© Lars Henrik Gass (Römische Kino-Impressionen aus dem Sommer 2021)

Papst Franziskus: Betrachten, nicht sehen

Donnerstag, 09.09.2021

Auf der Suche nach einer lebendigen Filmgeschichte wird man in Rom nur beim Kino Ambasciatori fündig, wo Pornofilme in 35mm laufen, und im Vatikan, der die vielleicht außergewöhnlichste Sammlung von Filmen aus den Anfangsjahren der Kinematografie beherbergt. Papst Franziskus hat sich jüngst überdies mit einem Bekenntnis zum Kino als Ort theologischer Inspiration zu Wort gemeldet

Diskussion

An das Miteinander unterschiedlichster Entwicklungen ist man in Rom seit Ewigkeiten gewöhnt. Doch dass sich ausgerechnet der Vatikan als Hort der Filmkunst entpuppt, während ein römisches Kino nach dem anderen schließt, verwundert dann doch. Zumal sich auch noch Papst Franziskus jüngst mit einem Bekenntnis zum Kino als theologischer Inspirationsquelle zu Wort meldete und die Einrichtung einer „Mediathek“ forderte.



Wenn Rom nach dem Ferragosto 2021 die Augen wieder aufschlägt, öffnen viele Geschäfte – doch einige Kinos bleiben für immer geschlossen. Von beachtlichen 54 Kinos in Rom, die man im Jahr 2011 dort noch zählte, sind nach Angaben des italienischen Kinoverbands (ANEC) gegenwärtig nur noch 30 Spielstätten übrig, nochmal 15 Prozent weniger als im Jahr davor, obwohl die Anzahl der Kinobesuche in Italien – im Unterschied zu Deutschland – lange Zeit konstant geblieben ist.

Doch seitdem im August verschärfte Einlassbeschränkungen in Kraft sind, muss man auch im Kino einen „Green Pass“ vorweisen, was in etwa der deutschen 3G-Regelung entspricht. Das ist vielen in Italien dann der Kontrolle doch zu viel. In einer ohnehin schon durch Fernsehen und Internet stark geprägten Gesellschaft bleibt man lieber daheim.

Für Italien liegen noch keine Zahlen vor, doch in Frankreich hat ein gleichartiger Erlass, der „Pass sanitaire“ in gut fünf Wochen zu einem Rückgang der Kinoeintritte um rund 50 Prozent geführt, was an der Kasse rund 8 Millionen Euro ausmacht.


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Selbst bei den Open-Air-Veranstaltungen der Casa del Cinema im Park der Villa Borghese wird der Nachweis verlangt und am Eingang die Körpertemperatur gemessen. Da ziehen es einige vor, außerhalb der Einfriedung, im Abseits des Kinos, auf eigenen Klappstühlen zu sitzen, um Filme, die ohne Gäste und Einführung gezeigt werden, in schlechter Videoqualität und mindestens ebenso schlechter Synchronisation zu sehen. Das Programm ist zudem mitleidlos unambitioniert. Die Casa del Cinema ist formal dem Centro Sperimentale di Cinematografia zugeordnet, der durch Mussolini gegründeten Filmschule, zu dem heute auch das Nationale Filmarchiv gehört, ebenso wie das Kino im Palazzo delle Esposizioni in der Via Nazionale, wo es offenbar aber gerade gar keine Filmprogramme zu sehen gibt. Auf der Website wird zwar behauptet, das Centro „spiele in Italien und im Ausland eine Rolle bei der Verbreitung, Aufwertung und Förderung dieses kulturellen Erbes, auch durch Vereinbarungen mit Einrichtungen, Institutionen, Festivals, Schulen, Universitäten und kulturellen Vereinigungen“; doch davon ist hier nicht ansatzweise etwas zu erleben.

Kino-Impressionen aus Rom im Sommer 2021 (Lars Henrik Gass)
Kino-Impressionen aus Rom im Sommer 2021 (© Lars Henrik Gass)

Wenn das alles ist, was in Rom gerade an Filmgeschichte geboten wird, bleiben in Italien nur die Cineteca in Bologna und das Filmmuseum in Turin übrig, die es mit der Filmgeschichte noch einigermaßen ernst meinen. Allein das Kino Ambasciatori in der Via Montebello, kaum mehr als einen Steinwurf von der Stazione Termini entfernt, scheint derzeit geöffnet zu haben und spielt konsequent „tutti i giorni dalle 10:00 alle 21:00“ Pornofilme, immerhin auf 35mm und „selezione film d’epoca con le miglori star della storia del cinema hard“, also kuratierte Filmgeschichte.


