Drama | Kolumbien/Frankreich/Thailand/Deutschland/Mexiko/Katar/Großbritannien/China/Schweiz 2021 | 136 Minuten

Regie: Apichatpong Weerasethakul

Eine Orchideenforscherin besucht ihre Schwester in Kolumbien. Dabei bringt sie ein wiederkehrendes lautes Geräusch um den Schlaf, was dazu führt, dass sie auf der Suche nach der Ursache durch die ihr fremde Welt des urbanen wie ländlichen Südamerikas wandert. Mit der Protagonistin öffnet sich der Film einer fremden Welt und ihren Texturen, ihre Mythologie und ihrer Erinnerung. Die statischen Bildtableaus muten dabei mitunter wie museale Erfahrungen an, deren Leben sich ganz im überwältigenden Reichtum ihres Klangs entfaltet. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
MEMORIA
Produktionsland
Kolumbien/Frankreich/Thailand/Deutschland/Mexiko/Katar/Großbritannien/China/Schweiz
Produktionsjahr
2021
Regie
Apichatpong Weerasethakul
Buch
Apichatpong Weerasethakul
Kamera
Sayombhu Mukdeeprom
Musik
César López
Schnitt
Lee Chatametikool
Darsteller
Tilda Swinton (Jessica Holland) · Elkin Díaz (Hernán Bedoya, älter) · Jeanne Balibar (Agnes Cerkinsky) · Juan Pablo Urrego (Hernán Bedoya, jünger) · Daniel Giménez Cacho (Juan Ospina)
Länge
136 Minuten
Kinostart
05.05.2022
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama

Meditatives Drama um eine schottische Orchideenforscherin, die bei einem Besuch in Bogotá von einem rätselhaften Geräusch heimgesucht wird, dessen Grund sich nicht so recht aufklären lässt.

Diskussion

Ein Fluss, der vor Lachsen überquillt, ist ein heute fast vergessenes Phänomen. Nicht, weil uns die Bilder von zehntausenden Lachsen, die einen eigenen Strom gegen den Strom bilden, fremd sind. Sondern weil wir das dazugehörige Geräusch, den nicht enden wollenden ohrenbetäubenden Lärm von unzähligen Fischleibern, die gegeneinanderstoßen, nicht mehr kennen. Ein Phänomen, das, obwohl es vor kaum mehr als einem Jahrhundert noch alltäglich gewesen sein muss, heute wie aus einem Märchen klingt, wie eine Erzählung von Schönheit, Harmonie und unerträglicher Lautstärke. „Memoria“ von Apichatpong Weerasethakul ist eine solche Erzählung. Sie beginnt mit unerträglicher Lautstärke.

Plötzlich ist ein Ton in Jessicas Leben. Er weckt sie, lässt sie hochfahren und in der Folge des über mehrere Tage und Wochen ausgebreiteten Films nicht mehr schlafen. Die aus Schottland stammende Orchideenforscherin findet keine Erklärung dafür. In einem Tonstudio versucht sie, gemeinsam mit einem Tontechniker namens Hernán (Juan Pablo Urrego), wenigstens den Ton selbst zu finden. Jessica kreist ihn mit Worten ein, Hernán imitiert ihn auf dem Soundboard. Der Weg führt von der Sprache zum Ton, vom Ton zu dessen Visualisierung und von der Visualisierung zur fast exakten Kopie des Tons. Und doch bleibt das Geräusch, in Jessicas Bewusstsein oder vielleicht in ihrer Erinnerung. Es raubt Jessica den Schlaf, es lässt sie schlafwandeln in einem für sie noch fremden Land.

Eine schlafwandlerische Sinnsuche

Es ist eben dieser Geisteszustand, der „Memoria“, Weerasethakuls ersten Film außerhalb Thailands, beschreibt. Mit Tilda Swinton, deren Figur ebenfalls eine Fremde ist, scheint der Film ein neues Land, eine neue Welt vorzufinden, um deren Texturen, Töne und Erinnerungen zu fassen. Die dazugehörigen Bilder zeigen Tilda Swinton nicht als Zentrum, um das sich die Welt dreht, sondern als Verlorene innerhalb dieser Welt. Eigentlich besucht sie hier eine Freundin. Doch das Geräusch in ihrem Bewusstsein führt sie bald von den urbanen Räumen Medellíns in die tropischen Wälder Kolumbiens.

