© Elemag Pictures ("Volcano")

Instabiles Territorium, greifbares Land

Montag, 13.06.2022

Eine Filmreihe der Deutschen Kinemathek präsentiert jüngste Filme aus der Ukraine, die mit einer großen Vielfalt und Frische die gesellschaftliche Wirklichkeit des Landes porträtieren

Diskussion

Das Interesse an ukrainischer Kultur ist seit dem russischen Überfall am 24. Februar 2022 schlagartig gewachsen. Die Filmreihe „Perspektiven des ukrainischen Kinos“ präsentiert bis zum 30. Juni in Berlin, Hamburg und Leipzig eine Übersicht über junge Arbeiten, die in den letzten Jahren entstanden sind und mit einer großen Vielfalt und Frische die gesellschaftliche Wirklichkeit des Landes porträtieren.


Als in den ersten Wochen nach dem russischen Überfall am 24. Februar 2022 das Interesse an der ukrainischen Kultur und dem ukrainischen Kino rasant stieg, gründete sich in Berlin eine Initiative, um ukrainische Filme zu zeigen. Die ersten Namen, die vorgeschlagen wurden, waren Sergej Loznitsa und Witali Mansky, russischsprachige Männer der älteren Generation, die seit Langem nicht mehr in der Ukraine leben. Doch ukrainische Kurator:innen zeigen seither, dass es in ihrem Heimatland genug frische Stimmen gibt, die für sich selbst sprechen können.

Das von Victoria Leshchenko und Yulia Kovalenko im Auftrag der Deutschen Kinemathek zusammengestellte Programm „Perspektiven des ukrainischen Kinos“ präsentiert die Vielfalt dieser Stimmen. Die Kuratorinnen wollen mit diesem Programm die Landkarte der modernen Ukraine nachzeichnen, wie sie vor dem Februar 2022 existierte: den ruhigen, entspannten Westen und den Osten im Krieg, den Süden als grenznahes, surreales Niemandsland und die fehlende Krim. Gegenwärtig aber strebt die Russische Föderation danach, die ukrainische Landkarte neu zu bestimmen. Neben der Krim und dem Donbass sind zwei weitere große Gebiete von Russland besetzt – Mariupol und das Cherson-Gebiet, die mit zwei abendfüllenden Filmen („Atlantis“ von Walentin Wasjanowitsch und „Volcano“ von Roman Bondarchuk) und einem Kurzfilm („Territorium der leeren Fenster“) vertreten sind.

Die neue Wirklichkeit des Landes: "Volcano" (MUBI)
Die neue Wirklichkeit des Landes: "Atlantis" (© MUBI)


Eine junge Generation von Filmschaffenden

Fast alle Filme entstanden zwischen 2018 und 2021, als der Krieg im Osten des Landes kein unerwarteter Schock mehr war, der alle Gedanken und Worte absorbierte, sondern eine existierende Realität, über deren Auswirkungen auf Gesellschaft und Umwelt die Filme reflektieren. Viele Arbeiten sind Debütfilme von Regisseur:innen, die als Kinder die letzten Jahre der Sowjetunion und beim Erwachsenwerden den Weg der Ukraine in die Unabhängigkeit miterlebt haben. Sie versuchen nicht, ihr filmisches Schaffen an eine neue Zeit anzupassen; es ist vielmehr die Realität der letzten Jahre, die sie inspirierte, überhaupt Regisseur:innen werden zu wollen. Ihre Filme formen ein vielschichtiges Porträt eines modernen, jungen und gleichzeitig in einer langen Geschichte verwurzelten Staates – und einer ukrainischen Gesellschaft, die vom achtjährigen Krieg traumatisiert ist, aber hoffnungsvoll um ihre eigene Identität kämpft.

Dass dieser Kampf bereits eine hundertjährige Geschichte hat, belegt der Film "Arsenal" (1928) von Alexander Dowschenko, dem zweiten Teil seiner ukrainischen Trilogie. Hier erzählt Dowschenko vom bolschewistischen Aufstand in der Arsenal-Fabrik gegen die ukrainische Zentralna Rada im Jahr 1918. In seiner beeindruckend expressionistisch-visionären Filmsprache monumentalisiert Dowschenko allerdings eher das Chaos des Krieges, als dass er für eine der beiden Parteien Stellung beziehen würde. Der Film spiegelt insofern den inneren Konflikt des Filmemachers zwischen sowjetischer Ideologie und seinem Engagement für die Ukraine wider. Denn während Dowschenko im Bürgerkrieg an der Seite der UNR-Armee gegen die Bolschewiki kämpfte, erschuf er in „Arsenal“ einen Helden, der der sowjetischen Mythologie entspricht.

