La Cordillera de los suenos - Die Kordillere der Träume

Dokumentarfilm | Chile/Frankreich 2019 | 84 Minuten

Regie: Patricio Guzmán

Im finalen Teil seiner Trilogie über die Geografie und Geschichte Chiles wendet sich der Dokumentarfilmer Patricio Guzmán dem chilenischen Hochgebirge zu. Einmal mehr zieht er in einem persönlichen Essay Verbindungen zwischen der Natur und den politischen Entwicklungen des Landes, doch erscheint die Landschaft nun stärker als Sinnbild für Abgrenzung und Verdrängung. Daneben wird in Wortbeiträgen anderer Künstler auch der kreative Prozess aufgegriffen, der in Reaktion auf soziale und gesellschaftliche Umbrüche entsteht. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
LA CORDILLERA DE LOS SUENOS
Produktionsland
Chile/Frankreich
Produktionsjahr
2019
Regie
Patricio Guzmán
Buch
Patricio Guzmán
Kamera
Samuel Lahu
Musik
José Miguel Tobar · José Miguel Miranda
Schnitt
Emmanuelle Joly
Länge
84 Minuten
Kinostart
16.07.2020
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Filmessay

Abschließender Teil von Patricio Guzmáns sehr persönlicher Trilogie über die Geografie und Geschichte Chiles, in der sich der Filmemacher mit den Hochgebirgen des Landes beschäftigt.

Diskussion

Chile liegt im Süden Amerikas, lang gezogen zwischen dem schneebedeckten Hochgebirge der Kordilleren und der zerklüfteten Pazifikküste, von der Atacama-Wüste im Norden bis in die Gletscher Patagoniens im Süden. Chile hat eine lange demokratische Tradition, die am 11. Dezember 1973 durch den Putsch General Pinochets gegen den gewählten Präsidenten Salvador Allende brutal unterbrochen wurde. Der chilenische Filmemacher Patricio Guzmán arbeitete am Tag des Putsches noch an seinem Film Die Schlacht um Chile, wurde verhaftet, konnte aber das Land verlassen und wohnt seitdem im Ausland. 1989 zog sich Pinochet nach einer verlorenen Volksabstimmung zurück. Bis heute hat Chile eine Verfassung, die die Militärjunta installierte. Und bis heute funktioniert Chiles wirtschaftliches und soziales Leben nach dem radikalen Neoliberalismus, den Pinochet von Wirtschaftsberatern aus den USA installieren ließ. Alle diese Themen haben Patricio Guzmán nie losgelassen. In fast 47 Jahren nach dem Gang ins Exil hat er 20 Dokumentarfilme über seine Heimat gedreht.

Der Abschluss der geographischen Chile-Trilogie

„La Cordillera de los Sueños“ ist der letzte Teil seiner geographischen Chile-Trilogie: Nach Nostalgia de la luz („Nostagie des Lichts“, 2010) über die Atacama-Wüste und El botón de nacar („Der Perlmuttknopf“, 2015) über den Ozean und die Buchten der Pazifikküste im Süden Chiles widmet sich Guzmán nun dem Anden-Massiv, der Kordillere. Dabei macht Guzmán keine Kulturfilme über beeindruckende Landschaften, sondern sucht die historisch politische Dimension und die Traumata einer unbewältigten Vergangenheit hinter den Bildern von Wüste, Wasser und Hochgebirge. Die Berge machen fast 80 Prozent der Oberfläche Chiles aus und sind doch, so Guzmán, „ein blinder Fleck im chilenischen Bewusstsein“.

Dabei ist das Hochgebirge für den exilierten Regisseur durchaus eine Metapher für den Zustand der chilenischen Gesellschaft. Für ihn existiere das Land, in dem er vor Putsch und Militärdiktatur lebte, nicht mehr. Das gegenwärtige Chile sei eine Schöpfung der Regierung Augusto Pinochet, erklärt Guzmán. Das neoliberale Chile der Gegenwart sei ein „Gespenst“ des alten Chile, das er verlassen habe. Diese Haltung unterstreicht er im dritten Teil der Trilogie noch stärker als in den vorhergegangenen. Dabei führt er den Zuschauer mit seiner sanften Stimme und einem sehr persönlichen Text durch das Chile seiner Kindheit, seines politischen Engagements, die Tage des Staatsstreiches und der brutalen Gewalt 1973, die das alte Chile für immer zerstörten. Und er beschreibt die Entwicklung einer Protestbewegung, die er nur noch als passiver Zuschauer begleiten konnte.

Aber anders als in den vorherigen Filmen der Trilogie gehen Natur, Landschaft, Geschichte und Politik keine untrennbare Symbiose mehr ein, vielmehr werden die Gletscher und Felsen des Hochgebirges zum Kontrapunkt der Millionenmetropole Santiago. Deren Einwohner kennen die Kordillere laut Guzmán nur von den großflächigen Landschaftsbildern des Malers Guillermo Muñoz Vera in den U-Bahnhöfen der chilenischen Hauptstadt.

Kunst, die Landschaft reflektiert

Guzmáns zweites großes Thema ist der kreative Prozess, die Erschaffung von Bildern als Reaktion auf gesellschaftliche und soziale Umbrüche und auf die physische Präsenz der Landschaft. Im Film kommt Guillermo Muñoz Vera zu Wort, aber auch die Bildhauer Vicente Gajardo und Francisco Gazitúa, deren Arbeit eng mit dem Hochgebirge verbunden ist. Zu Wort kommt auch der Schriftsteller Jorge Baradit. Aber der wichtigste Zeitzeuge im Film ist Pablo Salas, ein unabhängiger Kameramann, der seit den 1980er-Jahren die Proteste gegen das Regime gefilmt und ein großes Archiv über die chilenische Protestbewegung angelegt hat; heute zeichnet er die Proteste gegen den wirtschaftlichen und politischen Status Quo in Chile auf. Guzmán und Salas sind zwei Gesichter des Widerstandes und Vertreter einer traumatisierten Generation.

Guzmán führt den Zuschauer in seine Jugend, zeigt die Ruinen seines Elternhauses und auch das Haus, in dem er lebte und an seinem Film „Die Schlacht um Chile“ arbeitete und wo er direkt nach dem Putsch verhaftet wurde. Die Kordillere steht mächtig und schweigend über Santiago. Repression und Widerstand und die Bilder davon entwickeln sich in der Stadt. In „La Cordillera de los Sueños“ ist die Landschaft weniger Protagonistin und mehr Sinnbild für Abgrenzung und Verdrängung. Es ist das Porträt einer verlorenen Heimat, ein Film über das Echo des Putsches und die Einsamkeit, die Patricio Guzmán seit dem 11. September 1973 begleitet.

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