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Filmklassiker: Imitation of Life

Montag, 08.02.2021

Am 8. Februar 1921 wurde die US-Schauspielerin Lana Turner geboren. Ihre beste Rolle war die einer Schauspielerin in „Imitation of Life“ von Douglas Sirk

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Zeitlupenhaft rieseln im Vorspann Glitzersteine herab, bis das Bild mit dem geschliffenen Glas angefüllt ist. Glas, keine Diamanten! „Imitation of Life“ (1958), so der Originaltitel des letzten Spielfilms von Douglas Sirk, ist auch eine lakonische Umschreibung der Traumfabrik, für die der 1897 in Hamburg als Hans Detlef Sierck geborene Regisseur herausragende Melodramen schuf, bis er sich 1959 aus dem Filmgeschäft zurückzog. Sirk passte sich den Regeln Hollywoods an, um das System zugleich raffiniert zu unterlaufen. In seinen besten Filmen hielt er der USA einen Spiegel vor, auch wenn die zeitgenössische Filmkritik Sirk meist als Konfektionshersteller verkannte.


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Genau besehen ist der Kitsch etwa in „Imitation of Life“ gar keiner, zumindest kein der Handlung übergestülpter Kitsch. Vielmehr entsprechen die Übertreibungen und falschen Tonlagen des Films der Lebensrealität vor allem einer Hauptfigur: der von Lora Meredith (Lana Turner). Sie ist eine erfolglose Schauspielerin in New York, die sich kaum nach oben zu kämpfen vermag. Erst als sie „das Spiel“ mitspielt, wird sie zum Broadway-Star: Sie geht eine Beziehung mit einem erfolgreichen Dramatiker ein und drängt einen Fotografen, den sie liebt, in die Warteschleife. Lora wird reich und berühmt; am Ende winkt ein Filmangebot in Europa. Doch sie muss erkennen, dass ihre ganze Energie in ihre Arbeit, die Erzeugung von Fiktionen, geflossen ist. Da ist der „Burnout“ nicht mehr weit, wie man das heute nennen würde.

Ein Skandal im realen Leben

Mit der Wahl von Lana Turner zeigte Sirk einmal mehr sein besonderes Händchen für Besetzungen. Gerade bei ihr bewies er ein besonderes Gespür für Stimmungswerte, die nicht (unbedingt) im Drehbuch standen. Die Konflikte zwischen Lora und ihrer Tochter (Sandra Dee) waren vom wirklichen Drama um Lana Turners reale Tochter Cheryl Crane grundiert, die im April 1958 den Liebhaber ihrer Mutter erstochen hatte und am Ende eines auch für Turner quälenden Prozesses wegen Notwehr freigesprochen wurde. Turners Erfolg mit „Imitation of Life“, der größte ihrer Laufbahn, mag zum Teil auch mit den Schlagzeilen um den Skandalprozess zusammenhängen. Doch gerade aus heutiger Sicht ist die Lora-Rolle auch ihre stärkste, noch vor ihren Leistungen in „Im Netz der Leidenschaften“ und „Stadt der Illusionen“, weil Turner die untergründige Daueranspannung ihrer Figur vermittelt – und in einer späten Szene dann auf bestürzend authentische Weise sozusagen die Maske fallenlässt, den Kontrollverlust darstellt: Als ihre Vertraute Annie (Juanita Moore) stirbt, schreit Lora sie an, sie nicht alleinzulassen.

Annie ist die zweite große Frauengestalt in „Imitation of Life“, vielleicht sogar die heimliche Hauptfigur des Films, dessen Handlung sich über ein Jahrzehnt erstreckt. Mit dem gleichnamigen Roman um die Freundschaft zweier Witwen, einer Afroamerikanerin und einer Weißen, hatte die Schriftstellerin Fannie Hurst eines der erfolgreichsten Bücher des Jahres 1933 geschrieben. Gegenüber der Erstverfilmung von 1934 unter der Regie: John M. Stahl schärfte Sirk das immanente Thema des Rassismus.

Annie (im Roman und bei Stahl: Bea) hat eine Tochter, die als Weiße durchgeht. Die erwachsene Sarah Jane (Susan Kohner) setzt sich von der schwarzen Mutter ab, flieht als Revuegirl nach Las Vegas und verleugnet Annie vor einer Kollegin, als ihre Mutter sie noch einmal heimzuholen versucht. Am endgültigen Verlust ihrer Tochter zerbricht Annie und stirbt.

Subtiles Meisterwerk über Rassismus

Der Unterschied zwischen Bea (bei Hurst und Stahl) und Annie liegt weniger im Selbstverständnis der devot-hilfsbereiten Figur, sondern an der veränderten Perspektive auf sie. Bei Sirk wirkt es schräg, kaum hinnehmbar, dass Lora und Annie zwar Freundinnen sind und gemeinsam mit ihren Töchtern in Loras Villa leben, aber Annie bis zum Umfallen in der Küche der Starschauspielerin schuftet. Kurz vor Annies Tod wundert sich Lora darüber, dass die Gefährtin Freundschaften aus alten Zeiten gepflegt hat und sich in der Kirche engagiert. Am Ende begreift Lora, dass sie ein Bild von Annie hat, das der Wahrheit nur bedingt entspricht.

Das von der Vorlage übernommene, bei Sirk aber ins Pompöse verstärkte Finale zeigt Annies Trauerfeier, deren Finanzierung sie sich ein Leben lang vom Munde abgespart hat. In der Kirche singt Mahalia Jackson ‚as herself‘ den Gospel „Trouble of the World“, ein Pferdegespann zieht Annies Leichenwagen, an dem die verspätet eintreffende Tochter reumütig zusammenbricht. Jetzt fließen echte Tränen, wenn man den Strass-Regen im Vorspann als falsche Tränen deutet. Die Trauernden haben ein gutes Stück ihres wahren Lebens verpasst, auf jeden Fall ihre Gefühle verdrängt, während Annie offenbar keinen Zweifel daran hatte, dass der Mensch nur im Jenseits aus dem Jammertal herauskommt.

Douglas Sirk inszeniert Annies Leidensweg so, dass man auf die sozialen Restriktionen ihrer Existenz gestoßen wird. „Imitation of Life“ ist ein subtiles Meisterwerk über Rassismus. Mit einem Brecht-Effekt am Schluss, der lange nachwirkt.


Hinweis: Heimkino-Editionen

Imitation of Life. USA 1934. R: John M. Stahl. Mit Claudette Colbert, Warren William, Rochelle Hudson, Louise Beavers, Fredi Washington. 111 Min. Anbieter: Final Cut (US-Import als DVD)

Imitation of Life. USA 1958. R: Douglas Sirk. Mit Lana Turner, John Gavin, Juanitas Moore, Sandra Dee, Susan Kohner. 125 Min. Anbieter: HanseSound (DVD), Universal (Originalversion, DVD)

Beide Filme sind als Doppel-Blu-ray in England unter dem Titel „Imitation of Life“ erschienen (Regionalcode-free, ohne deutschen Ton). Anbieter: Universal

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