Der Blick – eine Tür zum Herzen

Vor diesem Hintergrund wirkte ein Artikel in der Tagezeitung „Messagero“ vom 18. Juli dieses Jahres fast wie eine prophetische Verkündung. Dort wurde über das neue Buch von Monsignore Dario Edoardo Viganò berichtet, der seit 2019 Vizekanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften und der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften ist und zuvor als Direktor das Vatikanische Fernsehzentrum (Centro Televisivo Vaticano) leitete; er betreute für den Vatikan unter anderem den Wim-Wenders-Film „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ (2018). Von ihm stammt auch ein Buch zum Film, in dem es vor allem auch um eine neue Haltung des Oberhaupts der Katholischen Kirche zu Film und Kino geht. Viganò hat für sein Buch „Lo sguardo: porta del cuore. Il neorealismo tra memoria e attualità“ („Der Blick: Tür zum Herzen. Der Neorealismus zwischen Erinnerung und Wirklichkeit“) ein ausführliches Gespräch mit Papst Franziskus geführt, das gerade erschienen ist (Effatà Editrice, 2021, 13 Euro).

Franziskus spricht hier über seine eigene Sozialisation im Kino, dem er immer wieder Beispiele für seine Ansprachen und Predigten entliehen hat. Dabei wird insbesondere der Neorealismus (De Sica, Fellini, Rossellini) als Grundlage einer Filmkultur sichtbar, die in Kindheit und Jugend des Papsts in Argentinien ihren Ursprung hat und auf die er sogar in den großen Texten seines Lehramtes immer wieder Bezug nahm; kurz: auf das Kino als theologische Initiation. Das Gespräch entwirft ein zusammenhängendes Bild seines Verhältnisses zum Kino und ist aus verschiedenen Gründen ungewöhnlich.

Auch ein Mann der Bilder: Papst Franziskus (UPI)
Auch ein Mann der Bilder: Papst Franziskus (© UPI)

Papst Franziskus wendet sich entschieden gegen eine naive Sicht auf den Neorealismus: „Neorealistische Filme sind keine Dokumentarfilme, die einfach nur die Wirklichkeit mit den Augen aufnehmen, sondern sie tun dies in ihrer ganzen Härte durch einen Blick, der mitreißt, der den Bauch bewegt, der Mitgefühl erzeugt.“ Er sieht dies durch die mediengeschichtliche Besonderheit des Kinos begründet, eine „Gemeinschaft“ herzustellen, einen „Blick, der das Bewusstsein provoziert“. Franziskus behandelt den Film somit nicht mehr als „Objekt“ pastoraler Aufmerksamkeit oder Sorge, sondern als ein „Subjekt“, das autonom, als ein Artefakt, uns zwingt, die Welt anders zu verstehen, nämlich nicht nur zu „sehen“ (vedere), sondern zu „betrachten“ (guardare).


Bilder sind komplementär zur Schrift

Das ist eine deutliche Abkehr von einer Furcht vor Ambivalenz, die den Umgang der Kirche mit dem Film oftmals auszeichnete, hin zu einer, gewiss populär formulierten, Haltung, dass Kino ein Denken in Bildern ist. Filmgeschichte sei daher als die Grundlage des Verständnisses einer Epoche, so der Papst weiter, also „komplementär“ zur Geschichte der Schrift anzusehen und müsse ebenso konservatorisch bewahrt werden. Aus diesen Gründen müsse auch mit einer Sicherung und Aufarbeitung der Filmgeschichte von „höchstem religiösen, künstlerischen und menschlichen Niveau“ und nach „wissenschaftlichen Kriterien“ begonnen werden. Dieses Vorhaben „könne man“, so Franziskus betont zurückhaltend im Begriff, eine „Mediathek“ nennen, die als eine dritte Säule neben Apostolischem Archiv und Apostolischer Bibliothek im Vatikan entstehen solle. Die Einrichtung dieser Mediathek bezeichnet er als den „entscheidenden Diskurs der Zukunft“.

