Steig. Nicht. Aus!

Actionfilm | Deutschland 2017 | 109 Minuten

Regie: Christian Alvart

Ein windiger Bauunternehmer aus Berlin will auf dem Weg ins Büro morgens seine beiden Kinder in der Schule absetzen, als er von einem anonymen Anrufer mit der Drohung einer Bombe in seinem Auto um eine halbe Million Euro erpresst wird. Inmitten des Verkehrs beginnt der Überlebenskampf der Familie. In dem durchaus prominent besetzten Actionthriller passt allerdings weder dramaturgisch noch inszenatorisch irgendetwas zusammen. Eine konfuse Handlung, unfreiwillig komische Wendungen und hanebüchen-zotige Dialoge münden in eine absurde Action-Farce voller überzogener Kraftmeierei.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2017
Regie
Christian Alvart
Buch
Christian Alvart
Kamera
Christoph Krauß
Schnitt
Marc Hofmeister · Theo Strittmatter
Darsteller
Wotan Wilke Möhring (Karl Brendt) · Hannah Herzsprung (Pia Zach) · Christiane Paul (Simone Brendt) · Fahri Yardim (Omar Cicek) · Carlo Thoma (Marius Brendt)
Länge
109 Minuten
Kinostart
12.04.2018
Fsk
ab 12; f
Genre
Actionfilm | Thriller
Diskussion
Der Regisseur Christian Alvart hat nie eine Filmhochschule besucht. Als echter Autodidakt drehte er schon als Kind seine ersten Leinwandabenteuer. Bis heute steckt in ihm die echte Lust am Fabulieren, wie sie bisher noch in jeder seiner Arbeiten zumindest kurz aufblitzte und für den ein oder anderen Aha-Moment sorgte; unabhängig davon, ob man seinen durchaus sehr speziellen Inszenierungsstil mag oder nicht. Als ebenso vielseitiger wie vielbeschäftigter Regisseur, der in seiner rasanten Karriere nie einen Hehl aus seiner Liebe zum Genrekino machte („Antikörper“ (fd 37 147), „Banklady“(fd 42 284)), gehört er inzwischen zu den wenigen deutschen Filmemachern, die recht souverän zwischen deutschen Fernseh-, Kino- und sogar einigen hochbudgetierten Auftragsarbeiten für US-Streaming-Dienste wechseln, vereinzelte Hollywood-Abenteuer („Fall 39“ (fd 39 750), „Pandorum“ (fd 39 528)) inklusive. Über Unterbeschäftigung kann der Mittvierziger und Schöpfer der Til-Schweiger-„Tatorte“ derzeit nicht klagen. Gerade erst hat er einen Psychothriller unter dem Arbeitstitel „Abgeschnitten“ mit Moritz Bleibtreu und Jasna Fritzi Bauer abgedreht, der im Herbst 2018 in den deutschen Kinos starten soll. Außerdem wurde er von Netflix als Showrunner für die düstere Serie „Dogs of Berlin“ verpflichtet, in der zwei Polizisten in der Berliner Unterwelt ermitteln. Doch mit der kinematografischen Qualität ist es bei diesem quantitativ enorm produktiven Filmemacher bisweilen nicht weit her. Wie sonst ließe es sich erklären, dass er zwischen all den Projekten für das ZDF-Montagskino schnell noch einen Actionthriller mit dem Titel „Steig.Nicht.Aus!“ realisiert hat? Als Regisseur und Drehbuchautor legt er hier einen ordentlichen Film-Crash hin – so wenig passt hier dramaturgisch zusammen, so hanebüchen sind viele Drehbuchzeilen, die zudem von allerhand Fäkalsprache und selten zündenden Zoten durchzogen sind. Das filmische Elend beginnt schon in der ersten kurzen Sequenz, die in einem Flugzeug spielt. Ein Mann mit dem seltsam gequälten Namen Karl Brendt (Wotan Wilke Möring) fliegt von Berlin nach München, um seiner ihn insgeheim schon lange betrügenden Ehefrau Simone (Christiane Paul) spontan zum 15. Hochzeitstag zu gratulieren. Doch schon nach wenigen Sekunden wird er von einem weiblichen Fluggast namens Coco Medusa (!) wild angeflirtet – und zwar in brachialer Weise: „Ich hatte da an animalischen Sex gedacht.“ Das klingt nicht nur stereotyp nach Männermagazin-Leserfantasien, sondern sieht in den blutarmen Einstellungen von Kameramann Christopher Krauß auch genau so trist aus; von erotischer Amour fou keine Spur. Stattdessen: Umschnitt. Der zweifache Vater Brendt, der zuletzt sein Glück als Bauunternehmer in der deutschen Hauptstadtboom-Blase versuchte, sitzt wenige Momente später schon wieder in seinem Luxus-SUV, um seine beiden Kinder zur Schule zu bringen. Wenigstens die beiden sollen von seiner guten Laune und dem neu entfachten Engagement als Vater profitieren, nachdem ihm seine Frau eben krass die kalte Schulter gezeigt hatte. Auf der Fahrt läutet plötzlich etwas unter dem Fahrersitz, ziemlich laut und penetrant. „Anrufer unbekannt“, steht auf dem fremden Handy. Es klingelt weiter und weiter, bis Karl genervt abhebt und ihn eine anonyme Stimme anblafft: „Du Arschloch! Ich möchte 67 540 Euro – von deinem Privatkonto! Und 450.000 Euro aus der Firmenkasse! In deinem Auto ist eine Bombe versteckt! Halt deine Fresse – und mach!“ Damit beginnt, was Karls Tochter während der Horrorfahrt einmal als „Das ist alles so sick!“ bezeichnet, was die Handlung in treffende Worte fasst. Denn was als Drehbuchidee durchaus ansprechend klingt und an spannende Filme wie Jan de Bonts „Speed“ (fd 31 017) oder Joel Schumachers „Nicht auflegen!“ (fd 36 071) denken lässt, entpuppt sich in Alvarts inkohärenter, teilweise sogar unfreiwillig komischer Inszenierung als Nonsens-Streifen voller überzogener Kraftmeierei, dafür aber mit umso weniger Suspense. Wenn später am Berliner Gendarmenmarkt auch noch ein Polizeikommando samt Kampfmittelräumungsdienst und Sprengstoffexpertin dazukommt, um Karls Kinder aus dem Jeep zu befreien, entgleitet Alvart der Film vollends und verwandelt sich unfreiwillig in eine absurde Action-Farce. Der durchaus prominent besetzte Film, der als Remake eines spanischen Debütfilms von Dani de la Torre konzipiert wurde, ist von deutschen Thriller-Klassikern wie Carl Schenkels „Abwärts“ (fd 24 548) oder Dominik Grafs „Die Katze“ (fd 26 640) meilenweit entfernt. Auch ein Darsteller wie Wotan Wilke Möhring kann hier weder psychologische Tiefe noch Identifikationspotential entfalten. Es bleibt beim Versuch eines ambitionierten Actionfilms „Made in Germany“, wozu auch der pathetisch überladene Soundteppich gut passt. Den Atem verschlägt einem hier nicht der Plot, sondern nur der schiere Unsinn im Drehbuch.
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