© Lars Henrik Gass (Plakat beim 2. Kongress "Zukunft Deutscher Film")

Abschied von morgen

Mittwoch, 18.05.2022

Der 2. Kongress „Zukunft Deutscher Film“ zeigt den Filmbetrieb in ratloser Depression

Diskussion

Im Rahmen des Frankfurter „Lichter Filmfests“ fand vom 11. bis 13. Mai 2022 auch der 2. Kongress „Zukunft Deutscher Film“ statt. Anknüpfend an den ersten Kongress 2018 sollten auch diesmal die Krisen und Probleme der deutschen Film- und Kulturpolitik mit ihren Auswirkungen auf das Kino diskutiert und Lösungsansätze erarbeitet werden. Tatsächlich aber demonstrierte die Veranstaltung vor allem Denkstarre und Ängste bei den Teilnehmern, die noch immer auf die Zusammenarbeit mit Strukturen setzen, deren Schaden für die Entwicklung von Filmkunst längst unbestreitbar ist.


„Was gewöhnlich als Ziel bezeichnet wird – das Glück des Individuums, Gesundheit und Reichtum –, gewinnt seine Bedeutung ausschließlich von seiner Möglichkeit, funktional zu werden. Diese Begriffe kennzeichnen günstige Bedingungen für geistige und materielle Produktion. Deshalb hat die Selbstverleugnung des Individuums in der Industriegesellschaft kein Ziel, das über die Industriegesellschaft hinausgeht. Solcher Verzicht bringt hinsichtlich der Mittel Rationalität und hinsichtlich des Daseins Irrationalität hervor.“

Max Horkheimer: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft


Auf Filmkongressen sprechen Akteure der Filmbranche einander liturgisch wirtschaftliche Gravität zu, auch wenn sie objektiv nicht gegeben ist. Solche Ereignisse waren in diesem Land, in dem es offenbar als Grundrecht angesehen wird, Geschäfte mit Film und Kino um jeden Preis und selbst auf Kosten von Kindern zu machen, immer schon Teil eines großen Illusionspanoramas in der Wagenburg des deutschen Films. Dort werden künstlerische Inkompetenz und der Untergang des Kinos als kulturelle Praxis achselzuckend in Kauf genommen. Doch seit dem Jahr 2018 hat der deutsche Filmbetrieb ein Forum der Opposition, seinen eigenen Kirchentag, den Kongress Zukunft deutscher Film, der Teil des Lichter Filmfests in Frankfurt am Main ist. Dieser geht auf einen Impuls von Edgar Reitz zurück, der als Unterzeichner des Oberhausener Manifests dazu beigetragen hat, dass hierzulande eine Filmförderung entstanden ist, die künstlerischen Absichten ein Überleben auf dem Markt sichern sollte.

Mittlerweile muss man allerdings zu dem Ergebnis kommen, dass sich der Markt den Zugriff auf Filmförderung fast umfänglich gesichert hat und von der Kunst kaum etwas übrigbleibt. Der einzige Begriff von Qualität, der in der deutschen Filmförderung noch überlebt hat, ist der Erfolg an der Kasse; bleibt der aus, gilt das Scheitern als Kultur, an der generell nur so viel Interesse besteht, wie es fürs Geschäft taugt.

Aus dem ersten Kongress, dem seit 2018 der Pandemie wegen erst jetzt ein zweiter folgen konnte, gingen die sogenannten Frankfurter Positionen hervor. Mit der Sammlungsbewegung hat es nicht so recht geklappt, weil versucht wurde, den Aufbruch ins Ungewisse mit jenen schaurigen Kräften aus den Zentren der Macht zu harmonisieren, die diesen bereits bleierne Jahre lang verhinderten. Kurzer Draht, lange Leitung: Die Positionen sind in hölzerner Prosa im Stil von Koalitionspapieren verfasst, die weder Manifest bleiben noch Programm werden konnten oder gar politisch wirkten und wohl irgendwo in den Akten der Ministerialbürokratie verschwanden, zusammen mit ungezählten, alle Beteiligten auszehrenden Briefen, Erklärungen und Nicht-Erklärungen, Appellen und Petitionen danach. Die Beharrungskräfte des Systems sind groß und der Grad der Ungenauigkeit der Positionen mindestens ebenso. In der Ministerialbürokratie verweist man auf die Uneinigkeit der Verbände, um zu begründen, warum man selbst nicht liefert. Das bringt ein merkwürdiges Verständnis demokratischer Prozesse zum Ausdruck, die immer auf Widerstreit beruhen, und des eigenen durch die Verfassung erteilten Auftrags sowieso.


