© Komplizen Film/Reinhold Vorschneider (aus „A E I O U“)

Rahmensprengerin - Nicolette Krebitz

Mittwoch, 15.06.2022

Zu den Filmen von Nicolette Krebitz

Diskussion

2001 trat die Schauspielerin Nicolette Krebitz mit dem Berlin-Film „Jeans“ erstmals als Regisseurin hervor, nach „Das Herz ist ein dunkler Wald“, der Beteiligung an „Deutschland 09“ und „Wild“ kommt nun mit A E I O U ihre fünfte Regiearbeit ins Kino. All ihren Filmen ist gemeinsam, dass Krebitz jenseits fester Formen und (weiblicher) Rollenbilder inszeniert, beflügelt von Referenzen und inhaltlichen Hakenschlägen. Das macht ihre Arbeiten zu erfrischenden Ausnahmen im deutschen Kino.


Frauen, die so sein können, wie sie sind, frei, verwegen und merkwürdig. Frauen wie Jeanne Moreau, die spätnachts mit kurzem Rock und auf hohen Schuhen allein eine Straße entlangläuft und niemanden bei sich haben will. Keine Frauen in „Frauenfilmen“, die „so ein Frauenschicksal erzählen“. Wenn Nicolette Krebitz in dem Schauspielerinnen-Porträtfilm Mädchen am Sonntag von RP Kahl (2005) über weibliche Figuren im französischen Film der 1960er-Jahre spricht und darüber, was sie an Ausstrahlung, Größe und Appeal im zeitgenössischen (deutschen) Kino so vermisst, bekommen ihre Augen einen eigentümlichen Glanz. Krebitz hat sich zu diesem Zeitpunkt schon als Regisseurin ausprobiert (das Debüt Jeans interessiert sich für Frauen dann aber erst mal ausschließlich als Jungsfantasie), versteht sich bei allem Hadern mit ihrer Rolle aber doch noch ganz als Schauspielerin. „Jetzt muss ich’s mal selber versuchen“, sagt sie noch und es klingt ein bisschen wie eine Arbeit, die man nur deshalb übernimmt, weil sie ja sonst niemand macht.

Mit „frei, verwegen und merkwürdig“ hat Krebitz eine Charakterbeschreibung ihrer Frauenfiguren bereits vorweggenommen: die Medea-Wiedergängerin Marie in Das Herz ist ein dunkler Wald (2007), die am Ende des Films von allen falschen Zwängen befreit nackt den Heimweg antritt (mit Busfahrt), bevor sie die ihr angetane Zerstörung entschlossen beantwortet, die verhuschte IT-Angestellte Ania in Wild (2016), die durch die Begegnung mit einem Wolf das Tier in sich entdeckt, die sechzigjährige Schauspielerin Anna in A E I O U (2022), die mit einem jungen Dieb und Schulversager an die Côte d’Azur flüchtet – und in eine Liebesgeschichte, die allein deshalb so möglich wird. So: mit geklauten Juwelen und (wieder) nackt durch die Straßen – weil sich im Kino eben alles erzählen lässt, ohne dass man Rücksicht auf Wahrscheinlichkeiten nehmen müsste.


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„Wild“ kreist um ein seltsames Verhältnis zwischen einer Frau und einem Wolf (© X Verleih)
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Außerhalb des Rahmens gesellschaftlicher Vereinbarung

Krebitz entwirft Frauenfiguren, die aus dem Rahmen von gesellschaftlicher Vereinbarung und Konvention herausfallen, auf die ihnen zugedachten Rollen (Mutter und Ehefrau, die dem Künstlerehemann den Rücken freihält, mittelalte Frau ohne sexuelles Leben) haben sie keine Lust. Gespielt werden sie von Nina Hoss, Helene Hegemann (in dem Episodenfilm Deutschland 09) und den Volksbühnen-Celebrities Lilith Stangenberg und Sophie Rois, letztere sind mit einer bestimmten Idee von Theater eng verbunden (Diskurs, Repräsentationskritik, Politik, brüchiger Glamour, hohe Schuhe). Stangenberg und Rois verkörpern immer schon mehr als die Figuren, die sie spielen, bringen eine gewisse Widerständigkeit und Merkwürdigkeit mit, die nicht erst erschaffen werden muss. Transgression wäre jedoch ein viel zu starker, auch viel zu überkodierter Begriff für das, was Marie, Ania und Anna an alternativen Szenarien und Bildern vorleben. Schließlich machen sie alles, was sie tun, mit einer gewissen Haltung – Anna würde es Contenance nennen. Auseinanderfallen, entgleisen, sich verlieren oder auch ziellos umherdriften ist ihre Sache nicht, Kontur und Form sind unbedingt wichtig, Stil sowieso.

