© Taiwan Film Festival (Szene aus "Goodbye, Dragon Inn")

Nicht ins Kino gehen

Freitag, 03.04.2020

Gedanken eines Kinogehers in Zeiten, in denen die Leinwand dunkel bleibt

Diskussion

Wer ins Kino geht, fällt immer eine bewusste Entscheidung. Für einen bestimmten Film, einen Abend oder Nachmittag, ein bevorzugtes Kino. Wenn aber wie jetzt alle Kinos zwangsweise ihre Projektoren abgeschaltet haben, stellen sich neue Fragen. Denn im Unterschied zur physischen Präsenz von Büchern sind Filme flüchtige Wesen, die man selbst in der Ära des Heimkinos leicht verpassen kann.


Manchmal geht man nicht ins Kino. Zum Beispiel, wenn man sich müde fühlt oder kränklich, wenn man lieber etwas anderes tut oder einem die Einladung unangenehm ist. An einem anderen Tag fragt man sich, ob man den Film nicht zuhause sehen kann; man mag es ja ohnehin nicht so sehr im Kino und erinnert sich daran, wie man einmal aus den hinteren Reihen mit Popcorn beworfen wurde. Die Sonne scheint so schön draußen, da ist dieses eine Fußballspiel im Fernsehen, man sitzt ungern länger (der Rücken!), und Parkplätze gibt es auch keine. Es gibt ja sowieso keine guten Filme mehr; früher konnte man noch ins Kino, aber heute? Dann diese endlose Werbung vorab, der Gestank nach Chips, und außerdem muss man am nächsten Tag früh raus, die Kinder, der Garten, die Arbeit, das Haus.


Ich würde lieber nicht…

Die Geschichte des Kinos ist auch die Geschichte all jener, die es nicht besuchen. Millionen Bartlebys, die auf ihren Sofas sitzen und sagen: „I would prefer not to.“ Der wahrhaftige Anti-Held aus Herman Melvilles Roman „Bartleby der Schreiber“ ist eben nicht nur ein Vorbild für all jene Autoren, die nicht schreiben (wie das Enrique Vila-Matas in seinem wundervollen Buch „Bartleby & Co“ darlegt), sondern auch für alle, die prinzipiell gerne „Nein“ sagen. Die Geschichte dieser Kinoverweigerer, Kinoumgeher oder notgedrungenen Kinoabstinenzler ist mit der Geschichte all jener Filme verwandt, die nie gedreht wurden, jenen zigtausenden Förderanträgen, die irgendwo abgeheftet von nie produzierten Filmen erzählen, aber auch mit all den gedrehten, aber nie verwendeten Szenen und letztlich auch mit all den Filmen, die man vergessen hat, die nur als ferner Geschmack in Erinnerung bleiben.

Alle Szenen aus "Goodbye Dragon Inn" von Tsaj Ming-liang
Szene aus "Goodbye Dragon Inn" von Tsai Ming-liang

Normalerweise ist es eine Sache der Branchenmagazine, über jene zu schreiben, die nicht ins Kino gehen. In den letzten Jahren war das verstärkt der Fall, vor allem dann, wenn die Besucherzahlen rückgängig waren. Die verstärkte Konkurrenz auf dem Heimkinomarkt wird dabei gerne angeführt, das Freizeitverhalten in jüngeren Bevölkerungsschichten oder die sinkende gesellschaftliche Relevanz des Kinobesuchs. „Man muss die Menschen zwingen!“, sagt der in seinem Engagement liebenswert-komische Kinobesitzer Nanni Moretti in seinem Kurzfilm „Opening of Close-up“. Der Film porträtiert auch den Enthusiasmus, mit dem sich Kinobetreiber gegen den drohenden leeren Saal stemmen, die Wege, die man von der Presse- und Marketingarbeit kennt, um die, die nichts ins Kino gehen, vom Kino zu überzeugen.

Wer nicht ins Kino geht, macht ja eigentlich erstmal nichts – und dennoch handelt er in diesem Nichts-Tun. Den anders als die ungelesenen Bücher im Regal warten die Filme nicht auf uns. Das Bild einer Stadt mit Dutzenden Kinos, in denen Filme laufen, die niemand sieht, existiert nicht. Es wäre schön, wenn die Filme ein Eigenleben hätten, wie das in John McTiernans „Last Action Heroimaginiert wird. Eine Welt, in die wir eintreten können oder eben nicht, die parallel zu unserer Welt existiert.