Nur was genau will diese Mediathek? Monsignore Viganò hat nach einem Unfall in den Bergen den Fuß in Gips und empfängt mich in seiner Wohnung in der Vatikanstadt; er sagt, man könne die Haltung des Papstes durchaus als einen „Paradigmenwechsel“ verstehen, denn es handle sich nicht um eine Filmsammlung oder ein weiteres Filmmuseum, sondern um einen neuartigen „Prozess“, der nun begonnen werden solle, denn man habe festgestellt, dass eine Filmothek immer auch eine kollaborative wissenschaftliche Aufarbeitung benötige, insbesondere mit Blick auf das Verhältnis der Katholischen Kirche zur Filmgeschichte und den Umgang mit einzelnen Filmen, der ja nicht immer konfliktfrei gewesen sei. Bei der geplanten Mediathek handele es sich also um eine „proaktive Tätigkeit“, die Filme wie „Texte“ behandle und als „kulturellen Bestandteil der Institutionsgeschichte“ verstehe.

Viganò nennt beispielhaft die Auseinandersetzungen um „Les Amants“ (1958) von Louis Malle, den Katholiken während der Premiere beim Filmfestival in Venedig verbieten lassen wollten (ausführlich behandelt etwa von Paul Bacharach in „La première nuit d’amour du cinéma français : Les Amants de Louis Malle et ses réceptions (Lyon 2017), und zu „La dolce vita“ (1960) von Federico Fellini (zusammengefasst etwa in La civiltà cattolica). Sobald die Mediathek eingerichtet ist, wären Dokumente und Fortgang des Prozesses öffentlich online zugänglich. Der Vatikan sehe sich hier aber nicht in der Verantwortung, Filmgeschichte, also Filme, öffentlich zugänglich zu machen.


Es gibt keine einheitliche Sichtweise

Ich möchte wissen, ob der Papst noch Filme schaut. Monsignore Viganò lächelt; nein, Papst Franziskus gehe nicht mehr ins Kino wie in seiner Jugend, er schaue sich auch privat keine Filme an, nicht im Fernsehen, nicht im Internet; aber das Kino seiner Jugend begleite sein Denken als Untergrund. Ich will noch wissen, was er von der Idee halte, dass der Vatikan Filmgeschichte online oder im Fernsehen zeige, sozusagen als Ergebnis des Prozesses. Monsignore Viganò hält das für problematisch, nicht nur der komplexen Rechtslage wegen, sondern weil in der Katholischen Kirche keine einheitliche Sichtweise auf das Kino existiere. Er selbst halte zum Beispiel die Filme der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, von Ken Loach, Lars von Trier oder auch Pier Paolo Pasolini für bedeutend, weil sie eine christliche Sichtweise vermittelten; sie könnten aber auch ideologische Auseinandersetzungen auslösen. Der Katholizismus sei nicht monolithisch. Insbesondere in Italien stießen die Filme teilweise immer noch auf erheblichen Widerstand, da mehr „die Vernunft der Stärke“ als die „Kraft der Vernunft“ („la ragione della forza piuttosto che la forza della ragione“) den Ausschlag gebe.

Das kleine Kino in der Vatikanstadt (Lars Henrik Gass)
Das kleine Kino in der Vatikanstadt (© Filmoteca Vaticana)

Johannes Paul II. war regelmäßig im kleinen Kino im Palazzo San Carlo der Vatikanstadt gewesen, ein wirklicher Liebhaber des Kinos; auch Benedikt XVI. sei ein- oder zweimal dagewesen, erinnert sich Dottoressa (wie die Italiener schon immer sagen konnten) Claudia Di Giovanni, die Leiterin der von Papst Johannes XXIII. 1959 gegründeten Vatikanischen Filmothek. Der Spielort im Palazzo San Carlo ist wahrlich ein cinephiles Refugium mit nur 54 Plätzen. Man fühlt sich an den Schriftsteller Louis-Ferdinand Céline erinnert, den Kinos in dem Roman „Reise ans Ende der Nacht“ an Kirchen erinnerten: Man könnte „geradezu denken, die Welt hätte sich endlich zur Nachsicht bekehrt“.

