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Zwei Seiten der Wirklichkeit - Mamoru Hosoda

Dienstag, 07.06.2022

Ein Gespräch mit dem japanischen Animationskünstler Mamoru Hosoda, der sich nach „Summer Wars“ (2009) in „Belle“ erneut der Welt des Internets widmet

Diskussion

In seinem neuen Anime Bellewidmet sich der japanische Animationskünstler Mamoru Hosoda erneut den Licht- und Schattenseiten des Internets. Mit großer Feinfühligkeit beschreibt er die großen Gefahren, beleuchtet aber gleichzeitig auch die enormen Möglichkeiten, die damit verbunden sind.


Warum wollten Sie nach „Summer Wars“ eine weitere Geschichte erzählen, in der es erneut um eine digitale Welt geht? Was macht diese Idee für Sie so reizvoll, um sie nochmal aufzugreifen?

Mamoru Hosoda: Ich beschäftige mich in meinen Filmen ja schon seit 20 Jahren mit dem Thema Internet. Zunächst in den „Digimon“-Filmen; dann kam „Summer Wars“, was schon eine Art Update zu diesem Thema war, das die neuen Entwicklungen und Umstände aufgriff. Und nun war es erneut an der Zeit, ein weiteres Update zu machen. Das Internet ist ja etwas, das sich ständig verändert; ich habe mich geradezu verpflichtet gefühlt, das noch einmal anzugehen.

Unter welchen Bedingungen wurde an dem Film gearbeitet? Arbeitete Ihr Team Corona-bedingt im Homeoffice? Hat das Ihr Verhältnis zum Digitalen beeinflusst?

Hosoda: Durch die Pandemie mussten wir alle Arbeiten am Film tatsächlich von zu Hause aus durchführen. Da war vieles zunächst sehr ungewohnt und umständlich. Aber das hat mich auch zum Nachdenken gebracht. Es war eine sehr wertvolle Erfahrung für uns alle, ähnlich wie die Figuren im Film eine gewisse Unterdrückung und Einschränkung am eigenen Leib zu spüren. In der Realität hat uns die Pandemie vieler Freiheiten beraubt – und das Mittel, dem zu begegnen, war für uns alle das Internet. Es gab also gewisse Parallelen zur Handlung von „Belle“.

Mamoru Hosoda (© IMAGO / ZUMA Wire)
Mamoru Hosoda (© IMAGO / ZUMA Wire)

War das Update, von dem Sie sprachen, auch visueller Natur? „U“, die digitale Welt von „Belle“, unterscheidet sich optisch ja deutlich von „Oz“ aus „Summer Wars“; sie ist dunkler und weniger „clean“...

Hosoda: Das ist richtig. Zu Zeiten von „Summer Wars“ hatten wir noch einen anderen Blick aufs Internet, deshalb haben wir die Welt dort mit vielen weißen Lücken gestaltet; sie wirkte leerer und offener. Diese Visualisierung sollte etwas Positives ausdrücken und zeigen, dass es hier unendliche Möglichkeiten gibt. Seitdem aber hat sich viel verändert. Das schlägt sich auch in der Gestaltung von „U“ nieder. Wir haben gelernt, dass Soziale Netzwerke ein Nährboden für Beleidigungen und Fake News sein können, und dass es auch sehr viele dunkle Seiten des Internets gibt. Das sollte sich im Aussehen von „U“ widerspiegeln. Aber trotzdem wollten wir nicht nur die negativen Aspekte zum Vorschein bringen, sondern auch zeigen, dass eine Koexistenz zwischen digitaler und realer Welt möglich und sogar unumgänglich ist. Wer jetzt aufwächst, kommt nicht ums Internet herum. Ich wollte deshalb auch etwas Hoffnungsvolles und Motivierendes in diese Welt bringen.


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Sowohl im Titel als auch in der Handlung selbst beziehen Sie sich auf „Die Schöne und das Biest“. Was hat Sie an diesem Märchen fasziniert?

Hosoda: Das waren vor allem die zwei Seiten des Biestes – das brutale Äußere und der weiche Kern. Dieser Kontrast entspricht in gewisser Weise auch den beiden Seiten des Internets. Einerseits gibt es viele tolle Inhalte, doch im Schutz der Anonymität können manche auch ganz andere Seiten zeigen. Außerdem fand ich es sehr reizvoll, ein Werk aus dem 18. Jahrhundert in ein modernes Setting zu adaptieren.

Bei der Verwirklichung des Films arbeitete auch der Animator Jin Kim mit, der bislang vor allem für Disney tätig war. Welche Impulse hat er beim Design der Welt und Charaktere gesetzt?

Hosoda: Die Grundidee von „Belle“ und „U“ war, eine möglichst globale digitale Welt zu erschaffen. Deshalb haben wir uns auch nach globalen Künstlern umgeschaut. Jin Kim ist bekannt dafür, dass er sehr moderne Charaktere designt. Für mich war er der Richtige, um eine Frauenfigur zu kreieren, die Menschen weltweit anspricht. Neben Jin Kim hatten wir aber auch noch andere Unterstützung aus anderen Teilen der Welt. Das Design von „U“ stammt beispielsweise von Eric Wong, einem Architekten aus London, auf den ich im Netz gestoßen bin.

Stichwort Frauenfigur. Suzu beziehungsweise Belle entwickelt sich wie auch schon die Protagonistinnen Ihrer anderen Filme im Laufe der Handlung zu einer sehr selbstbewussten Figur. Braucht es mehr solcher Frauenfiguren in Animationsfilmen?

Hosoda: Ich kann das nur für mich beantworten, aber als Vater von zwei Kindern, darunter eine junge Tochter, treibt es mich immer an, mich mit der Perspektive junger Menschen auseinanderzusetzen und dafür Geschichten zu erzählen. Ich will sie motivieren und ihnen eine Aussicht geben, wie sie ihr Leben in der modernen Welt gestalten können.

Ein Reich unbegrenzter Möglichkeiten: "Belle" von Mamoru Hosoda (Koch Media)
Ein Reich unbegrenzter Möglichkeiten: "Belle" von Mamoru Hosoda (© Koch Films)

Belles „Superkraft“ ist das Singen. Welche besondere Kraft hat Musik für Sie?

Hosoda: Singen ist eine perfekte Möglichkeit der Selbstdarstellung und -befreiung. Man kann seine Gefühle ausdrücken und sich zugleich freimachen vom Alltag und von Zwängen. Das hat perfekt zur Hauptfigur von „Belle“ gepasst.

Eines Ihrer Kernthemen ist seit jeher die Familie. Bei „Summer Wars“ war sie noch sehr traditionell, doch bei „Mirai“ wurde das bereits aufgebrochen. Auch in „Belle“ spielt Familie eine wichtige Rolle, allerdings keine besonders positive.

Hosoda: Ja, in „Belle“ sind die Fronten zwischen der Hauptfigur und ihrem Vater verhärtet. Es ging mir darum, hier die Geschichte einer jungen Frau zu erzählen, die zwar im Internet erfolgreich ist und dort andere Leute kennenlernt, aber zu Hause nicht einmal mit ihrem Vater sprechen kann. Zugleich wird Suzu durch das, was im Netz, also in der Welt von „U“ passiert, dazu ermutigt, in Kontakt mit ihrem Vater zu treten. Auch hier zeigt sich wieder die Zweiseitigkeit und vermeintliche Widersprüchlichkeit der Menschen und des Internets.

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