Für die Filme selbst trifft das ebenso zu, nur dass Krebitz an einer Reinheit der Form so gar kein Interesse hat, im Gegenteil. Ihre Filme sind eklektizistisch, bedienen sich mal hier, mal dort, scheuen sich auch nicht vor direkten filmischen Referenzen, spinnen weiter, was aufgesammelt wurde. Das Herz ist ein dunkler Wald zitiert ungehemmt Eyes Wide Shutund Bressons Mouchette, einen Film, dessen Schlussszene mehr oder weniger nachgestellt wird, um Anlauf zu nehmen für das eigentliche Finale. Ein wichtiger Bezugspunkt für Krebitz ist das französische Autorenkino der 1960er- und 1970er-Jahre, eingefärbt mit einer eher lokal- und szenespezifischen Verortung. In „Das Herz ist ein dunkler Wald“ mischt sich Berliner-Schule-Distanziertheit mit Märchenhaft-Surrealem, Theaterprobe und Berliner Kunstbetrieb-Promiszene – Jonathan Meese, Angelika Taschen und Bruno Brunnet haben Auftritte.


Falsche Fährten

Zuerst aber werden falsche Fährten gelegt, etwa: Milieustudie. Wenn Anna beim Frühstückstisch plötzlich anfängt, das Etikett des Biohonigs zu lesen, während ihr Mann – auf der anderen Seite des Splitscreens – die Inhaltsstoffe seines Haarshampoos studiert, ist es mit der bequemen Rezeptionshaltung vorbei. Was passiert hier und überhaupt: kann man das machen? Die Freude an Einfall und Spiel scheint Krebitz oft wichtiger als inhaltliche oder formale Kohärenz, Ideen werden eher umarmt als geopfert. Diese Lust an Fülle und Abzweigungen – oder anders gesagt: die Unlust an Stringenz und Effizienz – hat zweifellos etwas Großzügiges, Verschwenderisches. Dass sich die einzelnen Elemente nicht immer zu einem stimmigen Ganzen fügen – vor allem im aktuellen Film A E I O U wird das Hakenschlagen nicht wirklich produktiv – ist Teil des Wagnisses.

Lose assoziierte Berliner Momentaufnahmen bietet das Regiedebüt „Jeans“ (© X Verleih)
Lose assoziierte Berliner Momentaufnahmen bietet das Regiedebüt „Jeans“ (© X Verleih)

Jeans (2001) dreht Nicolette Krebitz am deutschen Produktionssystem und den Regeln des Erzählkinos vorbei. Die Geschichte um zwei Typen auf der Suche nach Schlafmöglichkeiten und Mädchen entsteht ohne Verleih, Produktion und Filmförderung im Sommer 2000, gedreht wird in Berlin, die eigenen Freunde spielen mit, alles ist „Low-Key“ und will auch nichts anderes sein. Das Momenthafte, das darin eingefangen wird, lässt sich heute nur noch schwer greifen, die Sicht auf die Stadt bleibt vage, in Erinnerung bleiben am ehesten die minutenlangen, mit Elektro-Pop unterlegten Passagen, in denen die fragmentarische Handlung nahezu zum Stillstand kommt: Marc Hosemann und Nicolette Krebitz beim Warm-Up auf dem Sportplatz, beim nebeneinander Laufen, beim sich gegenseitig Wegschubsen. Wenig verweist auf den nachfolgenden Film – außer dem Spielerischen und einer Nähe zu Szenegrößen (Rainald Goetz redet beim Biertrinken ein bisschen mit).


Finstere Geschichte über Verlogenheit

Mit Das Herz ist ein dunkler Walderzählt Krebitz eine finstere Geschichte über Geschlechterungerechtigkeit und die Verlogenheit bürgerlicher Lebensentwürfe, Nina Hoss spielt eine Mutter und Ehefrau, die ungewollt das Doppelleben ihres Mannes aufdeckt. Die Anfangsszene am Frühstückstisch im Reihenhaus ragt durch ihre Präzision heraus, ist aber deutlich lebendiger gestaltet als Vergleichbares in so manchen Filmen der Berliner Schule. Nina Hoss ist von ihrer Petzold-Haftigkeit ganz befreit, hinter Maries Müdigkeit und Erschöpfung, der Befremdung vor dem eigenen Baby, dem Mann, lauert etwas Verzweifeltes. Vielleicht doch so etwas wie ein Frauenschicksal der Gegenwart: ihre Arbeit als Geigerin hat Marie aufgegeben, um für die Familie da zu sein, der von Devid Striesow gespielte Mann macht, was er will – „Komm, die anderen Frauen schaffen es doch auch“, sagt er, als sie zusammenbricht.