Oft ist sie in den Bildtableaus der städtischen oder der verwilderten Landschaft kaum zu erkennen, so als wollte sie sich verstecken oder mit der Welt verwachsen. Mit rudimentärem Spanisch und der Hoffnung, die eigene Wahrnehmung wieder erträglich zu machen, versucht sie sich zurechtzufinden, während sie die Spuren, die sie verfolgt, und die Menschen, die sie zu kennen glaubt, verliert. Ein Zahnarzt, den sie als verstorben in Erinnerung hatte, ist plötzlich wohlauf. Eine Freundin, soeben noch ans Krankenbett gefesselt, sitzt ihr zum Abendessen im Restaurant gegenüber. Der Tontechniker Hernán, der ihr zuvor dabei half, den Ton in ihrem Bewusstsein zu identifizieren, existiert plötzlich nicht mehr. Ein anderer Hernán (Elkin Díaz) nimmt später seinen Platz ein. Ihre und damit auch unsere Wahrnehmung der Welt wird wieder und wieder in Frage gestellt. Was bleibt (oder wiederkehrt), ist der dumpfe Ton in ihrem Kopf.

Eine Kollegin ihrer Schwester, die als Anthropologin in Kolumbien arbeitet, zeigt ihr einen Jahrtausende alten Schädel, in dessen Decke ein großes Loch klafft. Ein Ritual, um einen bösen Geist zu entlassen, vermutet die Wissenschaftlerin. Ob ihre Aussage für Jessica Erklärung, Vorahnung oder ein Echo aus der Vergangenheit ist, bleibt ungeklärt.

Auf der Suche nach Antworten

Die Suche nach Antworten ist für Weerasethakul nichts anderes als der Versuch, sich fremden Texturen, Vorgängen und Topografien zu öffnen. „Memoria“ hört der Welt zu. Jedes alltägliche, auf atmosphärisches Rauschen reduzierte Geräusch wird zum Protagonisten einer komplexen Tonkollage. Das sich auffächernde Sounddesign lässt den Regen mal mit Gewalt auf die Straße peitschen, mal spielerisch auf Regenschirme trommeln; es fängt die absolute Harmonie einer Jam-Session ein, lässt feines Werkzeug und schwere Industriemaschinerie gleichberechtigt auf der Ausgrabungsstätte koexistieren; überführt das helle, geschäftige Treiben öffentlicher Gebäude in das sanfte, gedämpfte Dröhnen der Bibliothek, das jedes Geräusch in Watte hüllt.

Jeder Raumwechsel, jeder architektonische Wandel, jede neue, mal augenscheinliche, mal verborgene Veränderung von Flora und Fauna bringt eine neue Welt hervor, die sich auch dann auf der Tonspur entfaltet, wenn sie mit den Augen nicht zu erfassen ist. Oder, wie es der zweite Hernán ausdrückt, den Jessica im Dschungel trifft: Die Schwingungen der Geschichte werden in jeden Stein eingeschrieben.

Es ist eine fast durchgehende Stasis, in der die Themen des Films weniger gebündelt, als in der Welt verstreut werden. Zu hören und zu sehen, wie die Klänge dieser Welt die Tableaus von „Memoria“ überwältigen, ist ein fast museales Erlebnis. Weerasethakul bildet eine Welt nach, in der weder Jessica noch er selbst und auch wir als Zuschauer noch nicht verwurzelt sind. Eine Welt, die wir wie durch einen Glaskasten betrachten, die friedlich erscheint. Bis zu dem Moment, in dem das Leben mit aller Kraft an die Scheibe und damit an das menschliche Bewusstsein klopft. Ein friedliches Schauspiel von unerträglicher Lautstärke.

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