Das zweite Leben des Monsieur Alain

Drama | Frankreich 2018 | 100 Minuten

Regie: Hervé Mimran

Ein nur für seine Arbeit lebender Konzernmanager erleidet einen Schlaganfall, durch den sein Orientierungssinn und sein Sprachvermögen geschädigt werden. Widerwillig lässt sich der Workaholic auf eine Therapie mit einer Logopädin ein und findet über die Sitzungen erstmals zur Bereitschaft, in seinem geschwächten Zustand Hilfe anzunehmen. Leichte Komödie über die Neufindung eines Mannes, der nach dem Verlust seines Sprachvermögens lernen muss, seine Grenzen zu akzeptieren. Durch trefflich besetzte Hauptdarsteller wird manche Unwahrscheinlichkeit überspielt, allerdings findet der Film im Umgang mit der Sprachstörung nicht immer den Mittelweg zwischen Ernst und Unterhaltsamkeit. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
UN HOMME PRESSÉ
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2018
Regie
Hervé Mimran
Buch
Hervé Mimran · Hélène Fillières
Kamera
Jérôme Alméras
Musik
Balmorhea
Schnitt
Célia Lafitedupont
Darsteller
Fabrice Luchini (Alain Wapler) · Leïla Bekhti (Jeanne) · Rebecca Marder (Julia) · Igor Gotesman (Vincent Houbloup) · Clémence Massart (Violette)
Länge
100 Minuten
Kinostart
22.08.2019
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Komödie | Tragikomödie
Diskussion

Ein Konzernmanager und Workaholic leidet nach einem Schlaganfall an Orientierungslosigkeit und einer Sprachstörung und muss erst lernen, sich in seinem geschwächten Zustand helfen zu lassen. Leichte Komödie über die Neufindung eines Mannes, die in der Darstellung der Aphasie einen Mittelweg zwischen Ernst und Unterhaltsamkeit sucht.

Druck bestimmt das Leben von Alain Wapler (Fabrice Luchini). Der Automobil-Manager hat seine Tage minutiös getaktet und festgelegt, was ein effizientes Dasein ausmacht: Eile, kurze Zeitfenster, knappe, präzise Sätze, akkurate Anweisungen. Keinen Sinn sieht Wapler dagegen in Pausen, Verzögerungen, dem Wort „danke“ und in Gesprächen, die ihn nicht weiterbringen. Dazu zählt er auch die mit seiner Tochter Julia, die sich unangekündigt in sein Büro oder seinen Wagen schleichen muss, um überhaupt einmal mit ihrem Vater reden zu können.

Definitiv nicht zu Waplers Selbstbild zählt auch das unkontrollierte Zittern, das ihn eines Morgens im Bett befällt und ihn auf den Boden stürzen lässt. Über derartige Schwächen will er nicht einmal nachdenken, und so sagt er nichts, als er sich ein wenig steif auf den Weg zur Arbeit macht. Auch einen weiteren Sturz auf der Treppe und eine Ohnmacht im Büro spielt er noch herunter, doch dann lässt sich sein Problem nicht mehr verbergen. Im Krankenhaus liegt er drei Tage bewusstlos im Bett, wird künstlich beatmet, die Diagnose „Schlaganfall“ dringt nur langsam durch. Als Wapler erwacht, ist er nicht mehr derselbe Mensch: Sein Gedächtnis weist Lücken auf und auch sein Sprachzentrum hat gelitten. Ganz gegen seine Prinzipien bleibt Wapler nichts übrig, als Hilfe in Anspruch zu nehmen.

„Auf Wiedersehen“ statt „Guten Tag“

Unter den körperlichen Folgen des Schlaganfalls interessiert den französischen Regisseur Hervé Mimran in seinem Film „Das zweite Leben des Monsieur Alain“ vor allem das mit einem Mal eingeschränkte Sprechvermögen seiner Hauptfigur. Dieser in der Medizin als Aphasie bekannte Zustand, der nach Unfällen oder eben Schlaganfällen auftreten kann, bringt den Manager dazu, „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ durcheinanderzubringen, Anfangsbuchstaben und Silben zu vertauschen. Manche Worte hat er komplett vergessen, während er andere verwendet, die nicht existieren oder im falschen Zusammenhang stehen, ohne sich dessen beim Sprechen selbst bewusst zu sein. Erst irritierte und belustigte Reaktionen seiner Umwelt zeigen ihm, dass er wohl wieder einen Fauxpas begangen hat, wenn er aus „Genf“ ein „Geneviève“ macht, den „Whisky“ zum „Skywhi“ umkehrt oder davon spricht, nun zu seiner „Psychopathin“ zu müssen.