Der Registerwechsel ins Surreale, Märchenhafte – der zweite Teil spielt auf einem Maskenball in einem Schloss, wo Maries Mann mit seiner Band auftritt – brachte dem Film den Vorwurf mangelnder Stringenz und des „Kunstwillens“ ein. Bei allen Wechseln im Ausdruck und dem gelegentlichen Hang zu Prätention findet der Film dennoch immer wieder in die Spur. Und schließlich konturiert sich gerade in der Mischung verschiedener Genres und Tonlagen (bitterer Ernst, Groteske) eine eigene Handschrift heraus. In der umfangreichen Sammlung filmischer Bestandsaufnahmen bürgerlicher Beziehungsverhältnisse, die das deutsche Kino in den letzten zwanzig Jahren hervorgebracht hat, ist das „Das Herz ist ein dunkler Wald“ sicherlich ein Solitär.

Kritik von bürgerlichen Lebensentwürfen, ungewöhnlich serviert: „Das Herz ist ein dunkler Wald“ (© X Verleih)
Kritik bürgerlicher Lebensentwürfe, ungewöhnlich serviert: „Das Herz ist ein dunkler Wald“ (© X Verleih)


Diskurszeitreisen und Wölfe in der Wohnung

In „Die Unvollendete“, einer Episode im Omnibusfilm Deutschland 09 – 13 Filme zur Lage der Nation (2009) legt Krebitz das Genre Diskursfilm auf leichte, Pop-affine Weise aus: Durch einen Schacht gelangt die Schriftstellerin und Regisseurin Helene Hegemann ins Jahr 1969 – und in eine Wohnung, wo sie mit Ulrike Meinhof und Susan Sontag quatscht. Weniger direkt und hingeworfen ist der Theoriebezug in Wild – ein Film, der im wirklich allerweitesten Sinn um Antispeziesismus kreist und das Mensch-Tierverhältnis jenseits von Genrekino (Horror, Komödie) erforscht. Die Geschichte einer Frau, die in Halle-Neustadt einen Wolf mit in ihre Hochhaussiedlungswohnung nimmt, der bald so etwas wie ihr Lover wird, erinnert an einen realen Fall in New York, den der Künstler und Filmemacher Phillip Warnell in Ming of Harlem (2014) filmisch aufbereitet hat. Erneut geht es um den Ausbruch aus dem Korsett gesellschaftlicher Vereinbarung, um die Überschreitung von Grenzen, Autonomiegewinn. „Wild“ ist auch die erste Zusammenarbeit von Krebitz mit dem Kameramann Reinhold Vorschneider. Seine extrem präzisen Bilder – die hell-blassen Farben wirken wie ausgehungert – halten den Film auch da zusammen, wo er erzählerisch auszufransen droht.

Das Interesse für Beziehungen, für die es keine Vorlage gibt, keine Bilder, Erzählungen und Szenen, die einem schon mal ein loses Skript skizzieren, setzt sich im aktuellen Film A E I O U fort. „Es gab keine Geschichte, in der sie sich wiederfanden“, berichtet die Erzählerin ihres eigenen Lebens über Anna und Adrian. „A E I O U“ ist mit Abstand der üppigste Film der Regisseurin, eine Komödie in satten Bildern, vollgestopft mit Ideen, Abschweifungen und Launen, manches davon auch darübergestülpt. Ein offensichtliches Anliegen von Krebitz ist es, einer sechzigjährigen Figur (und Schauspielerin) einen filmischen Raum zu geben, der ihr im Kino nur selten zugestanden wird. Viel Mühe und Detailarbeit wird in die Ausgestaltung der Figur gelegt: ihren Stil und ihre Kleidung, die Ausstattung ihrer Wohnung, das soziale Milieu (die Paris Bar), die schrulligen Marotten, die Sprache (Stinksack, Animierdame, Gepflogenheiten), die enge Beziehung, die sie mit ihrem schwulen Nachbarn und Vermieter (Udo Kier) unterhält – und das Aufbrechen ihrer ständigen Schauspielerei durch die Begegnung mit Adrian.


Feminismus, Komödie und Abenteuer

Am Rande und sehr darum bemüht, einen leichten Ton beizubehalten, nicht in Empörungsrhetorik zu verfallen, geht es auch um die Demütigungen, denen sich eine mehr als mittelalte Frau und Schauspielerin in ihrem Arbeitsleben ausgesetzt sieht. Es geht in „A E I O U“ aber um vieles und vieles mehr. Etwa darum, Feminismus, Komödie und Abenteuer zusammenzudenken und dabei noch einen beschwingten Ausflug an die Côte d’Azur zu machen, nicht ohne unterwegs noch kurz in einem französischen Krimi vorbeizuschauen und zwischendrin ein paar Wellensittiche herumflattern zu lassen. Man kann wirklich nicht sagen, Krebitz würde sich wenig vornehmen.

Nicolette Krebitz (© X Verleih)
Nicolette Krebitz (© X Verleih)

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