Lauter verpasste Chancen

Aber ein Film ist nicht dauernd verfügbar. Wie bei einem Sonnenuntergang liegt es an uns, ihn zu sehen und zu fangen. Nicht umsonst spricht man von „verpassten Filmen“. Wer sich keine Eintrittskarte kauft, verpasst erst einmal nichts. Vielleicht einen Lacher hier, eine Erkenntnis dort, eine innere Regung oder unbekannte Eindrücke. Aber je mehr man sieht, je tiefer man geht, desto schwerer wiegt eine Absage an den Kinogang. Der Filmliebhaber François Truffaut, der das Kino so liebte, dass er jahrelang nicht ins Theater ging, weil das nun mal kein Kino wäre, brachte es auf den Punkt, als er schrieb, dass er den Spiegelungen des Lebens dem Leben gegenüber den Vorzug gebe. Es gibt eine Welt, in der ein Film wichtig wird, weil man einen anderen gesehen hat. Eine Szene erhält Bedeutung, weil dort ein Schauspieler zu sehen ist, den man woanders ganz anders gesehen hat. Hinzu kommt, dass sich in der Filmkultur vehement ein Gefühl von Aktualität behauptet. Dieses oder jenes muss man einfach gesehen haben, die neusten Filme, den nächsten Skandal. Nicht ins Kino zu gehen, heißt auch, aus diesem Trubel auszusteigen.

"Goodbye Dragon Inn" von Tsaj Ming-liang
"Goodbye Dragon Inn" von Tsai Ming-liang

Die Melancholie eines leeren Kinohauses hat beispielsweise Tsai Ming-liang in seinem Film „Goodbye, Dragon Inn“ eingefangen. Doch selbst dort sitzen noch die vereinzelten Seelen, denen das Kino Zuflucht bietet, ein Versteck vor der Welt. Sie gehen auch deshalb dorthin, weil sie sonst nirgends hinkönnen. Weil sie im Kino keine Außenseiter sind. Im Gegensatz zu den Autoren, die nicht schreiben, sind die Menschen, die nicht ins Kino gehen, keine Außenseiter. Sie sind einfach oder, wie es der portugiesische Filmemacher João César Monteiro in einem Interview formuliert, einfach ärmer. Geht man nicht ins Kino, verarmt man.


Eine Geschichte der Filme, die nicht gesehen werden

Aber die Kinos schließen, und mit ihnen entweicht die Dunkelheit aus der Öffentlichkeit. Wir sehen seit Jahren Bilderserien von Ruinen alter Filmpaläste und Petitionen gegen den Verlust der Heimat des Kinos. „Das Kino retten“ bedeutet zugleich, die Möglichkeit zu retten, „Nein“ zu einem Filmabend zu sagen. Obwohl die Filmgeschichte illusorisch glauben lässt, dass man jeden Winkel in ihr im Laufe eines Lebens entdecken kann und man sich umfassenderes Wissen sicher schneller anlernen kann, als dies zum Beispiel in der Literatur der Fall ist, gibt es natürlich immer und überall die Geschichte der Filme, die nicht gesehen werden. Als die Literatin und Filmemacherin Marguerite Duras sagte, dass sie pro Jahr einen oder zwei Filme sehe, diese dafür aber richtig, erntete sie großes Staunen bei ihren Kollegen. Im Verzicht, erklärte nicht nur sie, liege eine Kraft. Das Kino muss man so oder so erträumen.

Wer nicht ins Kino geht, handelt mit Folgen. Kassenflops haben Firmen in den Ruin getrieben, Karrieren und ganze Epochen beendet. Aber nicht immer hat man eine Wahl. In verschiedenen Kulturen, etwa in Südafrika, wo nach dem Ersten Weltkrieg Kinos eröffneten, die Filme „for Europeans only“ präsentierten, gab es für Schwarze keine Möglichkeit, bestimmte Kinos zu besuchen. Während die „Rassentrennung“ im Süden der USA in die Architektur der Kinos eingebaut war, mussten sich die Kinos in Südafrika bald dringende Fragen zwischen Rassismus und wirtschaftlicher Rentabilität stellen. Wenn man Menschen nicht ins Kino lässt, kommen weniger Menschen ins Kino.

