Drama | Frankreich 2018 | 107 Minuten

Regie: Mia Hansen-Løve

Ein französischer Kriegsberichterstatter kehrt aus islamistischer Gefangenschaft nach Paris zurück und findet doch nicht nach Hause. Deshalb fährt er nach Goa, wo er aufgewachsen ist, um nach seiner Mutter zu suchen, zu der er keinen Kontakt mehr hat. Dabei trifft er auf eine junge Inderin, deren Nähe ihm guttut. Doch er kann weder ihr noch seinen eigenen Ansprüchen gerecht werden. Das oft in grobkörnigen Einstellungen gefilmte Drama handelt von den Widersprüchen und Unsicherheiten des liberalen Bürgertums, das politische und zwischenmenschliche Verantwortung für sich proklamiert und sie doch nicht mehr übernehmen kann, weil es für sein eigenes Handeln keine überzeugenden Antworten mehr findet. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
MAYA
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2018
Regie
Mia Hansen-Løve
Buch
Mia Hansen-Løve
Kamera
Hélène Louvart
Schnitt
Marion Monnier
Darsteller
Roman Kolinka (Gabriel Dahan) · Aarshi Banerjee (Maya) · Alex Descas (Fréderic) · Judith Chemla (Naomi) · Johanna Ter Steege (Johanna)
Länge
107 Minuten
Kinostart
11.11.2021
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama

Drama um einen französischen Kriegsreporter, der nach traumatischen Erfahrungen nach Indien flieht, um Abstand zu gewinnen und sich mit sich selbst zu versöhnen.

Diskussion

„Keine Welt ist echter als die andere“, heißt es einmal in „Maya“ (2018) von Mia Hansen-Løve, einem Film, der zwischen Syrien, Frankreich und Indien oszilliert. Implizit bedeutet der Satz auch, dass kein Leben richtiger ist als das andere; falsch und beschädigt sind sie gewissermaßen alle. Das hat hier mit dem Schrecken des djihadistischen Terrors zu tun, im Nahen Osten wie in Europa, und mit dem Erbe des Kolonialismus in Indien.

Die politisch-tektonischen Erschütterungen, die sich innerhalb dieser geografischen Dreieckskonstellation ereignen, lässt der Film von seinem Protagonisten Gabriel (Roman Kolinka) durchmessen. Einem Kriegsberichterstatter, der soeben aus der Gefangenschaft syrischer Islamisten nach Frankreich zurückgekehrt ist. Sein Kollege Frédéric (Alex Descas) kehrte ebenfalls mit ihm zurück, ein Dritter wurde anscheinend nicht freigelassen.

Leise flehen meine Lieder

In Paris gibt es ein Wiedersehen mit Familie und Freunden. Doch bald wird deutlich, dass sich Gabriel trotz seiner Beteuerungen, keine Traumata erlitten zu haben, in seinem alten Leben nicht mehr zurechtfindet. Er passt nicht mehr nach Paris, vielleicht sogar schon länger, auch schon vor seiner Gefangenschaft; auch da hatte er schon behauptet, sich in Kriegsgebieten, umgeben vom Tod, lebendiger zu fühlen als in der Sicherheit westlicher Metropolen.

An jenem ersten Abend zurück in Paris wird ihm in einem Lokal Franz Schuberts „Ständchen“ aus dem „Schwanengesang“ gesungen: „Leise flehen meine Lieder durch die Nacht zu dir, in den stillen Hain hernieder, Liebchen, komm zu mir.“ Doch erst am nächsten Morgen löst der Film auf, dass die Sängerin nicht Gabriels Partnerin war, da die Beziehung schon länger zerbrochen ist. Für Gabriel ist die Rückkehr nach Frankreich ein weiterer Abschied. Er folgt einer anderen Spur, einem familiären Bezug nach Indien, wo in Goa ein Patenonkel und in Mumbai seine ihm entfremdete Mutter wohnen, bei denen sich vielleicht Ablenkung finden lässt, womöglich Versöhnung.

In Indien tritt Maya (Aarshi Banerjee) in Gabriels Leben, die weitaus jünger ist als er. Eine Beziehung bahnt sich da an, doch der Film nimmt sich viel Zeit, bis das erste Mal etwas passiert. Hansen-Løve scheint sich absichern zu wollen, den Europäer Mitte dreißig in der Sinnkrise, den es abends auf Rave-Partys an den Strand zieht, nicht als eine Art romantisch verbrämten Sextourist erscheinen zu lassen, der indischen Schulmädchen nachstellt.

Eine bittere Erkenntnis

Wenn Gabriel doch nicht ganz das eine ist, so verletzt er Maya dadurch, dass er das andere zu sehr ist. Verantwortung übernehmen und nicht tatenlos zusehen sind hehre Ziele, die Gabriel mit seiner Kriegsberichterstattung verbindet. In der Beziehung zu Maya wird er diesen Ansprüchen nicht gerecht. Selbst als er ein heruntergekommenes Haus als vorübergehende Bleibe instand setzen will, müssen ihm die schulpflichtigen Nachbarskinder die Einrichtung hineintragen. Das ist eine bittere Erkenntnis, die der Film transportiert: Was manche fürs politisch Große einfordern, können sie in ihrem eigenen Alltagradius nicht ansatzweise umsetzen.

Die erste Einstellung des Films rahmt Gabriel in einem Badezimmerspiegel; er wäscht und rasiert sich, wobei auch seine in der Gefangenschaft erlittenen Hämatome sichtbar werden. Was als ein ritueller Akt zum Wiedereintritt in die westliche Zivilisation beginnt, mündet schließlich in einer Kehrtwende. Der unbekannte dritte Journalist, der nicht freigelassen wurde, ist auf gewisse Weise immer Gabriel gewesen. Er reist mit Frédéric schließlich zurück in den Mittleren Osten. Für Maya reicht sein behaupteter Moralismus nicht.

„Maya“, so sagt die Regisseurin, entstand stellenweise nur mit einem Team aus einer Handvoll Leuten. Panoramen vorbeiziehender indischer Städte wechseln mit ins Leere laufenden Gesten und Dialogen ab. Es ist ein Film, der groß und klein zugleich wirkt. Dem seine indexikalischen Relationen zwischen den Verweisen auf Globalisierung, religiösen Fundamentalismus, Gentrifizierung, familiäre Bindungen und Liebesbeziehungen immer mal wieder entgleiten. Der manchmal gar nicht ausformulieren kann oder will, was davon auf welche Weise wahrgenommen, parallel gedacht oder in einen kausalen Zusammenhang gebracht werden soll.

Kino der Unsicherheiten

Das mag man „Maya“ vorwerfen, aber es ist zugleich auch eine Stärke. Kamerafrau Hélène Louvart findet dafür umwerfend grobkörnige Bilder, Einstellungen, die sich weigern, Aufschluss oder Antwort auf vorangegangene Handlungen zu geben. Wenn man „Maya“ eine thematische Konstante zuschreiben will, so am ehesten die einer weiteren Facette von Hansen-Løves Kino bourgeois-bohemischen Unsicherheiten. Ein Kino, dessen erzählerisches Zentrum um die emotionalen Befindlichkeiten eines liberalen Bürgertums kreist, das insgeheim sehr wohl weiß, dass es nicht Herr in den eigenen Häusern ist. Keine dieser häuslichen Welten ist echter, keine richtiger als die andere.

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