Borat: Anschluss Moviefilm

Mockumentary | USA 2020 | 92 Minuten

Regie: Jason Woliner

Vierzehn Jahre nach seiner ersten Kino-Exkursion in der Rolle des rassistischen „Kasachen“ Borat durch die USA setzt der britische Komiker Sacha Baron Cohen die Satire nach demselben Prinzip fort und stellt unter anderem Vizepräsident Mike Pence und hinterwäldlerische Trump-Unterstützer bloß. Dabei differenziert Baron Cohen jedoch seine Kritik aus und kommt den Machtstrukturen, die für die verrohten und verschobenen Wertesysteme weiter Bevölkerungsschichten verantwortlich sind, unangenehm nahe. Andererseits schafft er es, sich den menschlichen und gutherzigen Momenten zu öffnen und diese nicht mehr dem Spott auszusetzen, sondern für sich stehen zu lassen. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
BORAT SUBSEQUENT MOVIEFILM
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Jason Woliner
Buch
Sacha Baron Cohen · Peter Baynham · Jena Friedman · Anthony Hines · Lee Kern
Kamera
Luke Geissbuhler
Schnitt
Craig Alpert · Michael Giambra · James Thomas
Darsteller
Sacha Baron Cohen (Borat) · Maria Bakalova (Tutar) · Dani Popescu (Premier Nasarbajew) · Manuel Vieru (Dr. Yamak) · Miroslav Tolj (Nursultan Tulyakbay)
Länge
92 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Mockumentary | Satire

Vierzehn Jahre nach seiner ersten Kino-Exkursion als Kunstfigur Borat in die USA setzt der britische Komiker Sacha Baron Cohen die Satire fort. Seine "Opfer" sind diesmal unter anderem Vizepräsident Mike Pence und hinterwäldlerische Trump-Unterstützer in der Corona-Quarantäne.

Diskussion

Was bedeutet es, wenn die Satire von der Realität überholt wird? Dieser Frage musste sich der britische Komiker Sacha Baron Cohen sicherlich stellen, als er seine Kunstfigur Borat nach 14 Jahren wieder zum Leben erweckte, jenen kasachischen Journalisten, der damals die USA als eine Art Kulturbotschafter bereiste. Unter dem Vorwand seines Bildungsauftrags verwickelte er nichtsahnende Personen in Interaktionen, die dank des immensen kulturellen Unterschieds meist ziemlich in die Hose gingen, bildlich wie wörtlich gesprochen. Mit seiner völlig schambefreiten, hinterwäldlerisch-trotteligen Art verführte er sein Gegenüber immer wieder dazu, auch selbst die Hemmungen fallen zu lassen und die unter Höflichkeit und „political correctness“ tief vergrabenen Ressentiments und Frustrationen rauszulassen. Wie er hier die dunkelste Seite der USA nach außen kehrt, war allein schon beim Zusehen unangenehm und löste ein Gefühl aus, das irgendwo zwischen Fremdscham und Mitleid waberte und entweder explosives Lachen oder den Impuls, den Kopf auf den Tisch zu schlagen, nach sich zog.

Die Trump-Wirklichkeit hat die Satire eingeholt

Ähnlich sperrig wie seine Aktionen war der Titel dieser Roadmovie-Mockumentary: Borat – Kulturelle Lernung von Amerika, um Benefiz für glorreiche Nation von Kasachstan zu machen (2006). Zur Erinnerung: Damals war George W. Bush Präsident, der Irakkrieg in vollem Gange und WikiLeaks gerade erst gegründet worden – im Vergleich zu heute klingt das beinahe paradiesisch. Dass die Regierung unter Trump die Ergebnisse des ersten Films nicht nur bestätigt, sondern regelrecht in Borat-Manier auf die Spitze getrieben hat, wirft die Frage auf, wie die Mission eines zweiten Films lauten könnte, denn die Realität ist zumindest aktuell komödiantisch kaum noch zu toppen.

Baron Cohen schickt den Kasachen nun in „Borat – Anschluss Moviefilm“ erneut nach Amerika. Borat, für die Schande, die er mit dem ersten Film über seine Heimat gebracht hat, in ein Arbeitslager verfrachtet, soll nun im Regierungsauftrag die Beziehungen zu den USA wieder geraderücken – seine Tochter Tutar soll als Wiedergutmachungsgeschenk an Michael Pence überreicht werden. Es trifft sich gut, dass die 15-Jährige die misogyne Grundhaltung ihrer Heimat verinnerlicht hat, denn ihr innerster Wunsch ist es, wie Melania Trump in einem goldenen Käfig zu leben, wobei das mit dem Käfig natürlich wörtlich zu verstehen ist. Borat kann sich nur einen Käfig aus dem Baumarkt leisten.

