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Quentin Tarantinos Debütroman

Freitag, 06.08.2021

In seinem ersten Roman „Es war einmal in Hollywood“ erzählt Quentin Tarantino die Handlung seines letzten Films von 2019 neu und setzt andere Schwerpunkte

Diskussion

Seine Karriere als Regisseur soll nur noch einen einzigen weiteren Film umfassen, in der Zwischenzeit hat Quentin Tarantino mit „Es war einmal in Hollywood“ seinen ersten Roman geschrieben. Darin erzählt er die Handlung seines letzten Films von 2019 neu, setzt aber andere Schwerpunkte, nutzt die literarischen Möglichkeiten und schafft ein entspannteres Pendant zu seinem filmischen Spiel mit Pointen und Kontrasten.


Wegen ein paar Besorgungen ist Sharon Tate mit dem Porsche nach Westwood gefahren. Eigentlich hat die Schauspielerin nicht viel Zeit, aber dann wird sie geradezu magisch vom geschichtsträchtigen Fox Bruin Theater angezogen, genauer gesagt von der dort laufenden Agentenparodie Rollkommando (1968). Tate selbst spielt darin die tollpatschige Assistentin von Dean Martin. Als sie die Kassiererin zu überreden versucht, ihr als einer der Stars des Films freien Eintritt zu gewähren, zweifelt diese zunächst an der Identität der Besucherin. Zwar erkennt die Angestellte, dass die Schauspielerin auf dem Poster auch in Das Tal der Puppen (1967) mitgespielt hat, nicht jedoch, dass es sich dabei auch um die Frau handelt, die gerade vor ihr steht. Schwer vorstellbar, dass sich jemand von der mythischen Welt der Leinwand in die Wirklichkeit verirrt haben könnte.

Der Witz an dieser Szene aus Once Upon a Time... in Hollywood ist jedoch, dass es diese Trennung im Film gerade nicht gibt. Quentin Tarantinos letzte Regiearbeit siedelt seine mäandernden Geschichten rund um den strauchelnden Schauspieler Rick und seinen cowboyartigen Stuntman Cliff in einem L.A. des Jahres 1969 an, in dem Dichtung und Wahrheit miteinander verschmelzen. Wenn man dieselbe Szene nun noch einmal in Tarantinos Romandebüt liest, bleibt das Déjà-vu aus. Tatsächlich erzählt „Es war einmal in Hollywood“ vordergründig fast dieselbe Geschichte. Vieles ist jedoch abgewandelt, ausschweifender und detaillierter, prall gefüllt mit amüsanten Anekdoten und kenntnisreich Erfundenem.

Sharon Tate (Margot Robbie) im Film „Once Upon a Time... in Hollywood“ (© Sony)
Sharon Tate (Margot Robbie) im Film „Once Upon a Time... in Hollywood“ (© Sony)


Popkulturelle Bezüge verleihen den Figuren Kontur

Besonders der Reichtum an popkulturellen Bezügen erschöpft sich nicht in bloßem Namedropping, sondern dient häufig dazu, Stimmungen zu vermitteln oder Figuren Kontur zu verleihen. Während Tates Einkaufsbummel erfahren wir etwa genau, was sie im Radio hört (das erste englischsprachige Album von Françoise Hardy), was sie für ein Buch kauft (Thomas Hardys „Tess“, das ihr Mann Roman Polanski 1978 verfilmen wird) und was sie trägt („weiße, lacklederne Go-go Boots“). So wie sich Tarantino als Meister der Mimikry bisher an Genres wie Western, Martial-Arts-, Gangster- und Blaxploitation-Filmen abgearbeitet hat, ist dies nun seine nerdige Edelvariante eines Schundromans. Die Dialoge sind gewohnt markig, die Beschreibungen pointiert und bildhaft, der Erzählton rau, ohne zynisch zu sein.

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„Es war einmal in Hollywood“ ist kein Roman zum Film, sondern eine Neuerzählung, die ihre literarischen Mittel gekonnt auszukosten weiß. Von allem bekommt man hier mehr, vom kulturhistorischen Hintergrund bis zu den Gedanken der Charaktere. Während Tates Kinobesuch im Film etwa wie die Unternehmung einer wenig erfahrenen Schauspielerin wirkt, die ihre Prominenz noch nicht ganz fassen kann, dreht sich die Stelle im Buch um die nagende Unsicherheit, ob eine Slapstick-Nummer aus dem Film beim Publikum funktioniert.

