Komödie | Deutschland 2019 | 112 Minuten

Regie: Alireza Golafshan

Ein karriereorientierter Broker verunglückt mit dem Auto und ist fortan auf den Rollstuhl angewiesen. In einer Reha-Klinik spannt er eine Behinderten-WG für seine Zwecke ein, um Schwarzgeld aus der Schweiz zu sichern. Er spendiert seinen neuen Freunden einen Ausflug, um das Vermögen anschließend im Behinderten-Bus über die Grenze schmuggeln. Die mal lustige, mal alberne Behindertenkomödie will ihre Figuren nicht für Witze missbrauchen, leistet sich aber dennoch gelegentliche Ausrutscher. Die Unausgeglichenheit in der Figurenzeichnung passt zur Heterogenität des filmischen Stils, der unterschiedlichste Elemente und Ästhetiken zusammenhanglos miteinander verbindet. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Alireza Golafshan
Buch
Alireza Golafshan
Kamera
Matthias Fleischer
Musik
Carlos Cipa
Schnitt
Denis Bachter
Darsteller
Tom Schilling (Oliver Overath) · Jella Haase (Laura Ferber) · Birgit Minichmayr (Magda Grabowski) · Kida Khodr Ramadan (Eddy Patzke) · Jan Henrik Stahlberg (Michael Wolter)
Länge
112 Minuten
Kinostart
21.03.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Komödie | Tragikomödie
Diskussion

Ein querschnittsgelähmter Broker spannt eine Behinderten-WG ein, um sein in der Schweiz deponiertes Schwarzgeld vor dem Fiskus in Sicherheit zu bringen. Mal lustige, mal alberne Komödie, in disparatem Stil inszeniert.

Oliver arbeitet als Portfolio-Manager. Blauer Anzug, hellblaues Hemd, streng zur Seite gescheiteltes Haar. Mit angespanntem Gesicht, in das sich nie ein Lächeln stiehlt, sitzt er auf der Landstraße in einem endlos langen Stau, für den es keine sichtbare Ursache gibt. Lieblos würgt er seine Mutter am Telefon ab; seine Sorge gilt nur dem bevorstehenden Termin, den er nicht verpassen darf. Kurzentschlossen rast er auf der falschen Straßenseite am Stau vorbei, schlittert in die Leitplanke und überschlägt sich mehrmals.

Ein Unfall mit Folgen. Jetzt ist Oliver querschnittsgelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. Drei Monate Reha in einer beschaulichen Klinik reißen ihn aus seinem Berufsalltag. Doch die Arbeit soll wenigstens mit Laptop und Internet weitergehen. So landet er auf der Suche nach dem besten WLAN-Empfang in der Behinderten-WG der sogenannten „Goldfische“ mit der blinden Zynikerin Magda, den beiden Autisten Rainman und Michi und der aufgeweckten Franzi mit Down-Syndrom, die von Laura und dem nicht sehr pflichtbewussten Eddy betreut werden.

Das Schwarzgeld lagert in der Schweiz

Oliver hat überdies ein Hauptproblem: In einem Schließfach in Zürich lagert sein steuerfreies Vermögen, auf das die deutschen Behörden aufmerksam werden könnten. Deshalb spendiert er seinen neuen Freunden einen Ausflug zu einer Kamel-Therapeutin in der Schweiz, um bei der Rückfahrt das viele Geld im Behindertenbus über die Grenze zu schmuggeln.

„Kann Behinderung lustig sein?“, fragt das Presseheft, um die Frage sogleich wortreich zu bejahen. Regiedebütant Alireza Golafshan kann auf einen körperlich behinderten Vater verweisen; darüber hinaus habe man mit Ärzten und Betroffenen gesprochen, „um alles so richtig wie möglich zu machen“, heißt es in den Produktionsnotizen.

Doch die Zeichnung der beiden Autisten widerspricht dem diametral. Der von Axel Stein gespielte Rainman, eine unverhohlene Anspielung auf Dustin Hoffman in „Rain Man“, ist eine als Clown angelegte Figur mit unvorteilhafter Prinz-Eisenherz-Frisur, Grinsegesicht und Übersprungshandlungen, die allen Problemen konfliktscheu aus dem Weg gehen will. Sein „Hamma kein Stress“-Mantra wird zum Running Gag. Das Problem aber besteht darin, dass der Schauspieler Axel Stein immer durchscheint; seine Figur gewinnt dadurch weder Glaubwürdigkeit noch Kontur.

Behinderte sind nicht behindert

Michi hingegen, mit dem sonst so eloquenten Jan Henrik Stahlberg gegen den Strich besetzt, darf kein Wort sagen und bleibt darum eine Leerstelle. Ganz anders Luisa Wöllisch, eine Schauspielerin mit Down-Syndrom, die so natürlich, selbstbewusst und frech agiert, dass man ahnt, was der Film sagen will: Behinderte nehmen ihre Behinderung mitunter gar nicht als solche war. Nicht jeder leidet, nicht jeder hat ein Problem mit sich oder anderen. Von dieser Chuzpe hätte „Die Goldfische“ ein wenig mehr vertragen.

Der Zynismus der blinden Magda hingegen offenbart die Verbitterung der Figur. Und doch gehören Birgit Minichmayr die lakonischsten Sätze und witzigsten Situationen. Wenn sie aus einem Glas trinkt und unwissentlich den darin schwimmenden Goldfisch verschluckt, ist das sehr komisch, zumal dieser Gag noch eine weitere Pointe beinhaltet.

Ja, „Die Goldfische“ kann durchaus lustig sein, auch wenn Karikaturen von schwulen Boutiquen-Besitzern und esoterischen Therapeutinnen den Film oftmals in die Niederungen des Klamauks abrutschen lassen. Zur Unausgeglichenheit in der Figurenzeichnung passt auch die Heterogenität des Stils, von der Unechtheit des Staus über die landschaftliche Idylle mit Schwarzwaldklinik-Stimmung bis zum gleißenden Weiß des Tresorraums, der etwas seltsam Traumhaftes hat.

Eine Erziehung des Herzens

Natürlich geht es hier noch um etwas anderes, um eine Erziehung des Herzens. Man kann sich darauf verlassen, dass Oliver, der vom Drehbuch eindimensional beschrieben und von Tom Schilling angestrengt-steif verkörpert wird, sich zum besseren Menschen entwickelt. Auch das viele Geld spielt irgendwann keine Rolle mehr – in einem Moment, der in seiner Essenz an den Schluss von John Hustons „Der Schatz der Sierra Madre“ erinnert. Doch vielleicht tut man Golafshan und „Die Goldfische“ mit der Nennung dieses Klassikers doch zu viel Ehre an.

Kommentar verfassen

Kommentieren