© Little Dream (Regisseur Massoud Bakhshi)

Auge um Auge, Zahn um Zahn

Freitag, 28.08.2020

Ein Interview mit dem iranischen Regisseur Massoud Bakhshi, in der in „Yalda“ die Geschichte einer Frau erzählt, die ihn einer Reality-Show darum kämpft, nicht wegen Totschlags hingerichtet zu werden

Diskussion

In dem kammerspielartigen Drama „Yalda“ (jetzt im Kino) fleht eine junge Frau in einer Reality-Show des iranischen Fernsehens um Gnade. Sie soll wegen der Tötung ihres Ehemannes hingerichtet werden. Über ihr Schicksal entscheidet die Tochter des Toten sowie das Publikum. Inszeniert wurde der Film von dem 1972 geborenen Regisseur Massoud Bakhshi, der in ironischer Zuspitzung auf authentische Ereignisse rekurriert, über das Dasein von Frauen in der iranischen Gesellschaft erzählt und die Macht des Unterhaltungsfernsehens seziert.


Sie haben als Dokumentarfilmer angefangen. Inwieweit hat das Ihre Arbeit als Spielfilmregisseur geprägt?

Massoud Bakhshi: Ja, ich komme aus dem dokumentarischen Bereich und sehe mich immer noch als Dokumentarfilmer. Das merke ich besonders an Details. Ich will auch in meinen Spielfilmen authentisch sein. Ich will keine Handlung inszenieren, die mir nicht glaubwürdig erscheint. Ich habe etwa 12 kurze und mittellange Dokumentarfilme gemacht; mein erster abendfüllender Dokumentarfilm „Teheran anar nadarad“ (2007) war innerhalb und außerhalb des Irans sehr erfolgreich. Dann drehte ich 2012 meinen ersten Spielfilm „Eine respektable Familie“, der in meiner Heimat nicht gezeigt werden durfte. Ich brauchte acht Jahre, um einen zweiten Spielfilm zu machen, also „Yalda“.

Nach "Eine respektable Familie" war Massoud Bakhshi lange der Weg versperrt (© EZEF)
Nach "Eine respektable Familie" war Massoud Bakhshi lange der Weg versperrt (© EZEF)

„Yalda“ erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die im Iran vor den laufenden Kameras einer Reality-Show um ihr Leben kämpft. Sie soll die Tochter ihres ermordeten Mannes überzeugen, ihr zu vergeben. Wie ist die Idee zu diesem Film entstanden?

Bakhshi: Ich habe drei Dokumentarfilme über Frauen gesehen, die wegen Mordes an ihren Ehemännern zum Tode verurteilt wurden. Das hat mich sehr bewegt, aber das ist noch kein Rahmen für eine Spielfilmhandlung. Da riet mir ein Freund, eine Reality-Show im iranischen Fernsehen anzusehen. Die läuft seit zehn Jahren sehr erfolgreich, besonders im Fastenmonat Ramadan. Es geht dort wirklich um Leben oder Tod von Menschen. Das war das Vorbild für die dramaturgische Struktur, eine Fernseh-Sendung, der ich den ironisch gemeinten Titel „Die Freuden der Vergebung“ gegeben habe.


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Welchen Einfluss hat das Fernsehen in der iranischen Gesellschaft?

Bakhshi: Ich glaube, dass Fernsehen überall auf der Welt sehr wichtig ist. Auch im Iran besitzt es einen sehr großen Einfluss. Das zeigt mein Film. Ich werde deswegen von intellektuellen Gruppen oft kritisiert, die das Fernsehen verachten und seine Bedeutung ignorieren. Bei meinen Recherchen habe ich schnell gemerkt, dass diese Programme einen ganz großen Einfluss auf die Mehrheit der Bevölkerung haben, besonders in kleineren Städten; Millionen Menschen sehen diese Programme gerne. Das beschränkt sich nicht auf den Iran; die Reality-Shows haben viele Länder erobert, Nationen wie Italien oder Frankreich, wo es eine starke Kinokultur und eine große kulturelle Tradition gibt. Auch dort sind solche Fernsehprogramme extrem erfolgreich, weil die Menschen unterhalten werden wollen.