In „Arsenal“ findet sich ein Zitat, das einen aktuellen Bezug aufweist: „Dass der verdammte Katsap (Anmerkung: Schimpfwort für „Russen“) uns 300 Jahre lang gequält hat.“ Es widerspricht der historischen Behauptung der Rede, mit der Putin im Februar 2022 den Beginn eines umfassenden Krieges ankündigte, nämlich, dass die Ukraine von Lenin und seinen Verbündeten nach der Revolution von 1917 „erfunden“ worden sei.


„Klondike“ und die Koexistenz

Während „Arsenal“ der älteste Film im Programm ist, ist der von der in der Türkei lebenden ukrainischen Regisseurin Maryna Er Gorbach realisierte „Klondike“ (2022) der neueste Beitrag. Die Premiere von „Klondike“ fand auf dem Sundance Filmfestival statt, wo er in der „World Cinema Dramatic Competition“ den Preis für die Beste Regie gewann. Danach lief „Klondike“ auf der Berlinale in der Sektion „Panorama“, wo er den Ökumenischen Preis und zweiten Publikumspreis bekam. Er erzählt von dem Ehepaar Irka und Tolik, das an der Grenze zwischen der Ukraine und Russland im Dorf Grabove lebt. Die beiden werden Augenzeugen des Flugzeugabsturzes der MH17, bei dem 298 Menschen ums Leben kamen. Fast die ganze Handlung spielt in einem durch eine Bombe zerstörten Haus, dessen fehlende Wand ein Panorama auf die Landschaft eröffnet, in der einige nach den Überresten der Boeing suchen und andere neue Verbrechen begehen. Das Wissen, wer das Flugzeug abgeschossen hat, bestimmt das erschreckende Ende des Films.

Protest gegen die Angst: "Klondike" (Kedr Film)
Protest gegen die Angst: "Klondike" (© Kedr Film)

Die hochschwangere Irka verspürt keine Angst vor Explosionen, sondern eher eine Irritation über die sinnlosen Männerkriegsspiele. Die Regisseurin Maryna Er Gorbach beschreibt ihren Film als „persönlichen Protest gegen die Angst“. „Klondike“ ist aber auch ein Film darüber, wie sich die Frontlinie innerhalb einer Familie durch die Ereignisse verschärft. Irkas Bruder, ein ukrainischer Patriot aus Kiew, und ihr Mann Tolik, der mit den Separatisten befreundet ist, streiten ständig miteinander, überschreiten aber bestimmte Grenze nicht. So wie in der Ukraine Menschen verschiedener Ansichten, Sprachen und Welten miteinander auskamen, ehe die Gewalt aus dem Nachbarland die Situation verschärfte.


Der Wilde Süden, eine Art Niemandsland

Volcano“ (2018), das Spielfilmdebüt des ehemaligen Dokumentarfilmregisseur Roman Bondarchuk, porträtiert mit origineller Poesie das Gebiet um Cherson. Seit März 2022 ist der größte Teil dieser Region von Russland besetzt, doch bis 2022 war es nicht direkt in den Krieg involviert. Bondarchuk erkundet darin den Wilden Süden, eine Art Niemandsland am Rande des Geschehens; manchmal fahren Panzer durch die Straßen oder stoßen bewaffnete Männer auf andere, doch es gibt keine direkte militärische Aktion. Der Protagonist Lucas, ein junger Mann aus Kiew, gelangt als Dolmetscher einer OSZE-Mission in die Cherson-Region. Lucas, ein Beobachter mit großstädtischer Arroganz, soll in Cherson ein paar Arbeitstage verbringen, doch es kommt anders. Erst verschwinden seine Kollegen, dann Dokumente und Geld, bis die Realität ihn förmlich magisch einsaugt.

