© IMAGO / Allstar (Bob Rafelson beim Dreh des Fernsehfilms „Poodle Springs“)

Gedämpft schillern

Samstag, 30.07.2022

Ein Nachruf auf den US-amerikanischen Regisseur Bob Rafelson (21.2.1933-23.7.2022)

Diskussion

Anfang der 1970er-Jahre prägte Bob Rafelson mit nur zwei Filmen das New-Hollywood-Kino entscheidend mit, indem er in „Five Easy Pieces“ und „Der König von Marvin Gardens“ Figuren und Orte ins nur noch matt leuchtende Licht rückte, denen jeder Glaube an den amerikanischen Traum ausgetrieben worden war. In seinen später entstandenen Filmen erzählte er hinter kompromissbereiteren Auflösungen noch immer von der Ohnmacht angesichts einer enttäuschenden und feindlichen Welt. Ein Nachruf auf den am 23. Juli 2022 verstorbenen Filmemacher.


Regie: Bob Rafelson, Kamera: László Kovács. Die Lichter der Tankstelle verschwimmen im Dunst. Man kann gar nicht genau sagen, ob es Tag oder Nacht ist. Der Boden ist nass, als hätte es Stunden geregnet. Kaum eine Seele hält hier. Es ist einer dieser Orte, an dem die endlose Weite des US-amerikanischen Horizonts zu einem erdrückenden Nirgendwo verkommt. Tristesse und Entfremdung haben Freiheit und Selbstvertrauen ersetzt. Hier, an diesem Nicht-Ort spielt sich eine der größten Schlussszenen des an Schlussszenen nicht armen US-amerikanischen Kinos ab.

Bobby (Jack Nicholson) hält mit seiner Partnerin Rayette (Karen Black). Sie sind auf dem Weg zurück nach Hause. Zuvor haben sie Bobbys Familie besucht. Es war ein Grauen, ein Kampf. Sie steigen aus. Er liebt sie nicht. Er liebt niemand, zumindest hatte ihm das eine Frau gesagt, mit der er während des Heimatbesuchs eine Affäre hatte. Der ockerfarbene Wagen steht an der Zapfsäule. Ein Tankwart kommt. Rayette betritt das Diner, um einen Kaffee zu trinken. Bobby sucht die Toilette auf. Ein Truck mit riesigen Holzstämmen fährt ein und hält. Er ist auf dem Weg nach Norden, in die entgegengesetzte Richtung wie Bobby und Rayette.

Bobby steht mit seinem Rollkragenpullover, in dem er sich nie wohlzufühlen scheint, vor dem Spiegel. Er hustet. Man hört das Brummen des Trucks durch die dünnen Wände. Bobby ist eine verlorene Seele. Jetzt trifft er eine Entscheidung. Es gibt keinen Voice-Over, er sagt nichts, aber man sieht es in seinem Gesicht. Er blickt noch einmal lange in den Spiegel, in die Leere, die ihm von dort aus entgegenstarrt. Dann verlässt er die Toilette und spricht den Truckfahrer an. Der Dialog ist kaum zu verstehen, so laut scheppern die Motoren. Bobby steigt ein. Alles wäre verbrannt, sagt er dem Fahrer, der ihn vor der Kälte in Oregon warnt und fragt, ob er eine Jacke habe. Es gehe ihm gut, sagt Bobby; es gehe ihm gut, sagt er nochmal.

Bob Rafelsons Opus magnum: „Five Easy Pieces“ über verlorene Seelen in den USA um 1970 (© Sony)
Bob Rafelsons Opus magnum: „Five Easy Pieces“ über verlorene Seelen in den USA um 1970 (© Sony)


