Wir drehen keinen Film

Komödie | Deutschland 2017/2018 | 92 Minuten

Regie: Ulla Geiger

Ein Schauspieler engagiert eine ältere Kamerafrau, die fast alle Facetten seines Alltags dokumentieren soll. Darüber erhofft er sich Aufschluss über die Frage, warum in seinem Leben so vieles schiefläuft. Eine Schuldige hat er schon im Blick: seine Mutter, eine höchst erfolgreiche Schauspielerin. Die im Stil eines Familienvideos inszenierte Komödie beleuchtet mit hintergründigem Humor Klischees über Selbstfindung, Familiengründung und Psychoanalyse. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2017/2018
Regie
Ulla Geiger
Buch
Ulla Geiger
Kamera
Hans Albrecht Lusznat
Musik
Hannes Bertolini
Schnitt
Ulla Geiger
Darsteller
Michael Ransburg (Kurt) · Stefanie von Poser (Leni) · Sonia Hausséguy (Michelle) · Claudia Helene Hinterecker (Sigrid) · Andy Herzog (Johnny)
Länge
92 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Komödie

Komödie um einen Schauspieler, der seinen Alltag in allen Facetten von einer älteren Kamerafrau dokumentieren lässt, um den Missständen seines Lebens auf die Spur zu kommen.

Diskussion

Kurt Leitner steht verwirrt in der offenen Tür: „Hallo, sie filmen ja schon?“ „Ja, ich hab gedacht, ich mach ein paar Bilder von der Umgebung, vielleicht können wir’s für unseren Film ja irgendwie brauchen“, antwortet eine sonore Frauenstimme mit bayrischer Dialektfärbung. Der junge Mann wird energisch: „Das ist ein Missverständnis, wir drehen hier keinen Film. Sie sollen mich filmen und mein Leben begleiten.“ „Ach so ja, also nur Sie, immer.“ „Ja“.

Mit dieser Eingangsszene wird bereits die weitere Struktur des Films etabliert: Die Kamera folgt dem jungen Mann, und die Kamerafrau, in der Folge nur noch „Frau KF“ genannt, kommentiert mitunter aus dem Off, gibt Ratschläge und drückt Zustimmung oder Ablehnung aus. Die Aufnahmen führen dann wieder zu Gesprächen mit Kurt und anderen, etwa seiner Ex-Lebensgefährtin Lena oder seinem besten Freund Johnny.

Ein radikales Selbstfindungsprojekt

Kurt ist schlecht bezahlter Schauspieler in der Münchner Off-Theaterszene. Er spielt den Demetrius in Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ und jobbt als Verkäufer in einer Damenboutique, ist mit seinem Leben aber nicht zufrieden: „Menschen reagieren merkwürdig auf mich, besonders Frauen. Ich weiß nicht, warum. Warum das alles nicht stimmt“. Deshalb hat er sich zu einem radikalen Selbstfindungsprojekt entschlossen. Er nimmt eine Kamerafrau unter Vertrag, die ihn in seinem Umfeld filmen soll. Hiervon verspricht er sich Aufklärung über seine grundsätzlichen Schwierigkeiten mit der Welt.

Frau KF darf alles filmen. Ablenden muss sie nur vor der Dusche, beim Sex und morgens bei schlimmem Kater. Bei der Sitzung mit Kurts Therapeuten muss sie draußen bleiben; die Kamera filmt vom Tisch aus alleine. Aber Frau KF ist nicht auf den Mund gefallen, sie kommentiert, mischt sich ein und sucht immer wieder nach Bildern und Szenen, die ihre Aufnahmen doch noch zu einem richtigen Film machen könnten. Etwa die Inszenierung eines Albtraumes, den Kurt hatte, oder der erste Kuss mit der neuen Freundin am Stadtbrunnen.

Zwischen zu viel und zu wenig

Kurts größtes Problem ist seine Bindungsunfähigkeit: Zwar stolpert er von einer Affäre in die nächste, doch ebenso schnell empfindet er seine Partnerinnen als zu klammerig und besitzergreifend. Etwa Sigrid, seine Mitspielerin im Theater, oder Leni, seine Ex, die mittlerweile seine beste Freundin und Vertraute in Seelenangelegenheiten ist, ihn aber vor der Trennung mit Kinder- und Heiratswünschen in Panik versetzte. Als er mit der Französin Michelle jedoch eine Frau kennenlernt, die absolut freiheitsbewusst ist, wird ihm auch dies zu viel und stürzt ihn in eine tiefe Sinnkrise.

„Du denkst immer so viel, lass doch mal den Kopf raus, was sagt denn dein Bauchgefühl?“, fragt Leni. Aber Kurt hat die Schuldige schon ausgemacht: Seine Mutter Dora, eine erfolgreiche Schauspielerin. Die wurde kurz nach Klaus’ Geburt von seinem Vater verlassen und missbrauchte den Jungen als Partnerersatz, den sie mit ihrer Liebe überschüttete; bis heute kann sie ihn nicht in Frieden leben lassen, sondern mischt sich immer wieder in sein Leben ein. Diese extreme Umklammerung habe, so Kurt, dazu geführt, dass er geradezu Panik vor weiblichen Bindungsbedürfnissen habe.

Die Mutter ist aber auch für Kurts zweites großes Problem verantwortlich. Weil sie ihm ständig eingeredet habe, dass er allen anderen überlegen sei, entstünden des Öfteren Schwierigkeiten – etwa wenn Klaus in überheblicher Pose einen Wurstesser über die schlimmen Auswüchse der Massentierhaltung belehre. Oder wenn er seinen besten Freund und dessen Freundin noch im Brautmodeladen von der geplanten Hochzeit abzubringen versucht. Mit Sprüchen wie „Die Liebe ist das Licht, die Ehe ist die Stromrechnung“ provoziert er einen ausgewachsenen Familienkrach, eine der schönsten Szenen des Films.

Wirklich komische Resultate

Das alles könnte Stoff für eine platte deutsche Komödie sein, mit Bildern aus der Großstadt über die Probleme und Wehwehchen von Menschen, die eigentlich völlig sorglos leben könnten. Doch durch die Grundentscheidung, die Kamera zum Protagonisten zu machen und alles als einen „Nichtfilm“, als eine Art Familienvideo zu erzählen, wird der auf den ersten Blick naive Inhalt verfremdet, was sehr komische Resultate zeitigt. Regisseurin dieses erfrischenden Regiedebüts ist die 69-jährige bayerische Kabarettistin Ulla Geiger, die im Film „Frau KF“ ihre Stimme leiht.

„Wir drehen keinen Film“ ist voll hintergründigen Humors, ohne jemals mit dem Zeigefinger auf platte Klischees über Psychoanalyse und Selbstfindung hinzuweisen. Humoristisch knüpft Geiger an Karl Valentin und Liesl Karlstadt an, filmisch steht sie in einer langen Reihe von „Kamerafilmen“, etwa Matias Bizés „Sábado: Das Hochzeitstape (2003).

 

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