Krimi | Norwegen 2021 | 360 (4 Folgen à 90 Minuten) Minuten

Regie: Magnus Martens

Kurz vor der Bundestagswahl agieren zwei Undercover-Agenten sowie eine deutsche Sicherheitsexpertin aus dem Bundesinnenministerium im Umfeld rechtsextremer Aktivisten, die mit neofaschistischem Terror und fremdenfeindlicher Propaganda im Netz auf Chaos und Destruktion aus sind. Dabei geraten sie zwischen die Fronten von norwegischen Pegida-Anhängern und einer skrupellosen Organisation aus Berlin, die ein deutsches 9/11-Inferno plant. Die packend erzählte Thrillerserie setzt auf komplexe Figuren, wendungsreiche Twists sowie ein überzeugendes Schauspielerensemble, was für zeithistorisch brisante, temporeiche Serienunterhaltung sorgt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Norwegen
Produktionsjahr
2021
Regie
Magnus Martens · Lars Kraume
Buch
Gjermund Stenberg Eriksen · Nikolaj Frobenius · Hege Ulstein · Henner Schulte-Holtey · Embla Veier Bugge
Kamera
Nick Remy Matthews
Musik
Christof M. Kaiser · Julia Maas
Schnitt
Patrick Larsgaard · Barbara Gies · Klaus Wehlisch
Darsteller
Ine Marie Wilmann (Ragna) · Nina Kunzendorf (Kathi) · Pål Sverre Hagen (Asgeir) · Preben Hodneland (Ole) · Cecilie Mosli (Inger)
Länge
360 (4 Folgen à 90 Minuten) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Krimi | Serie | Thriller

Furiose Thrillerserie über den erstarkten Rechtsnationalismus in Europa sowie die zunehmende Radikalisierung neofaschistischer Untergrundzellen.

Diskussion

Vestvik im Südwesten Norwegens. In der ebenso entlegenen wie pittoresken Fjordidylle, die als „Land der Trolle“ Ökotouristen wie Einsamkeitsfanatiker anzieht, ist der Ex-Spezialagent Asgeir (Pål Sverre Hagen) zusammen mit seiner siebenjährigen Tochter Michelle (Isabella Beatrice Lunda) auf der Flucht vor dem russischen Mafiapaten Ziminov sowie vor seinen inneren Dämonen untergetaucht. Denn bei seinem letzten Einsatz wurde eine Informantin, die gleichzeitig Michelles Mutter ist, tödlich verletzt. Seitdem schwebt er selbst in Lebensgefahr und muss parallel seiner aufgeweckten Tochter das Bild eines stets entspannten Familienvaters vorgaukeln.

Rechtsradikales Netzwerk plant Terror

Als vermeintlicher Dorfpolizist wurde der hochgewachsene Asgeir zu einem Flüchtlingsheim beordert, wo in der Nacht zuvor ein Brandanschlag verübt wurde. Dazu prangte „Muslims go home!“ als Graffiti an der Hausfassade, wodurch die Stimmung unter den Asylsuchenden zusätzlich aufgeheizt ist. Der Anfangsverdacht richtet sich auf den schmierigen Unternehmer Kjetil (Fridtjov Såheim), der als lokalpolitischer Mäzen fungiert und rechtskonservative Jünglinge zu xenophoben Treffen in seine Jagdhütte einlädt.

Aber auch die Brüder Bjørn (Trond Espen Seim) und Ole (Preben Hodneland) könnten mit dem Brand etwas zu tun haben. Nach außen hin geben sie sich betont cool und veranstalten vor Ort Jugendcamps, obwohl sie Teil einer radikalen identitären Bewegung sind. Zusammen mit regionalen Pegida-Anhängern haben sie unter der Führung des ominösen Bloggers Cato, dessen Identität weder Anhänger noch Behörden kennen, längst konkrete Anschlagsziele vor Augen. Quer über den europäischen Kontinent sollen sie in blutige Taten umgesetzt werden. Erstes Ziel: Berlin.

Zum dritten hetzt die titelgebende Stimme „Furias“ wiederkehrend gegen Geflüchtete und Muslime. Hinter ihren agitatorischen Texten steckt Ragna (Ine Marie Wilmann) vom norwegischen Geheimdienst, keine hasspredigende Extremistin aus dem Darknet. Als Köchin im Freizeitcamp von Ole und Bjørn infiltriert sie das brandgefährliche Terrornetzwerk, um selbst an Cato heranzukommen und dessen Anschlagsziele aufzudecken. Zugleich versucht sie damit auch den tragischen Opfertod ihrer Schwester Sis wettzumachen, die bei den Anschlägen vom 22. Juli 2011 auf Utøya ums Leben kam.

