© IMAGO / Mary Evans (aus „Liebe im 3/4 Takt“)

Es ist gut, oder? - Senta Berger wird 80

Dienstag, 11.05.2021

Ein Interview mit der Schauspielerin Senta Berger, die auf weit mehr als hundert Kinofilme und Fernsehserien zurückblickt

Diskussion

Am 13. Mai feiert Senta Berger ihren 80. Geburtstag. Schon mit 16 Jahren stand die Schauspielerin zum ersten Mal vor der Kamera. Und wagte mit 23 Jahren den Sprung nach Hollywood, wo sie mit Frank Sinatra, John Wayne oder Kirk Douglas drehte. Nicht nur der Liebe zu Michael Verhoeven wegen zog es sie aber wieder nach Deutschland zurück.



Sie gehören zu einer Generation, die „forever young“ auf ihre Fahnen schrieb. Wie fühlen Sie sich, wenn der 80. Geburtstag naht? Graut Ihnen vor der Zahl?

Senta Berger: Die Zahl und das sich damit verbindende Ereignis bleibt bis jetzt völlig irreal, unfassbar. Deshalb fehlen mir auch die Worte. Dieser Hilflosigkeit im Leben muss man eine Form geben, um sie überhaupt auszuhalten. Wir werden also meinen Geburtstag feiern. Im kleinen Kreis der Familie und mit wenigen Freunden. Das ist mir immer schon das Liebste gewesen: Mit Menschen, zu denen ich Vertrauen habe und für die ich Liebe empfinde, die Feste des Lebens zu feiern.

Es heißt, dass das Alter nichts für Feiglinge sei. Möchten Sie noch einmal 20 sein, oder sind Sie froh, jetzt alles ruhiger angehen können?

Berger: Ich wäre sehr gerne noch einmal 20. Das war eine herrliche Zeit! Ich stand am Anfang meiner Entwicklung und habe die Welt entdeckt. Im gewissen Sinne auch mich. Ich habe begonnen, den Beruf ernst zu nehmen und damit auch mich. Und ich war ständig verliebt – herrlich! Ruhiger angehen? Das entspricht nicht meinem Temperament. Ich habe keine Zeit, es „ruhiger anzugehen“. Ganz im Gegenteil. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit. Das ist kein tröstlicher Gedanke, aber mein Zeitfenster wird immer schmaler und Corona verengt es noch mehr. Trotzdem versuche ich, gelassen zu bleiben. Vielleicht ist das schon „weise“.


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An welche Zeit erinnern Sie sich besonders gerne?

Berger: Es gab viele schöne Zeiten, viele Glücksmomente. Sicherlich gehört dazu meine Kindheit in liebevoller Geborgenheit, ein Fundament für mein ganzes Leben. Und die Begegnung mit Michael Verhoeven, unsere gemeinsamen Jahre in Rom, und etwas später die Geburt meiner Söhne. Es erfüllt mich auch mit Freude, dass wir mit unserer Filmfirma Sentana Film wichtige und richtige Filme geschaffen haben, von „Die Weiße Rose“ über „Die schnelle Gerdi“ bis zu „Willkommen bei den Hartmanns“.

Zum 80. Geburtstag war Senta Berger in einer neuen Rolle in dem Fernsehdrama „An seiner Seite“ zu sehen (© ZDF/Arte, Hendrik Heiden)
Zum 80. Geburtstag war Senta Berger in einer neuen Rolle in dem Fernsehdrama „An seiner Seite“ zu sehen (© ZDF/Arte, Hendrik Heiden)

Schon als Sechsjährige sollen Sie gewusst haben, dass Sie einmal Schauspielerin werden. Gab es später einen „Masterplan“ oder sind Sie mehr dem Zufall gefolgt?