      Das könnte Sie auch interessieren:


„Wir suchen gerade ein Publikum.“

Gleich am ersten Tag, Mittwochmorgen in der Runde „Junge Perspektiven auf den Tisch“, der ohne Tisch im Stuhlkreis stattfand, als ob man so Hierarchien beendete, sollten jüngere Filmschaffende über die Frage nachdenken: „Welches Thema kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an Freiheit denken?“ Wann immer hier nachgedacht wurde, niemals lang, kam man in der Tat nur auf Themen, nicht aber auf Freiheit oder was sie hervorbringen müsste zu sprechen. Die junge Filmemacherin aus Bosnien hat es satt, nur Stoffe mit der Mutter, die Kopftuch trägt, entwickeln zu dürfen. Und ein junger Mann wollte wissen, was in den vier Jahren seit dem ersten Kongress eigentlich erreicht worden sei. Er sagt, er könne nicht auch noch das Kino mitretten. Es war niemand im Raum, der darauf eine Antwort hat geben wollen und können oder überhaupt eine Reaktion zu erkennen gab; so ging man schnell zu Befindlichkeiten über: „Wir suchen gerade ein Publikum; das ist ein schöner Moment.“

Die begleitende Filmreihe zeigte u.a. Max Linz' „L'état et moi“ (© Markus Koob/SchrammFilm/Salzgeber)
In der begleitenden Filmreihe zu sehen: Max Linz' „L'état et moi“ (© Salzgeber/Markus Koob)

Dass „Audience Development“ die Lösung ist, hat man schon auswendig gelernt, denn man versteht sich, das ist klar, als Teil einer „Industrie“. Und natürlich kommt man dann ohne „Medien- und Filmbildung“ erst recht nicht aus, der überdies ein eigenes Podium gewidmet war. Denn noch die kleinsten Wesen müssen im Denken formatiert werden, bevor sie eigene Gedanken haben, und vor Retraumatisierung geschützt, bevor sie überhaupt durch einen Film zu einem Gedanken beflügelt, vom Kino zu einer Wahrnehmung gebracht wurden. Und womöglich einen Traum von einem Leben hatten, in dem Bildung nicht bloß subjektiver Vernunft gehorcht. So hat in diesem Land die in der Tat gemeinnützige Gesellschaft Vision Kino „zur Förderung der Film- und Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen“ ein perfides, obschon für die Filmwirtschaft lukratives Geschäftsmodell erfunden, horrible deutsche Spielfilme, die man eigentlich nur schnellstmöglich vergessen will, nochmals Schulen kostenpflichtig anzudrehen.

Das Podium Das Andere Kino: Zur Zukunft eines Kulturortsbefasste sich mit der Frage, ob Kino nun ein öffentlicher oder nicht-öffentlicher Ort sei. Selbst wenn die Runde sich zu einer Antwort hätte durchringen können, wäre diese kaum von Interesse gewesen. Mit der Feststellung, Kino sei per definitionem ein Raum mit einer Leinwand und einer ausgerichteten Bestuhlung, hatte die triste Theoriebildung das Auditorium bereits in Apathie versetzt. Mit ein bisschen Liebe zum Kino und etwas Bescheidwissen über Filme gelangt die Cinephilie kaum zu einem mediengeschichtlichen Begriff, der nötig wäre, die einzig durch Profitinteressen bestimmte Entwicklung von Film und Kino zu begreifen oder gar selbst zu steuern.

