© 78. Filmfestival Venedig (aus „Scenes from a Marriage“)

78. Filmfestival Venedig: „Mütter“ revisited

Mittwoch, 08.09.2021

Bei der 78. „Mostra“ werden der Mythos der Mutterschaft und deren gesellschaftliche Bedingungen kritisch durchleuchtet.

Diskussion

Der Mythos der Mutterschaft wird beim 78. Filmfestival in Venedig in zahlreichen Beiträgen kritisch durchleuchtet, vor allem mit Blick auf die Überforderungen durch die Mutterrolle, aber auch auf die Folgen, wenn es eine Frau wagt, sich den traditionellen Erwartungen zu entziehen. Unübersehbar werden die gesellschaftlichen Anforderungen an Frauen als Mütter auf den Prüfstand gestellt.


Sich an eine Neuverfilmung von einem so überragenden Werk wie Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“ zu wagen, erfordert ein gehöriges Maß an Chuzpe. Hagai Levi, der Showrunner der israelischen Serie „Be Tipul“ und deren US-Remake „In Treatment“, präsentierte bei der 78. „Mostra“ mit der Serie „Scenes from a Marriage“ ein fesselndes Update dieses Stoffes. Levi baut in der Grundkonstellation und auch dramaturgisch stark auf der Vorlage auf, verleiht der Geschichte einer nach zehn Jahren scheiternden Ehe aber einen neuen Drall. Jetzt ist es nicht mehr der Mann, der zuerst aus der Ehe in eine neue Beziehung ausbricht, sondern die Frau; angesichts ihrer Gefühle für einen jüngeren Mann wird ihr ihre Vorzeige-Existenz als moderne Ehefrau und Mutter zu eng. Die Produktmanagerin einer Tech-Firma ist die Hauptverdienerin der Familie, während der Mann die Hauptlast bei der Erziehung der Tochter schultert. Unmittelbar nach dem überstürzten Auszug seiner Frau muss er sich gleich als Alleinerziehender behaupten, da sie für einige Monate im Ausland arbeitet.

Dass die Neuverfilmung sich neben der Originalserie sehen lassen kann, hängt auch mit den beiden Darstellern und ihrer Chemie zusammen. Dem Spiel von Oscar Isaac und Jessica Chastain, das sich zu schmerzhafter Intensität aufschwingt, merkt man die Vertrautheit der beiden Schauspieler an, die sich schon seit Studienzeiten an der Juilliard School kennen; beide fungieren für die Serie auch als Co-Produzenten und haben offensichtlich viel Herzblut in ihre Rollen gesteckt.


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„Scenes from a Marriage“ ist nur einer von vielen Beiträgen beim 78. Filmfestival in Venedig, die sich an Gender-Rollen abarbeiten; dabei geht es aus unterschiedlichsten Perspektiven auch um Mutterschaft und oder die Frage, was das Mutterwerden für Frauen bedeutet. Das begann schon mit Pedro Almodóvars „Madres paralelas“, in dem sich um Penélope Cruz und Milena Smit als zwei Frauen, die ungeplant schwanger geworden sind und sich in der Geburtsklinik ein Zimmer teilen, ein vielschichtiges Melodram um weibliche Beziehungsnetze und Mutterschaft in ihren biologischen, sozialen und psychologischen Facetten entrollt. Ein versehentlicher Tausch der Babys in der Klinik belastet die Freundschaft der Frauen mit einem Geheimnis, an dem eine von ihnen schwer trägt, weil sie die Wahrheit hinterm Berg hält.

„Madres parallelas“ (© StudioCanal)
„Madres parallelas“ (© StudioCanal)

Almodóvar parallelisiert nicht nur die Geschichte zweier Frauen, die mit unterschiedlichen Ausgangsbedingungen zur Mutter werden, sondern auch das Private und das Gesellschaftliche. In den Plot um die verborgene Wahrheit über die leibliche Mutterschaft wird eine Handlungslinie verwoben, in der es um Herkunft und die Historie geht, deren verdrängte Dimensionen ans Licht gebracht werden sollen. Denn eine der beiden Frauen, die Fotografin Janis, bemüht sich darum, ein Massengrab öffnen zu lassen, in dem die Falangisten in den 1930er-Jahren viele Bewohner ihres Heimatdorfes, darunter auch einen ihrer Vorfahren, verscharrten.