Was ist das Hauptthema des Films? Vergebung? Oder die Stellung der Frau im Iran?

Bakhshi: Die Frage der Vergebung ist sehr wichtig. Vergebung ist eines der ältesten Themen der Menschheitsgeschichte. Seit Urzeiten drehen sich die Gedanken der Menschen um Rache oder Vergebung. Das ist eine sehr menschliche Frage. „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Die Vorstellung der Vergeltung prägt nicht nur das islamische Recht. Vergebung aber hebt die Strafe auf; im Iran wird Vergebung mit dem so genannten Blutgeld bezahlt. Auf der anderen Seite ist „Yalda“ aber auch eine sehr weibliche Geschichte. Wir haben im Film acht oder neun weibliche Charaktere, und jede von ihnen kommt aus ganz unterschiedlichen sozialen Backgrounds und hat ihre eigene Art, die Welt zu betrachten. Jede von ihnen kämpft Tag für Tag darum, sich in der Gesellschaft zu behaupten. Es ist also auch ein Film über Frauen im Iran. Und es ist ein Film über das Fernsehen und seinen Einfluss, die Traum- und Illusionsfabrik, die solche Reality-Shows herstellt, in denen die Menschen urteilen und mit einer SMS über Leben und Tod anderer Menschen mitentscheiden. Und dabei auch noch unterhalten werden. Ich wollte auch einen Blick hinter die Kulissen dieser Programme werfen.

Auch ein Blick hinter die Kulissen: das Studio in "Yalda" (© Little Dream)
Auch ein Blick hinter die Kulissen: das Studio in "Yalda" (© Little Dream)

Unter den weiblichen Charakteren sind Maryam und Mona die Protagonistinnen, die junge Ehefrau, die wegen Mordes verurteilt wurde und jetzt um Vergebung bettelt, und Mona, die Tochter des Opfers, die älter ist als die junge Frau ihres toten Vaters.

Bakhshi: Ja, das ist ein Duell zweier sehr unterschiedlicher und doch zugleich auch sehr ähnlicher Frauen. Allerdings kommt Maryam aus einer niedrigeren Gesellschaftsschicht und steht deshalb im Ruf, es nur auf das Geld ihres reichen Ehemannes abgesehen zu haben. Mona kommt aus einer reichen, saturierten Familie; sie sehnt sich danach, das Land endlich verlassen zu können. Auch das spiegelt die Situation im Iran wider. Meistens sitzen die Armen auf der Anklagebank und die reichen Angehörigen der Opfer müssen entscheiden, ob sie vergeben wollen. Die soziale Diskrepanz und die Klassengegensätze prägen die iranische Gesellschaft; sie sind aber auch weltweit ein wachsendes Problem. Unabhängig davon macht sich Mona wirklich Sorgen, ob sie die richtige Entscheidung treffen wird, ob sie Maryam vergeben soll oder nicht. Beide Frauen sind sich darin ähnlich und werden in ihrer Zerbrechlichkeit und Schwäche sichtbar. Auch wenn Maryam stärker bedroht ist, schließlich hängt ihr Leben davon ab, dass Mona ihr vergibt. Doch ab einem bestimmten Moment rückt Mona ins Zentrum. Man leidet mit ihr, wir sehen ihre großen Schwierigkeiten, eine so grundsätzliche Entscheidung zu treffen.

Was bedeutet der Titel des Films?