Angenehm widerständig war an anderer Stelle die Weigerung der Schauspielerin und Filmemacherin Nicolette Krebitz auf dem Podium Misstrauen und Verheißung, Christoph Hochhäuslers Satz zu erörtern oder gar zu verstehen, wonach das „Publikum“, das Sören Kierkegaard schon vollends zuwider war, als Kino noch gar nicht erfunden war, dem deutschen Film gegenüber „misstrauisch“ eingestellt sei. Sie interessierte sich einfach nicht fürs Publikum und unterschied sich allein schon dadurch wohltuend von der fast einhelligen Meinung auf dem Kongress, man müsse nun doch endlich einmal sein Publikum kennenlernen, und Film vermarkten, auch wenn man mit Film nichts mitzuteilen hat. Am besten noch mit Algorithmen, denn Film ist ja ganz schön teuer und muss sich, soweit sind wir schon, natürlich durch „Erfolg“, also Zahlen, legitimieren. Sanne Kurz, Sprecherin der Grünen in Bayern für „Kultur und Film“ (nicht etwa Film als Teil von Kultur), drohte auf dem Kongress schon eine „neue Legitimitätsdebatte“ an. Mit Krebitz wehte ein Gedanke durch den Raum, der ins Freie zu verweisen schien, bevor er abgewürgt wurde mit der Frage, ob es denn auch noch Sehnsucht und Vertrauen brauche für den und mit dem deutschen Film. Mit Blick auf das, was man in diesem Land im Kino geboten erhält, dürfte Misstrauen zur Selbsterhaltung schon kaum mehr ausreichen.

Kongress-Gast Nicolette Krebitz war dieses Jahr mit „A E I O U“ im Berlinale-Wettbewerb (© Komplizen Film/Reinhold Vorschneider)
Nicolette Krebitz war mit „A E I O U“ im Berlinale-2022-Wettbewerb (© Komplizen Film)

Change Management

Das Podium zu Klassismus formulierte in einfacher Sprache einen Gedanken, den Karl Marx, der nicht erwähnt wurde, vor geraumer Zeit als eine Geschichte von Klassenkämpfen bezeichnet hatte, um sozio-ökonomische Verhältnisse begrifflich zu fassen. Eine Couch im Dienst von HessenFilm und Medien, der Filmförderung des Landes Hessen, ließ mit einer gruppendynamischen Übung im Saal keinen Zweifel aufkommen, dass wir alle Privilegien im ungehörigen Übermaß genießen, also alle Schuld an der Misere tragen, die wir bislang womöglich voreilig dem Kapitalismus angelastet hatten. Man begriff schlagartig, warum die Filmförderer, die in Allianz mit den Fernsehsendern seit Jahrzehnten im deutschen Film fast alles verhindern, was soziale Realität ungeschönt zeigen und künstlerisch aus dem Mittelmaß zur Vielfalt hinausführen will, auf einmal ein so großes Interesse am Change Management, also unserer aller Umerziehung haben: Das Problem sind nicht die Filmförderstrukturen, die sind okay, sondern wir mit den Privilegien, die sozial Benachteiligte am Fortkommen hindern, sind nicht okay. Nicht die brutale sozio-ökonomische Ungleichheit, die dieses Wirtschaftssystem am laufenden Band hervorbringt, muss verändert werden, sondern unsere Einstellung, am besten durch den „systemischen Transformationsberater“, der ja auch überleben will. Wenn der Zug der Kulturrevolution sich in Gang setzt in Richtung neue Ordnung, sitzt man eben besser in der Lok, als auf den Gleisen zu liegen.

Nach der Filmförderung in Hamburg/Schleswig-Holstein, die eine „Diversity-Checkliste“ verpflichtend für Anträge machte („Ab sofort sind Antragsteller*innen dazu verpflichtet, einen Fragenkatalog zur Diversität ihres geplanten Projektes zu beantworten“, heißt es unmissverständlich auf der Website der zuständigen Filmförderanstalt), hat man auch in Hessen den Geist der Zeit kapiert und wie man durch Agenda-Setting Zustände fortschreiben kann, die Teil des Problems, nicht der Lösung sind. Dort hat man unlängst den Leiter der Filmförderung abgesetzt, der sich im vergnüglichen, wenn auch strafrechtlich unbedenklichen Gespräch mit einem AfD-Politiker, der heute selbst schon Geschichte ist, in den Sozialen Medien gezeigt hatte. Niemand in der Empörungskolonne der Filmschaffenden, der sich kaum einer noch fernhalten wollte, um am Ende auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, und die schließlich einen Rauswurf vor Vertragsende erzwang, wollte indessen Verhältnisse als Skandal betrachten, die Hans Joachim Mendig überhaupt ins Amt gebracht hatten. Oder gar eine Filmförderung, die künstlerische Vielfalt systematisch verhindert und allein Interessen von Fernsehsendern und Industrie befördert. In Hessen geht es also weiter wie gehabt, nur netter.