Berger: Wir wollen nicht übertreiben. In einem Schulheft fand ich gerade eine sogenannte „Redeübung“, die ich dazu benutzte, vor der Klasse über mein bisheriges Leben zu erzählen. Da formulierte ich als Zehnjährige, dass ich unbedingt Schauspielerin werden möchte. Mit sechs oder sieben Jahren trat ich mit meinem Vater bei sogenannten „Bunten Abenden“ auf. Das war noch in der fernsehlosen Zeit, als man sich live unterhalten ließ. Ich nahm Ballettunterricht und man hatte einige Tänze mit mir einstudiert. Mein Vater, ein ausgebildeter Pianist, saß am Klavier. Mir machten alle Vorstellungen Spaß. Kein Lampenfieber. Das kam erst später und hat mich nie mehr verlassen. Nein, einem Masterplan bin ich nicht gefolgt. Dazu müsste man wohl strategisch denken können. Das ist aber eine mir fremde Fähigkeit. Ich verfügte allerdings immer schon über eine gute Unterscheidungsgabe: was ist wichtig, was nicht. Entscheidender war für mich, herauszufinden, um was es in meinem Beruf überhaupt geht. Und dass Textlernen allein nicht reicht. Auch nicht Autogramme geben. Oder mit einer Limousine zur Arbeit abgeholt zu werden. Der Beruf hat alle meine guten Anlagen gefördert: Neugier, Fantasie, Disziplin. Er hat aber auch meine schwächeren Anlagen herausgestellt: Zweifel, Unsicherheit, Skepsis. Heute denke ich, beide Seiten sind notwendig, um jeweils Kompromissfähigkeit und Kompromisslosigkeit zu ermöglichen.

Anfang der 1960er-Jahre wagten Sie sich nach Hollywood. War das mutig oder passierte das einfach so?

Berger: Meinen ersten US-Film hatte ich schon 1960 in Wien mit Richard Widmark gedreht, „Geheime Wege“, einen Politthriller. Zwei Jahre später wurde ich in einem Walt-Disney-Film besetzt „Liebe im ¾ Takt“ (1963). Anschließend spielte ich in dem Film „Die Sieger“ (1962) ein deutsches „Fraulein“ im zerstörten Berlin. Columbia produzierte den Film und bot mir 1963 einen Fünfjahresvertrag für Kinofilme an und Universal Film einen Vertrag für Fernsehfilme. Ich ging also mit zwei Verträgen in der Tasche nach Los Angeles. Wäre ich gefallen, wäre ich weich gefallen. Dennoch war es der Mut der Unwissenheit, dass ich mir diese Aufgaben fast selbstverständlich zutraute. Ich war 23!

Hollywood ist der Traum fast jeder Schauspielerin. Sie sind aber nach einigen Filmen nach Deutschland zurückgekehrt. Wurmt Sie das im Nachhinein?

Berger: Die US-amerikanischen Filme waren für meine Generation in den 1950er-Jahren die Nahrung, die es zum Träumen brauchte. Ich weiß auch nicht, wieso ich Hollywood dennoch ziemlich nüchtern gegenüberstand. Es mag mit der Generationenablöse in den 1960er-Jahren zu tun haben, die damals mehr ein Bruch war. Ich wurde sehr liebevoll empfangen und habe im ersten Jahr in zwei großen US-Kinofilmen mitgewirkt und in zwei Fernsehfilmen. Ein Angebot, am Broadway zu spielen, habe ich abgelehnt. Zur Verzweiflung meiner Agenten habe ich überhaupt viel abgelehnt. Das lag wahrscheinlich daran, dass ich damals bereits mit Michael Verhoeven zusammen war und meine Reisen zu ihm nach Europa zunahmen. Ich spürte, dass der Mann und Europa mich mehr interessierten als Hollywood. In Frankreich gab es die „Nouvelle Vague“, in Deutschland den „Neuen deutschen Film“, und ich saß da in Los Angeles und machte einen Film mit Dean Martin („Wenn Killer auf der Lauer liegen“). Dazu kam, dass ich mit meiner Musikalität sehr schnell und sehr gut Amerikanisch lernte, aber trotzdem nicht gut genug war, um eine US-Amerikanerin darzustellen. Meine Rollenmöglichkeiten waren begrenzt. Man schrieb keine eigenen Drehbücher mehr wie noch für Ingrid Bergman. Es lockten spannende Angebote aus Europa, ich hatte Heimweh, packte meine Koffer und habe es nie bereut.

