Vorhang auf für Cyrano

Historienfilm | Frankreich 2019 | 113 Minuten

Regie: Alexis Michalik

Der französische Schriftsteller Edmond Rostand (1868-1918) soll innerhalb von drei Wochen eine Erfolgskomödie schreiben, um einen Theatermacher vor dem Ruin zu retten. Aus der Not und einer kunterbunten Melange voller Sehnsüchte und Entbehrungen erwächst das Stück „Cyrano de Bergerac“, ein nur wenig gebrochener Spiegel des Lebens seines Autors. Die ausgelassene Komödie nutzt die Entstehungsgeschichte des Bühnenklassikers als Liebesklärung ans Theater und die Macht der Illusionen. Mit lebhaften Pointen, lustigen Anspielungen und vorzüglichen Darstellern entfaltet der in einem Bilderbuch-Paris des Fin de Siècle angesiedelte Film eine geradezu übermütige Charade zwischen Bühne und Realität. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
EDMOND
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2019
Regie
Alexis Michalik
Buch
Alexis Michalik
Kamera
Giovanni Fiore Coltellacci
Musik
Romain Trouillet
Schnitt
Anny Danché · Marie Silvi
Darsteller
Thomas Solivérès (Edmond Rostand) · Olivier Gourmet (Constant Coquelin) · Mathilde Seigner (Maria Legault) · Simon Abkarian (Ange Floury) · Tom Leeb (Léo Volny)
Länge
113 Minuten
Kinostart
21.03.2019
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Historienfilm | Komödie | Literaturverfilmung

Heimkino

Verleih DVD
Prokino
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Diskussion

Eine ausgelassene Liebeserklärung ans Theater und die Macht der Illusionen, die lustvoll um die Entstehungsgeschichte der Komödie „Cyrano de Bergerac“ von Edmond Rostand kreist, angesiedelt in einem Bilderbuch-Paris des Fin de Siècle, charmant und voller Pointen.

Versdramen sind nicht jedermanns Sache. Das muss auch Edmond Rostand (1868-1918) schmerzvoll erfahren. Seine kunstvoll gereimten Tragödien haben es schwer, selbst wenn die große Sarah Bernhardt die Hauptrolle spielt. Ganz Paris will Komödien sehen, am liebsten die von Georges Feydeau, Rostands größtem Konkurrenten im Kampf um die Gunst des Publikums. Nach seinem letzten Flop ist Rostand finanziell und künstlerisch am Boden. Ein Auftrag des Theatermachers und Schauspielstars Constant Coquelin für ein neues Stück kommt deshalb gerade zur rechten Zeit.

Leichtsinnigerweise sagt Rostand zu, eine Komödie zu schreiben. Coquelin, der darin die Hauptrolle übernimmt, steht ebenfalls unter Zugzwang. Es bleiben nur drei Wochen, um einen Erfolg auf die Bühne zu bringen, sonst wird das Theater geschlossen.

Liebesbriefe für einen Freund

Bei einem Tässchen Kräutertee in seinem Lieblingscafé findet der Autor Rostand immerhin seine Hauptfigur: Cyrano de Bergerac. Jetzt fehlt nur noch der Inhalt. Bei der Grundidee für das Stück hilft ihm unwissentlich sein gutaussehender, aber leicht verwirrter Freund, der Schauspieler Léo. Er hat sich in die ebenso kluge wie hübsche Jeanne verliebt und lässt sich von Edmond die richtigen Worte vorsagen, um ihr Herz zu erobern. Edmond schreibt ihr schließlich ohne Léos Wissen, aber in dessen Namen romantische Briefe. Jeannes Antworten wirken auf den Autor extrem inspirierend, der in den Nächten zwischen den Proben wie besessen an dem Stück weiterschreibt.

Doch immer neue Hindernisse müssen bewältigt werden: Edmonds Frau findet Jeannes Briefe und wittert eine Affäre. Coquelins unbegabter Sohn soll mitspielen, und die Rolle der jungen Roxane erhält ausgerechnet jene ältere Schauspielerin, die einst die Geliebte von Coquelins Geldgeber war. Als dann auch noch Jeanne am Theater auftaucht, um ihren neuen Job als Garderobiere anzutreten, steigern sich die Turbulenzen. Trotz allem öffnet sich am Premierenabend der Vorhang.

Der in Frankreich als Schauspieler und Autor bekannte Alexis Michalik erzielte im Jahr 2016 am Theater mit dem Stück „Edmond“ (so auch der Originaltitel des Films) seinen bisher größten Erfolg. Ähnlichkeiten zu „Shakespeare in Love“ sind kein Zufall – die Komödie von John Madden diente als Vorbild.

Träumerische Hingabe, drollige Hilflosigkeit

Anfangs sollte „Edmond“ gleich ein Film werden, doch als Newcomer konnte Michalik keine Finanziers für die aufwändige Produktion finden. Nun führt Michalik sogar Regie und hat vor allem das Drehbuch geschrieben. Was er dabei als Autor leistet, ist schlicht großartig. Er porträtiert einen anfangs schüchternen Helden, der sich aus der Not heraus vom frustrierten Dichter zum Kämpfer wandelt, gelenkt von der Liebe zum Theater. Thomas Solivérès spielt diesen leidenschaftlichen Künstler mit einer umwerfenden Mischung aus träumerischer Hingabe und drolliger Hilflosigkeit, die sich in einen genialischen Zwangsaktivismus verwandelt. Den schönen, aber einfältigen Léo gibt Tom Leeb mit putzigem Teddybärencharme, Lucie Boujenah mimt Jeanne mit Anmut und viel kessen Witz. Sie wird von Léos Schönheit angezogen und verliebt sich in seine wunderbaren Worte, die allerdings von Edmond stammen.

Was im Stück tragisch endet, verwandelt sich im Dreieck zwischen Edmond, Léo und Jeanne in eine Liebeserklärung an die Macht der Illusion. Die Dialoge sind passgenau auf die Figuren zugeschnitten, die Pointen fliegen fröhlich hin und her. Es gibt zahllose Seitenhiebe auf die Welt des Theaters und des Films, doch trotz aller Insiderscherze steht die unterhaltsame Story im Vordergrund. Die lebhafte Bildgestaltung und ein auf die Gags akzentuierter Filmschnitt unterstützen die fast durchgängig übermütige Atmosphäre.

Das farbenfrohe Fin-de-Siècle-Paris ist eine augenzwinkernd präsentierte Klischee-Idylle. Hier wird eifrig Cancan getanzt, es gibt kokette Kokotten, und der Rotwein fließt in Strömen. Zum Ende des Stücks erweist die Inszenierung Rostand die Reverenz und wird ernsthaft: Als Cyrano de Bergerac den Bühnentod stirbt, öffnet sich der Raum, die Szene verlässt das Theater und führt hinaus in die Welt. Die Bühne ist zu klein geworden für den Dichter und seinen Helden.

Eine Reverenz an den historischen Klassiker

Für den Abspann hat sich Michalik ebenfalls einen schönen Kunstgriff ausgedacht: Fotos und Filmclips illustrieren den Weg des historischen Klassikers „Cyrano de Bergerac“ über mehr als 100 Jahre. Damit schlägt der Film einen Bogen zwischen der Komödie, dem Theaterstück und den Cyrano-Darstellern aus allen Epochen des Kinos – eine liebenswerte Idee für einen ausgelassenen Film, der dennoch niemals platt oder seicht wirkt. Chapeau!

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