser Szene eine Standardsituation in Zeiten des unklaren Übergangs von einem Medium auf das andere sichtbar, die in der öffentlichen Debatte kaum vorkommt.

„Das Kino ist tot, es lebe das Kino“ ist bis 19. März in der arte-Mediathek abrufbar.


Alle „Schnipsel-Blog-Beiträge und Essays, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums von Matthias Dell entstehen, finden sich hier.


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