© Stefan Klüter

Der König und der Hampelmann - Franz Rogowski

Dienstag, 16.11.2021

Ein Interview mit Franz Rogowski zu „Große Freiheit“

Diskussion

Der 1986 geborene Franz Rogowski ist in den letzten Jahren zu einem der meistbegehrten deutschen Darsteller geworden. Für Sebastian Meises Drama Große Freiheit(ab 18.11. im Kino) wurde er gerade für den „Europäischen Filmpreis“ nominiert. Darin spielt er den Homosexuellen Hans Hoffmann, der wegen des berüchtigten Strafrechtsparagraphen 175 immer wieder ins Gefängnis kommt. Ein Gespräch über Freiheitsvorstellungen und einen ungewöhnlichen Werdegang.


Haben Sie sofort zugesagt bei der Rolle des Hans Hoffmann oder brauchten Sie Bedenkzeit?

Franz Rogowski: Ich habe da ziemlich schnell zugesagt. Das Drehbuch und die Figuren waren ein Geschenk. Mir gefiel auch, dass ich die Hauptrolle spielen sollte. Hier hat sich alles gefügt.

Der Film heißt „Große Freiheit“. Eine mehr philosophische Frage: Was ist Ihre Vorstellung von Freiheit?

Rogowski: Meine Vorstellung von Freiheit ist eine Mischung aus Sicherheit und Unabhängigkeit von dem, was Sicherheit erzeugt. Im Alltag funktionieren diese Gleichungen oft nicht so gut, aber das macht nichts. Für Hans besteht die Freiheit darin, das ihn unterdrückende System anzunehmen und nicht zu bekämpfen.

Wo bleibt da der Widerstand?

Rogowski: Einen Widerstand gibt es wohl, sonst gäbe es Hans ja gar nicht. Er hat eine Identität und bewegt sich im Leben. Dafür wird er ins Gefängnis gesteckt. Man könnte sagen, der Widerstand kommt hier vom System, in dem er lebt. Es ist ein bisschen eine Umkehrung von der Idee von Widerstand, die wir meistens haben. Hier ist ein Mensch, der ein in sich geschlossenes Wesen ist, und das System geht dazu in den Widerstand. Hans lebt sein Leben im Widerstand des Systems, das ihn umgibt. Er kommt nicht raus aus diesem Raum, und so richtet er sich häuslich ein in diesen Mauern.


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Der § 175 ist Vergangenheit, aber sind Vorurteile gegen Schwule wirklich ausgeräumt?

Rogowski: Ich glaube, Vorurteile sind im Allgemeinen nicht ausgeräumt. Auch nicht gegen Schwule. Das „Gute“ an Vorurteilen ist, dass man nicht immer alles von vorne durchdenken muss. Das empfinden wir als angenehm, und ich bin auch selber täglich mit eigenen Vorurteilen konfrontiert, mit denen ich mir die Welt vereinfache. Man sollte nur nicht den Fehler begehen und die eigene Beschränktheit zum Gesetz erklären.

Isoliert in der Haft: Franz Rogowski in „Große Freiheit“ (© Freibeuterfilm/Rohfilm)
Isoliert in der Haft: Franz Rogowski in „Große Freiheit“ (© Freibeuterfilm/Rohfilm)

Die gleichgeschlechtliche Ehe ist seit 2017 in Deutschland möglich. Aber können wir uns zufrieden zurücklehnen, wenn auf den Schulhöfen „Du Schwuler“ oder „Du Schwuchtel“ gängige Schimpfworte sind?

Rogowski: Gleichgeschlechtliche Beziehungen werden in den meisten Teilen der Welt unterdrückt, selbst in Europa, nehmen Sie Ungarn oder Polen.

Zurück zum Film: Wie ist es, wenn zwei Schauspiel-Schwergewichte wie Sie und Georg Friedrich aufeinandertreffen? Misst man sich aneinander, wächst man aneinander?

Rogowski: Wir haben Billard gespielt. Mit Georg Friedrich zu arbeiten, war eine große Freude und Inspiration. Neben so einem Schauspieler wird es einem leicht gemacht, die eigene Figur lebendig werden zu lassen.

Sie kehren zwischendurch immer wieder zum Theater zurück, wie zu den Münchner Kammerspielen, wo Sie drei Jahre festes Ensemblemitglied waren. Was bietet Ihnen das Theater, was das Kino nicht kann, oder auch umgekehrt?