Er wird von einem arbeitslosen Mann freundschaftlich festgehalten, der wieder zu Geld kommen möchte, indem er die Überreste deutscher Soldaten ausgraben und an deren Verwandten verkaufen möchte. Das Cherson-Gebiet präsentiert sich manchmal lustig, manchmal verstörend, aber immer surreal. Im Hintergrund laufen Nachrichten im Fernseher, in denen Putin über sein Konzept von „Noworossija“ spricht, doch die Menschen scheinen in einer anderen Realität zu leben. Hier kümmert sich niemand um russische Ambitionen, aber es interessiert sich auch niemand für das ukrainische Streben nach einer modernen, selbstbewussten Zivilgesellschaft.

Der Film besitzt eine überzeugende Authentizität, weil er auf dokumentarischem Material basiert, das der Regisseur und seine Co-Autorin, die beide aus dieser Region stammen, gesammelt haben. Das filmische Stilmittel der poetischen Überhöhung lenkt den Blick auf die Widersprüchlichkeit der Region. Die filigrane Dramaturgie, Kamera und Schauspielführung entfalten dabei eine magische Wirkung.

Tragikomödie ohne Krieg: "My Thoughts are Silent" (Reason8 Films)
Tragikomödie ohne Krieg: "My Thoughts are Silent" (© Reason8 Films)

Noch weiter entfernt vom Osten und vom damaligen Krieg ist die in Kiew und Uschhorod gedrehte Tragikomödie My Thoughts Are Silent“ (2019), das abendfüllende Regiedebüt von Antonio Lukics. Ein junger ukrainischer Sound-Designer erhält aus Kanada den Auftrag, für das Computerspiel „Arche Noah“ die Geräusche transkarpatischer Tiere aufzunehmen. Die Stimmen kanadischer Tiere seien für das Spiel nicht geeignet, argumentiert der Auftraggeber, da kanadische Tiere entspannt klingen, ukrainische hingegen unheimlich. Der Mann reist nach Uschhorod, wo er herkommt, um die Stimmen zu sammeln; er hofft, dass diese Arbeit ihm die Tür zur Auswanderung nach Kanada öffnet. Doch in Uschhorod wird er in ein Familiendrama hineingezogen.


Weit weg vom Krieg

Der Film war in der Ukraine ein Hit, was nicht verwundert. Denn die junge Generation der kreativen Freiberufler konnte sich mit der Hauptfigur identifizieren; und in der co-abhängigen Beziehung zwischen dem Sohn und seiner Mutter erkannten viele ihre Hassliebe zu ihren eigenen Eltern. Außerdem gibt es in „My Thoughts Are Silent“ keine direkten Kriegsspuren. Der Erfolg des Films innerhalb der Ukraine wies schon damals auf die Kriegsmüdigkeit der ukrainischen Gesellschaft hin. Doch selbst die lakonische Coming-of-Age-Komödie ist nicht ganz frei von Brutalität.

Von den Folgen exzessiver Gewalt erzählt hingegen der Regisseur Walentin Wasjanowitsch. In statischen Einstellungen, die durch Schönheit und Schrecken zugleich beeindrucken, zeichnet er seine Dystopie „Atlantis (2019). Der Film spielt im Jahr 2025. Über allen ehemals besetzten Gebieten in der Ukraine weht wieder die gelb-blaue Flagge. Die territoriale Integrität des Landes ist zwar wiederhergestellt, doch Thema des Films sind die verheerenden Folgen der Besetzung. Überflutete Bergwerke, zerstörte Fabriken, vergiftetes Wasser. „Zehn Jahre habt ihr gebraucht, die Gebiete von dem Gift sowjetischer Mythen zu säubern. Jetzt müsst ihr das Wasser und die Erde säubern. Dafür werdet ihr Hunderte von Jahren brauchen“, sagt die Vertreterin einer europäischen Organisation, die Umweltprobleme überwacht. Vor dem Hintergrund der verwüsteten Kulissen entwickelt sich die Geschichte der Annäherung eines ehemaligen Militärs und einer Volontärin, die hilft, die Leichen des Militärs auszugraben und zu identifizieren.

Wasjanowitsch drehte mit Laiendarstellern, die ihre eigenen Erfahrungen einbrachten, und an Orten wie Mariupol, auf dem Gelände der riesigen Fabrik „Azovstal“, weil ihn die Atmosphäre dieser Kulisse faszinierte. „Ich habe von der Zukunft auf das geschaut, was in der Gegenwart passiert“, sagte der Regisseur. Nun blicken wir aus unserer Gegenwart in die geschilderte Zukunft, die bereits Vergangenheit ist, und dieser pessimistische Film entpuppte sich sogar als zu optimistisch. Die dunkle futuristische Fantasie verblasst vor der Realität. Jetzt sollen die Grenzen der porträtierten Territorien aus Sicht der Okkupanten nochmal verschoben werden. Wie die Zukunft aussieht, wissen wir nicht.