Ulrich Noethen als Terror-Vollstrecker

Für die Umsetzung dieses Terrorinfernos wurde ein Afghanistan-erfahrener Deutscher namens Schulze/Brehme (Ulrich Noethen) engagiert: ein zynischer, durchwegs „destruktiver Charakter“ im Sinne Walter Benjamins, der „in der Front der Traditionalisten“ steht und „nur eine Parole kennt: Platz schaffen; nur eine Tätigkeit: räumen“ und sich dafür in diabolischer Weise andauernd „mit Zeugen seiner Wirksamkeit“ umgibt. Liquidieren fällt ihm leicht, Skrupel sind ihm fremd. Er bleibt in dieser aufregend in Szene gesetzten Politthriller-Serie (Regie: Magnus Martens und Lars Kraume) der narrative Punchingball, an dem sich letztlich alle Charaktere aufreiben. Ulrich Noethen verkörpert ihn einprägsam größenwahnsinnig („Wir haben etwas sehr Großes vor: Es wird die Welt verändern!“).

Diesem absolut Bösen steht mit Nina Kunzendorf als Kathi Falke ein weiterer vielschichtiger Seriencharakter entgegen. Die Abteilungsleiterin für öffentliche Sicherheit im Bundesinnenministerium sucht mit ihrem Team parallel zu den Ereignissen in Norwegen und kurz vor der Bundestagswahl nach einer großen Menge Sprengstoff, die über Armenien in die Hände eines islamistisches Terrornetzwerks in Berlin gelangt sein soll.

Gleichzeitig verhärtet sich der Verdacht, dass in ihrer eigenen Abteilung Maulwürfe sitzen, denen der Name Schultz/Brehme geläufig ist, während der Kanzlerkandidat der „Nationalen Alternative Deutschlands“ (NAD) im Gegensatz zum angezählten Innenminister Hardenberg (Christian Berkel) im Wahlkampfendspurt regen Zulauf erfährt. Dann fallen Schüsse – und der rechte Mob macht endgültig mobil.

Rechtsterrorismus als weltweites Problem

Die Serie des Showrunners Gjermund Stenberg Eriksen, die als norwegisch-deutsche Co-Produktion entstand, ist von Beginn an nahe am politischen Puls der Zeit. Angesichts der Unterwanderung durch rechtsnationale Propagandisten und Extremisten quer durch alle europäischen Staaten bis hinauf in Wirtschaft, Politik oder Justiz kommt diese fabelhaft besetze Serie wortwörtlich zur rechten Zeit. „München, Kassel, Halle – dies sind die Orte jüngster rechtsterroristischer Anschläge in Deutschland. Utøya, Christchurch, El Paso – auch diese Städtenamen haben sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt. All diese Namen vereint eine Erkenntnis: Rechtsterrorismus ist kein deutsches, kein europäisches, er ist ein weltweites Phänomen“, erläutert Produzent Michael Polle die Ausgangsidee hinter „Furia“.

Die beiden Regisseur Magnus Martens und Lars Kraume inszenieren realitätsnah ein ebenso fintenreiches wie spannungsgeladenes Terrorszenario, das mit politischen Urängsten spielt. Im Gegensatz etwa zu „Je suis Karl“ oder „Und morgen die ganze Welt“ wirkt hier keine einzige Figur hölzern. Und so bleibt das Gros aller Seriencharaktere abseits konventioneller Gut-Böse-Schemata und das politische Panorama bis zum fulminanten Serienfinale überraschend undurchsichtig. Das Drehbuch legt Wert auf wendungsreiche Twists, wobei gerade die Grauzonen internationaler Geheimdienstoperationen in den Fokus rücken. Die Palette reicht von Terrorfahndung über Agentenmethoden bis hin zu SEK-Einsätzen oder internen Auseinandersetzungen innerhalb nationaler Sicherheitsapparate. Die Serienmacher treten mit ihren packenden „false flag“-Operationen und den düsteren, aber stets realistisch erscheinenden Terrorszenerien, die durch einen bedrohlichen Score sowie ein gelungenes Szenenbild unterstützt werden, den Beweis an, dass clevere Thrillerserien à la „Homeland“ nicht nur aus den USA oder Israel stammen müssen.

Kommentieren