Drama | USA/Großbritannien 2018 | 98 Minuten

Regie: Jesse Peretz

Mit seiner obsessiven Verehrung für einen US-amerikanischen Rockmusiker, der sein letztes Album fast 25 Jahre zuvor veröffentlichte, stößt ein britischer Akademiker seine Freundin vor den Kopf. Als sie eine Negativkritik zu historischen Aufnahmen des Musikers auf der Website ihres Partners platziert, nimmt der ganz und gar nicht so bewundernswerte frühere Künstler Kontakt mit ihr auf. Alltagsnah inszenierte und gut besetzte Adaption eines Romans von Nick Hornby. Die Wandlung der Beziehungen ist kurzweilig inszeniert, mit vielen ironischen Verweisen auf die Unberechenbarkeit zwischenmenschlicher Beziehungen garniert und amüsiert trotz anfänglicher Längen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
JULIET, NAKED
Produktionsland
USA/Großbritannien
Produktionsjahr
2018
Regie
Jesse Peretz
Buch
Tamara Jenkins · Jim Taylor · Phil Alden Robinson · Evgenia Peretz
Kamera
Remi Adefarasin
Musik
Nathan Larson
Schnitt
Sabine Hoffman · Robert Nassau
Darsteller
Rose Byrne (Annie Platt) · Ethan Hawke (Tucker Crowe) · Chris O'Dowd (Duncan) · Azhy Robertson (Jackson Crowe) · Ayoola Smart (Lizzie Crowe)
Länge
98 Minuten
Kinostart
15.11.2018
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Komödie | Literaturverfilmung
Diskussion

Der Titel des Films führt in die Irre, und er tut es mit Bedacht. Dennoch folgt man der Geschichte einer Midlife-Krise mit Vergnügen, in der sich „Juliet, Naked“ als Titel eines fiktiven Songalbums entpuppt, dessen plötzliches Auftauchen im Dasein eines der „Szene“ nie ganz entwachsenen Akademikerpaars eine Menge Verwirrung anrichtet.

Die in der Vergangenheit angesiedelte, aber keineswegs unzeitgemäß wirkende Story beruht auf einem Roman von Nick Hornby, der durch seine ebenfalls verfilmten Bücher „Fever Pitch“, „High Fidelity“ und „About a Boy“ oder durch seine Adaptionen von „An Education“ und „Brooklyn“ bekannt wurde. Hornbys Schreibe eignet sich vorzüglich für filmische Umsetzungen, solange ein Regisseur am Werk ist, der Gespür für seinen unalltäglichen und doch den Alltag so treffend registrierenden Stil besitzt. Der US-Regisseur Jesse Peretz besitzt diese Begabung, auch wenn er den Beginn der Geschichte etwas über Gebühr auswalzt.

Annie ist Kuratorin eines zuvor von ihrem Vater betreuten Provinzmuseums in einer englischen Küstenstadt; Duncan, seit 15 Jahren Annies Lebenspartner, gibt Filmkurse an der örtlichen Universität. Sie leben immer noch zusammen, aber nicht immer auf der gleichen kommunikativen Ebene. Längst haben sie bedingungslose Liebe für bedingte Zuneigung eingetauscht, wie es einmal im Film heißt. Dazu hat nicht zuletzt Duncans obsessive Verehrung eines Rocksängers namens Tucker Crowe beigetragen, dessen Album „Juliet, Naked“ er für eine der größten Errungenschaften der menschlichen Zivilisation hält.

„Juliet, Naked“ ist das unausgesprochene – und manchmal auch ausgesprochene – Symbol für alles, was im Zusammenleben von Duncan und Annie schief läuft. Es ist deshalb kein Wunder, dass die brüchige Verbindung der beiden noch mehr aus dem Lot kommt, als mit der Post ein leibhaftiges Exemplar des historischen Songalbums eintrifft und Duncan an den Rand der Hysterie versetzt. In ihrem verständlichen Zorn postet Annie einen Verriss des Albums auf Duncans Fan-Webseite, ohne zu ahnen, dass dies ausgerechnet den Ex-Rockmusiker Crowe auf den Plan rufen würde, der in persona in ihr Leben tritt.

Tucker Crowe, erfährt man nun, hat ein paar Jahrzehnte lang ein wenig verantwortungsvolles Leben geführt. Er hat mehrere Kinder mit ebenso vielen Frauen und lebt derzeit mit einem sechsjährigen Sohn in der Garage hinter dem Haus einer Ex-Geliebten. Als Crowe und Sohn in England auftauchen, dauert es nicht lange, bis sich das Blatt in Annies und Duncans Leben wendet. Nun ist es Annie, die sich für den angegrauten Ex-Rocker interessiert, während Duncans grenzenlose Bewunderung einer harten Probe ausgesetzt wird.

Dass es den Produzenten des Films gelungen ist, Ethan Hawke für die Rolle des Tucker Crowe zu verpflichten, stellt sich schon bald als großer Glücksfall heraus. Nicht, dass Rose Byrne und Chris O’Dowd ihren Rollen nicht gewachsen wären, aber es ist Hawke, der Schwung in die Geschichte bringt und die von Anfang an vorhandene ironische Unterfütterung an die Oberfläche hievt. Wieder einmal darf man sich über Hawkes Wandlungsfähigkeit wundern. Seine Fähigkeit, eine Story an sich zu reißen und eine Figur in wenigen Minuten glaubhaft zu machen, die eine ganze Generation verkörpert, ist mindestens genauso erstaunlich wie Duncans Verehrung eines Songs, der nach dem Willen seines Komponisten die Gefühle einer längst in Nostalgie verpackten Epoche spiegeln soll.

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