© imago/Eventpress (Leander Haußmann)

Sympathie für Verlierer - Leander Haußmann & seine „Stasikomödie“

Sonntag, 15.05.2022

Eine Begegnung mit dem Regisseur und Dramatiker Leander Haußmann und seinem neuen Film „Stasikomödie“

Diskussion

Mit „Stasikomödie“ hat der Film- und Theatermacher Leander Haußmann eine dritte komödiantische Aufarbeitung der DDR nach „Sonnenallee“ (1999) und „NVA“ (2005) gedreht. Diesmal rückt er einen naiven jungen Mann ins Zentrum, der als Stasi-Agent in den 1980er-Jahren die Künstlerszene in Prenzlauer Berg infiltriert und von der Faszination für das Milieu gepackt wird. Verrat, Heimlichkeiten und die Dissidentenkultur der DDR werden humorvoll und aus ungewohnter Warte aus betrachtet. Eine Begegnung mit einem Regisseur, der keinen weiteren Film über böse Stasi-Mitarbeiter drehen wollte.


Eigentlich wollte ich mich mit Leander Haußmann für eine Rundfunksendung nur über seinen Film „Sonnenallee“ unterhalten. Ort des Gesprächs war sein Arbeitszimmer mit Blick auf den Müggelsee in Berlin-Friedrichshagen. Die meisten Plakate und Erinnerungsstücke erinnerten darin an seinen großen Kinoerfolg aus dem Jahr 1999, der mit dem prägnanten Satz endet: „Es war einmal ein Land. Ich habe darin gelebt. Das war die schönste Zeit meines Lebens, denn ich war jung und verliebt.“ Genauso könnte man auch seinen neuen Film „Stasikomödie“ überschreiben, der gewissermaßen eine Ergänzung zu „Sonnenallee“ mit einem Blick von der anderen Seite ist. Er basiert auf Haußmanns eigenem Theaterstück „Staatssicherheitstheater“, das 2018 in der Berliner Volksbühne uraufgeführt wurde.


Ohne Zorn

Am Ende des Gesprächs über „Sonnenallee“ kommt Haußmann auf seinen neuen Film zu sprechen. Kann man überhaupt eine „Komödie“ über die Stasi machen? „Ich bin ohne Zorn, ja, ich bin einfach ohne Zorn, denn ich bin in einer Art Vergebungsstimmung. Ich kann vergeben. Ich habe nicht in Hohenschönhausen gesessen. Ich muss da keinem Wärter vergeben. Aber der Stasi-Mann, der arme Stasi-Mann, der nebenan gewohnt hat und den Scheißjob hatte, mich auszuspionieren, der tut mir in gewisser Weise leid. Weil der ja der Verlierer ist. Verlierer haben von Hause aus bei mir mehr Sympathien als Gewinner. Deshalb jetzt eine Stasi-Komödie. Das ist durchaus so: Ich feiere ein bisschen die Verlierer. Ich reiche ihnen die Hand. Ich will, dass sie aufstehen. Dass sie nicht mehr wütend sind und sich in der AfD zusammenschließen. Wir wussten ja auch damals schon, als die Menschen auf die Straße gingen, als es nicht mehr so gefährlich war, dass die anderen ja schon dazukamen. Die haben auch ,Wir sind das Volk‘ gerufen.“

Bei der Arbeit: "Stasikomödie (Constantin Film)
Bei der Arbeit: "Stasikomödie (© Constantin Film)

Leander Haußmann wurde in Quedlinburg in Sachsen-Anhalt geboren und machte zunächst eine Druckerlehre, dann war er Matrose bei der Nationalen Volksarmee der DDR. Sein Vater war in der DDR ein bekannter Schauspieler, seine Mutter Kostümbildnerin. Deshalb war auch ihm ein anderer Weg bestimmt. Also besuchte Haußmann die legendäre Schauspielschule Ernst Busch in Berlin, aber nur „kurz“, wie er sagt; immerhin waren es vier Jahre, ehe er Regisseur am Deutschen Nationaltheater Weimar wurde. In Detlev Bucks „Männerpension“ übernahm er eine kleine Filmrolle, bevor er sich an seinen ersten Kinofilm „Sonnenallee“ herantraute. Dann ging es erst einmal weiter auf dem Theater. Haußmann wurde 1995 Intendant des Schauspielhauses Bochum, drehte aber immer mehr erfolgreiche Kinofilme wie „Herr Lehmann“, eine Art West-Gegenstück zum Subkultur-Porträt, diesmal eben im Westen von Berlin angesiedelt.