Auch in Frankfurt und derzeit ein deutscher Lichtblick im Kino: „Blutsauger“ (© Faktura Film)
Lief in Frankfurt und ist derzeit auch im Kino: „Blutsauger“ (© Faktura Film)

Auf dem Podium waren alle berührt und betroffen, Begriffslosigkeit machte sich breit. Viele auf dem Kongress glaubten, eine Ausweitung von „Diversität“ – die freilich keiner ausbuchstabieren wollte, denn aufs falsche Pferd zu setzen, wäre gefährlich – bringe irgendwann tatsächlich bessere Filme und gerechtere gesellschaftliche Verhältnisse hervor. Die Frage „Wie geht es Dir mit …?“ hat man hier oft gehört, die Frage, wie Strukturen zu verändern seien, selten. Den Einwand, dass schon jeder Werbespot „Diversität“ als Marketinginstrument einsetze, ließ man nicht gelten. Der Gedanke, dass Filme, die gesellschaftliche Realität in diesem Land darstellen, unter anderen Umständen bereits möglich, ja die Regel waren, bevor sie Filmförderung unterband, wurde gar nicht erst angestellt. Auf der Tagung „Teilhabe im Film“ des Filmfests München war man jüngst schon ein bisschen ehrlicher mit sich und uns und machte klar, dass „Diversität“ eine symbolische Währung ist, die neue Privilegien anbietet und zugleich noch ein paar mehr Innovationsverlierer produziert.

Das Auditorium jedenfalls war nicht zur Teilhabe eingeladen, eine Frage nicht zugelassen, wohl auch nicht erforderlich, man war sich ja schon einig. Auf der Bühne kam die Filmemacherin und Schauspielerin Biene Pilavci zu dem Schluss – das einzige Mal, dass auf diesem Kongress etwas wie Wut aufkam –, ihre Kinder besser nicht im Wedding aufwachsen zu lassen, und forderte Gratis-Referenzpunkte von der Filmförderung, die Nachteile des strukturellen Rassismus ausgleichen sollen. Die Geschäftsführerin der Filmförderung, die anwesend war, muss auch darüber nicht nachdenken, denn die kann sie nicht vergeben.


Ein Fair Festival Award ohne Maßstäbe

Anja Willmann vertrat die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di und konnte so gar nicht verstehen, warum im Kulturbetrieb so schlecht bezahlt wird, weil sie anscheinend über die Finanzierung von Kultur nicht recht im Bilde ist. Das war nicht überraschend, denn die unheilvolle Entwicklung, dass in dieser Gesellschaft mittlerweile alles nach dem Prinzip alle gegen alle verhandelt wird, findet nun sogar Ausdruck in einem Fair Festival Award, den ver.di vergibt. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Festivals entscheiden darüber, gleichgültig, wie viele oder wenige und nach welchen Maßstäben. Fairness kann aber nicht als Bringschuld von Zuwendungsempfängern eingefordert werden, wenn die Bedingungen für faire Bezahlung, über deren Maßstäbe man sich ja noch zu verständigen hätte, gar nicht hinreichend gegeben sind, kurz: wenn die meisten Festivals selbst unter prekären Umständen entstehen. Fairness ist eine subjektive Kategorie, ein Gefühl, aber keine objektive Rechtsnorm, auf die man sich berufen könnte und die durchzusetzen erst nötig wäre. Der Fair Festival Award ist also die falsche Maßnahme zur richtigen Absicht. Bei ver.di fühlt man sich für die politische Um- und Durchsetzung solcher Bedingungen nicht in der Verantwortung.

