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Filmklassiker: Carnal Knowledge

Montag, 23.05.2022

Diskussion

Der Film ist ein astreines Konversationsstück, das macht bereits die allererste Szene deutlich: Zu noch schwarzer Leinwand ertönt Glenn Millers „Moonlight Serenade“ und zwei Männerstimmen unterhalten sich. Ob er lieber geliebt werden oder selbst lieben wolle, fragt die eine Stimme. „Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich lieber geliebt werden,“ antwortet die andere. Die beiden Männer sind Studenten auf einer Uni-Feier. Der zurückhaltende Sandy, gespielt von Art Garfunkel, und sein draufgängerischer Kumpel Jonathan, gespielt vom jungen Jack Nicholson, palavern recht weltmännisch über Frauen, Sex und darüber, wie ihre Aktien hier im Raum wohl stehen. Sandy will eine Frau, die ihn vollkommen versteht, Jonathan auch – aber mit großen Brüsten. Gelächter.


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Als Mike Nichols 1971 seinen vierten Film „Carnal Knowledge – Die Kunst zu lieben“ veröffentlichte, hatte er bereits mit „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ (1966) eine bissige Gesellschaftssatire vorgelegt und war mit seinem 1967 veröffentlichten Film „Die Reifeprüfung“ einer der Vorreiter der kurz darauf einsetzenden Neuen Welle des amerikanischen Films geworden, die als „New Hollywood“ in die Filmgeschichte eingehen würde. Beide Filme beschäftigten sich formal wie ästhetisch auf transgressive Art und Weise mit der gesellschaftlichen Normierung von Geschlechterrollen und deren Auswirkungen auf Einzelne.


"Carnal Knowledge" (© StudioCanal)
"Carnal Knowledge" (© StudioCanal)

Männlicher Blick und Mannhaftigkeit sind eben nicht dasselbe


„Carnal Knowledge“ ist durchaus eine Fortführung seiner Auseinandersetzung mit diesem Thema und entwickelt sich nach der pointierten Eingangssequenz über diese beiden Halbstarken zu einer bitterbösen Satire auf die Objektifizierung von Frauen, sowohl in der Gesellschaft als auch im Film. Laura Mulvey würde wenige Jahre später den Begriff des „male gaze“ prägen, also des männlichen Blicks, mit dem viele Filme männerdominierte Gesellschaftsperspektiven imitieren. Auch den demonstrieren Sandy und Johnny gleich zu Beginn: Als eine gutaussehende Studentin hereinkommt, überlässt Jonathan dem schüchternen Sandy das Feld. „Sie gehört dir,“ sagt er gönnerhaft, obwohl bisher keinerlei Besitzansprüche im Raum standen. Sandy geht verschämt zu ihr hinüber, traut sich jedoch nicht, sie anzusprechen, tut so, als schaue er aus dem Fenster, und macht resigniert kehrt. Männlicher Blick und Mannhaftigkeit sind eben nicht dasselbe.

Das Problem der beiden unerfahrenen jungen Männer, soviel wird bald klar, ist, dass sie sich einen weiblichen Idealtypus zurechtgelegt haben, der schier unerreichbar zu sein scheint. Als dieser Wunschtraum jedoch Realität wird – für Sandy in Form von Susan (Candice Bergen), der Studentin von der Party, für Jonathan als heiße Sekretärin Bobbie (Ann-Margret), kommen sie mit deren Ansprüchen nicht zurecht und wenden sich nach einiger Zeit überfordert und resigniert von den Angebeteten ab. Das Spiel beginnt von Neuem, die abgeschüttelten Frauen: Kollateralschäden.


"Carnal Knowledge" (© StudioCanal)
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Schön, wenn sie den Haushalt im Griff hat und zum Feierabend einen Drink reicht

Der Film begleitet die beiden von der Unizeit bis ins Erwachsenenleben. Über die Jahrzehnte schließen sie immer wieder an ihre Gespräche von damals an – über ihre Vorlieben bei Frauen (weiterhin: große Brüste), ihre Anforderungen an eine Ehefrau (schon schön, wenn sie den Haushalt im Griff hat und zum Feierabend einen Drink reicht) und ihre Leistung im Bett (bitte nicht zu prüde, aber auch nicht zu erfahren, denn dann könnte sie ja eine Schlampe sein). Die Frauen kommen und gehen, doch Sandy und Jonathan bleiben einander treu.

Das dialoglastige Drehbuch von Comicautor Jules Feiffer spitzt die Anspruchshaltung der beiden Männer immer wieder treffsicher zu und enttarnt ihre Unsicherheiten und Unzulänglichkeiten mit scharfem Witz. Diese cartoonhaften Witzfiguren könnten auch heute, gut 50 Jahre und eine „MeToo“-Welle später, teilweise noch so in College-Satiren vorkommen. Was jedoch dieser Parodie von Männlichkeit zuwiderläuft, ist die recht unverblümte visuelle Reproduktion eben jenes männlichen Blicks, der hier eigentlich zugespitzt und aufgedeckt werden soll. Nichols bebildert die Dauerdialoge der beiden Männer mit für die damalige Zeit überaus freizügigen und expliziten Darstellungen der weiblichen Körper. Genau hier bekommt der Film immer wieder einen sehr schalen Beigeschmack.


"Carnal Knowledge" (© StudioCanal)
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Wechsel aus satirischen Dialogen und nicht hinterfragtem „male gaze“

Etwa als Sandy recht bald nach ihrem verunglückten Kennenlernen auf der Studentenparty mit seiner Freundin Susan im Bett liegt, beide kaum noch bekleidet, hat sie ihm den Rücken zugedreht und blickt ins Leere. „Ach komm schon,“ versucht es Sandy erneut, „bitte!“ schiebt er hinterher. Susan will nicht mit ihm schlafen, aber ihr „Nein“ scheint keine Bedeutung für ihn zu haben. Schließlich hatte Jonathan auch schon Sex, da will er erfahrungstechnisch nicht in Rückstand geraten. Was 1971 womöglich eine im Film seltene Klatsche gegen das männliche Ego gewesen sein mag, ist heute ein sehr beklemmendes, weil explizites, Durchexerzieren von sexueller Nötigung.

Die Wechsel aus satirischen Dialogen und nicht hinterfragtem „male gaze“ wirken letztlich kaum mehr wie die entlarvende Beichte zweier in ihrer Männlichkeit verunsicherter Jünglinge, sondern wie die Nabelschau von Männern, die ihr Fehlverhalten gegenüber Frauen locker als „boys will be boys“ und einem Schulterzucken abtun.

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