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Filmklassiker: Beethoven

Freitag, 18.12.2020

Zum 100. Todestag von Ludwig van Beethoven entstand 1927 ein Stummfilm, der nun zum 250. Geburtstag des Komponisten im Dezember 2020 in restaurierter Fassung erstmals auf DVD und Blu-ray erschienen ist

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Das Musiker-Porträt von Hans Otto Löwenstein schwelgt weidlich in den Stereotypen des gepeinigten Genies, das nur seiner Bestimmung lebt, beeindruckt jedoch auch heute noch durch die Leistung von Hauptdarsteller Fritz Kortner. Frische Impulse steuert die für die restaurierte Fassung neukomponierte Musik von Malte Giesen bei.


Corona hat uns nicht nur das Kinojahr verhagelt, sondern auch das Beethoven-Jahr. In Erwartung des 250. Geburtstags des Komponisten diesen Dezember waren die Konzertprogramme eigentlich voll von Werken des Komponisten, die Säle dann aber bestenfalls halbleer – falls auf den Podien und Bühnen überhaupt gespielt wurde. Nur der digitale Beethoven verstummte nie, dank Spotify, Youtube oder CDs aus Jubiläumsboxen.

Den beinahe „ganzen Beethoven“ in 70 akustischen Minuten unterzubringen, dass muss Malte Giesen erst mal einer nachmachen. Für Hans Otto Löwensteins Filmbiografie aus dem Jahr 1927 hat der 1988 geborene Komponist eine neue Beethoven-zitierfreudige Musik für Kammerorchester und Klavier geschrieben und nutzt neben dem klassischen Instrumentarium elektronische Verfahren wie Remix und Sampling. Wo der „Beethoven“-Plot eher steifleinern von Lebensstation zu Lebensstation schreitet, reanimiert Giesens Pasticcio die Bilder.


Plötzlich setzt die Musik aus

Der Film geizt nicht gerade mit Beethoven-Kitsch und Klischees, und hier weiß Giesen einfallsreich gegenzusteuern. Als Beethoven während eines Spaziergangs seiner Ertaubung gewahr wird, setzt die Musik plötzlich aus. Aus der minutenlangen Stille wird das Publikum erst mit einem Klavierakkord synchron zur nachfolgenden Szene in der Komponierstube erlöst. Der John-Cage-Effekt – „4’33“ Stille – ist kühn konzipiert, funktioniert aber im akustisch toten Heimkino nicht wirklich. Ist die DVD defekt oder der Player kaputt? Anderswo bahnt sich die Hörschwäche des Protagonisten mit einem schneidenden Glasharfen-„Tinnitus“ auf der Tonspur an: Warum hat Giesen diese clevere Klangidee nicht ausgebaut? Sehr überzeugend aber vertont er eine chaotische Orchesterprobe, die der stocktaube Beethoven noch dirigieren zu können meint, indem Giesen zum Durcheinander aus dem Takt geratener Instrumentalisten eine an die Zweite Wiener Schule erinnernde Zwölftonmusik voller vertrackter Rhythmik spielen lässt.

Das leidende Genie: fritz Kortner in "Beethoven" (© Foerderverein-Filmkultur-Bonn-e.V.)
Das leidende Genie: Fritz Kortner in "Beethoven" (© Foerderverein-Filmkultur-Bonn-e.V.)

Auf dem Bildschirm ist es der große Charakterdarsteller Fritz Kortner, der das Biopic aus dem Mittelmaß reißt. Die historische Figur ist – anders als etwa Mozart – recht oft porträtiert worden. Und Kortners Physiognomie kommt den breiten, markanten Zügen von Beethoven ziemlich nahe. Mimisch und gestisch hält er sich aber weitgehend zurück, was die cholerischen oder verzweifelten Momente seines Charakters dann umso eindrucksvoller wirken lässt.


Ein opulenter Bilderbogen

Leben und Werk des Komponisten werden in „Beethoven“ zu einem durchaus opulenten Lebensbilderbogen verknüpft. Im Sommer 1926 in Wien-Schönbrunn gedreht – teils im Atelier, teilweise aber auch Schloss Schönbrunn als Außenset nutzend – gleicht der Film vielfach einer Reihung statischer Tableaus. Auf der ästhetischen Höhe seiner (Stummfilm-)Zeit bewegt sich „Beethoven“ kaum.

Vergleichsweise dynamisch wirkt immerhin eine Sequenz in der Mitte des Films, was nicht nur mit der hier unerwartet beschleunigten Schnittfrequenz zusammenhängt. In einer Parallelmontage wechselt sich die prachtvolle Hochzeit der von Beethoven heimlich geliebten Giulietta ab mit der selbstgewählten Einsamkeit des von ihr verschmähten Tonsetzers, der in einer Dachstube Zwiesprache mit den Klaviertasten hält: Eine Schlüsselszene in einem Film, der ausgiebig das Klischee vom Genie bedient, das jegliches Lebens- und Liebesglück seiner künstlerischen Bestimmung opfert. Kortner bietet allerdings dem Pathos die Stirn, das dieses heroische Konzept mit sich bringt, indem er den Momenten des begriffsstutzigen oder linkischen Beethoven einigen Raum gibt.


Eindrucksvoll: Die Todesszene

Rein filmisch ist die zweite Filmhälfte interessanter als die erste geraten. Die durch einen Spiegel in Beethovens Hand gefilmte Todesszene könnte sogar fast von Friedrich Wilhelm Murnau sein: Das Gesicht des Sterbenden ist als Reflexion zu sehen, jäh fällt der Kopf zurück, der leere Spiegel entgleitet der Hand: Ein Mann, aus dem Bild und dem Leben gerissen. Zeit für Jammer und Klage? Im Film sehen wir die verschleierte Therese Brunsvik – laut Drehbuch die von Beethoven in einem Brief angeschriebene „unsterbliche Geliebte“, die in Wahrheit nie identifiziert wurde – vor dem Grabmal des Komponisten. Doch statt mitzutrauern, ruft Malte Giesen lieber Schillers „Ode an die Freude“ in Erinnerung, indem er das Finale der Neunten Symphonie auf der Tonspur krachen lässt. Das ist Widerstandsgeist! Beethoven steckt ja dazu an.


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