Keine Wahl haben Menschen natürlich auch während Kriegen. So wurde zum Beispiel die erste geplante Ausgabe der Filmfestspiele von Cannes Opfer des Zweiten Weltkriegs. Das Festival sollte vom 1. bis zum 20. September 1939 stattfinden. Erste Besucher versammelten sich bereits im August an der Côte d’Azur, doch das Kinofest wurde von den sich verdunkelnden Wolken über Europa bedroht. Schließlich fiel Deutschland am 1. September in Polen ein. Nachdem das Festival zunächst ein paar Tage verschoben wurde, musste es nach der generellen Mobilisierung am 3. September seine erste Austragung absagen. Zuvor hatte es immerhin eine Vorführung gegeben. Gezeigt wurde Der Glöckner von Notre-Dame von William Dieterle. Die wirklich erste Ausgabe des Festivals fand dann erst 1946 statt.


Das „Ja!“ der Menschen in Sarajevo

Ganz anders wirkte der Krieg 1995 in Sarajevo auf das Kino. Inmitten der Belagerung gründeten einige Unerschrockene das Sarajevo Film Festival. Für manche Kinder war dies die erste Gelegenheit, im Kino zu sein. In einer Zeit, in der es lebensgefährlich sein konnte, eine Straße zu überqueren, besuchten 15 000 Menschen die 37 gezeigten Filme. Womöglich war dies das enthusiastischste „Ja!“ der Filmgeschichte. Ohnehin ist es oft ein schmaler Grat zwischen dem Kinogang und dem Nicht-Kinogang. Angst kann dabei eine große Rolle spielen.

"Goodbye Dragon Inn" von Tsaj Ming-liang
"Goodbye Dragon Inn" von Tsai Ming-liang

So kommt es beispielsweise nach Amokläufen immer wieder zu Reaktionen, in denen potenzielle Kinobesucher zu Hause bleiben. Sie fürchten sich vor dem öffentlichen Raum. Bei anderen wiederum ist selbst der Besuch des Kinos ein Nicht-Besuch. Sie setzen sich ganz an den Rand, gewissermaßen schon im Gehen, obwohl man gerade gekommen ist. Andere schlafen ein, sobald der Film beginnt, was eine ganz eigene Form des Nicht-Sehens, nicht aber des Nicht-Gehens ist. Schließlich kann man auch „Ja“ zum Kino sagen, wenn man „Nein“ zum Film sagt. Ganze Filme wurden so knutschend verpasst oder sprechend oder aufs Handy starrend. Die Angst kann aber auch die Dunkelheit betreffen, insbesondere in Horrorfilmen, das, was da auf der Leinwand kreucht und fleucht.


Gehen oder bleiben

Verwandt mit all denen, die nicht ins Kino gehen, sind die, die das Kino verlassen. Manchen wird schlecht, andere sind gelangweilt. Einem gefällt der Film nicht, andere, wie etwa der iranische Filmemacher Abbas Kiarostami, verlassen regelmäßig den Kinosaal, wenn sie genug oder das gesehen haben, was sie wollten. Kiarostami stürmte regelmäßig aus Screenings, um sich hastig einen Gedanken oder eine Idee zu notieren. Sein Kollege Jacques Rivette dagegen betonte, dass er nie einen laufenden Film verlassen habe. Die Entscheidung, nicht nicht zu gehen, war für ihn verbindlich.

Harold Edel, ein durchaus visionärer Kinobetreiber in New York, der beispielsweise über einen Kino-Tanzpalast nachdachte, in dem Paare zu den Bewegungen auf der Leinwand tanzen könnten oder die Lichter auf der Leinwand rhythmisch auf die Tanzenden einwirken sollten, starb im Winter 1918 während der Spanischen Grippe. Einige Wochen zuvor hatte er noch davon geschwärmt, dass so viele Zuseher sich nicht abschrecken ließen, Charlie Chaplins „Shoulder Arms in seinem Kino zu sehen. Damals war das Kino im Aufwind und wurde von Krieg und Pandemie getroffen. In Korea konnten in der Zeit der Pandemie trotz 140 000 Toter und einer nachfolgenden Cholera-Welle positive Zahlen geschrieben werden.

"Goodbye Dragon Inn" von Tsaj Ming-liang
"Goodbye Dragon Inn" von Tsai Ming-liang

Im Jahr 2020 ist das „Nein“ zum Kino in Zeiten der Covid-Pandemie eindeutiger; es trifft diesen Zweig der Kultur auch härter, weil er in den letzten Jahren keineswegs im Aufwind war. Dennoch zeigt sich in diesen Tagen recht deutlich, dass ein Ende des Kinos mit dem Ende der Menschheit oder zumindest mit dem Ende der Menschlichkeit korreliert wäre. Es mag wichtig sein, in diesen Tagen auf das Kino zu verzichten, aber es ist ebenso wichtig, dass wir in naher Zukunft wieder aus nichtigen Gründen „Nein“ sagen dürfen zum Kino.

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