Hollywood ist im Roman zugleich sagenumwobener Sehnsuchtsort und Hafen der Enttäuschten. Das ehemalige Model Tate hätte hier ein Star werden können. In einem späteren Kapitel begegnen wir ihrem jüngeren, schüchternen Ich, das von der texanischen Heimat einst nach L.A. trampte. Mit ein paar kleineren Filmrollen begann Tate 1969 gerade erst zu beweisen, dass sie mehr zu bieten hatte als nur ein hübsches Gesicht. Noch im selben Jahr wurde sie aber von der überwiegend weiblichen Gefolgschaft des Sektenführers Charles Manson ermordet.

Karriere im Umbruch: Der frühere Filmstar Rick schlägt sich mit Fernsehauftritten durch (© Sony)
Karriere im Umbruch: Der frühere Filmstar Rick schlägt sich mit Fernsehauftritten durch (© Sony)


Viel Raum für Blicke auf verhinderte Karrieren

Tarantinos Blick ist nicht frei von Nostalgie, widmet sich aber meist zersetzenden Selbstzweifeln und verhinderten Karrieren. Die Figuren werden im Buch plastischer und die Verbindungen zwischen ihnen klarer. Manson etwa bekommt deutlich mehr Aufmerksamkeit und wird als gescheiterter Folkmusiker porträtiert, der sich an Prominente wie Dennis Wilson von den Beach Boys ranschmeißt. Über Umwege widmet sich Tarantino auch immer wieder den Biografien von Kino-Außenseitern: etwa Tom Laughlin, der eine Reihe unabhängig produzierter Actionfilme um den Halbblut-Kriegsveteranen Billy Jack drehte, oder den in unzähligen B-Movies spielenden Aldo Ray, der in einem späten Kapitel als alkoholkrankes Wrack auftritt.

Der Filmkarriere als ewigem, oft ziemlich würdelosem Kampf widmet sich Tarantino besonders mit seinem fiktiven Protagonisten Rick. Nach einem hoffnungsvollen Karrierestart in den 1940er-Jahren verkörpert der von Selbstmitleid zerfressene, regelmäßig seiner Whiskey-Sour-Sucht erliegende Schauspieler mittlerweile nur noch Bösewichte in Fernsehproduktionen. Den etwas anrüchigeren, billigeren und randständigeren Ausformungen des Kinos bringt der konservative und etwas einfach gestrickte Rick nur Verachtung entgegen. Dass sein Agent ihn nun in Spaghetti-Western unterbringen will, sieht er als weitere Demütigung.

Der heimliche Held des Romans ist allerdings Ricks Stuntman, Chauffeur und ergebener Freund Cliff. Obwohl der gutaussehende Vietnam-Veteran scheinbar jede Frau rumkriegt und jeden Faustkampf gewinnt, hat er zu viele falsche Entscheidungen in seinem Leben getroffen. Was wäre gewesen, wenn er damals in Paris Zuhälter geworden wäre oder seine Frau nicht mit einer Harpune zweigeteilt hätte? Tarantino widmet sich Cliffs Vergangenheit wie einem reißerischen Exploitationfilm mit analytischer Note. Nicht nur über die Herkunft seines Pitbulls und den wahren Grund für die Keilerei mit Bruce Lee erfahren wir mehr, sondern auch ausgiebig von seinen filmischen Vorlieben.

Im Roman werden die Figuren noch mehr durch ihre Ausstattung charakterisiert (© Sony)
Im Roman werden die Figuren noch mehr durch ihre Ausstattung charakterisiert (© Sony)


Ein ganzes Kapitel als Ode an Programmkinos

Cliff ist zwar ein Raubein alter Schule, öffnet sich jedoch, anders als sein Boss, gerne dem Neuen und Unbekannten. Ein ganzes Kapitel, das sich seinen Entdeckungen widmet, ist als Ode an jene Programmkinos angelegt, die sich damals auf ausländische Filme spezialisierten. Cliff schwärmt von japanischen Samurai-Streifen, aber auch von europäischen Arthouse-Produktionen, die deutlich freizügiger und ambivalenter waren als alles, was aus Hollywood kam. Seine Leidenschaft für instinktgetriebene, an Schauwerten nicht geizende Filme sowie seine Geringschätzung für das dröge Kunstkino von Bergman und Antonioni scheinen ganz der Philosophie des Autors entsprungen zu sein. Cliffs Stammkino heißt heute übrigens New Beverly und gehört niemand geringerem als Tarantino.

