© BBC (Ben Whishaw als rebellischer Reporter in "The Hour")

Leders Journal (XXIX): Soll man mit Rechten reden?

Leders Journal (XXIX): Der Versuch von Caren Miosga und Maybrit Illner, den AfD-Chef Tino Chrupalla in ihren Talkshows kritisch zu befragen, ist gescheitert. Auch rechte Politiker haben den Umgang mit Massenmedien inzwischen gelernt

Veröffentlicht am
25. Juni 2024
Diskussion

In der arte-Mediathek kann man aktuell die etwas ältere britische Serie „The Hour“ abrufen, in der es um ein politisches Magazin der BBC geht. Die Redakteure treibt darin auch die Frage um, ob und wie man rechtsradikale Positionen öffentlich zur Sprache bringt. In der ARD und im ZDF scheiterten jüngst Caren Miosga und Maybrit Illner bei ähnlichen Versuchen. Im Unterschied zu den britischen Hooligans haben die AfD-Politiker inzwischen den Umgang mit den Massenmedien gelernt.


Wer in diesen Tagen die Möglichkeit nutzte, in die etwas ältere BBC-Serie „The Hour“ hineinzuschauen, wird vielleicht einen Augenblick lang gestutzt haben. Deren erste Staffel strahlte die BBC 2011 aus, die zweite folgte ein Jahr später. Arte übernahm die erste Staffel im März 2013 und die zweite acht Monate später. Das ist lange her. Verdienstvollerweise hat der Sender nun einige dieser alten Serien wie „The Hour“ wieder ausgegraben und macht sie über seine Mediathek wieder zugänglich; so ist beispielsweise die Krimiserie „Life on Mars“ wiederzuentdecken, in der ein Kommissar nach einem schweren Unfall in den 1970er-Jahren aufwacht und nun in der Vergangenheit, die er nur als Kind miterlebt hat, Schlaghosen, großen Hemdkragen und grelle Pullover tragen muss sowie mit veralteten Methoden Verbrechen aufzuklären hat. Eine auch durch den Soundtrack vergnügliche Zeitreise.

„The Hour“ erzählt in der ersten Staffel von der Gründungsgeschichte des ersten politischen Magazins der BBC, das in der Wirklichkeit „Panorama“ hieß (und das Vorbild für die gleichnamige, ab 1961 produzierte NDR-Sendung war). Die zweite Staffel von „The Hour“ spielt einige Jahre später, als der BBC mit ITV eine privatwirtschaftliche Konkurrenz erwachsen war, die nun ebenfalls politischen Magazinjournalismus betrieb. Die Erzählungen aus dem journalistischen Alltag mit Rivalitäten und Hierarchieproblemen wurden in beiden Staffeln mit Kriminalgeschichten verwoben, die weit in die britische Politik hineinreichten und dadurch skandalträchtig waren.


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In der zweiten Staffel, die in den 1960er-Jahren angesiedelt ist, spielen auch rassistische Schmähungen von Menschen eine Rolle, die aus den ehemaligen Kolonialgebieten stammen und eine andere Hautfarbe haben. Einer der Journalisten lernt einen der rechtsextremistischen Schläger kennen und will ihn im Studio zu seiner Gesinnung befragen. Viele in der Redaktion und auch in der Hierarchie sind dagegen. Einer sagt sinngemäß, dass er während des Zweiten Weltkriegs nicht gegen die Faschisten gekämpft habe, damit ihnen in der BBC jetzt die Bühne bereitet wird. Der Journalist setzt sich mit seinem Vorschlag aber durch. Doch der junge Rechtsradikale vermag sich im Fernsehstudio kaum zu artikulieren – ein Desaster für seine Gesinnung.

Jetzt in der arte-Mediathek: Die britische Serie "The Hour" (arte/BBC)
Jetzt in der arte-Mediathek: Die britische Serie "The Hour" (© arte/BBC)

Wer die Szene dieser Tage sah, mag daran gedacht haben, wie schwer es in Deutschland dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen fällt, heute einen richtigen Umgang mit einer Partei wie der AfD zu finden, die zu weiten Teilen rechtsextreme Positionen bezieht. Soll man ihre Funktionäre in die Talkshows, die bei ARD und ZDF den späteren Abend füllen, einladen oder nicht? Und wenn man sie einlädt, wie soll man mit ihnen in den live ausgestrahlten oder live-on-tape aufgezeichneten Gesprächssendungen umgehen?