Der Zugang im Palazzo ist jedoch „solo su invito“, nur auf Einladung. Di Giovanni sagt, dass sich die Vorführungen vor allem an die Kurie richteten, allein schon des beschränkten Platzes wegen; Einladungen ergingen aber auch an einen weltlichen Kreis. Liliana Cavani hat dort „Franziskus“ (1989) gezeigt und diskutiert. Auch andere, Roberto Benigni oder Martin Scorsese, zeigten dort ihre Filme. Diskussionen haben hier also auch Ort und Rang. Gleich nebenan, in dem von Pier Luigi Nervi entworfenen modernistischen Auditorium, hatte der Pianist Arturo Benedetti Michelangeli jahrelang Vertreter des italienischen Staats geärgert, weil er nur noch im Vatikan Konzerte gab, exterritorial in Italien, wo er nicht mehr auftreten wollte.

Die Filmoteca verwahrt Filmmaterialien zur Geschichte der Kirche; als ältestes das Dokument mit Papst Leo XIII. in den Vatikanischen Gärten aus dem Jahr 1896, insgesamt sind es etwa 8000 Titel, neben historischen Dokumenten Filme aus der Frühzeit des Kinos sowie Dokumentarfilme zu Kunst, Kultur und Zeitgeschehen und auch viele andere Filme von künstlerischem und thematischem Wert. Zu den Kuriosa zählen Filme von Missionaren auf Neuguinea, Borneo oder Sumatra, die letzte verbleibende Kopie eines Films nach Dantes Inferno von 1911, in dem bereits Spezialeffekte verwendet wurden, oder der erste italienische Film über Franziskus von Assisi, ebenfalls von 1911, der erst kürzlich aufgefunden wurde.


Ein Werk des Jesuitenpaters Joseph Joye

Die vielleicht außergewöhnlichste Sammlung von Filmen aus den Anfangsjahren der Kinematografie, die hier verwahrt wird, wurde von dem 1919 verstorbenen Schweizer Jesuitenpater Joseph Joye aufgebaut, der für seinen Unterricht an einem Basler Gymnasium audiovisuelle Medien einsetzte. Joye war von den technischen Entwicklungen der Zeit fasziniert. So benutzte er zunächst eine Laterna magica und einen Phonographen für den Unterricht, von 1905 bis 1914 auch Filme. Die Sammlung umfasst unter anderem Originalkopien von Filmen der Brüder Lumière, die bis ins Jahr 1896 zurückreichen. Nach Joyes Tod war die Sammlung von mehr als 1000 Filmen bis in die 1960er-Jahre hinein im Gymnasium verblieben und dem Verfall preisgegeben.

Dottoressa Di Giovanni ist die einzige Mitarbeiterin der Filmotheca; das Ganze ist also eine recht einsame Mission, die gleichwohl nach den Grundsätzen des internationalen Filmarchivverbandes FIAF durchgeführt wird. Der hohe Anteil von Videomaterial stellt mittlerweile fast noch eine größere Herausforderung dar als die Filmkopien aus der Frühzeit. Einen Etat für Ankäufe gibt es nicht, Mittel zur Konservierung nur wenige. Alle Kopien gelangen nach wie vor durch Schenkungen in den Besitz des Hauses, etwa durch die Familie Agnelli, Eigentümer von Fiat, darunter eine Kopie von „Ben Hur“ (1959).

Ein Bekenntnis des Vatikans zur Filmgeschichte wäre daher sicherlich ebenso bedeutsam wie die Beschäftigung mit der eigenen Institutionsgeschichte, die man hier ohne Filme unternimmt, in einem Land, das gerade seine Filmgeschichte verliert, wo nur noch die leergeschauten Bilder, der Kitsch des Kinos aus jeder Ecke starrt, Anita Ekberg im Trevi-Brunnen oder Audrey Hepburn auf der Vespa. Auch deshalb wäre der Zugang zum Kino der mutigere pontifikale Weg zur Gemeinschaft in einem Land, in dem man Filme fast nur noch in Privaträumen anschaut, wenn überhaupt.


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