Jeanne, die solcherart titulierte Frau, ist in Wahrheit Logopädin, die Alain Wapler bei der Heilung unterstützen soll, wobei in ihren Sitzungen neben Sprechübungen auch die Stärkung seiner Psyche im Vordergrund steht. Jeanne ist tüchtig und selbstbewusst und damit ein gleichwertiges Gegenüber für Wapler, der am liebsten sofort wieder arbeiten möchte, sobald er wieder auf seinen eigenen Beinen stehen kann. Da er seine Sprachstörung nicht ignorieren kann, überredet er Jeanne zu einer Sonderbetreuung, um ihn bei Terminen zu unterstützen. Für seine Geschäftspartner ist er trotzdem bald nicht mehr tragbar. Hinzu kommt seine Orientierungslosigkeit, durch die sich Wapler schon wenige Meter von seinem Haus verlaufen kann. Sein Zustand wäre deprimierend, wenn der Film ihm nicht zugleich einen Wandel im menschlichen Umgang zuschreiben würde: Neben Jeanne profitiert vor allem seine Tochter davon, dass ihr Vater auf einmal bereit ist, auch ihre Nähe zur Kenntnis zu nehmen und sich helfen zu lassen.

Die Rekonvaleszenz als leichte Komödie

„Das zweite Leben des Monsieur Alain“ ist kein Drama über Rekonvaleszenz, wofür es zuletzt im französischen Kino sowohl mit dokumentarischem Realismus beim Feuerwehrmann-Drama „Sauver ou périr“ (2018) wie auch mit der humorvollen Ernsthaftigkeit von Lieber Leben (2016) herausragende Beispiele gegeben hat. Hervé Mimran, der in Zusammenarbeit mit Hélène Fillières auch das Drehbuch schrieb, hat seinen Film als leichte Komödie angelegt. Lachen soll der Zuschauer vor allem über die sture Weigerung Waplers, seinen geschwächten Zustand zu akzeptieren, und die nachdrückliche Art, in der vor allem Jeanne ihm seine Grenzen aufzeigt. Dank des Zusammenspiels von Fabrice Luchini, der die Verzweiflung hinter Waplers penetrantem Auftritt und seinen immer wieder misslingenden Sprachversuchen greifbar macht, und Leïla Bekhti als warmherziger Logopädin geht diese Rechnung auch durchaus auf. Die Ärztin-Patienten-Beziehung zwischen den beiden wandelt sich zwar reichlich glatt zu Freundschaft und gegenseitiger Achtung, zudem ist Jeannes absolute Zuwendung zu einem einzigen Patienten wenig glaubwürdig, doch schafft es der Film, solche logischen Vorbehalte mit sympathischem Optimismus vergessen zu machen. Dagegen bleibt ein Nebenstrang um Jeannes hinausgeschobene Kontaktaufnahme mit ihrer leiblichen Mutter völlig unterentwickelt und hängt ähnlich in der Luft wie die Scherze eines munteren Pflegers.

Auch schafft es der Film bei der Integration von Waplers Wort- und Satzkreationen nicht immer, einen Eindruck zu vermeiden, wie er im Kino und Fernsehen öfter auch bei der Darstellung von Autismus entsteht: dass da eine Entwicklungsstörung auf ihren „unterhaltsamen“ Charakter reduziert wird. Auf der anderen Seite will Mimran die Aphasie aber offensichtlich keineswegs verharmlosen. Wenn Alain Wapler einmal auf dem Arbeitsamt einen – wie er meint – flüssigen und eindrucksvollen Lebenslauf herunterrattert, springt der Film in die Perspektive seines Gegenübers, bei dem nur Kauderwelsch ankommt. In Waplers Begreifen spiegelt sich seine ganze Tragik.

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