Özgü Namal, Tansu Biçer in „Gelbe Briefe“ (© Ella Knorz/ifProductions/Alamode Film)

76. Berlinale: Zwischenbericht nach den ersten Tagen

Die ersten Eindrücke von der Berlinale 2026

Veröffentlicht am
15.02.2026 - 17:10:42
Diskussion

Zu Beginn der 76. Berlinale (12.-22.2.2026) haben manche Filme im Wettbewerb durch ihre Ausrichtung überrascht. Während die Musikerbiografie „Everybody Digs Bill Evans“ in der Umsetzung von Jazzmusik in Bilder besticht, bleiben der Horrorfilm „Nightborn“ und die Satire „Rosebush Pruning“ vieles schuldig. Besser schlagen sich erwartbarere, aber auch durchdachtere Wettbewerbsbeiträge wie İlker Çataks „Gelbe Briefe“ oder Anke Blondés „Dust“. Eindrücke aus den ersten Festivaltagen.

 

Man kann es eigentlich nur falsch machen, als Verantwortlicher für die Festivalprogrammierung. Besonders in Berlin, auch wenn Festivalleiterin Tricia Tuttle gerade noch den Einklang von Unterhaltung, Anspruch, Form und Inhalt dort beschworen hat, wo traditionell sonst Politik und Aussage eines Films über die Preiswürdigkeit entscheidet. Mitunter ist die Kritik an der Einordnung eines Films in eine Sektion sogar lauter als die an dem Werk selbst, so auch beim finnischen Berlinale-Wettbewerbsbeitrag „Yön lapsi - Nightborn“.

„Wenn der Film im Panorama gelaufen wäre, hätte ich ihn sicher besser gefunden … Aber in den Wettbewerb, da gehört so etwas sicherlich nicht hin.“ So und ähnlich klangen nicht wenige der Presseleute nach der Vorführung. Der Grund: Unvermittelt und unverhohlen wird der Film nicht nur ekelhaft, weil ein Neugeborenes seiner Mutter beim Säugen in die Brustwarze beißt, dass es blutet; er wird überdies übernatürlich, weil das Kind in einem Waldhaus aufwächst, um das sich die Trolle und Baumgeister scharen. Sie machen Besitzansprüche gegenüber dem Baby geltend, das eigentlich das Ergebnis der Liebe einer Einheimischen und eines Briten ist, aber nicht nur wegen seiner Physiognomie und des Appetits nach Blut nicht von dieser Welt scheint.

Ein purer Horrorfilm. Nicht wie im letzten Jahr noch der im Panorama versteckte norwegische Film „The Ugly Stepsister“, der zwar auch mit Ekelszenen wucherte, aber eigentlich eine virtuose Neuinterpretation des Grimmschen „Aschenputtel“ war. Hier war es umgekehrt: Ihm rannte 2025 der Ruf nach, eigentlich in den Wettbewerb gehört zu haben. 2026 legt die Berlinale mit Horror nach, aber halbherzig, denn „Yön lapsi - Nightborn“ ist reiner Folk-Horror, kein Märchen mit Tiefgang. Deshalb ist eigentlich etwas anderes gemeint, wenn um Sektionsvergaben debattiert wird: „Yön lapsi - Nightborn“ gehört ins Panorama, nicht weil er ein Horrorfilm, sondern weil er für den Wettbewerb nicht gut genug ist.

„Rosebush Pruning“ von Karim Aïnouz
„Rosebush Pruning“ von Karim Aïnouz (© Felix Dickinson/Berlinale 2026)

 

Wettbewerbsfilme von Karim Aïnouz, İlker Çatak & Anke Blondé

„Nightborn“ hat sicherlich keine Chancen auf einen der Hauptpreise. Form über den Inhalt stellt ohne Zweifel auch „Rosebush Pruning“. Doch die Satire hat mit Karim Aïnouz einen Regisseur, der 2015 mit „Praia do Futuro“ bereits einmal einen wohlgelittenen Film im Wettbewerb hatte; außerdem ist der Drehbuchautor kein geringerer als Efthimis Filippou, vielfacher Co-Autor der Drehbücher von Festivalliebling Yorgos Lanthimos. Das allein dürfte den Film bereits für die wichtigste Sektion der Berlinale qualifiziert haben, obwohl das Porträt einer ebenso wohlhabenden wie dekadenten, aber nichts tuenden Familie banal ausfällt. Man muss „Rosebush Pruning“ zugutehalten, dass das, was zu sehen ist, sehr stylisch in Szene gesetzt wurde. Fast wie bei Nicolas Winding Refn, mit dem Unterschied, dass dieser der Dekadenz, dem Mord und Totschlag und all der Selbstverliebtheit zusätzlich eine Bedeutungsebene an die Seite gestellt hätte, die über das Onanieren mit Zahnpasta hinausgeht. Abgesehen vom Stilbewusstsein ist der prominent besetzte Film von Aïnouz eine Enttäuschung.