Bakhshi: „Yal“ bedeutet in der alten persischen Sprache „der“ und „dick“. „da“ bedeutet Geburt. Es bedeutet also „große Geburt“ und ist eine Feier der zoroastrischen Religion. In vorislamischer Zeit waren die Jahreszeiten sehr wichtig und die Natur heilig. Nach der Sonnenwende, nach der längsten Nacht, werden die Tage wieder länger. Die große Geburt beginnt. Die Natur erwacht. Dieses Fest wird bis heute gefeiert. In den Familien, im engsten Freundeskreis und mit Gedichten von Hafis, dem großen persischen Dichter.

Maryam und ihr toter Mann hatten eine „Ehe auf Zeit“ geschlossen. Was ist das?

Bakhshi: Das ist eine sehr archaische Einrichtung, die aber immer wieder auch von religiösen Instanzen bestätigt wird. Es ist eine Vertragsehe mit einer festgelegten Dauer, sie kann einen Tag oder einige Monate dauern. Solche Befristungen kann es sogar bei normalen Ehen geben: wenn ein junges Paar heiraten will, kann es zuvor für einige Monate eine Ehe auf Zeit abschließen, so eine Art Verlobung. Das ist ein Weg, um sich ganz normal zu sehen und eine Beziehung zu führen, eben eine Ehe auf Zeit. Eigentlich kommt das aus der Frühzeit des Islams, als es durch die ständigen Kriege so viele Witwen und Waisen gab; die Männer konnten deshalb mehr als eine Frau haben, auch um diese Witwen und Waisen zu versorgen. In der kultivierteren urbanen Bevölkerung ist das mittlerweile verpönt. Aber auf dem Land ist es noch üblich.

„Yalda“ ist eine internationale Co-Produktion. Sie haben sich aber dafür entschieden, im Iran zu drehen. Warum?

Bakhshi: An dem Film sind Produzenten aus sechs Ländern beteiligt. Die Vorproduktion war sehr lang; es war sehr schwer für mich, all die Genehmigungen zu bekommen und das Geld zu beschaffen. Nach dem Verbot meines ersten Spielfilms konnte ich im Iran keine Filmförderung mehr finden. Produktionstechnisch war es kompliziert, weil der Iran keinerlei Co-Produktionsvereinbarungen mit europäischen Ländern hat. Das hat alles sehr schwierig gemacht. Irgendwann fragten mich die Produzenten, ob wir den Film nicht lieber außerhalb des Irans drehen wollten. Es sei doch eine Art Kammerspiel, und das könne man überall drehen; die Schauspieler könnten dorthin gebracht werden. Aber ich wollte das nicht; der Film ist nur authentisch, wenn er im Iran entstanden ist, mit iranischen Schauspielern und Technikern.

Sadaf Asgari spielt die unglückliche Frau, die um ihr Leben kämpft (© Little Dream)
Sadaf Asgari spielt die unglückliche Frau, die um ihr Leben kämpft (© Little Dream)

Wie sehen Sie die aktuelle Situation des iranischen Films?

Bakhshi: Der iranische Film ist in den letzten Jahren sehr kreativ gewesen. Die Zahl der jungen Filmemacher steigt ständig. Das liegt auch an der hohen Zahl der privaten Filmschulen. Es gibt immer mehr junge Leute, die Kurzfilme und Dokumentarfilme drehen und ihren Lebensweg im Film zu finden hoffen. Dahinter steckt aber auch eine innere Notwendigkeit, Geschichten zu erzählen. Das hat mit der Vielschichtigkeit der iranischen Gesellschaft zu tun, hat aber auch Wurzeln in der iranischen Literatur. Der Iran ist eines der Länder mit der jüngsten Bevölkerung. Die jungen Leute suchen ihren Platz auf der Welt und versuchen, ihren eigenen Ausdruck zu finden, ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Film ist eines der besten Mittel dafür. Der Iran durchlebt im Moment eine brisante wirtschaftliche und soziale Situation, vor dem Hintergrund einer ganz alten, reichen und widersprüchlichen Kultur. Daher sind unsere Filme so rätselhaft, aber auch so interessant.

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