Susanne Heinrich kritisierte schon in "Das melancholische Mädchen" das deutsche Fördersystem (Salzgeber)
Susanne Heinrich kritisierte schon in "Das melancholische Mädchen" das deutsche Fördersystem ( © Salzgeber)

Die Konklusion, die hier wie sonst offenbar schon Dogma ist, war, es müsse eben immer diverser quotiert werden: nicht gemeinsam gegen Strukturen, die der Erneuerung entgegenstehen, sondern jeder gegen jeden, „molekularer Bürgerkrieg“ (Hans Magnus Enzensberger). In der kollektiven Regression werden rechtliche zu moralischen Aspekten, ästhetische zu affektiven, politische zu individuellen, objektive zu subjektiven. Gleichschritt fühlte sich hier schon wie Fortschritt an, gesellschaftlicher Rückschritt wie das Neue, „Kirchenmusik der Gegenwart“ (Roberto Ohrt). Die Autorin und Filmemacherin Susanne Heinrich, die im Kongress die Aufgabe hatte, den Verlauf zu kommentieren, schrieb am Ende in ihrem Beitrag: „Repression für alle, aber bitte divers!“

Man weiß schon, wie die Welt zu sehen ist. Das Kino braucht man jedenfalls nicht mehr zur Verstörung des geschlossenen Weltbilds. Moritz Baßler hat das anhand der Midcult-Literatur als „Gruppenlebensanschauung“ entlarvt, die im Grunde hermetische „Stilgemeinschaften“ schafft, Tribalismus. Dabei könnten uns allein die Filme retten, die uns zur Wahrnehmung einer anderen Wirklichkeit zwingen. So wenig über Filmästhetik wurde lange nicht mehr gesprochen, wo es doch um Film gehen sollte. Man spricht über Filme, die man produziert hat oder produzieren will, wie lange es dauert, sie zu machen, wo und wann man Filme gesehen hat, wie man Filme verkauft. Also ging es mehr darum, wie es uns so geht. Wie die Filme aussehen und warum sie wichtig sein könnten, war dann nicht ganz so wichtig.


„So viele Themen, so viele Filme“

Bestürzend zu hören, wie autoritär das Denken war, das sich auf eine Zukunft ausrichtet; dagegen wirkte das Vergangene und Untergegangene radikal: Statt sich für die Zusammensetzung von Kommissionen und Jurys einzusetzen, die etwas von der Sache verstehen, ist der neue Speech „Transparenz“; man sieht unabhängige Gremienentscheidungen eigentlich überhaupt als ein Problem, das sich durch einen Automatismus am besten lösen lasse. Förderintendanzen wie in Berlin/Brandenburg findet man gar nicht so schlimm („da steht wenigstens jemand für Entscheidungen ein“), eine „europäische Filmindustrie“ auch gut. Mehr Erziehung und Selbstertüchtigung sind eh gewollt. Und überhaupt will man möglichst gut und schnell ankommen. Womit und vor allem wozu, steht dahin.

Die Forderung nach einer Rückkehr zur Selbstverwaltung der Filmförderung in den Ländern, strikter Trennung zwischen wirtschaftlicher Subvention und kultureller Förderung sowie Ausschluss der Fernsehsender aus den Förderstrukturen war nirgendwo mehr zu vernehmen. Das Geschwätz dagegen, Film sei ja immer „zugleich“ wirtschaftlich und kulturell zu betrachten, nahm, auch wenn es nur dazu dient, Kunst im Film erfolgreich zu unterbinden, auch hier kein Ende. Ein Abo-System für Kinos war dann der neuartigste Gedanke, der aufkam. Der Filmkritiker Rüdiger Suchsland stellte Cineville aus den Niederlanden vor, eine Art Meta-Vertriebssystem für Filme, das dem Kino mit einer Flat-Fee eine neue Nachfrage verspricht: für ein paar Euro im Monat endlos Kino. Schnell aber tauchten Fragen auf, ob es sich hier erneut um Kommodifizierungen und Nivellierungen handele, von Preisen, Inhalten, Formaten. Immerhin hatte das Modell eine Konkretion, die alle einen Moment lang auf etwas bezog und vom Loslabern abhielt.

