Drama | Frankreich 1951 | 92 Minuten

Regie: Jacqueline Audry

Eine junge Engländerin verliebt sich auf einem französischen Internat in die Schulleiterin. Diese erwidert die Gefühle, bringt damit aber ihre Geliebte und Stellvertreterin gegen sich auf, die ihrerseits das Mädchen für sich gewinnen will. Das auf einem seinerzeit als Skandal empfundenen Roman beruhende Drama der Französin Jacqueline Audry ist als frühe filmische Beschäftigung mit lesbischer Liebe ebenso in die nationale Filmgeschichte eingegangen wie durch die feinsinnige darstellerische Interpretation. Der Film wurde 2018 digital restauriert. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
OLIVIA
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
1951
Regie
Jacqueline Audry
Buch
Colette Audry · Pierre Laroche
Kamera
Christian Matras
Musik
Pierre Sancan
Schnitt
Marguerite Beaugé
Darsteller
Edwige Feuillère (Mademoiselle Julie) · Simone Simon (Mademoiselle Cara) · Claire Olivia (Olivia) · Yvonne de Bray (Victoire) · Suzanne Dehelly (Mlle Hortense Dubois)
Länge
92 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Literaturverfilmung

Ein auf einem seinerzeit als Skandal empfundenen Roman beruhendes Drama (1951) der Französin Jacqueline Audry, das als frühe filmische Beschäftigung mit lesbischer Liebe ebenso in die nationale Filmgeschichte eingegangen wie durch die feinsinnige darstellerische Interpretation

Diskussion

Im vergangenen November gab die BBC eine längst überfällige Bestenliste mit Filmen von Regisseurinnen heraus: „The 100 greatest Films directed by women“. Das aus den Voten von 368 Expertinnen und Experten destillierte Ranking weist allerdings Lücken auf. So ist die französische Regisseurin Jacqueline Audry (1908-1977) nicht aufgeführt, nicht einmal bei den Listen der einzelnen Umfrageteilnehmer, die jeweils 10 Filme aller Epochen auswählen durften. Dabei zählt Audry – ehemals Assistentin von Georg Wilhelm Pabst und Max Ophüls – zu den wenigen Filmemacherinnen, die im Frankreich der 1950er-Jahre mit nennenswerten Budgets ausgestattet wurden. Nun ist „Olivia“ (1951), einer von Audrys Filmen, dem Vergessen entrissen, frisch restauriert und in der Arte-Mediathek zugänglich gemacht worden: Ein außergewöhnliches Werk, dem ein Spitzenplatz in der Filmgeschichte gebührt.

Wo die Liebe zum guten Ton gehört

Die Geschichte einer 16-jährigen Internatsschülerin, die sich in ihre Lehrerin verliebt, erinnert an den Coming-of-Age-Klassiker des Kinos der Weimarer Republik, „Mädchen in Uniform“ von 1931. Vermutlich hat sich Dorothy Strachey, die den Roman „Olivia“ 1933 schrieb, an Leontine Sagans Film orientiert. Doch Manuela von Meinhardis’ heimliche Zuneigung zu Fräulein von Bernburg in „Mädchen in Uniform“ entwickelt sich in einem von preußischem Drill gestählten schulischen Ambiente. Ganz anders die Ausgangslage für das englische Mädchen Olivia Dealey in dem französischen Internat Les Avons, in dem eine vergleichsweise rokokohafte Sinnlichkeit herrscht.

Der Film spielt irgendwann im 19. Jahrhundert in einem abgelegenen Landhaus. „Olivia“ beginnt (und endet) mit einer Kutschfahrt: einer Passage zu einem verwunschenen Ort, an dem heteronormative Regeln außer Kraft gesetzt sind. Während das „Mädchen in Uniform“ sich sein Liebesobjekt in einer kältestarren Umgebung sucht, scheint das Beziehungsgefüge in „Olivia“ geradezu parfümiert von Schwärmerei. Bald nach ihrer Ankunft lernt Olivia (Claire Olivia), dass die Schülerinnen entweder die schöne und kränkliche Mademoiselle Cara (Simone Simon) anhimmeln oder deren reifere Kollegin Mademoiselle Julie (Edwige Feuillère). Zumindest die platonische Liebe gehört in Les Avons zum guten Ton.

Eine raffinierte Mischung aus Realismus, Künstlichkeit und einer Prise bodenständigem Humor

Besonders Julie hält Hof wie eine Königin, etwa, wenn sie mit ihren Schülerinnen Racine-Lesungen abhält. Ein Wettbewerb um die Novizin bahnt sich an, bei dem die launische Cara unterliegt. Offenbar waren Julie und Cara früher ein Liebespaar; Cara muss nun platzend vor Eifersucht mitansehen, wie Olivia sich Julies Magnetismus weder entziehen kann noch will.

Das Paradies, in dem sich durch den Gefühlsüberschuss der Protagonistinnen immer wieder Risse auftun, wird von Audry mit einer raffinierten Mischung aus Realismus und Künstlichkeit inszeniert. Für bodenständigen Humor sorgen eine notorisch hungrige Mathematiklehrerin und die lebenskluge wie stets das Geschehen kommentierende Köchin des Pensionats, Victoire (Yvonne de Bray).

Als siegte die Liebe immer

Les Avons wirkt wie der Schauplatz eines kollektiv geträumten Traums, der sich der Kontrolle der handelnden Personen entzieht. Mademoiselle Julie selbst – auch dank der großartigen Edwige Feuillère avanciert sie zur eigentlichen Hauptfigur – scheint zwischen Begehren und Vernunft hin- und hergerissen, wenn sie Olivia gegenüber erotisch konnotierte Versprechungen macht, die sie dann nicht einhält. Julies und Caras Ringen um die begehrte Schülerin mündet in der Katastrophe, aber Jacqueline Audry lässt das Fatale nie Oberhand gewinnen.

Wie Alfred Hitchcock oder Michael Powell schafft die Regisseurin es meisterhaft, Gefühle an die Oberfläche hochkochen zu lassen. Wobei sich die Erzählerin weit stärker für die Leidenschaften selbst als für deren Konsequenzen interessiert. Audry verurteilt weder ihre Figuren noch deren Neigungen, die sie kaum zu zügeln imstande sind. Am Ende verlässt Olivia das Internat in derselben Kutsche, in der sie angekommen ist, wieder chauffiert von der lebensklugen Köchin. „Du wirst mit Freude an uns zurückdenken“, weiß die alte Victoire – als siegte die Liebe immer, auch die unglückliche.

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