Der Mann, der seine Haut verkaufte

Drama | Tunesien/Frankreich/Deutschland/Belgien/Schweden 2020 | 108 Minuten

Regie: Kaouther Ben Hania

Ein syrischer Flüchtling lernt einen für seine provokanten Arbeiten berühmten Künstler kennen, der ihm die Möglichkeit eröffnet, mit einem auf den Rücken tätowierten Bild als lebendes Kunstwerk nach Europa reisen zu können. Als Ausstellungsstück wird ihm dort aber eine entwürdigende Rolle zugemutet. Die bittere, elegant inszenierte Parabel greift aus einer außereuropäischen Perspektive den Umgang mit Flüchtlingen auf und findet für die Wahrnehmung, nur unter Preisgabe von Persönlichkeitsanteilen Anschluss an die westliche Welt zu finden, packende Bilder. Auch die Kunstsphäre wird vielschichtig gezeigt, ohne die Widersprüche zwischen Mitgefühl und Geschäftstüchtigkeit aufzulösen. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE MAN WHO SOLD HIS SKIN
Produktionsland
Tunesien/Frankreich/Deutschland/Belgien/Schweden
Produktionsjahr
2020
Regie
Kaouther Ben Hania
Buch
Kaouther Ben Hania
Kamera
Christopher Aoun
Musik
Amine Bouhafa
Schnitt
Marie-Hélène Dozo
Darsteller
Yahya Mahayni (Sam Ali) · Dea Liane (Abeer) · Monica Bellucci (Soraya Waldy) · Koen De Bouw (Jeffrey Godefroi) · Darina Al Joundi (Sams Mutter)
Länge
108 Minuten
Kinostart
24.02.2022
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama

Heimkino

Verleih DVD
eksystent
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Bittere Parabel um einen syrischen Flüchtling, der seine Rücken als Leinwand zur Verfügung stellt, um als Kunstobjekt ein Visum für Europa zu erhalten.

Diskussion

Am Rücken ist der Mensch besonders verwundbar. Auch der junge Syrer Sam Ali sieht die Gefahr nicht kommen, als er alle Vorsicht fahren lässt und im Zug seiner Freundin Abeer lauthals seine Liebe bekennt. Während einige Mitreisende sogar Beifall zollen, realisiert Sam nicht, dass die beobachtenden Blicke und filmenden Handys auch Dolche sein können, die sich bei nächster Gelegenheit in seinen Rücken bohren. Denn schon kurz danach findet er sich auf dem Polizeirevier wieder und wird unsanft daran erinnert, wie rigoros das Regime des syrischen Machthabers Assad gegen öffentliche Kundgebungen vorgeht – selbst wenn Sam die Worte „Revolution“ und „Freiheit“ nur als Teil eines überschwänglichen Liebesgeständnisses entfahren sind. Gerettet wird er allein durch die zufällige Verwandtschaft mit dem Polizisten, der ihm Gelegenheit zur Flucht lässt. Sam muss seine Heimat schnellstmöglich verlassen.

Der Hunger treibt ihn auf Vernissagen

Schon mit dem im Jahr 2011 spielenden Einstieg etabliert die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania in „Der Mann, der seine Haut verkaufte“ die Themen des Ausgeliefertseins und der bedrohten Unversehrtheit des Protagonisten. Ein Jahr nach diesen Ereignissen lebt Sam im Libanon und beobachtet aus der Ferne den syrischen Bürgerkrieg. Auch Abeer ist dem gerade noch entronnen, indem sie einen Angestellten der syrischen Botschaft in Belgien geheiratet hat. Die Aussicht, womöglich auf ewig von seinem Heimatland und der Geliebten getrennt zu sein, verstärkt Sams Schmerz über seine Lage, die auch finanziell prekär ist; so schleicht er sich aus Hunger öfters auf Vernissagen und stärkt sich an den Büffets.

Sein Schicksal nimmt eine unverhoffte Wendung, als Sam die Aufmerksamkeit des Künstlers Jeffrey Godefroi erregt, der „wertlose Objekte in Kunstwerke verwandelt, die Abermillionen Dollar kosten“, wie es in einem Fernsehfeature über ihn heißt. Für Godefroi, der ebenso provokant wie geschäftsbewusst agiert, ist Sam eines dieser „wertlosen Objekte“; genauer dessen Rücken, den er als besondere Art von Leinwand versteht. Mit dem eintätowierten Abbild eines Schengen-Visums verschafft er Sam eine einzigartige Chance. Denn wo Sam als Mensch die Grenzen nach Europa verschlossen sind, genießt er als lebendes Kunstwerk plötzlich das Privileg weitgehender Reisefreiheit. Mit einer entscheidenden Einschränkung: Sam muss sich seinen Gönnern aus der Kunstwelt fügen und nach deren Wünschen bei Ausstellungen den Besuchern seinen Rücken präsentieren.