Rogowski: Das Theater hat diesen echten Ort, an dem sich Menschen treffen. Die Leinwand bleibt eine Leinwand. Beide haben ihre eigenen Potenziale – Theater wird es immer geben – ein Raum, wo sich Leute treffen, wo einer etwas Verrücktes macht, stellvertretend für die anderen. Eine Geschichte, so alt wie die Menschheit. Das Tolle am Kino ist, dass man eben diesen Theaterraum verlassen und rausgehen kann in die Welt.

Und wie unterscheidet sich die Zusammenarbeit mit den Regisseuren?

Rogowski: Als Tänzer im Theater und später Performer und Schauspieler habe ich die großen Hauptrollen nie bekommen. Ich war da eher mit Regisseuren konfrontiert, die sich auf Performancetheater oder Konzeptinstallationstheater fokussierten. Da war man dann ein Teil eines kollektiven Körpers. Das gucke ich mir gerne an. Ich glaube auch, dass ich mehr Hoffnung und Einsichten für mein Leben und unsere Zukunft im Theater gefunden habe als im Kino, auch der Kunst war das oft näher. Aber nach zehn Jahren solcher Arbeit bin ich heilfroh, dass ich da rausgekommen bin. Die kollektiven Körper eines Scheinkollektivs zerfallen irgendwann wieder in ihre Einzelschicksale, und dann bleiben da die Namen des Regisseurs, des Dramaturgen und des Intendanten. Und der Rest ist Geschichte. Ich hoffe, das wird nicht falsch verstanden. Was ich sagen will, ist: Die meisten Theater sind voll mit großartigen Schauspielern und Schauspielerinnen, die in prekären Verhältnissen täglich Höchstleistungen erbringen sollen. Ich kann von Glück reden, nicht mehr Teil dieser Struktur zu sein.

Hans (Franz Rogowski) und seine große Liebe Oskar (Thomas Prenn) (© Freibeuterfilm/Rohfilm)
Hans (Franz Rogowski) und seine große Liebe Oskar (Thomas Prenn) (© Freibeuterfilm/Rohfilm)

Wenn man wie Sie vom Tanz kommt, von der nonverbalen Ausdruckskunst, setzt man da im Film mehr auf Körperlichkeit oder suchen Sie sich solche Rollen eher zufällig aus?

Rogowski: Da steckt ein bisschen Mythos dahinter. Jede Figur geht von A nach B, liebt und lebt und scheitert, man lacht und weint und rennt gegen Wände. Das alles ist mit körperlichen Zuständen verbunden. Ich halte es auch für einen Mythos, dass ich Körperlichkeit besonders ausstrahle.

Aber Sie schlurfen nicht gerade über die Leinwand.

Rogowski: Privat schlurfe ich viel, im Film versuche ich, das möglichst zu vermeiden, es sei denn, die Rolle erfordert es. Ich versuche, mich zu reduzieren, sodass die einzelne Handlung einen erkennbaren Raum bekommt. Wenn einfache Bewegungen etwas über das Innenleben der Figur erzählen, muss ich meine Gefühle auch nicht so stark verbalisieren, dann reicht oft ein Blick, eine Geste. In diesem Rahmen wird der Körper dann vielleicht auch mehr wahrgenommen.

Sie haben mit sehr unterschiedlichen Regisseuren gearbeitet wie Michael Haneke, Jakob Lass, Angela Schanelec oder Terrence Malick. Die einen lassen Improvisation zu, die anderen geben ganz klar alles vor, wie Haneke. Was gefällt Ihnen mehr?

Rogowski: Je besser und ausgefeilter ein Drehbuch ist und je mehr man dem Regisseur vertraut, umso besser nimmt man auch seine Vorgaben an. Aber meistens ist es so, dass sich gemeinsam etwas entwickeln lässt, was stärker ist als die einzelnen Fantasien der Beteiligten. Da tauscht man sich im Vorfeld aus, schreibt zum Teil Szenen noch einmal um, begibt sich gemeinsam auf die Suche, bei jeder Einstellung eine Form zu finden, die funktioniert. Aber es gibt natürlich auch Regisseure, die mit sich selbst so hart ins Gericht gehen, dass dabei eine vollendete Form entsteht, bevor man überhaupt angefangen hat, zu drehen. Blöd nur, dass die Schauspieler oft so unberechenbar sind.

Fehlt Ihnen manchmal der Besuch der Schauspielschule oder sind Sie froh, nicht in dieser Maschinerie gelandet zu sein?

