The Harder They Fall

Western | USA 2021 | 139 Minuten

Regie: Jeymes Samuel

Ein Outlaw will Rache am Mörder seiner Eltern nehmen, einem brutalen Gangster, der gerade von seinen Gang-Mitgliedern aus der Haft befreit wurde. Der Rächer macht sich auf die Suche nach seinem einstigen Peiniger, was letztlich in einem blutigen Shoot-Out resultiert. Ein postmoderner Western, der rund um reale afroamerikanische Personen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts einen fiktiven Rache-Plot spinnt. Strukturell kommt die Dramaturgie klassisch daher, während die Inszenierung als postmoderne Brüche anachronistische Elemente einbaut. Eine höchst unterhaltsame, mit prägnanten Figuren aufwartende „schwarze“ Revision eines einst von „weißen“ Charakteren dominierten Genres. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE HARDER THEY FALL
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2021
Regie
Jeymes Samuel
Buch
Jeymes Samuel · Boaz Yakin
Kamera
Mihai Malaimare jr. · Sean Bobbitt
Musik
Jeymes Samuel
Schnitt
Tom Eagles
Darsteller
Idris Elba (Rufus Buck) · Jonathan Majors (Nat Love) · Zazie Beetz (Mary Fields) · Delroy Lindo (Bass Reeves) · Lakeith Stanfield (Cherokee Bill)
Länge
139 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Western

Ein postmoderner Western mit fast ausschließlich schwarzen Darstellerinnen und Darstellern um einen Outlaw, der Rache am Mörder seiner Eltern üben will.

Diskussion

Kaum ein Genre ist weißer als der Western. Neben John Wayne, Clint Eastwood, Henry Fonda, Gary Cooper oder Franco Nero als mal strahlende, mal ambivalente Heldenfiguren blieb für Lateinamerikaner oft nur die Rolle der Antagonisten – und für Schwarze, wenn denn überhaupt, wahlweise Platz als Sklaven oder treue Begleiter im Kampf, siehe Morgan Freeman in Eastwoods „Erbarmungslos“ (1992). Und doch ist in den vergangenen Jahren ein Aufbruch zu spüren, davon zeugen Antoine Fuquas „Die glorreichen Sieben“ (2016) und natürlich Tarantinos „Django Unchained“ (2012). Noch radikaler geht es nun Jeymes Samuels „The Harder They Fall“ an, in dem – wie schon in Samuels 50-Minüter „They Die by Dawn“ (2013) – sämtliche plotrelevanten Rollen ausschließlich mit People of Color besetzt sind.

Im Gegensatz zu Fuqua und Tarantino muss sich der Film dabei nicht gänzlich ins Reich der Fiktion begeben. Die Geschichte sei zwar frei erfunden, heißt es zu Beginn, jedoch: „These. People. Existed.“ Die Nachdrücklichkeit, die die Interpunktion hier vermittelt, ist nicht zu unterschätzen. Denn gerade als weißer Mitteleuropäer, dessen Vorstellungen vom Wilden Westen vorrangig Kinoklassikern mit hellhäutigen Protagonisten und vielleicht noch Geschichten von Karl May entstammen, könnten einem hier ob der Vielzahl schwarzer Revolverhelden bisweilen Zweifel kommen, ob dem wirklich so ist. Zweifel, die eine kurze Recherche aber schnell bereinigen kann: So gab es im späten 19. Jahrhundert etwa tatsächlich eine „Rufus Buck Gang“, die im Gebiet von Arkansas-Oklahoma ihr brutales Unwesen trieb, was nun den Aufhänger für Samuels fiktive und äußerst klassische Story liefert; und auch Bass Reeves und Nat Love sind historische Figuren.

Idris Elba als charismatischer Erzschurke

Letzterer, gespielt von Jonathan Majors, ist der (Anti-)Held des Films und wird vom traditionellsten aller Motive angetrieben: Rache. Als er zehn Jahre alt ist, steht während des familiären Sonntagsessens Rufus Buck (Idris Elba) vor der Tür, tötet Nats Eltern und ritzt ihm mit einer Rasierklinge eine kreuzförmige Narbe auf die Stirn. Jahre später ist Nat selbst zum berüchtigten Outlaw geworden, zum Räuber, der mit seiner Bande ausschließlich andere Räuber ausraubt, hat 10.000 Dollar Kopfgeld angesammelt und ist auf der Suche nach seinen Peinigern von damals. Einer von ihnen scheidet noch vor der Titeleinblendung aus dem Leben: Der von Julio Cesar Cedillo gespielte Jesus Cortez (eine der ganz wenigen weißen Sprechrollen dieses Films) hielt Nat einst fest, als er seine Narbe bekam, und wird nun von dessen Kugeln durch die Luft und aus dem Leben geschleudert.