Weiter ging es mit „NVA“ (2005), mit der umstrittenen Komödie „Warum Männer nicht zuhören undFrauen schlecht einparken“ (2007) und der Tragikomödie um Kabarett-Imitatoren von Hitler und Stalin, die ins „Hotel Lux“ (2011) führt. Dann kam „Das Pubertier“ über eine rebellische Tochter und ihre Verwandlung nach einer Romanvorlage von Jan Weiler. Nach „Stasikomödie“, der wegen der Pandemie mehr als zwei Jahre auf einen Kinostart warten musste, inszenierte Haußmann zuletzt seine Variante von Molières Klassiker „Der Geizige“ am Thalia-Theater in Hamburg.


Auf schreckliche Weise komisch

Zum Theater und zu seinen grundständigen Theaterkenntnissen zieht ihn auch immer wieder die Argumentation, wenn er darüber spricht, was auf „schreckliche Weise komisch“ sein kann: „Es gibt eine Szene bei Shakespeare, die wird auch bei Quentin Tarantino in ,Pulp Fiction' kopiert. Das ist die Blaupause für alles, was auf schreckliche Weise komisch ist: Wenn die beiden Killer sich unterhalten, bevor sie dann an ihr Tagwerk gehen. Das ist ganz groß und ist auch heute noch groß und gut gealtert. Ursprünglich ist das eine Szene aus ‚Richard III.‘, wenn die Mörder den Clarence umbringen. In dem Moment denken sie über ihren Beruf nach. Wenn sie dabei moralische Aspekte hereinbringen, werden sie plötzlich ‚menschlich‘, aber sie können nicht mehr ‚professionell‘ töten. Ihr Opfer muss leiden, weil sie es nicht mehr richtig machen, und auch nicht schnell genug. Der Mord gleitet ihnen buchstäblich aus der Hand. Die versuchen ihn in einem Weinfass zu ersäufen. Das ist natürlich großartig und wurde nie mehr erreicht, denn die beiden Clowns sind ja Killer. Sie haben einen Auftrag. Dummerweise fangen sie an, sich über ihren Auftrag zu unterhalten. Hätten sie doch Schweigen gelernt. Und in meinem Fall? Na ja, es gibt keinen wirklich lustigen Film über die Stasi. Das andere ist, dass man aufhören muss, diese Leute als „entmenscht“ anzusehen, das bringt nichts. Das führt uns nicht weiter.“

Wir sind alle Verrräter: "Stasikomödie" (Constantin Film)
Wir sind alle Verrräter: "Stasikomödie" (© Constantin Film)