Rogowski: Ich weiß es nicht. Ich habe schon ein Stück weit diese klassische Ausbildung verpasst, ich nutze manchmal vielleicht einen anderen Weg, einen Monolog zu erarbeiten, als jemand von der Schauspielschule. Andererseits gibt es manchmal an Schulen eine Tendenz, die Schüler so zu bewerten, dass die Lehrer das Ganze gut finden können. Lehrer sind leider meistens nur für Grundlagen gut, aber nicht für die eigene Handschrift. Sonst wird daraus schnell Schönschrift und das muss nicht unbedingt gut sein.

Knastgenossen aus unterschiedlichen Sphären: Hans und Viktor (Georg Friedrich) (© Freibeuterfilm/Rohfilm)
Knastgenossen aus unterschiedlichen Sphären: Hans und Viktor (Georg Friedrich) (© Freibeuterfilm/Rohfilm)

Sind Sie eitel?

Rogowski: Ich bin eitel.

National und international sind Sie gefragt, die Regisseure reißen sich um Sie. Packt Sie manchmal die Angst bei diesem Höhenflug?

Rogowski: Ab und zu verfolgt mich diese Angst, weil man als Schauspieler immer angewiesen ist auf neue Drehbücher. Und die Angebote müssen ja auch zu einem passen. Ich bin auf der Suche nach Stoffen mit einem Mehrwert. Das erzeugt eine gewisse Unsicherheit, die dann paradoxerweise teilweise noch zunimmt, je mehr man im Rampenlicht steht, weil der Druck von außen sich erhöht. Im ersten Jahr der Pandemie fehlte mir eine Perspektive, das war sehr unangenehm. Im Moment kann ich dagegen gar nicht alle Angebote annehmen. Es läuft gut für mich. Aber ich darf mir da keine Illusionen machen, nach drei schlechten Filmen hintereinander ist erst einmal die Luft raus.

Sie verkörpern meistens keine unbeschwerten Figuren. Könnten Sie sich vorstellen, auch mal in einer Komödie den fröhlichen Kerl zu mimen?

Rogowski: Den mime ich ihnen gerne mal, den fröhlichen Typen.

Sie haben gerade die Dreharbeiten zu „Disco Boy“ beendet mit dem italienischen Regisseur Giacomo Abbruzzese. Über ein neues Projekt mit einem New Yorker Regisseur und internationaler Besetzung in Paris dürfen Sie noch nichts sagen. Gefällt Ihnen das Nomadenleben?

Rogowski: Ja, das ist schön. Aber noch lieber bin ich zu Hause. Ich liebe feste Tagesabläufe und meine Kaffeemaschine.

Wie finden Sie immer wieder auf den Boden zurück, erden sich selbst?

Rogowski: Ich bin nicht besonders geerdet.

Die Zelle betont den Kammerspiel-Charakter des Films (© Freibeuterfilm/Rohfilm)
Die Zelle betont den Kammerspiel-Charakter des Films (© Freibeuterfilm/Rohfilm)

Sollten Schauspieler eine Vorbildfunktion haben?

Rogowski: Ich empfehle niemanden, mich zum Vorbild zu nehmen. Wer in der Öffentlichkeit steht, wird mehr beurteilt und auch mehr verurteilt.

Also meiden Sie lieber die Öffentlichkeit?

Rogowski: Manche Kollegen sind gut darin, permanent in der Öffentlichkeit zu stehen. Ich bin nicht der Typ Selbstvermarkter, ziehe mich eher zurück.

Also sind Instagram und Co. nichts für Sie?

Rogowski: Ich bin auf Instagram und schaue da jeden Tag rein. Oft ist es die erste App, die ich morgens öffne, mir die Werbung reinziehe und meine eigenen Fotos angucke. Ich würde gerne damit aufhören, aber ich bin süchtig.

Als junger Mann galten Sie als Querulant. Kommt es Ihnen jetzt seltsam vor, auf der Erfolgswelle zu schwimmen?

Rogowski: Heute ist mein Leben schon anders als vielleicht vor zehn Jahren. Manchmal fühle ich mich wie ein König und manchmal wie ein Hampelmann.

Macht Sie Erfolg glücklich?

Rogowski: Nur kurz, in fünf Minuten ist es vorbei. Dann dominieren wieder Fragen des Alltags. Erfolg ist keine Grundlage, auf der man leben kann. Dieses Festhalten an dem, was schon passiert ist, liegt mir nicht. Im Freuen über Vergangenes bin ich nicht so gut.

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