Zu einer Analyse der Gründe, warum der Filmbetrieb ständig mehr Geld reklamiert, aber zu keinen besseren Filmen führt, oder erst einmal des Begriffs von Veränderung, was denn nach welchen Maßstäben besser sei, reichte auf dem Kongress die Zeit nicht. So genau wollte man es vielleicht dann doch lieber nicht wissen, man war sich ja schon irgendwie einig, dass sich alles ändern muss, hatte aber nicht den Mut zur Uneinigkeit und begnügte sich mit der schlichten Annahme, es gebe eben „zwei Arten von Filmen: gute und schlechte“. Das Podium Wohin mit dem Dokumentarfilm? schloss mit dem Fazit, es gebe eine „Zukunft“ für den deutschen Dokumentarfilm – was auf diesem Kongress, der Zukunft versprach und Hoffnung eigentlich über nichts begründen konnte, schon etwas hieß –, aber sie sei „polyform“ – während die Moderatorin das Podium Filmauswertung zwischen Kino und Streaming mit der Aussage beendete: „So viele Themen, so viele Filme.“ Gut, dass wir das jetzt wissen.

Alice Agneskircher, Regisseurin von „Komm mit mir in das Cinema - Die Gregors“, brachte erneut die Idee einer Kino-Quote ein (© Thomas Ernst)
Alice Agneskircher, Regisseurin von „Komm mit mir in das Cinema “, plädierte für eine Kino-Quote (© Thomas Ernst)

Am Ende, es war nun Freitagnachmittag, man tagte inzwischen in der Paulskirche, wo sich auch nur Zeitgeist einstellte und keiner wirklich zuversichtlicher aussah als zwei Tage vorher, schlug einer noch vor, man solle sich am Bundeskanzleramt festketten. Mit welcher Forderung, war nicht mehr zu klären; das war vielleicht auch besser so. Die Anmerkung, „ärmere“ Länder brächten die besseren Filme hervor, wurde zum Glück nicht weiterverfolgt. Die Filmemacherin Alice Agneskirchner indessen erhielt, weil es an diesem Ort weihevoll wurde, Beifall für den uralten nationalistischen Vorschlag, man möge dem deutschen Film im deutschen Kino eine Quote einräumen, um die ausländischen Filme in Schach zu halten, denn „die Franzosen können das ja auch“.

Keiner sagte, aber ich dachte: Es reicht jetzt, bitte nicht noch mehr davon. Was wollen wir hier noch retten, wofür kämpfen? Bevor man ins selbstzerstörerische Grübeln kam, ob wir es nicht aufgeben sollten mit dem deutschen Film und besser anschauen, was es anderswo oder in der Filmgeschichte noch zu entdecken gibt, oder uns einfach nur in irgendein Kino verkauern, um endlich Ruhe zu haben, war eh Schluss. Jemand sagte noch: „Schauen wir doch nochmal in die Frankfurter Positionen, die wir 2018 verfasst haben.“ Zurück auf Los.


„Stell’ Dir vor, der deutsche Film stirbt, und keiner geht hin.“

Auf den Gängen war das Entsetzen zu spüren, Angst, über den Krieg, die Aufrüstung, die Pandemie, die nicht enden will, und vor allem über den Schwund an Nachfrage überall, in den Kinos, auf den Festivals und selbst im Internet. So leer wie jetzt haben wir Kinos und Festivals noch nie gesehen. Die Gesellschaft verkriecht sich in Schutzzonen, verbunkert sich. Nichts geht mehr, es ist einfach alles egal, war der Eindruck. Von den bekannten Persönlichkeiten des deutschen Autorenfilms ließ sich 2018 und auch dieses Mal sowieso keine blicken. Die müssen nicht mehr ankommen wie die anderen hier. Allzu großes Engagement für eine Sache, die alle angeht, wäre überdies nicht förderlich fürs eigene, das laufende Geschäft. Susanne Heinrich sagte, bevor sie abreiste: „Stell’ Dir vor, der deutsche Film stirbt, und keiner geht hin.“

Man weiß nicht, ob man Veränderung erhoffen oder befürchten soll. Die Podien fragten „Wohin?“ und „Quo vadis?“. Das scheint man selbst in den Ministerien nicht zu wissen und behilft sich einstweilen mit Aufschub. Es heißt, die Kulturstaatsministerin werde das Filmförderungsgesetz (FFG) wohl nochmals um ein weiteres Jahr ohne Korrektur verlängern, obschon oder weil alle wissen, auch sie, dass es mit Kosmetik daran nicht mehr getan ist. Die Filmförderungsanstalt (FFA) veröffentlichte bereits vor der Pandemie eine halbjährliche Chronik des angekündigten Untergangs. Wie man hört, ist schon in etwa die Hälfte der Refinanzierung des Gesetzes, das auf Einnahmen aus der Filmauswertung beruht, weggebrochen. Pandemiebedingt wurde die Novellierung des Gesetzes schon einmal ausgesetzt, zu der 2019 bereits weit über 50 Stellungnahmen von Verbänden eingegangen waren. Auch jetzt, beim neuerlichen Versuch, werden es kaum weniger sein.

