Pünktchen und Anton (1998)

Jugendfilm | Deutschland 1998 | 109 Minuten

Regie: Caroline Link

Die Freundschaft zwischen den zehnjährigen Kindern Pünktchen und Anton, erzählt nach dem Kinderbuch-Klassiker von Erich Kästner: Die aufgeweckt-fröhliche Pünktchen aus reichem Elternhaus leidet unter der Vernachlässigung durch ihre Mutter, während sich Anton liebevoll um seine alleinerziehende Mutter kümmert. Ein sympathisches Plädoyer für Freundschaft und Loyalität sowie für mehr Gerechtigkeits- und Wirklichkeitssinn, das einfühlsam den Gefühlsgehalt der Fabel herausarbeitet. Unspektakulär, weitgehend im "altmodischen" Geist der Vorlage inszeniert und von den erwachsenen Darstellern erfreulich zweckdienlich gespielt, entwickelt sich der Film als flotte Familienunterhaltung mit Musikeinlagen. - Sehenswert ab 8.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
1998
Regie
Caroline Link
Buch
Caroline Link
Kamera
Torsten Breuer
Musik
Niki Reiser
Schnitt
Patricia Rommel
Darsteller
Elea Geissler (Pünktchen) · Max Felder (Anton) · Juliane Köhler (Bettina Pogge) · August Zirner (Richard Pogge) · Meret Becker (Elli Gast)
Länge
109 Minuten
Kinostart
31.01.2019
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 8.
Genre
Jugendfilm | Kinderfilm | Literaturverfilmung
Diskussion

Sympathische Neuverfilmung des Erich-Kästner-Klassikers über Freundschaft und Loyalität, die einfühlsam den emotionalen Gehalt der literarischen Vorlage herausarbeitet.

„Die Erde soll früher einmal ein Paradies gewesen sein. Möglich ist das.“ So sinnierte Erich Kästner am Ende der 16 „Nachdenkereien“, die seinen Roman „Pünktchen und Anton“ immer wieder unterbrachen. Doch ein solch skeptisches Schlusswort hätte so gar nicht zu Kästners unerschütterlichem Optimismus gepasst, der sich durch die Fabel um die beiden zehnjährigen Kinder ohnehin bestätigt fühlen durfte. Und so schloss er unmittelbar den trotzigen Satz an: „Die Erde könnte wieder ein Paradies werden. Alles ist möglich.“

An diesen Urzustand des menschlichen Zuhauseseins tastet sich auch Caroline Link so behutsam wie beharrlich heran, um davon zu erzählen, dass für Kinder unsere Erde grundsätzlich ein Paradies sein könnte, wenn die Erwachsenen sie ihnen nicht zur Hölle machen. Mit viel Respekt und Verständnis adaptierte Link Kästners Kinderbuchklassiker, um vor allem dessen utopische Grundhaltung als zeitlosen Denkanstoß herauszustellen. Während dabei Kästners „Nachdenkereien“ wie schon in der 1950er-Jahre-Adaption des Romans wegfallen, bedarf es in der eigentlichen Handlung nur weniger Kürzungen und modernisierter Abweichungen, um sie für die 1990er Jahre tauglich zu machen: Statt Berlin spielt die Geschichte jetzt in München, Pünktchen, das Mädchen aus reichem Haus, hat keinen Spazierstockfabrikanten, sondern einen nicht minder vielbeschäftigten Mediziner als Vater, während sich ihre Mutter (Kästner: „Sie war zwar sehr hübsch, aber, ganz unter uns, sie war auch ziemlich unausstehlich“) mit karitativen Projekten für notbedürftige Kinder in der „Dritten Welt“ profiliert, ihr eigenes Kind Pünktchen aber sträflich vernachlässigt.

Die Dicke Berta darf sie selbst bleiben

Aus dem konservativ-steifen Kinderfräulein Andacht wurde das lebensfrohe französische Au-Pair-Mädchen Laurence, während die Köchin ganz die alte Dicke Berta bleiben darf: liebenswert, handfest und sogar schlagkräftig. Was Pünktchens Welt besonders „neu“ macht, sind Gesang und Musik: Mehrere schwungvolle Lieder lassen Pünktchens Geschichte vom „goldenen Käfig“ aus finanzieller Sorglosigkeit und fehlender Mutterliebe zu einem schwungvollen und charmanten kleinen Filmmusical werden.

Antons Welt dagegen ist die alltäglichere, die vielen (nicht nur kleinen) Zuschauern eher vertraut sein dürfte. Seine alleinerziehende Mutter bietet ihm ein höchstmögliches Maß an Liebe, Freundschaft und Kameradschaft, krankt merklich an ihrer finanziell nicht gerade rosigen Situation, die Anton schon früh Eigenverantwortlichkeit entwickeln lässt.

Caroline Link vermeidet jeden Anflug von Sozialkitsch und betont stattdessen die tiefe Zuneigung zwischen Mutter und Sohn, die ihre wirtschaftliche Notlage zu überspielen hilft. Glaubwürdiger und ernsthafter als im Roman erscheint Anton dadurch, dass er der Versuchung erliegt und in Pünktchens mondäner Villa ein teures Feuerzeug stiehlt; in der guten Absicht, der Mutter zu helfen, begeht er einen Fehler, der ihm als eine zusätzliche Bürde auferlegt ist. Damit verliert Anton etwas von seiner bei Kästner fast schon zu dick aufgetragenen Vorbildfunktion und wird zu einem annähernd „normalen“ Kind mit Stärken und Schwächen.

Ein Plädoyer für Freundschaft und Loyalität

Der Rest der Fabel – Pünktchens naiv-selbstbewusste heimliche „Bettelei“ in der Nacht, der versuchte Einbruch in Pünktchens Elternhaus, dem die Dicke Berta dank Antons Aufmerksamkeit handfest ein Ende bereitet – ist weitgehend vertraut und gefällt immer noch als sympathisches Plädoyer für Freundschaft und Loyalität sowie für mehr Gerechtigkeits- und Wirklichkeitssinn, letzteres vor allem bei den Erwachsenen, die auf ihr Herz und ihre „vernünftigeren“ Kinder vertrauen sollen.

Die Inszenierung ist angenehm unspektakulär: Caroline Link sucht keine gewollten dramaturgischen und bildlichen Sensationen, vermeidet eine aufgepeppt-coole Kinder- und Jugendsprache und verlässt sich ganz auf die präzise geführten, sich vorbehaltlos der Fabel unterordnenden Schauspieler. Meret Becker als Antons Mutter spielt fern aller Manierismen und verkörpert eine sensible und einfühlsame, in ihrem Selbstwertgefühl leicht „angeknackste“ Frau, während Juliane Köhler Pünktchens Mutter lustvoll als exzentrische „Zicke“ anlegt, der man die reumütige Rückbesinnung auf ihre eigentlichen Empfindungen aber jederzeit abnimmt.

Wie auch der Erstverfilmung des Stoffes könnte man Caroline Links Adaption vorwerfen, dass der gesellschaftliche Hintergrund unscharf und plakativ bleibt; damit aber würde man sich auf einem Nebenschauplatz verlieren, denn wie Kästner stellt auch Caroline Link den emotionalen Gehalt der Geschichte ins Zentrum ihrer hochsympathischen Familienkinounterhaltung. Wenn am Ende Pünktchen strahlend in den Dünen an der Nordsee steht und für nichts Zeit hat, weil sie einfach nur glücklich ist, dann überträgt sich dieses Gefühl spielerisch-leicht auf den Zuschauer – was nicht die geringste inszenatorische Leistung ist.

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