Eine bittere Parabel

Es ist eine bittere Parabel, die „Der Mann, der seine Haut verkaufte“ ausbreitet, mit all der Kraft, die dieser abstrahierenden Erzählform zu Gebot steht. Kaouther Ben Hania schließt mit „Der Mann, der seine Haut verkaufte“ an andere jüngere Werke wie etwa „Angelo“ von Markus Schleinzer an, die aus europäischer Sicht an beschämende Traditionen erinnern, Menschen aus anderen Erdteilen zu exotischen „Ausstellungsstücken“ zu erniedrigen. Ben Hania ergänzt diese historischen Zugriffe durch eine packende aktuelle Variante, die Sams fortlaufende Demütigungen in frappierender Folgerichtigkeit schildert: von der ständigen Betitelung als „Leinwand“ und „Kunstwerk“, das gegen Schäden versichert und immer wieder weiterverkauft wird, über die Erwartung, dass er stumm jede gewünschte Position einnehmen solle, die seinen Rücken am besten zur Geltung bringt, bis hin zum Spott, den er weidlich erntet.

Seiner Geliebten Abeer aber, zu der er wieder Kontakt aufgenommen hat, will er seine Situation ebenso verschweigen wie seiner Familie in Syrien; doch die Wahrheit bleibt ihnen nicht lange verborgen. Und selbst der Auftritt einer Menschenrechtsorganisation, die gegen Sams Zurschaustellung protestiert, ist letztlich eine weitere Indienstnahme seines Körpers: Auf den Plakaten der Aktivisten ersetzt schlicht die Aufschrift „Rettet Syrien!“ auf seinem Rücken die Muster des eintätowierten Visums.

Wie man salonfähig wird

Die außereuropäische Blickrichtung erlaubt Kaouther Ben Hania eine Abkehr von der verbreiteten, auf Mitgefühl zielenden Darstellung von Flüchtlingsfiguren im Film. Sam Ali entspricht weder dem Bild des hilflosen, fast verhungerten Flüchtenden, der in Europa das Paradies zu finden hofft, noch ist er ein wuterfüllter Stellvertreter für eine Abrechnung mit den Untaten der westlichen Welt. Stattdessen drückt sich in ihm und seinem Schicksal eine Haltung aus, die in den Ursprungsländern der Migranten durchaus geläufig sein dürfte: das dumpfe Gefühl, selbst im besten Falle einen Teil der Persönlichkeit verkaufen zu müssen, um von den Europäern toleriert zu werden. Nur weil Sam sich auf deren abseitige Vorstellungen einlässt, wird er buchstäblich salonfähig.

Der elegant inszenierte Film vermittelt dies umso stärker, als die Kunstsphäre ohne Bosheit dargestellt ist. Der bemerkenswert klischeefrei gezeichnete Jeffrey Godefroi lässt bei allem geschäftlichen Kalkül Sam gegenüber echte Hilfsbereitschaft erkennen, sobald sie allein sind und niemand mehr erwartet, dass er den zynischen Künstler gibt. Auch die Museen erscheinen durchaus als Orte des Rückzugs mit dunklen Ausstellungsräumen, die durch ihre Ausdehnung, das durch Spiegel gebrochene Licht und ihre bunten Fenster einen fast sakralen Charakter annehmen. Zugespitzt wirkt allein die Bereitschaft des Kunstbetriebs, aus Sams Rückengemälde ein lukratives Geschäft zu machen, doch kontert Ben Hania dies durch ihre humane Perspektive. Statt die Position gaffender Zuschauer einzunehmen, bleibt sie nahe an ihrem Protagonisten und taucht den Hintergrund in gnädige Unschärfe.

Auf immer ein Außenseiter

Parallel dazu entwickelt die Regisseurin die Liebesgeschichte zwischen Sam und Abeer weiter, wodurch beide Figuren an Tiefe gewinnen. Die große Romanze, wie sie der Filmbeginn und Sams Einwilligung gegenüber Godefroi noch nahelegen, stellt sich zwischenzeitlich und vor der etwas hastigen finalen Kehrtwende des Films wesentlich nüchterner dar. Denn Abeer reagiert zurückhaltend auf Sams Wiederauftauchen. Ihre Ehe scheint keineswegs nur dem Verlangen geschuldet, dem Krieg zu entfliehen. Die Distanz zwischen Sam und Abeer enthüllt sich mehr und mehr auch im Bild, wo Kameramann Christopher Aoun Vorhänge, Mauern und Spiegel als Trennelemente zwischen dem einstigen Traumpaar registriert. Auch in Soloszenen durchschneiden immer wieder Lichtstreifen den Blick auf Sam und werden zum beredten Ausdruck seiner Zerrissenheit. Denn auch wenn er den Begriff der Ausbeutung zurückweist und stets betont, aus freiem Willen zum lebenden Kunstwerk geworden zu sein, bleibt er doch ein Außenseiter: Zwar wird er von Menschen bestaunt, aber nur so lange, wie sie ihm nicht ins Gesicht schauen müssen.

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