Eine bessere Balance zwischen Schauspielkino und formaler Ausgereiftheit bieten da schon eher İlker Çataks „Gelbe Briefe“ oder Anke Blondés „Dust“; zwei vom Ansatz durchaus typische Vertreter des Berliner Festival-Wettbewerbskinos, bei denen aber untypischerweise das sonst oft vernachlässigte Tonkonzept ins Ohr sticht. Blondés fast an die „Berliner Schule“ erinnernder Wirtschaftskrimi avanciert zu einem dialogstillen Hörspiel, in dem banale Geräusche ins Zentrum der Aufmerksamkeit drängen. Bei Çataks wortgewaltigem Drama um ein Intellektuellen-Ehepaar, das in die Fänge der türkischen Staatsgewalt gerät, ist es ein eher kraftvoller, fast schon avantgardistischer Musikeinsatz, der suggestives Spannungskino erzeugt. „Gelbe Briefe“ könnte zudem aufgrund der gegen Despoten opponierenden politischen Brisanz potentiell in den Fokus der „Bären“-Jury rücken.

 

Ein Paukenschlag: Everybody Digs Bill Evans

Da Jurypräsident Wim Wenders ein Faible für Schwarz-weiß-Filme hat und Produzentin und Mitjurorin Ewa Puszczyńska („The Zone of Interest“) zudem ein gutes Ohr für ausgefeiltes Sounddesign, rückt noch ein anderer Film in den Fokus, der den Wettbewerb fraglos bereichert und bereits am ersten Tag des Festivals mit einem jazzigen Trommelwirbel für Aufmerksamkeit sorgte. „Everybody Digs Bill Evans“ von Grant Gee ist keine reine Musikerbiografie, wie sie sich aktuell im Mainstreamkino immenser Beliebtheit erfreut. Der Jazz, der den Pianisten Bill Evans (Anders Danielsen Lie) zu einem der größten seiner Zunft werden ließ, fließt zwar auch in den Soundtrack ein. Vor allen ist die einmal mehr zur Tragödie eines Musikgenies auswachsende Chronik eines angekündigten Niedergangs indes eine atemberaubende Übersetzung der musikalischen Seele des Avantgardisten in Bilder, die mitunter ähnlich dekonstruiert scheinen wie Evans’ Musik.

Arieh Worthalter in „Dust“
Arieh Worthalter in „Dust“ (© A Private View/Toon Aerts/Berlinale 2026)

 

Geerdet wird der audiovisuelle Trip durch die bodenständige Mittelstandshaftigkeit der von Bill Pullman und Laurie Metcalf kongenial bieder, aber würdevoll dargestellten Eltern, die den New Yorker im provinziellen Florida zwischenzeitlich zur Ruhe kommen lassen. Beide Darsteller wären ideale Kandidaten für einen ex aequo verliehenen Nebendarsteller-„Bären“.

 

Abgefahren: Good Luck, Have Fun, Don’t Die

Von all dem Geschacher um Plätze im Wettbewerb sind auch die Verantwortlichen nicht frei. Das war zu merken bei der Premiere von Gore Verbinskis „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“, bei dem Festival-Co-Direktor und Berlinale-Panorama-Leiter Michael Stütz erklärte, das im Saal glücklich versammelte Publikum habe die „heißesten Tickets“ der gesamten Berlinale ergattert. Die Spitze gegen den (auch seinen) Wettbewerb hat gesessen, immerhin durfte Stütz doch mit Regisseur Gore Verbinski und den Darstellern Haley Lu Richardson, Zazie Beetz, Michael Peña und Sam Rockwell die größte Stardichte des Wochenendes auf die Bühne loben.

Die abgefahrene Science-Fiction-Farce um die Rettung der Welt aus den Klauen einer KI ist zwar originell, spaßig, wichtig und auf der Höhe kulturpolitischer Diskussionen, aber eben auch schon vor einem halben Jahr auf dem Fantastic Fest in Austin, Texas gelaufen. Das macht ihn eigentlich für ein A-Festival so wertvoll wie die Zeitung von gestern. Es zeigt die Crux eines Festivals, dass im Schraubstock von Cannes und Venedig nicht nur wichtig, sondern auch ein bisschen exzeptionell sein will.

„Good Luck, Have Fun, Don’t Die“
„Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ (© Constantin Film)

 

Weitere Texte zur Berlinale 2026:

Jetzt den FILMDIENST-Newsletter bestellen

Ja, ich möchte wöchentlich den FILMDIENST-Newsletter abonnieren. 
 
In jedem Newsletter befindet sich ein Link zum Abbestellen. 
 
Hinweise zum Widerruf und der Verarbeitung der Daten geben wir in unserer Datenschutzerklärung.
Kommentar verfassen

Kommentieren