A Hero - Die verlorene Ehre des Herrn Soltani

Drama | Iran/Frankreich 2021 | 123 Minuten

Regie: Asghar Farhadi

Ein iranischer Maler, der nach der Insolvenz eines kleinen Copy-Shops im Gefängnis sitzt, erhält zwei Tage Freigang, um seine Angelegenheiten zu regeln. Doch der Versuch, mit 17 Goldmünzen, die seine Freundin an einer Bushaltestelle gefunden hat, seine Schulden zu begleichen, setzt ein Drama in Gang, das mit jedem Anlauf, die Situation zum Besseren zu wenden, diese nur noch schlimmer macht. Das packend inszenierte und mit magischer Klarheit fotografierte Drama führt in jenen Graubereich, in dem egoistisches und altruistisches Verhalten nicht leicht voneinander zu unterscheiden sind. Aus der anwachsenden Kaskade an Unstimmigkeiten, Halbwahrheiten und Unterstellungen erwächst ein Unheil, das durch die sozialen Medien ins gesellschaftlich Monströse gesteigert wird und darüber die für die iranische Gesellschaft zentralen Kategorien von Ehre und Entehrung hinterfragt. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
GHAHREMAN
Produktionsland
Iran/Frankreich
Produktionsjahr
2021
Regie
Asghar Farhadi
Buch
Asghar Farhadi
Kamera
Ali Ghazi
Schnitt
Hayedeh Safiyari
Darsteller
Amir Jadidi (Rahim) · Mohsen Tanabandeh (Bahram) · Sahar Goldoust (Farkhondeh) · Saleh Karimai (Rahims Sohn) · Sarina Farhadi (Nazanin)
Länge
123 Minuten
Kinostart
31.03.2022
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama

Drama über einen verschuldeten Mann aus dem Iran, dem das vermeintliche Glück eines Goldfundes zum Verhängnis wird.

Diskussion

Gegen diese gewaltigen Bildflächen sieht jede Kinoleinwand mickrig aus: Naqsch-e Rostam, eine gigantische, mit Reliefs und Königsgräbern versehene Felswand nahe der iranischen Stadt Schiras. Die in schwindelerregender Höhe angebrachten Gräber ehren unter anderem Dareios I., dessen Name „das Gute erhaltend“ bedeutet, und seinen Sohn Xerxes I., was „herrschend über Helden“ heißt. In dieser Kulisse lässt Regisseur Asghar Farhadi zu Beginn von „A Hero - Die verlorene Ehre des Herrn Soltani“ einen unauffälligen Mann ein Baugerüst hinaufsteigen. Kaum oben bei einem der dort arbeitenden Bekannten angekommen, geht es auch schon wieder abwärts.

Für Heldenpathos und visuelle Überwältigungen ist der iranische Ehe- und Innenraumrealist Farhadi nicht gerade bekannt. Deshalb überrascht es, dass sein neuer Film an einem der imposantesten archäologischen Orte der Welt seinen Anfang nimmt. Die riesigen Felsen werden im weiteren Verlauf nicht mehr zu sehen sein, was den Hinweis auf ihren epigrammatischen Charakter noch mehr unterstreicht: In „A Hero“ geht es offenbar um Aufstieg und Niedergang des titelgebenden Herrn Soltani vor dem Hintergrund vermutlich unverrückbarer Helden- und Vater-Sohn-Bilder.

Farhadi selbst gibt zu Protokoll, dass er Schiras wegen der „ruhmreichen Spuren der iranischen Identität“ und aufgrund der Spezifität der Geschichte und ihrer Figuren gewählt habe, aber auch, weil er „Abstand von den Tumulten in Teheran“ halten wollte.

Mit jedem Schritt wird alles noch schlimmer

Politisch ist Farhadis Kino insofern, als es den zivilisierenden Firnis ethischen Handelns unters Mikroskop legt. Ohne das Milieu seiner bisherigen Filme zu wechseln, setzt Farhadi, der auch das Drehbuch schrieb, seine bewährten Daumenschrauben an, nur um noch unerbittlicher und vor allem viel weiter in den sozialen Raum und dessen Bildpolitiken auszugreifen, als er dies schon in „Nader und Simin - eine Trennung“ oder in „The Salesman“ getan hat. Ein Zufall oder eine Entscheidung setzt ein Drama in Gang, und jeder Versuch, es zum Guten zu wenden, verschlimmert die Sache nur noch. Ein tragischer Konflikt im Dauermodus, bis zur nächsten Korrektur, die alles vermasselt, und immer so weiter. Es gehe ihm, so der Regisseur, um die „grauen“ Charaktereigenschaften der Menschen.

Auch „A Hero“ erkundet jenen Bereich, in dem egoistisches und altruistisches Verhalten nicht leicht voneinander zu unterscheiden sind, Gut und Böse ständig ihre Masken tauschen. In diesem Fall findet der künftige Ex-Held, der Maler und Kalligraf Rahim (Amir Jadidi), 17 Goldmünzen. Nicht unter der Staubschicht der Geschichte, sondern an einer Bushaltestelle, in einer verlorenen Damenhandtasche. Allerdings passierte das bereits vor der Filmhandlung, man ist also nicht Augenzeuge, sondern erfährt davon nur vom Hörensagen, weshalb auch das Publikum erst Schicht für Schicht dem wahren Geschehen auf den Grund kommen muss. Dass Rahim der Finder ist, stimmt beispielsweise nicht, wie sich nach einer Weile herausstellt; seine Freundin Farkhondeh (Sahar Goldoust), die zu Beginn ebenfalls eine endlos scheinende Treppe hinabeilt, was sich wie ein Echo auf Rahims Niedergang ausnimmt, will die wertvollen Münzen gefunden haben. Das darf aber nicht publik werden, weil sonst die uneheliche Beziehung offenbar würde.