Material dazu boten zwei Sendungen, die kurz hintereinander zu sehen waren. Die Ausgabe von „Caren Miosga“ (ARD) am 21. April 2024 war mit „Zwischen Kreml-Nähe und Rechtsextremismus. Wofür steht die AfD, Herr Chrupalla?“ überschrieben. Vier Abende später hieß es bei „Maybrit Illner“ (ZDF): „Russland, China, Spionage - vertritt die AfD deutsche Interessen?“. Auch hier saß Tino Chrupalla als Vorsitzender der AfD-Bundestagsfraktion und als einer von zwei Bundessprechern seiner Partei im Studio.


Einspieler als Stichwortgeber

Beide Talkshows unterscheiden sich strukturell. Caren Misoga stellt jeweils einen Gast in den Mittelpunkt, mit dem sie sich in der ersten halben Stunde unterhält, ehe dann in der zweiten halben Stunde weitere Gäste hinzukommen, die nun ihrerseits den Hauptgast befragen, sich aber auch untereinander unterhalten können. Einspielfilme liefern Stichworte für Fragen und Stellungnahmen. Das Studiopublikum ist hörbar anwesend, hält sich aber deutlich zurück. Bei Chrupalla kam es mitunter zu Gelächter, wenn er mit einer ironisch gemeinten Floskel reagierte, als er zu radikalen Positionen seiner Parteifreunde befragt wurde. Man wusste nicht genau, ob das Lachen von Chrupallas Ironie ausgelöst wurde oder von der Tatsache, dass er sich so billig aus der Verantwortung stehlen wollte.

Maybrit Illner verzichtet hingegen auf ein Publikum. Ihre Sendung ist als Diskussion mit mehreren Personen angelegt, von denen mindestens zwei einer Bundestagspartei angehören. Am Abend mit Chrupalla war das der CDU-Bundestagsabgeordnete Armin Laschet. Hinzu kommen Gäste, die in den jeweiligen Sachfragen eine gewisse Kompetenz versprechen. Am 25. April 2024 waren das die Schriftstellerin Juli Zeh, die als nebenberufliche Richterin dem Verfassungsgericht in Brandenburg angehört, und Siegfried Rosswurm, der Präsident des Bundesverbands der deutschen Industrie (BDI). Als weitere Journalistin saß Melanie Ammann, stellvertretende „Spiegel“-Chefredakteurin, mit am Tisch. Das Setting der Sendung erlaubte es Maybrit Illner, zwischen ihrer Rolle als Moderatorin und als Journalistin hin und her zu wechseln. Mal übernahm sie an diesem Abend selbst die Attacke auf Chrupalla, mal überließ sie dies Melanie Amann.

Auch rechte Politiker können Medien: Caren Miosga und Tino Chruppala (Das Erste)
Auch rechte Politiker können Medien: Caren Miosga und Tino Chrupalla (© Das Erste)

Harte Fragen, wie sie Illner und Amann stellten, sind Caren Miosga weitgehend fremd. Ihr Eingangsgespräch will so etwas wie ein Psychogramm des jeweiligen Gastes erstellen. Dem dienen eher heitere Einstiegsfragen, die eine angenehme Stimmung entstehen lassen sollen, und Fragen zur Biografie, zur Familie und zur landsmannschaftlichen Herkunft. Tino Chrupalla gefiel das sichtbar. Erst als Miosga nach den sich anbahnenden Skandalen um Parteifreunde fragte, die im Verdacht stehen, von Russland und China alimentiert zu werden, spürte man eine gewisse Unruhe; seine Füße wippten aufgeregt, während auf dem Gesicht ein nervöses Lächeln signalisieren sollte, dass ihn das alles nichts anginge.


Eine Kampfschrift von rechts

Schon bei Miosga sagte er etwas, was sich bei Illner zu einer Litanei auswuchs: Im Rechtsstaat gelte die Unschuldsvermutung; solange also keine Beweise für die Geldannahme oder Bestechlichkeit vorlägen, müssten die genannten Politiker Petr Bystron und Maximilian Krah als unschuldig gelten, die zufälligerweise auch die Spitzenkandidaten bei der Europawahl sind. Nun ist eine politische Gesprächssendung kein Gerichtssaal, und andere Parteien sind schon beim Verdacht kleinerer Vergehen auf Distanz zu denen gegangen, die in Verdacht geraten waren. So aber nicht Chrupalla, der auch zu den rechtsradikalen und frauenfeindlichen Sentenzen aus einem aktuellen Buch von Krah nichts anderes zu sagen wusste, als dass solches nicht im Programm seiner Partei stünde und somit allein als Privatmeinung seines Parteifreundes zu gelten habe.