Ein verdichtetes Bild für die Umbruchszeit des Jahres 1969 schafft Tarantino durch die direkte Nachbarschaft von Rick und den Polanskis. Auf der einen Seite befindet sich das alte, bereits im schleichenden Niedergang befindliche Hollywood, auf der anderen der aufstrebende, bezeichnenderweise auf einem Hügel angesiedelte Kinoerneuerer. Während Typen wie Rick wie Auslaufmodelle eines traditionellen Studiosystems wirken, die angewidert vom modernen Zeitgeist sind, verkörpert der junge, sich als Künstler verstehender Europäer Polanski einen selbstbewussten Bruch mit bewährten Mustern. Anhand von Rosemary’s Baby (1968) wird nachgezeichnet, wie der polnische Regisseur einst die Konventionen des Horrorkinos unterwanderte.

Solche spannenden und erkenntnisreichen Abstecher gibt es zuhauf. Einige Fakten fügen sich derart geschmeidig in die Welt des Romans ein, dass sie sich Tarantino nicht besser hätte ausdenken können. Die Manson Family etwa hat sich tatsächlich für zwei Jahre auf der Filmranch von George Spahn eingenistet, wo so berühmte Western wie Howard Hughes’ Geächtet (1943) und King Vidors Duell in der Sonne (1946) gedreht wurden. An anderen Stellen werden wiederum schamlos Anekdoten über Otto Preminger und George Cukor erfunden oder seitenweise in die Handlung der Westernserie „Lancer“ eingetaucht, für die Rick vor der Kamera steht. Zwar hat es die Serie wirklich gegeben, nicht jedoch den Pilotfilm, dem sich Tarantino so ausführlich widmet.

Heimliche Hauptfigur im Roman: Stuntman Cliff (© Sony)
Heimliche Hauptfigur im Roman: Stuntman Cliff (© Sony)


Fiktion als Weg zur Erlösung

Fiktion ist hier eine lustvolle Spielerei, eine Möglichkeit, der Wahrheit näher zu kommen, aber auch ein Weg zur Erlösung. Der Ungerechtigkeit, dass Tates Status als Ikone der Swinging Sixties von ihrem grausamen Tod überschattet wird, stellt „Es war einmal in Hollywood“, ganz dem märchenhaften Versprechen seines Titels, einen alternativen Verlauf der Geschichte entgegen.

Ausgerechnet die beiden gewalttätigen, im Film recht prominent platzierten Konfrontationen mit der Manson Family fehlen im Roman allerdings entweder komplett oder werden nur in einem Nebensatz erwähnt. Tatsächlich wirkt das Buch deutlich entspannter, weniger von Pointen und Kontrasten als von liebevollen Abschweifungen geprägt. Gegen Ende rückt dann immer stärker die Beziehung zwischen Rick und seiner 8-jährigen Co-Darstellerin Trudi in den Vordergrund. Der verbitterte Alkoholiker und das altkluge Mädchen reiben sich zwar aneinander, entwickeln sich aber nicht zu Gegenspielern, sondern zu einem unschlagbaren Dreamteam. Statt auf einen Kulturkampf zwischen progressiven und konservativen Kräften setzt Tarantino auf ein versöhnliches Generationentreffen, das auf schöne Weise verdeutlicht, dass man auch von einer Umbruchszeit erzählen kann, ohne das Alte gegen das Neue auszuspielen.


Hinweis:

Quentin Tarantino: Es war einmal in Hollywood. Roman. Übersetzt von Thomas Melle & Stephan Kleiner. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021. 416 Seiten. 25 Euro. Erhältlich in jeder Buchhandlung oder hier.

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