© Alexander Braun (aus dem Band "Will Eisner: Graphic Novel Godfather"; Abbildung zu "The Spirit", 1946)

Will Eisner - Der Graphic Novel Godfather

Freitag, 07.05.2021

Will Eisners „The Spirit“ war vom Film Noir beeinflusst, mit der Erfindung der Graphic Novel hat er das Äquivalent zum Spielfilm im Comic eingeführt.

Diskussion

Seine Comics waren vom Kino und speziell der Film-noir-Tradition beeinflusst: Der 1917 geborene Will Eisner gilt als „Godfather“ der Graphic Novel und beeinflusste mit Werken wie „The Spirit“ und „Ein Vertrag mit Gott“ Generationen von anderen Künstlern. Noch bis 27.6. würdigt eine Ausstellung in Dortmund sein Schaffen, die derzeit virtuell und, sollte es die Pandemie-Lage erlauben, hoffentlich auch bald vor Ort zu sehen ist. Außerdem ist ein hervorragender Band zu der Ausstellung erschienen.


Schon zwei Mal hat der deutsche Künstler Alexander Braun den weltweit wichtigsten Comic-Preis erhalten: den „Eisner Award“. Einmal für seinen mehrere Kilo schweren und überformatigen Band über Winsor McCay, den Mann hinter dem bahnbrechenden surrealen Comic-Strip „Little Nemo in Slumberland“ aus der Frühzeit der Comicstrips, der von 1905 bis in die späten 1920er-Jahre erschien. Und zum zweiten Mal für seinen nur wenig leichteren Band über George Herrimans absurden Minimalismus in seinem Comic-Strip „Krazy Kat“, den er von 1913 bis 1944 zeichnete. Im Frühjahr 2021 hat Braun mit „Will Eisner - Graphic Novel Godfather“ einen weiteren schwergewichtigen Sekundärband zur Comicforschung veröffentlicht. Es ist der Katalog der von ihm kuratierten Ausstellung im Dortmunder „Schauraum – Comic und Cartoon“ über den Namensgeber des Comicpreises Will Eisner, der seine bekannteste Figur „The Spirit“ von 1940 an sehr erfolgreich und autark publizierte. Nicht nur diese Serie über einen geheimnisvollen Helden, der Gangster jagt, verweist auf die Filmgeschichte. Auch mit seinen späteren Graphic Novels, mit denen Eisner die Formensprache der Comics fast im Alleingang um ein Vielfaches erweiterte, bezog er sich mindestens so sehr auf die filmische Sprache wie auf Vorbilder aus der Literatur.

Coverabbildung (© avant/Alexander Braun)
Coverabbildung (© avant/Alexander Braun)

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Ein eigenes Studio

Will Eisner, 1917 in Brooklyn als ältestes Kind jüdischer Migranten aus Österreich geboren, wuchs unter sehr armen Bedingungen auf. Sein Vater, der als Kulissenmaler am Theater kaum für die Familie sorgen konnte, war ihm indes kein abschreckendes Beispiel: Eisner zeichnete schon als Schüler Comicstrips und studierte kurz an der „Art Students League of New York“, wo neben heute bekannten Künstlern wie Jackson Pollock oder Roy Lichtenstein auch der Batman-Erfinder Bob Kane studierte.

Aus Geldmangel musste er die Schule bald abbrechen, hatte aber einen ersten Einblick in die „Hochkultur“ gewinnen können. So wurde er damals zum Fan der experimentell-surrealen Filme von Man Ray. Eisner war aber auch ein großer Genre-Fan und liebte Comic-Strips und Pulp-Magazine. Mit dem Mut der Verzweiflung gründete er mit 19 Jahren kurzerhand ein eigenes Zeichenstudio, mit dem er den wachsenden Markt für Comics als Zeitungsbeilagen belieferte. Das Studio bot seine Produktionen Verlegern als Komplettpaket an und hatte damit schnell Erfolg.