Haußmann beschäftigt sich in dem Film vor allem mit dem Verrat und der Angst, mit der die Hauptfigur in die Dissidentenkultur in Ostberlin hineinrutscht und diese sogar prägt. Seine Spitzelberichte werden durch seinen liebevollen Blick als besonders authentische und subversive Literatur missverstanden und begründen eine Karriere, von der er später nicht mehr lassen kann. „Ich rede ja nicht von Mördern oder Todesschützen, sondern nur von diesen jungen Leuten, die möglicherweise gar keine andere Chance hatten, als bei der Stasi zu arbeiten. Denen möchte ich die Hand reichen, weil wir uns selbst die Hand reichen müssen. Wir sind alle Verräter. Wir betrügen unsere Frauen. Wir lügen tagein, tagaus. Wir scheißen uns an, wenn wir zum Chef müssen. Wir sollten einfach ein bisschen mehr Gnade walten lassen gegenüber der Vergangenheit und uns nicht immer darin sonnen, dass wir in dieser Situation nicht waren. Wir sind natürlich alle ‚Helden‘ gewesen. Unter der Folter hätten wir nie jemanden verraten? Dass dem nicht so ist, ahnen wir, aber wir wollen es nicht in Filmen sehen. Ich werte eben nicht. Wir wissen, dass die Stasi scheiße war. Meine Figuren sind aber im Grunde auch in ihrer Blödheit sympathisch, vor allem die Hauptfigur, die von David Kross gespielt wird. Der ist eher so einer wie Jean-Pierre Léaud bei Truffaut. Der geht staunend durch die Welt und reagiert auf jede einzelne Situation. Ich liebe diese Filme von Truffaut. Ich hasse es, wenn ich schon am Anfang sehe, dass jemand so und so ist und man gleich weiß, dass er am Ende durch die Liebe einer Frau ein besserer Mensch wird. Mein Protagonist ist viel zu jung, um ein besserer Mensch zu werden; aber er ist nicht mal ein besserer Mensch, wenn er alt ist. So etwas kommt mir einfach nicht aus der Feder. Man kann das, was er notiert, schon aufschreiben; aber sagt er seiner Frau, dass er bei der Stasi war? Oder sagt er es ihr nicht? Nein, er sagt es ihr nicht und damit muss er leben. Das ist seine Strafe. Er kann es ihr nicht sagen, weil es zu viele Kollateralschäden gäbe. Er ist ja schon ein berühmter Schriftsteller. Wenn er sich outet, dann hat er keine Leser mehr. Alles, was sie an ihm geliebt haben, ist plötzlich kaputt. Also lieber nichts sagen.“


Komödiantische Verdrehung

Haußmann setzt sein feinstes Lächeln auf. Es ist das Lächeln eines Provokateurs, der sich darauf verlegt, die unbequemen Wahrheiten zu sagen. Davon ist schon Sonnenallee geprägt. Weil er damals noch nie einen Film gemacht hatte, erlaubte man ihm, vorab zu Trainingszwecken einen Trailer zu drehen. Er steckte Detlev Buck in die Uniform eines Volkspolizisten, und im Radio hört man: „Und aus gegebenem Anlass bauen wir die Mauer wieder auf.“ Dann sah man, wie sie in Babelsberg die Kulissen an der Sonnenallee wieder aufbauten. Mit diesem hintergründig-sarkastischen Spot eroberte er das Publikum, noch bevor der Film überhaupt abgedreht war. Davon erzählt Haußmann noch immer mit sichtlichem Vergnügen. Gerade die komödiantische Verdrehung verrät in seinem Kino oft mehr über die Wahrheit als die ganze Story.

Mit einer zugespitzten kleinen Szene im Billy-Wilder-Stil beschreibt er in „Stasikomödie“ auch das „Unglück“ der Geburt am falschen Ort. Können wenige Meter den künftigen Lebenslauf entscheiden? „Wenn man nicht wie ich das Glück hatte, in Berlin in einem künstlerischen und intellektuellen Umfeld mit Wolf Biermann und all diesen Leuten aufzuwachsen. Wenn ich eher in Lichtenberg aufgewachsen wäre, mit diesen Neubausiedlungen, wo all die Stasi-Leute untergebracht waren, die in der Normannenstraße gearbeitet haben, was wäre dann aus mir geworden? Wir wissen ja, dass die Kinder der Stasi besonders rekrutiert wurden. Wer will das verurteilen? Da hätte ich dann eben Pech gehabt. Ich hatte eine solche Szene in „Stasikomödie“ drin; die ist dann aber leider der Schere zum Opfer gefallen. Zwei junge Männer. Der eine kriegt ’nen Notizblock mit einem Stift, der andere eine Staffelei mit weißer Leinwand und Ölfarbe. Der eine wird Maler, der andere Stasi-Spitzel.“

Feinste Provokation: "Stasikomödie" (Constantin Film)
Feinste Provokation: "Stasikomödie" (© Constantin Film)

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