Dass Krahs Buch explizit als Kampfschrift für eine „Politik von rechts“ geschrieben ist, dass der Ehrenvorsitzende der AfD, Alexander Gauland, ein zustimmendes Vorwort verfasste, und dass der Autor in Kenntnis all dessen zum Spitzenkandidaten seiner Partei für die Europawahl gewählt worden war, versuchte Chrupalla mit dem Hinweis auf Geschmacksdifferenzen beiseitezuwischen. Mit dem müden Witz, dass er ja gar nicht einmal wisse, ob Krah das Buch selbst geschrieben hat, versuchte er von den skandalösen Passagen abzulenken, die Miosga zitierte.

Spätestens hier zeigte sich eine gewisse Hilflosigkeit der Moderatorin, die diesem routinierten Lächeln und den Tricks, die Probleme zu verniedlichen und ins Lächerliche zu ziehen, wenig entgegenzusetzen hatte. Es verdeutlichte zudem die Schwäche eines Konzepts, das das Psychogramm eines Menschen entwickeln will. Grundsätzlich steht in Frage, ob das in einem Gespräch vor Zuschauern gelingen kann. Im Besonderen muss das scheitern, wenn ein Gast wie Chrupalla allein daran denkt, hinter der Fassade konservativer Bürgerlichkeit die rechtsextremistischen Positionen seiner Partei zu verstecken, wie sie Krah und vor allem der thüringische AfD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl, Björn Höcke, vertreten.

Als in den Tagen nach Miosgas Sendung ein Mitarbeiter von Krah wegen des Verdachts der Spionage für China verhaftet wurde, spitzte sich die Lage für die AfD und Chrupalla zu. Sein Satz bei Miosga, dass Krah bei der anstehenden Eröffnung des Europawahlkampfs gewiss sprechen werde, gilt drei Tage später schon nicht mehr. Das nützte Melanie Amann bei „Maybrit Illner“, um Chrupalla fontal anzugreifen. Aber der ließ das zunächst an sich abprallen mit dem Satz, dass er dem „Spiegel“ grundsätzlich nicht traue, um dann seine Litanei der Unschuldsvermutung anzustimmen.


Im Dienst fremder Mächte

Es war aber zu spüren, dass Chrupalla der Satz, einzelne Politiker der AfD würden gegen Bezahlung deutsche Interessen verraten, gleichsam im Mark traf. Tatsächlich entpuppt sich der nationalistische Anspruch, den die Partei vor sich herträgt, als purer Schein, wenn führende Kader dieser Partei im Verdacht stehen, auf Weisungen aus Moskau oder Peking zu handeln. Als jemand sagte, das sei politischer Landesverrat, zitterte Chrupallas Oberlippe. Er wirkte angeschlagen, um dann zum Gegenangriff gegen den „Spiegel“ überzugehen.

Zum Glück unterbrach Juli Zeh dieses Wechselgespräch und stellte die Frage, wem es denn nütze, wenn hier alle gegen einen anträten. „Das ist doch ein bescheuertes Framing!“ So recht sie damit hatte, mutete es merkwürdig an, dass sie sich dafür eines gewissen intellektuellen Jargons bediente. Interessant jedenfalls war, dass in der von ihr versachlichten Debatte um den Ukrainekrieg Chrupalla auf einmal verstummte. Er fand nun keinen Ansatzpunkt zur sprachlichen Eskalation oder zur Provokation.

Ein bescheuertes Framing: Armin Laschet und Tino Chruppala (ZDF)
Ein bescheuertes Framing: Armin Laschet und Tino Chrupalla (© ZDF)

Die Gesprächsrunde ignorierte auch den emotionalen Ausbruch des BDI-Chefs Rosswurm, der auf die Einspielung einer nationalistischen Rede von Chrupalla mit dem Hinweis reagierte, wie das wohl bei denen wirkte, die Nazi-Deutschland niedergekämpft hätten. Tatsächlich fehlte im gesamten Gespräch so etwas wie Empörung über das, was da an nationalistischen Tiraden der AfD eingespielt wurde. Und es fehlte jede auch nur leiseste Andeutung darauf, in welcher Richtung sich die AfD mit Politikern wie Krah, Höcke und Co. bewegt.