Desillusionierte amerikanische Träume

Das fahle Leuchten des desillusionierten amerikanischen Traumes schillerte nirgends gedämpfter als in den beiden Großtaten, die Bob Rafelson als Regisseur zu Beginn der 1970er-Jahre vollbrachte: „Five Easy Pieces - Ein Mann sucht sich selbst, aus dem die eben geschilderte Szene stammt, und Der König von Marvin Gardens. In beiden Filmen spielte Jack Nicholson die Hauptrolle. Das ist kein Zufall. Die Karrieren des kongenialen Duos überlappten sich immer wieder, gehen auseinander hervor, wie zwei Arme des gleichen Flusses. Zusammen schrieben sie „Head, den schrägen, zunächst gescheiterten, aber inzwischen kultisch verehrten Monkees-Film. Rafelson war bereits im Team, dass die Monkees zu einem Fernsehhit formte. Der daraus resultierende Kinofilm, bei dem er auch Regie führte, ist eine überdrehte Melange aus Konzertfilm, politischem Manifest, Satire und surrealistischem Abenteuer. Rafelson blieb sich in seiner Liebe für das Sonderbare und Komische seine ganze Karriere über treu, er kanalisierte diese Ausbrüche aber als tragische Verformungen der zerstörten amerikanischen Seele. Das Geschirr zerschellt, Körper rollen übereinander in verkrampften Posen, erratische Ausbrüche erzählen von der Ohnmacht gegenüber einer enttäuschenden Welt.

Nicholson schenkte Rafelson seine besten Momente. Es sind jene, in denen er in sich verharrt, statt auszubrechen, in denen seine Stimme als unendliches Crescendo aus den tiefsten Tiefen der Stille anschwillt, aber niemals ganz den unberechenbaren Regeln von Wut und Irrsinn folgt, für die der Darsteller sonst berühmt wurde. In „Der König von Marvin Gardensspielt Nicholson einen vom unmöglich gewordenen Leben aufgefressenen Radiomoderator. Als sein krimineller Bruder (Bruce Dern) ihn nach Atlantic City ruft und ihn dort in dubiose Immobiliengeschäfte verstrickt, reißen die schon von Weitem sichtbaren Narben der kaputten Familie auf. Auch wenn man inzwischen wahrlich genug gequälte männliche Seelen im Kino (und auch sonstwo) erleben musste, diese beiden Rollen von Nicholson verlieren nichts von ihrer Wucht, weil sie das niedergeschlagene Abbild einer ganzen gescheiterten Nation verkörpern. Nicholson wendet sich förmlich ab von der Kamera, aus ihm kommt nur noch ein murmelndes Flüstern, Sätze, die keine Antworten mehr erwarten. Besonders nachhallend bleibt das völlige Verschwinden eines Zuhauses. Die Türen, die Nicholson in den Filmen Rafelsons hinter sich zu schließen trachtet, sperren ihn immer nur weiter ein.

Auch ein Vergnügungsort wie Atlantic City erschien bei Rafelson in „Der König von Marvin Gardens“ heruntergekommen und menschenfeindlich (© IMAGO / Prod. DB)
Auch ein Vergnügungsort wie Atlantic City erschien bei Rafelson in „Der König von Marvin Gardens“ heruntergekommen und menschenfeindlich (© IMAGO / Prod. DB)

Etwas besser ergeht es da zumindest teilweise Craig Blake (Jeff Bridges) in „Mr. Universum, ganz nebenbei einer der ersten Filme mit Arnold Schwarzenegger. Dabei entfremdet sich auch er nach dem Tod seiner Eltern von seiner Familie und deren großbürgerlicher Entourage, um sich für ein Fitnessstudio und dessen liebenswert-schrulligen Mitarbeiter zu interessieren. Auch er gilt, wie viele Anti-Helden im Kino Rafelsons, als schwarzes Schaf einer auch ohne ihn dysfunktionalen Familie. Aber Craig lernt andere Menschen kennen, die aufrichtiger leben und lieben. Die Versöhnlichkeit nimmt dem Film an Wucht. Sie ist ein Kompromiss, der fortan das Kino Rafelsons prägen sollte.


Den Abgrund des Alltags sichtbar machen

Die große Stärke Rafelsons war stets, den Abgrund des Alltags sichtbar zu machen. Bei ihm zählen die Orte, an denen er dreht. Oftmals waren das vor allem ländliche Regionen oder solche, an denen das Kinogedächtnis nicht alles längst mit Bildern zugedeckt hat. Niemand sonst hat den Niedergang von Atlantic City mit seinen leerstehenden Hotelfluren und Ruinen in Entstehung so festgehalten wie Rafelson in „Der König von Marvin Gardens. Nur selten sah Florida so heruntergekommen aus wie in seinem „Blood & Wine. Ja, das Unverbrauchte zog Rafelson an. Zumindest so lange, bis es nichts Unverbrauchtes mehr zu entdecken gab im US-amerikanischen Kino.