Wer findet für die deutschen Filmprobleme das Ei des Kolumbus? (Bild aus „Axiom“ von Jöns Jönsson, © Bon Voyage Films/Martin Valentin Menke)
Das Ei des Kolumbus? (Bild aus „Axiom“ von Jöns Jönsson, © Bon Voyage Films)


Seit Jahrzehnten verhindern die Novellierungsprozesse grundsätzlichere Überlegungen, weil sie allein als Aushandlungsprozess zwischen Politik und Lobbyismus stattfinden. Einen kulturellen Auftrag im Sinne des Gemeinwohls für Film und Kino, wie das für alle anderen Künste und Kulturbauten unbestritten der Fall ist, erkennt keiner mehr. Interessen also, die durch die Verfassung geschützt sein sollten, Film und Kino als kulturelle Praxis zu bewahren, wenn die Geschäfte gemacht sind, nimmt niemand wahr. Auch Filmkritik, die allseits gerade zum Service abgewickelt wird, ändert daran nichts mehr, resümierte resigniert eine Kollegin.


Weiter mit den großen Geschäften

Die neue Kulturstaatsministerin setzt die Politik der alten unerschrocken fort, nur in Grün, und besaß nun sogar die Unverfrorenheit, die Mittel des German Motion Picture Fonds (GMPF) aus eigenem Haushalt und damit aus Steuermitteln um weitere 15 Millionen aufzustocken, damit es mit den großen Geschäften ungestört weitergehen kann. Auf Kosten der Kultur, denn der Gedanke, Film und Kino von gewerblichen Interessen freizustellen, wird allenfalls belächelt. Der Verleiher Torsten Frehse konnte daher beim besten Willen nicht mehr begreifen, warum man ein prosperierendes Geschäft subventioniert und nicht antizyklisch behandelt. Man ahnt schon in Umrissen, warum, denn die Grünen zeigten sich bereits vor der Wahl allein wirtschaftlichen Interessen am Kino gegenüber aufgeschlossen; damit freilich standen sie nicht allein, sofern man das beruhigend finden möchte. Die Filmwirtschaft bläst zum letzten Geschäft mit dem Kino; die Zeche bezahlt der Staat.

Das löste unter den Anwesenden zwar „Empörung“ in Form einer weiteren Erklärung aus, aber nicht den Schluss, objektiv fortschreitende Marginalisierung und individuelle Depression in kollektive politische Aktion zu übersetzen. Eine Erklärung, ein Brandbrief geht immer noch, wohl im Glauben, im politischen Raum werde man irgendwann doch noch auf das bessere Argument oder die originellere Idee hören. Als sei die Geschäftsgrundlage der Beziehungen dort Vernunft und nicht die Macht der wirtschaftlich Stärkeren, die hier bestimmt, wo es langgeht. Begründungen nimmt man dort allenfalls hin, nicht ernst. Befremdet nahm man also zur Kenntnis, dass man politisch gar nicht mehr wahrgenommen wird im Jahr 60 nach dem Oberhausener Manifest. Beten wäre also zum Abschluss sicherlich nicht die schlechteste Idee gewesen in der Paulskirche zu Frankfurt am Main.



Lars Henrik Gass ist Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen. Als Autor sind von ihm unter anderem schienen: „Film und Kunst nach dem Kino“ (2012/2017), „Filmgeschichte als Kinogeschichte. Eine kleine Theorie des Kinos“ (2019) sowie „Hellmuth Costard: Das Wirkliche war zum Modell geworden“ (2021).

Auf filmdienst.de erschienen von ihm zuletzt die Texte:

Über Film als Medium sprechen. Im Gespräch über Tacita Dean über die Zukunft des Analogfilms

Die Düne im Foyer. Die Zukunft von Kulturbauten und des Kinos

Kommentieren