Die Strategie der Selbstentlarvung, auf die der Redakteur in der fiktionalen Serie „The Hour“ Anfang der 1960er-Jahre setzte, hat sich in der Gegenwart als obsolet erwiesen. Die nationalistischen und rechtspopulistischen Politiker haben gelernt, mit ironischen Fragen, wie sie Caren Miosga stellt, umzugehen. Sie wissen auch, wie sie problematische Tatbestände hinter dem rhetorischen Nebel aus Bonhomie und gekränkter Eitelkeit verstecken können. Sie wissen, dass es nicht darum geht, in einem verbalen Schlagabtausch zu obsiegen, sondern sich ihrer Klientel als souverän und widerspenstig zu präsentieren. Damit können die öffentlich-rechtlichen Talkshows nicht umgehen. Die psychologisierenden Einzelgespräche von Caren Miosga scheitern ebenso wie die Konfrontationsstrategie von Maybrit Illner. Von den Herren Markus Lanz in der nach ihm benannten ZDF-Talkshow und Louis Klamroth („Hart aber fair“) und ihren auf Pointen zugeschnittenen Fragen ganz zu schweigen.


Was also bleibt an Alternativen?

Was bleibt? Auf jede Einladung eines AfD-Politikers zu verzichten, wie es Nils Minkmar in der „Süddeutschen Zeitung“ unter der Überschrift „Nazis raus“ den öffentlich-rechtlichen Sendern anriet? Das erscheint wie eine Kapitulation. Zudem kann man derzeit nur einen Teil der AfD-Funktionäre zu Recht als Nazis bezeichnen. Hinzu kommt noch ein anderes Problem: Die Diskussion um die Anwesenheit von und dem Umgang mit AfD-Politikern in Fernsehsendungen von ARD und ZDF erweckt den Eindruck, als sei der Wahlerfolg dieser Partei von den Massenmedien erzeugt. Dem ist selbstverständlich nicht so. Die AfD war in der Gründungsphase ein Talkshowphänomen. Aber ihr Wahlerfolg beruht darauf, dass sie nationalistische und rassistische Strömungen in der Bevölkerung, die sich lange nicht zu artikulieren trauten, aufgreift und ihnen ihre Stimme verleiht.

Um es am historischen Beispiel zu erläutern: Auch der Aufstieg der NSDAP Ende der 1920-Jahre verdankte sich nicht dem neuen Massenmedium Radio, in dem die Nazis erst nach der Machtübernahme dominant wurden. Entscheidender war die Präsenz von Hitler, Goebbels und Konsorten in der Öffentlichkeit und ihre auf große Säle abzielenden Reden. Zudem griffen die Choreografie der Massen in Stadien und Freiflächen die Bedürfnisse nach Orientierung, nach Gemeinschaft und Gruppenstruktur auf.

Heute stellt sich die Frage, ob die Präsenz der AfD-Politiker auf TikTok nur Folge einer Verschiebung ist. An die Stelle der Schlagzeilen der „Bild-Zeitung“ sind die Clips rechter Politiker getreten. Beides verlangt wenig Aufmerksamkeit und verspricht klare Meinung, die sich leicht zitieren lässt. Dass die AfD via TikTok junge Leute erreicht, sollte nicht verwundern. In der Weimarer Republik waren es ja auch Studenten, die sich für die NSDAP begeisterten, da ihnen die Partei ab 1933 den gesellschaftlichen Aufstieg ermöglichte, von dem sie in den Krisenzeiten um 1930 träumten. Warum sollte das heute anders sein?


Es geht um Show, nicht um Diskurs

Dem weiteren Wachstum der AfD kann die Gesellschaft weniger durch die Massenmedien als vor allem mit rechtsstaatlichen Mitteln entgegenwirken. Ein Ausschluss einzelner Politiker wie die des rechtsextremen AfD-Politikers Björn Höcke vom passiven Wahlrecht oder das generelle Verbot der AfD als Partei würde die öffentlich-rechtlichen Sender von der nachrangigen Frage erlösen, wie sie mit dieser Partei und ihren Vertretern umgehen sollen. Das Fernsehen wiederum hat sich die Frage zu stellen, ob es mit seinen Talkformaten nicht die Idee eines gesellschaftlichen Gespräches längst selbst preisgegeben hat. Die Sender haben vergessen, dass Talkshows in erster Linie Show sind und eben nicht jener Diskurs, den sich Juli Zeh erhoffte.

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