Dabei erlangte er weit über seine Regietätigkeit hinaus Bedeutung. Als Mitglied von BBS Productions wirkte er prägend für das, was man heute als New Hollywood kennt. Diese Firma war ein quasi spirituelles Zusammentreffen von männlichen Filmschaffenden, die ab Ende der 1960er Jahre einen neuen Weg für das kriselnde US-amerikanische Kino einschlugen. Zusammen mit Bert Schneider und Steve Blauner, mit denen er bereits bei den Monkees arbeitete, gründete er diese Produktionsfirma, die ein neues, jüngeres Publikum unter einer stringenten ästhetischen und vor allem politischen Idee von Kino anzusprechen wagte. Das Kino von BBS ist ein Kino der Unzufriedenheit. Sie produzierten Five Easy Pieces, Ein Zauberer an meiner Seite von Henry Jaglom, Easy Rider von Dennis Hopper, Drive, He Said von Jack Nicholson, Die letzte Vorstellung von Peter Bogdanovich, Der König von Marvin Gardens und die Vietnamkriegsdokumentation Hearts and Minds von Peter Davis.

Etwas von der Verrücktheit seines Debüts „Head“ blieb Bob Rafelson immer erhalten (© IMAGO / Prod. DB)
Etwas von der Verrücktheit seines Debüts „Head“ blieb Bob Rafelson immer erhalten (© IMAGO / Prod. DB)

Wie jene wissen, die mit der Filmgeschichte vertraut sind, endeten diese aufregenden 1970er-Jahre schneller als zuträglich. Das gilt auch für die Filme, die Rafelson später drehte. Seine Arbeiten wurden unpersönlicher und kommerzieller und das, obwohl er weiterhin mit Nicholson und anderen langjährigen Weggefährten wie Carole Eastman, etwa beim nervig-komödiantischen, von Silvio Berlusconi co-produzierten Man Trouble – Auf den Hund gekommen, arbeitete. Zuvor glänzte Nicholson noch in Rafelsons Adaption von James M. Cains Wenn der Postmann zweimal klingelt. Der Film löste eine Art Boom erotischer Thriller in den 1980er- und 1990er-Jahren aus, kommt den Figuren aber nicht annähernd so nahe wie frühere Rafelson-Filme.


Im Spätwerk sind es die Lebensflüchtlinge, die andere verletzen

Am ehesten lässt sich noch Blood & Wineaus dem Spätwerk hervorheben. Dort treten die Generationenkonflikte in Gewand eines Thrillers noch einmal zu Tage. Der junge Jason (Stephen Dorff) versucht sich der betrügerischen Verantwortungslosigkeit seines Vaters Alex (Jack Nicholson) zu entziehen. Die, die aus dem Leben flüchten wollen, sind jetzt die, die andere verletzen. Der selbstbezogene Existenzialismus von Rafelsons verlorenen Figuren erhält derart nochmal eine Wendung. Der Film geht nicht tief genug, um diese wirklich einzulösen, ist aber allein wegen Michael Caines hustend-schwitzendem Auftritt als Kleinganove einen erneuten Blick wert.

Der Thriller „Blood & Wine“ ist ein Spätwerk, das Rafelsons verlorenen Figuren noch eine bittere Variante hinzufügt (© IMAGO / Prod. DB)
Der Thriller „Blood & Wine“ ist ein Spätwerk, das Rafelsons verlorenen Figuren noch eine bittere Variante hinzufügt (© IMAGO / Prod. DB)

Wirklich wohlgefühlt hat sich Rafelson auf der Seite der Nichtangepassten. Er konnte sein größtes Kino nur aus einer Außenseiterperspektive machen. In einer Zeit, in der das Kino wirklich etwas bedeutete. Als es diese Perspektive und Zeit nicht mehr gab, gliederte er sich unauffällig ein und begrub das, was man seine Weltsicht hätte nennen können in den Geschichtsbüchern. Das unterscheidet ihn von Kollegen wie Brian de Palma, Martin Scorsese oder Terrence Malick, die auch nach dem „Ende“ von New Hollywood ihre individuellen Filme drehten. Trotzdem muss Rafelson in einem Atemzug mit ihnen genannt werden. Ein Pionier des letzten Hurras von Hollywood, jemand, der mit nur zwei Filmen das ganze Dilemma der Vereinigten Staaten verdeutlichte.

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