Dokus mit Found-Footage-Material

Neben Spielfilmen umfasst das Programm auch eine Vielzahl dokumentarischer Formen. Der Kurzfilm „Der Nagel“ von Philip Sotnitschenko arbeitet mit Archivmaterial. „War Note“ von Roman Lyuby ist eine Militärchronik aus Found-Footage-Material. Territory of Empty Windows ist ein intimer Essay über Mariupol, die Heimatstadt des Regisseurin Zoya Laktionova. „The Earth Is Blue as an Orange“ von Iryna Tsilyk beschreibt das Porträt einer Familie vor dem Hintergrund des Krieges. Alle diese Filme eint, dass sie sehr persönliche Dokumentationen ohne Anspruch auf Objektivität sind.

"" - ein Essay aus Mariupol (Zora Laktionova)
"Territory of Empty Windows": ein Essay aus Mariupol (© Zora Laktionova)

Nach dem Maidan-Aufstand entstand in der Ukraine ein Dokumentarfilm-Boom, der die sich schnell verändernde Realität und die extremen historischen Bedingungen des Abschieds von der postsowjetischen Vergangenheit filmisch festhalten wollte. 2013 wurde der Filmverein „Babylon’13“ gegründet, wo viele Dokumentarfilme über die neue Zivilgesellschaft entstanden. „War Note“ (2021), das Regiedebüt von Roman Lyuby, ist ein Film, der aus persönlichen Videos des ukrainischen Militärs zusammengestellt wurde und die kollektive Erfahrung des Krieges schildert: Erholung und Kämpfe, Kreativität und Gespräche, Witze unter Explosionen, ein Gefühl der Brüderlichkeit, Gefangenschaft, der Tod, der immer nah ist und manchmal gerade da. Die mit Handys, GoPro-Kameras und Tablets aufgenommenen Videofragmente erlauben keine Distanz zum Geschehenen. „Ich möchte, dass die Zuschauer den Saal mit dem Gefühl verlassen, dass sie gerade überlebt haben“, sagt der Regisseur.

„War Note“ ist nicht der erste Film über den ukrainisch-russischen Krieg, der nach dem Prinzip des Found Footage entstand. Der Krieg, der seit acht Jahren andauert, ist gut dokumentiert, von zufälligen Zeugen, die mit ihren Handys filmen, vom Militär, das direkt beteiligt ist, und von Journalistinnen und Journalisten. Ob die Menschen, deren Aufnahmen den Filmen zugrunde liegen, ihre Objektive auf den Krieg richten, um eine Distanz zu dem schwer zu fassenden Geschehen um sie herum zu finden?

„War Note“ gibt auf diese Frage keine Antwort. Eher findet sich eine solche in dem Film „The Earth Is Blue as an Orange“ (2020) von Iryna Tsilyk. Sie fängt in ihrem Regiedebüt die harte Realität durch zwei Linsen ein. Ihre Hauptfigur ist eine Familie aus der Region Donezk, die dank einer Volontärinitiative ein neues Hobby entdeckt – das Kino. Tsilyk schaut zu, wie die älteste Tochter versucht, einen Film über den Alltag ihrer Familie zu drehen, die seit fünf Jahren unter Bomben lebt. Es ist ein zärtlicher Film, bei dem sich die direkte Aussage gekonnt mit dem intellektuellen Konstrukt „Film im Film“ verbindet. Wertvoll ist hier die bewusste Ablehnung der Aneignung, das Ausleihen der Erfahrung eines anderen. Tsilyk lässt die Protogonisten über das Erlebte sprechen und einen eigenen Film daraus machen. „Das Kino war für diese Menschen eine Möglichkeit, über sich selbst zu erzählen – zu anderen Menschen und zu sich selbst. So fühlten sie sich nicht als Opfer des Krieges“, erläuterte die Regisseurin.