An der Seite von Dean Martin im Agentenreißer „Wenn Killer auf der Lauer liegen“ (© IMAGO / Mary Evans)
An der Seite von Dean Martin im Agententhriller „Wenn Killer auf der Lauer liegen“ (© IMAGO / Mary Evans)

Was empfinden Sie als größte Änderung im Filmgeschäft der vergangenen Jahrzehnte?

Berger: Die Änderungen fußen alle auf technischen Neuerungen. Im Laufe der Jahre wurde das Filmmaterial immer empfindlicher und man benötigte keine großen Scheinwerfer mehr. Die Kameras wurden leicht und beweglicher, die Mikrophone feiner und kleiner. Man konnte also auch außerhalb der Studios drehen, auf den Straßen, in originalen Motiven. Die Schauspieler konnten leiser, „natürlich“ sprechen, sich natürlicher bewegen, die Kameras folgten ihnen. Ein ganz neuer Stil des Spielens und generell des Filmemachens entstand. Heute kann man mit dem Handy Filme aufnehmen. Aber es braucht immer noch eine gute Geschichte.

Denken Sie bei weit mehr als hundert Kino- und Fernsehfilmen an eine Rolle besonders gerne zurück? Die vielleicht auch ein Stück von Ihnen war?

Berger: Ich komme vom Repertoiretheater und habe auch als Filmschauspielerin Repertoire gespielt, also die verschiedensten Rollen. In Deutschland gefiel mir vor allem die Mona in „Kir Royal“ und mehr noch die Gerdi in der Serie „Die schnelle Gerdi“. Aber eben auch die Frau Böhm in „Frau Böhm sagt Nein“ oder die Anita in „Satte Farben vor Schwarz“ mit Bruno Ganz und natürlich die Frau Prohacek in „Unter Verdacht“. Ein ganz besonderes Vergnügen war die Rolle der Frau Hartmann in „Willkommen bei den Hartmanns“ unter der Regie meines Sohnes Simon Verhoeven.

Die Frauenbewegung war ein Motor der damaligen Zeit. Sie gehörten 1971 zu den Frauen, die im „Stern“ erklärten: „Ich habe abgetrieben“, um den Paragraph 218 abzuschaffen. War das eine große Überwindung?

Berger: Wir waren die erste Generation, die Fragen gestellt hat. Nach der Vergangenheit unseres Landes und nach seiner Gegenwart. Die Gegenwart war in vielen Bereichen durch eine schmerzende Doppelmoral gezeichnet. Das Wort „Abtreibung“ alleine finde ich schon diskriminierend. Es geht um Schwangerschaftsabbruch, der jede Frau in tiefe Konflikte stürzt. Und hinter jeder Frau steht ein Mann. Ein Mann, der nicht nur um die Situation des möglichen Abbruchs weiß, sondern ihn sogar verlangt. Es war eine Zeit, in der die „Pille“ als Verhütungsmittel eine entscheidende Rolle spielte. Die Kirche hat die „Pille“ verboten, als Todsünde gebrandmarkt. Andererseits hat sie auch ledige Mütter und deren Kinder verurteilt. Sie bot Frauen, die sich in ihrer Ausweglosigkeit für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden, weder geistige noch materielle Hilfe an. Der Staat hatte diese Moralvorstellung weitgehend übernommen. Reiche Familien schickten Töchter und Frauen in die Niederlande, wo ein Schwangerschaftsabbruch möglich war. Oder man fand in Deutschland Ärzte, die für hohe Honorare einen Abbruch vornahmen. Auf diese fadenscheinige Moral wollten wir mit unserer Aktion hinweisen. Das ist uns geglückt.