Beide hoffen nun, dass sie mit dem Gold einen Teil der Schulden zurückzahlen können, wegen denen Rahim im Gefängnis sitzt. Der Film beginnt mit einem zweitägigen Freigang von Rahim; die beiden könnten nach Begleichung der Schuld heiraten, und Rahim würde seinen Sohn wieder häufiger sehen. Der Kleine stottert, was eine Spiegelung des nun folgenden, nervenaufreibenden Stockens, Verzögerns, Neuansetzens und womöglich nie ganz Auszusprechenden dieser Geschichte ist.

Was treibt Menschen an?

Warum handeln die Figuren, wie sie handeln? Diese Frage wird immer wieder leicht zu beantworten sein, doch die Antwort wirft dann weitere Probleme auf. Rahim verkauft das Gold doch nicht, der Kurs scheint ihm nicht günstig. Oder plagen ihn Gewissensbisse gegenüber der Eigentümerin? Dass seine Freundin ihm rät, das Gold zurückzugeben, um sich besser zu fühlen, ist der erste von mehreren Ratschlägen, die Rahim befolgt, und mit denen er sich immer tiefer ins Unglück hineinmanövriert.

Zunächst wird Rahim zum „Helden“, denn die rechtmäßige Besitzerin der Goldmünzen wird gefunden. Der Gefängnisdirektor wittert die Chance, das schlechte Image seiner Einrichtung mit dem Vorzeigehäftling aufzubessern. Fernsehteams interviewen den stets freundlich und sanft wirkenden Rahim, von dem man allerdings bald nicht mehr so recht weiß, ob sein Lächeln ein verlegenes oder ein beschwichtigendes ist oder ob er doch kurz vor dem Angriff steht. Ein „Candystorm“ bricht auf Social Media über ihn herein, und die Welt ist sich einig: „So ein guter Mensch!“ Nur ein Mit-Insasse knurrt ihn an, dass er ihm kein Wort glaube: „Du bist doch Maler, du übertünchst doch alles.“

Nach klassischem Muster verlangt der Held natürlich nach einem Gegenspieler. Diese Rolle übernimmt vor allem Rahims Gläubiger Bahram (Mohsen Tanabandeh). Denn im gleichen Maß, in dem Rahim allmählich an Glaubwürdigkeit verliert – die Besitzerin des Goldes ist auf einmal unauffindbar –, gewinnen die Argumente des Zweiflers Bahram an Plausibilität. Der in die Enge getriebene Rahim rastet irgendwann aus, die Tochter des Gläubigers filmt es und droht mit der Veröffentlichung, was es zu verhindern gilt. Jeder hat gute Gründe. Das ist die von „Rashomon - Das Lustwäldchen“ inspirierte Prämisse, auf die sich Farhadi explizit bezieht.

Die Ehre und die Entehrung

„A Hero“ kommt zur rechten Zeit. Denn die Frage, wie das ganze Elend eigentlich angefangen hat, wie Lüge, Gewalt, Schuld und Schulden in die Welt gekommen sind, verwandelt sich von einer akademischen Nischen- in eine bestsellertaugliche Frage. Die Kollaboration von Archäologie und Anthropologie, wie sie etwa David Graeber und David Wengrow in ihrem Buch „Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit“ (2022) betreiben, lassen eine sich selbst erfüllende Tragikomik aufscheinen – der Mensch erzählt sich offenbar schon recht lange immer wieder dieselben linearen Heldengeschichten, bleibt aber dennoch in einer Verkettung von Missverständnissen, Ausblendungen, nicht eingehaltenen Abmachungen und aus dem Ruder laufenden Bemühungen um Reputation gefangen. Wie Graeber schon in „Schulden - Die ersten 5000 Jahre“ gezeigt hat, lassen sich die Konzepte von Ehre und Entehrung als Grundlagen der zeitgenössischen Wirtschaftsordnung entschlüsseln. Was aber nicht heißt, dass dies auf ewig in Stein gemeißelt ist.

Elegant ins Überzeitliche spielt „A Hero“ auch in seiner Verhandlung der Bildmedien. Rahim wird Teil von Fernsehnachrichten, in denen er seine Geschichte bereitwillig ausschmückt; später sind es die Posts mit kompromittierenden Videos auf Tausenden Smartphones. Doch Farhadi schneidet so gut wie nie direkt auf diese Bilder, die Kamera von Ali Ghazi nimmt sie eher aus dem Augenwinkel wahr oder schnappt sie aus der Distanz auf. Farhadi bildet den Social-Media-Exzess ab, ohne ihn auf der Leinwand nachzuvollziehen; er bleibt stattdessen hartnäckig bei den Menschen und zeigt sie in ihrer Not, das Richtige zu tun oder zumindest das richtige Bild abzugeben.

Immerhin: Ein Ausblick

Märchenhaft deutlich und zugleich bis zur Schmerzgrenze uneindeutig verhandelt „A Hero“ den wörtlichen Zusammenhang von Kredit und Glaubwürdigkeit – und damit auch den Anspruch eines Filmemachers wie Asghar Farhadi, dessen Realismus selbst einer auf Pump ist, der nur funktioniert, wenn das Publikum mitgeht und Plausibilitäten (an)erkennt. Wenn am Ende der „einfache Mann in einer komplexen Situation“, wie Farhadi seinen „Helden“ nennt, wieder genau dort landet, wo er schon vor dem Goldfund war, wird die Legende vom moralischen Fortschritt des Menschen in ein so nüchternes wie elegisches Schlusstableau der Vergeblichkeit überführt, gefilmt wie aus einer Höhle oder einem Grab. Doch immerhin mit Ausblick auf ein Paar, für das es vorerst weitergeht.

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