Die Erde als verbindendes Motiv

In dem Kurzfilm „Der Nagel“ verabschiedet eine Großmutter ihre Enkelin, die sich auf dem Weg nach Deutschland befindet, mit den Worten: „In der Melodie deines Lebens wirst du inspiriert sein, von unserer Erde, unserer Stadt und unserer Erinnerung an all das.“ Überhaupt erscheint das Motiv der Erde in allen Filmen des Programms: Eine magische Erde voller Mythen („Volcano“). Eine vom Krieg zerstörte Erde („Atlantis“). Die Erde, die geschützt werden muss („War Note“, „Arsenal“). Die Erde, wo die Körper der Besatzer liegen („Arsenal“, „Atlantis“, „Volcano“). Die Erde als Sumpf („My thoughts are silent“). In diesen Filmen wird die Erde als etwas beschrieben, das die Figuren nicht loslässt. Auf die Frage, warum sie ein Land, wo Korruption herrsche, Explosionen zu hören sind und der Krieg die Erde unbewohnbar gemacht habe, nicht verlassen, gibt es in „Volcano“ eine poetische Antwort: „Die Erde hält fest. Wenn du lange lebst und liebst, dann liebt dich die Erde und gibt dir Kraft. Wenn die Erde alle Menschen gehen lassen würde, würden sie wie Flöhe hin und her springen.“

Noch hält die Erde die Menschen fest: "War Zone" (Babylon'13)
Noch hält die Erde die Menschen fest: "War Zone" (© Babylon'13)

Der ukrainische Essayist Oleksiy Kuchansky stellt in seinem Text „Digital Leviathan and his Nuclear Tail“ die Behauptung auf, dass derzeit in der Ukraine nichts instabiler sei als Territorium, aber gleichzeitig nichts greifbarer als Erde. Endlose ukrainische Steppen, Felder voller Wassermelonen und Sonnenblumen, Gebirge, das Meer, Hügel, die wie ein Vulkan aussehen – die Menschen in der Ukraine kämpfen gerade für ihre Werte und ihre Erde.

Als Roman Bondarchuk nach der Bedeutung des Filmtitels „Volcano“ gefragt wurde, sagte er: „Vorahnungen für Veränderungen sind in der Luft zu spüren. Sie können zum Guten oder zum Schlechten sein. Nach der Annexion der Krim gab es die Sorge, dass die Besatzer weitermarschieren und nicht an der Landenge stoppen werden. Dann kam Donbass, die Geschichte des „Südostens“. Es scheint mir, dass diese Spannung immer noch in der Luft hängt. Es ist, wie wenn man auf einem Vulkan lebt, ohne zu wissen, wann alles vorbei ist. Ein Vulkan ist eine Art Erwartung eines Ausbruchs.“


Die Angst vor Kadyrow-Soldaten

Am 24. Februar 2022 brach der Vulkan aus. Jetzt ist es unmöglich, all diese Filme anzusehen, ohne sie mit den aktuellen Nachrichten und Bildern abzugleichen. Deutsche Soldaten, deren Hände aus dem Boden ragen („Arsenal“), reimen sich auf jene Aufnahmen von toten Soldaten, mit denen das Internet jetzt voll ist. Das Werk „Azovstal“, in „Atlantis“ eindrucksvoll fotografiert, ist mittlerweile in aller Munde, ebenso wie Mariupol, dessen Niederlage man online miterlebt hat. Keller, in denen sich Menschen verstecken, und zugeklebte Fenster („The Earth Is Blue as an Orange“) sind nicht nur im Osten der Ukraine, sondern im ganzen Land Alltag geworden, aber auch die Angst vor Kadyrow-Soldaten, die an ukrainische Türen klopfen („Klondike“).

Hat die neue Realität uns darauf vorbereitet, ukrainische Filme stärker wahrzunehmen? Und können uns diese Filme in ihrer Gesamtheit ein Stück weit mit den Mitteln ausstatten, diese katastrophale Realität ansatzweise besser zu verkraften?


Hinweis

Die Filme der „Perspektiven des ukrainischen Kinos“ sind vom 12. bis 30. Juni in Berlin, Hamburg und Leipzig zu sehen. Sie werden im Original mit englischen Untertiteln gezeigt; die Filmgespräche finden in englischer Sprache statt. Der Eintritt zu allen Vorführungen ist frei. Details zu den Aufführungen finden sich auf den Websiten der beteiligten Kinos:


12.6.-30.6., Delphi Lux, Berlin

12.6.-30.6., City Kino, Berlin

14.6.-30.6., Abaton, Hamburg

15.6.-20.6., Schaubühne Lindenfels, Leipzig

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