Will Eisner, ca. 1980 (Abbildung aus "Will Eisner: Graphic Novel Godfather, © Alexander Braun)
Will Eisner, ca. 1980 (Abbildung aus "Will Eisner: Graphic Novel Godfather, © Alexander Braun)

Obwohl Eisner sich und seine Familie damit aus der Armut befreien konnte, lockte ihn schon wenige Jahre später eine neue Herausforderung: das längere Comic-Heft. Verpönt als Schund für Kids, verruchter als B-Movies oder Groschenhefte und nur knapp über Pornografie, richtete sich Eisner mit seiner Figur „The Spirit“, zu der ihn die in den 1940er-Jahren aus dem Boden schießenden Superhelden inspirierten, an ein erwachseneres Publikum, die seine zeichnerischen, dramaturgischen und auch inszenatorischen Qualitäten wertschätzten.

Schon die großformatige, jede Story eröffnende Titelzeichnung ist ein kreatives Spiel mit zeichnerischen und gestalterischen Mitteln, wenn Eisner mit der Typografie arbeitete und der Titel etwa auf einer Zeitung durchs Bild weht, Elemente der folgenden Geschichte angedeutet werden oder selbstreflexive Momente Einzug halten. Damit nahm er die durch die wachsende Konkurrenz des Fernsehens bedingten, immer aufwändigeren und raffinierteren Titelsequenzen im Spielfilm vorweg, wie man sie beispielsweise ab Mitte der 1950er-Jahre von Saul Bass kennt. In beiden Fällen ging es darum, Aufmerksamkeit und Anspruch gegenüber konkurrierenden Medien zu postulieren.


Ohne Superkräfte & Heldenkostüm

Im Unterschied zu Superman & Co. jagt Eisners Held die Verbrecher ganz ohne Superkräfte und Superheldenkostüm. Einzig eine fast lächerlich anmutende Augenbinde à la Panzerknacker-Bande ist eine Konzession an die Auftraggeber. „The Spirit“ erzählt stattdessen auch von sozialen Themen und dem Alltag in der Großstadt, in die die Gewalt der Kriminalgeschichte einbricht. Eine inhaltliche und stilistische Nähe gibt es nicht nur zur damals gerade im Kino aufkommenden „Schwarzen Serie“, die Eisner sehr schätzt. So sieht man in den unzähligen Geschichten, die von 1940 bis 1952 erscheinen, typische Film-noir-Szenen: Einen in einer Seitengasse niedergeschossenen Helden, der es nicht schafft, die nur wenige Meter entfernten und in ihrem Alltag aufgehenden Stadtbewohner auf seine Notlage aufmerksam zu machen. Eine Verfolgungsjagd durch die Kanalisation der Großstadt. Eine Nachtszene, in der aus dem Schwarz der Tinte nur eine kurze Flamme und dann die Glut einer Zigarette aufscheinen, während im Hintergrund durch ein kleines Fenster sicht- und hörbar („cluckety clack, clicka clickety“) eine Hochbahn vorbeirattert.


Ausstellungsansicht zu "Will Eisner: Graphic Novel Godfather" (© Alexander Braun)
Ausstellungsansicht zu "Will Eisner: Graphic Novel Godfather" (© Alexander Braun)

Die Figuren, mitunter realen Hollywood-Stars nachempfunden wie etwa die kühle Skinny Bones, die auf Lauren Bacall verweist, werfen lange Schlagschatten. Der Gestank der Gosse windet sich in Schlieren um die Protagonisten. Oft schüttet es nur so aus Kübeln.

Eisner erkundete mit „The Spirit“ aber auch systematisch die Möglichkeiten ungewöhnlicher Perspektiven. Bereits 1946, also ein Jahr vor der Entstehung des komplett mit subjektiver Kamera erzählten Film noir „Die Dame im See“ von und mit Robert Montgomery hat Eisner in der Geschichte „The Killer“ um einen traumatisierten Weltkriegs-Veteran eine subjektive Perspektive eingenommen. Der Leser blickt direkt durch die Augenhöhlen des Protagonisten, deren Ränder noch zu sehen sind, auf das tödliche Geschehen.