Die Berühmtheit steht der „Borat“-Arbeitsweise im Weg

Die Vorzeichen haben sich in den letzten 14 Jahren nicht nur politisch drastisch verändert, sondern auch für Borats, nennen wir es einmal: Arbeitsweise. Denn der schlaksig-große Schnauzbartträger im mausgrauen Polyesteranzug ist eben seit seinem ersten Auftritt eine kleine Berühmtheit geworden und wird oft erkannt – in einer Szene wird er sogar von einer Horde Fans im Laufschritt verfolgt. Das Konzept, alle, denen er begegnet, durch seine unironische Anwesenheit herauszufordern, vor den Kopf zu stoßen oder aus der Reserve zu locken, funktioniert nun nicht mehr uneingeschränkt.

Daher ist zwar die Dramaturgie ähnlich wie die des ersten Teils die eines Road Movies, doch die Enthüllungsmechanismen sind andere. Das resultiert letztendlich darin, dass er statt der bissigen Mockumentary, in der alles und jeder ihm zum Opfer fallen konnte, auf eine Art Nummernrevue aus Versteckte-Kamera-Momenten angewiesen ist und diese in eine stärker fiktionalisierte Rahmenhandlung einbettet. Die Halbwertszeit der halbdokumentarischen Elemente allerdings ist nicht länger, als ein Twitter-Thread es hergibt, denn die spektakulärsten Momente haben es sogar schon vor Veröffentlichung des Films in die Medien geschafft: seine rassistische Gesangsdarbietung auf einer rechtsradikalen Anti-Corona-Demonstration und ein entlarvendes Interview mit Trumps Anwalt Rudy Giuliani. Das hat natürlich einen werbewirksamen Aufregungseffekt – geschenkt. Hier geht es nicht mehr darum, die Geisteshaltung einer ganzen Gesellschaft aufzudecken, sondern Baron Cohen beweist, dass er als professioneller Troll den Machtstrukturen, die für die Ignoranz und Dummheit breiter Bevölkerungsschichten verantwortlich sind, unangenehm nahekommen kann.

In der Kunstfigur Borat laufen Realität und „Fake News“ zusammen

Hier tut sich dann auch die neue Rolle für Borat auf, denn dieser Schnauzbartträger ist eben nicht nur ein schmuddeliger Frauenhasser ohne Schamgefühl, sondern auch Journalist, und diesem Auftrag wird er im zweiten Anlauf viel eher gerecht als im ersten Film, denn er deckt nicht nur ein verqueres und scheinheiliges Wertesystem auf, sondern deutet dorthin, wo die Fehlinformationen gesetzt und billigend für den eigenen Vorteil in Kauf genommen werden. Irgendwo in dieser Kunstfigur Borat ist der Kristallisationspunkt, in dem der Vorwurf der „Fake News“, alternative Fakten und Realität zusammenlaufen. Würde man ihn selbst fragen, er würde diesen Punkt vermutlich in seiner Lendengegend verorten. Solche Brüche machen seine Denkweise aus und kehren unbeabsichtigt immer wieder Momente der Wahrhaftigkeit nach außen. Es ist sicherlich kitschig, aber dennoch nicht ganz verkehrt, sein eigentlich gutes Herz dafür verantwortlich zu machen.

Denn bei all seiner Rückständigkeit, Naivität und Dummheit ist Borat eben immer bereit, seine Meinung zu ändern, wenn er merkt, dass sein vermeintliches Wissen Humbug ist. Da entstehen dann jenseits der immer und immer wieder bestätigten Vorurteile ganz beiläufig Momente ungefilterter Menschlichkeit, die all die Empörung und Fremdscham seiner Aktionen einfach aushebeln. Etwa wenn Borat seine Tochter bei einer Babysitterin abgibt, um für eine Brustvergrößerung Geld zu verdienen, und diese ihr einen wohlwollenden Vortrag darüber hält, dass sie einen eigenen Willen und eine wunderbare Persönlichkeit habe, und direkt sagt: „Dein Vater ist ein Lügner!“ Aber auch die spontane Gastfreundschaft zweier Rednecks, die Borat zu Beginn des Corona-Lockdowns kurzerhand bei sich aufnehmen. Ja, ihre politischen Ansichten sind offensichtlich von Verschwörungstheorien genährt, doch gerade im Bruch zwischen der menschlichen Geste, einen wirren Kasachen aufzunehmen, und ihren sonst fremdenfeindlichen Parolen wird deutlich, welchen Schaden bewusst gesetzte Fehlinformationen anrichten können.

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