Eine „unnatürliche“ Mutter

Im Wettbewerb lief auch das Regiedebüt der US-Schauspielerin Maggie Gyllenhaal. „The Lost Daughter“ ist die Adaption des gleichnamigen Romans von Elena Ferrante, in dem zwei Zeitebenen zum Porträt einer „unnatürlichen“ Mutter verwoben werden. Die Protagonistin Leda trifft dabei die Entscheidung, sich auf eine Affäre ein- und ihre Familie inklusive ihrer beiden Töchter zu verlassen und sich ganz ihrer Karriere als Literaturwissenschaftlerin zu widmen; noch Jahre später trägt sie an einer Bürde aus latenter Scham, die während eines Griechenlandurlaubs wieder virulent wird.

In der Hauptrolle von Olivia Colman (als ältere Frau) und Jessie Buckley (als ihr jüngeres Selbst) suggestiv verkörpert, überzeugt der Film durch die Sensibilität, mit der die inneren Konflikte der Hauptfigur an die Lebensumstände zurückgekoppelt werden, die in der Vergangenheit ihre Entscheidung mitbedingt haben und in der Gegenwart ihre Erinnerungen triggern – ein beklemmend ehrliches Drama über die Herausforderung, dass Elternschaft für Frauen häufig ein höheres Maß an Verantwortung mit sich bringt als für Männer – und über den psychischen Preis, den eine Rebellion gegen diese Rollenverteilung kostet.

Auf radikale Weise verfolgt die Regisseurin Audrey Diwan in dem Film „L’événement“ etwas Ähnliches. Teil des Films ist eine drastisch-blutige illegale Abtreibung. Der Film spielt im Frankreich der frühen 1960er-Jahre und kreist um eine Schülerin, die sich auf ihr Examen vorbereitet und studieren will – bis eine ungeplante Schwangerschaft alle ihre Pläne zunichtezumachen droht. Das Drama konzentriert sich auf den Druck und das Dilemma der Protagonistin, die entweder das soziale Stigma einer ledigen Mutter und das Ende ihrer beruflichen Ambitionen oder aber das Risiko einer illegalen Abtreibung in Kauf nehmen muss. Ein enges Bildformat und das intensive Spiel der Hauptdarstellerin Anamaria Vartolomei vermitteln nahezu körperlich die Zwangslage und Isolation der Figur, wobei die Inszenierung durch eine zurückhaltende Ausgestaltung die bleibende Aktualität des Themas betont.

„The Lost Daughter“ (© Yannis Drakoulidis)
„The Lost Daughter“ (© Yannis Drakoulidis)

Single-Mom-Dasein als Hochleistungssport

Einen wahren Actionfilm in Sachen weiblicher Überforderung entfaltet das Drama „A plein temps“ von Eric Gravel, in dem Laure Calamy eine Single Mom verkörpert, deren ohnehin schon ziemlich prekärer Alltag, bei dem sie einen Job als Zimmermädchen in einem noblen Hotel in Paris und die Betreuung ihrer beiden Kinder synchronisieren muss, zu kollabieren beginnt, als aufgrund von Streiks im öffentlichen Nahverkehr das Pendeln zwischen Arbeits- und Wohnort zur Tour de Force wird. Durch einen kongenial-treibenden Soundtrack von Irène Drésel befeuert, absolviert der Film an der Seite der Protagonistin rund 85 Minuten lang einen Hochleistungs-Parcours, neben dem die Abenteuer so mancher Superhelden wie ein Sonntagsspaziergang wirken. Ein weiterer Film, der laut und unbequem gesellschaftliche Erwartungen und Anforderungen an Mütter auf den Prüfstand stellt.

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