Humor und die „Schwarze Serie“

Ein entscheidender Unterschied zur Schwarzen Serie ist allerdings der Humor in den „Spirit“-Geschichten. Vorbild für den ironischen und mitunter tölpelhaften Ton des Protagonisten war Cary Grant, der seit Ende der 1930er-Jahre mit Filmen wie „Leoparden küsst man nicht“ sein humoristisches Potenzial entfaltete und dieses mit Eleganz und Action paarte. Comic-Forscher weisen aber zu Recht darauf hin, dass Eisner kein Epigone war oder filmische Elemente lediglich adaptiert hätte. Er arbeitete zeitgleich zu den Entwicklungen in Hollywood an seiner Serie und war Teil des Genres – nur in einem anderen Medium.

Doch 1952 war Schluss für den „Spirit“. Der Druck der wöchentlichen Fließbandarbeit hatte seine Spuren hinterlassen. Eisner zog sich aus dem hart umkämpften Geschäft zurück und arbeitete fortan für die US-Armee als Illustrator für Instruktions-Comics, also in Comic-Form gehaltene Gebrauchsanweisungen, die die größten Lernerfolge bei den Soldaten zeitigten. Auch für andere Institutionen fertigte sein Büro solche Comics für die Erwachsenenbildung an. Für die Öffentlichkeit war Eisner damit verschwunden, auch wenn es immer wieder Versuche gab, alte Geschichten neu aufzulegen. Möglich war dies, weil Eisner als einer der ersten Zeichner darauf geachtet hatte, sowohl die Rechte als auch die Originale seiner Arbeit zu behalten.

Mit seinem Rückzug aus dem Comicgeschäft entging er unbeabsichtigt dem Comics Code. Durch den Versuch, Comics auch für Erwachsene attraktiv zu machen, war der Anteil der Titel mit „Sex & Crime“ und Horror-Themen stark gestiegen. Ab 1954 kamen die Verlage – inmitten der McCarthy-Ära – dem öffentlichen Druck durch strenge Selbstzensur zuvor. Erst mit dem Aufkommen der Gegenkultur der 1960er-Jahre hielten dann wieder radikalere Themen Einzug in die Comics. Denn die Zeichner*innen der 1960er-Jahre hatten eigene Verlage und Vertriebssysteme aufgebaut und scherten sich nicht weiter um die Beschränkungen.


Der Erfinder der „Graphic Novel“

Diese neue Generation erinnerte sich auch an die Kreativität des fast vergessenen Will Eisner. Dem missfiel zwar die inhaltliche Radikalität der neuen Generation – von Robert Crumb („Fritz the Cat“, 1972 als erster erst ab 18 Jahren zugelassener Animationsfilm der USA verfilmt) bis Gilbert Shelton („Freak Brothers“) – nicht aber die selbstbewusste Autonomie und der kreative Umgang mit der Formensprache. Das entfachte neuerlich Eisners Tatendrang; einmal mehr glaubt er, dass das Medium noch mehr leisten könne. Eisner macht sich daran, den Comic im Langformat, sozusagen auf Spielfilmlänge, zu denken. Seine erste Veröffentlichung in dieser Form erscheint 1978 unter dem Titel „Ein Vertrag mit Gott“ und enthält erstmals den Untertitel „A Graphic Novel“. Ein Comic in Buchformat, denn Eisner wollte damit unbedingt im klassischen Buchhandel landen.

Aus "Ein Vertrag mit Gott"
Aus "Ein Vertrag mit Gott" (Abbildung aus "Will Eisner: Graphic Novel Godfather, © Alexander Braun)

Allein für die Eröffnungssequenz nahm er sich eine Erzählzeit, die in einem klassischen Comic-Heft gar nicht denkbar wäre. Auf sieben Seiten wird der Protagonist Frimme Hersh begleitet, wie er im strömenden Regen von der Beerdigung seiner Tochter in seine Wohnung zurückkehrt, ehe er dort zusammenbricht und sich die Regentropfen mit seinen Tränen vermischen. Dabei bricht Eisner die klassische Panel-Struktur des Comics auf. Häufig nehmen die Bilder eine ganze Seite ein; der Text wird ungerahmt zum Teil des Bildes. Nicht selten finden mehrere Bilder ohne Trennung durch eine Rahmung neben- oder untereinander Platz – sie fließen förmlich ineinander.