Einen Blaxploitation-Western möchte man in diesen ersten Minuten vermuten, doch das ist „The Harder They Fall“ nur teilweise. Es fehlt nämlich allem voran ein weißer Antagonist, dem hier in einem Akt von Empowerment das Handwerk gelegt werden würde. Zwar weiß Sheriff Bass Reeves (Delroy Lindo), dass der Teufel natürlich weiß ist; die Rolle des Bösewichts jedoch kommt hier Rufus Buck zu, der von seiner Gang (Mitglieder: Regina King und LaKeith Stanfield) schon bald aus staatlicher Gefangenschaft befreit wird und den Idris Elba mit einer wahnsinnigen Präsenz als abgeklärten, skrupellosen und zu plötzlichen Gewaltausbrüchen bereiten Outlaw verkörpert. Und als Diktator, der die von ihm gegründete Siedlung Redwood vordergründig zu einem sicheren Heim für schwarze Menschen machen will, eigentlich aber nur an Geld interessiert ist.

Nat Love hat allerdings noch eine Rechnung mit Buck offen und begibt sich, als er von dessen Befreiung erfährt, gemeinsam mit eben jenem Sheriff Bass Reeves, seinen beiden Gang-Kumpanen Bill Pickett (Edi Gathegi) und Jim Beckworth (RJ Cyler) sowie seiner einstigen Geliebten Mary Fields alias Stagecoach Mary (Zazie Beetz) – auch dies eine Figur nach einem faszinierenden realen Vorbild – nach Redwood, um Buck unter die Erde zu bringen. Ein paar Handlungsabzweigungen und einen Bankraub später kommt es schließlich zum obligatorischen Final-Shootout.

Die postmoderne Aneignung eines filmhistorisch bedeutsamen Genres

Auch wenn die Ausgangslage – die Besetzung der Rollen also – fraglos ein Statement ist, so sind politische Aussagen in „The Harder They Fall“ doch eher eine Randerscheinung und über weite Strecken nur im Subtext zu finden. Rassismus ist lediglich in einer Sequenz ein Thema (beim Besuch einer weißen Stadt – und ja, die ist tatsächlich im wörtlichen Sinne weiß), Sklaverei gar keines, im Vordergrund steht stattdessen der Spaß an einer klassischen Western-Geschichte voller bewährter Genre-Stereotype: die wehrhafte Saloon-Besitzerin, der flinke Finger, der erbarmungslose Sheriff, der sympathische Outlaw etc. –, gewürzt jedoch mit einer gehörigen Portion „Black Excellence“ und Coolness, die sich in entsprechender Gestik, Mimik und Sprüchen wie „Shiny shit gets shot“ äußern. Der anachronistische Soundtrack, bestehend aus Hip-Hop-, Reggae- und R&B-Nummern, sowie die viel zu sauberen, farbenfrohen und offensichtlich frisch zusammengezimmerten Sets tragen ihr Übriges dazu bei, „The Harder They Fall“ zu einem Film zu machen, der sich bewusst von der Maxime des Authentischen abgrenzt. Das hier – dieser Eindruck ist unvermeidlich – ist stattdessen eine historische Revision, die postmoderne Aneignung eines filmhistorisch so bedeutsamen Genres, das nicht-weiße Menschen viel zu lange ausblendete und nun die Quittung dafür bekommt, indem der Spieß einfach umgedreht wird.

 Am Ende schießen deshalb auch ausschließlich schwarze Menschen auf Schwarze, woraufhin „The Harder They Fall“ mit einem Twist daherkommt, der auf Handlungsebene zwar konstruiert wirkt, als Metapher jedoch ein starkes gesellschaftskritisches Ausrufezeichen setzt. Was Regisseur Samuel und seinem Co-Drehbuchautor Boaz Yakin („Die Unfassbaren“, 2013) jedoch vor allem gelingt, ist, eine trotz einiger Längen überaus unterhaltsame Western-Story mit prägnanten Figuren zu erzählen. Die mögliche Fortsetzung, die am Ende angedeutet wird, darf gerne kommen.

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