Eingebunden im Neuen deutschen Film: „Die Moral der Ruth Halbfass“ (© IMAGO / United Archives)
Eingebunden im Neuen deutschen Film: „Die Moral der Ruth Halbfass“ (© IMAGO / United Archives)

Vor wenigen Wochen haben Sie in der „Zeit“ über sexuelle Übergriffe durch Kirk Douglas, Richard Widmark oder O.W. Fischer berichtet. Warum haben Sie diese jetzt noch einmal öffentlich gemacht?

Berger: Ich habe 2006 in meiner Autobiografie „Ich habe ja gewusst, dass ich fliegen kann“ von einigen Belästigungen als sehr junge Schauspielerin erzählt. Es gab darauf überhaupt keine Reaktionen, weder von den Medien noch von anderen Frauen. Vor Kurzem hatte ich ein Interview mit einer Journalistin über meinen Werdegang. So kamen wir auch auf die Episoden mit O.W. Fischer zu sprechen oder die mit dem Produzenten Darryl Zanuck. Die heutigen Reaktionen zeigen, dass sich in den letzten zehn, fünfzehn Jahren doch sehr viel im Bewusstsein der Gesellschaft geändert hat, was die Position der Frau betrifft. Ich möchte allerdings sagen, dass Kirk Douglas’ Versuch, mich zu küssen, nicht unter die Rubrik „sexueller Übergriff“ fällt. Es war vor allem für ihn peinlich. Ich glaube, wir müssen den Begriff „Missbrauch“ neu definieren.

Sie gehören zu den wenigen, die als Schauspielerin trotz des Alters noch erfolgreich arbeiten. Gibt es so etwas wie Solidarität unter den Kolleginnen?

Berger: Was die Spiegelung unserer gesellschaftlichen Situationen im Fernsehen betrifft, werden sich die Geschichten, die mit 60-jährigen und älteren Schauspielerinnen erzählt werden, danach richten, ob und wie die Position älterer Frauen in der Gesellschaft definiert wird. Natürlich gibt es Solidarität – schon allein durch die Verbundenheit des gemeinsamen Berufs. Aber wir haben eine schwierige Geschichte in Deutschland. Lange Zeit fehlte ein Zentrum, lange Zeit schienen Ideologien unüberwindbar. Nun ist eine Generation an der Reihe, die das anders machen kann und wird.

Ihre Familie gilt als Musterfamilie. Gibt es ein vererbtes „Film-Gen“? Auch ihre Söhne Simon und Luca sind im Filmbusiness erfolgreich.

Berger: „Musterfamilie“ – das klingt furchtbar. Mein Mann und ich wollten immer Kinder haben, und nun haben die Söhne wieder Söhne, und wir sind mit anderen Verhoevens eine große Familie. Das erscheint mir ganz natürlich. Unsere Söhne sind mit unseren Berufen aufgewachsen, die waren für sie selbstverständlich. Das hat ihnen die Angst vor dieser doch sehr unwägbaren Branche genommen. Beide sind für unseren Beruf talentiert. Kreativ, mutig, neugierig, sie interessieren sich für Menschen. Mein zehnjähriger Enkel David macht schon seine eigene Musik und will Komponist und Drehbuchautor werden.

Wollen Sie jetzt etwas kürzertreten? Können Sie überhaupt ohne die Schauspielerei leben?

Berger: Ich ziehe mich langsam aus dem Beruf zurück und gehe in den Unruhestand. Mal sehen, welche Arbeit mich noch herausfordert und auch Vergnügen macht. Mit gerade mal 16 Jahren habe ich meinen ersten Film gedreht, „Die Lindenwirtin vom Donaustrand“. Und jetzt bin ich 80! Es ist gut, oder?

Im Kino war Senta Berger zuletzt 2016 im erfolgreichen Film ihres Sohnes Simon Verhoeven zu sehen (© Warner)
Im Kino war Senta Berger zuletzt 2016 im Film ihres Sohnes Simon Verhoeven zu sehen (© Warner)

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