Viele der Stilmittel könnte man wie generell bei Comics mit filmanalytischem Vokabular beschreiben; einiges davon ist jedoch singulär dem Comic vorbehalten. Neben formellen Verweisen auf Film und Literatur und den stilistischen, comicspezifischen Neuerungen ist auch die Konzentration auf Alltagsbeobachtungen, soziale Phänomene und nicht zuletzt autobiografische Themen eine Neuerung, die man Will Eisner zuschreiben kann.

Zu seiner zweiten Graphic Novel lässt er sich durch den Science-Fiction-Boom der späten 1970er-Jahre inspirieren, durch „Star Wars“, „Star Trek“ und Filme wie Spielbergs „Unheimliche Begegnung der dritten Art“.

In den folgenden 25 Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 2005 hat Eisner noch zahlreiche Graphic Novels zu Themen wie Antisemitismus und Faschismus, jüdisches Leben, Großstadt- und Familiengeschichten veröffentlicht, stets angereichert mit autobiografischen Momenten. Nicht nur der Begriff „Graphic Novel“, der inzwischen für Comics im dickeren Buchformat allgegenwärtig ist, geht auf Eisner zurück, sondern auch die thematische Erweiterung des Mediums Comic.

Ob er eine Würdigung seines Werkes durch Frank Millers Verfilmung „The Spirit“ aus dem Jahr 2008 geschätzt hätte, lässt sich schwer sagen. Doch ein derart formalistischer (und Gewalt betonender) Blick auf seine Arbeit geht an Eisners inhaltlichen Anliegen weit vorbei.

Will Eisner; Graphic Storytelling and Visual Narrative, 1996 (
Will Eisner: Graphic Storytelling and Visual Narrative, 1996 (Abbildung aus "Will Eisner: Graphic Novel Godfather, © Alexander Braun)

Will-Eisner-Ausstellung in Dortmund

Der „Schauraum“ in Dortmund würdigt mit „Will Eisner – Graphic Novel Godfather“, bis 27.6.2021 die erste große monografische Ausstellung in Deutschland, dessen Verdienste. Die Ausstellung konnte wegen der Pandemie im Januar 2021 nicht eröffnen. Seit Februar kann man die Ausstellung zumindest als digitalen 360-Grad-Rundgang im Internet erkunden; je nach Pandemie-Lage könnten im Mai/Juni wieder Termine für Vor-Ort-Besichtigungen möglich werden. Eine Schwachstelle der digitalen Ausstellung mit vielen Originalzeichnungen, Druckwerken und anderen Exponaten aus Eisners Leben und Schaffen sowie Texttafeln, die das Material einordnen, ist die unbefriedigende Auflösung der Originalzeichnungen, die nur verpixelt zu sehen sind. Hier kann ein Blick in den gleichnamigen Ausstellungskatalog von Alexander Braun Abhilfe schaffen. Neben dem Abdruck von Eisners Originalseiten findet sich hier ein akribisch recherchierter Text, wie man es von Brauns Arbeit als Kurator und Autor gewohnt ist. Neben biografischen Aspekten und einer intensiven Auseinandersetzung mit Eisners Werk erfährt man auch viel über die US-amerikanische Comicgeschichte – von den frühen Zeitungsstrips über die Comichefte bis zu den Underground-Comix der 1960er- und 1970er-Jahre sowie den Entwicklungen hin zur Graphic Novel, wie man sie heute kennt.

Ein unverzichtbarer Band für Comic-Aficionados und ein toller Einstieg für Interessierte!



Hinweise:

Die Ausstellung „Will Eisner – Graphic Novel“ im Schauraum comic + cartoon in Dortmund ist seit dem 19. April aktuell wegen der Corona-Pandemie geschlossen; wann genau sie vor Ort öffnen kann, ist noch unbekannt. Die Ausstellung kann aber virtuell in einer 360-Grad-Präsentation besucht werden.

Zur Ausstellung ist der gleichnamige Katalog „Will Eisner – Graphic Novel Godfather“ von Alexander Braun im avant Verlag Berlin erschienen. 384 Seiten, 25x32 cm, 4c, zahlreiche Abb., 39 EUR. Bezug: in jeder Buchhandlung oder hier.

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