Drama | USA 2022 | 113 Minuten

Regie: Antoine Fuqua

Ein aus Haiti stammender Mann wird in den 1860er-Jahren als Sklave von seiner Familie getrennt und zur Arbeit beim Eisenbahnbau gezwungen. Nach schweren Misshandlungen flieht er durch die Sümpfe von Louisiana, verfolgt von grausamen Sklavenjägern. Trotz aller Leiden verliert er den Glauben an die Freiheit nicht, die durch den Sezessionskrieg in greifbare Nähe rückt. Das von einer zeitgenössischen Fotografie inspirierte Drama zeigt schonungslos den menschenverachtenden Umgang mit Sklaven. Statt auf Versöhnungsgesten setzt der Film auf eine harte Konfrontation mit den Brutalitäten des Rassismus und deutet auch dessen strukturelles Weiterbestehen nach dem Ende der Sklaverei an. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
EMANCIPATION
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2022
Regie
Antoine Fuqua
Buch
Bill Collage
Kamera
Robert Richardson
Musik
Marcelo Zarvos
Schnitt
Conrad Buff IV
Darsteller
Will Smith (Peter) · Ben Foster (Jim Fassel) · Charmaine Bingwa (Dodienne) · Gilbert Owuor (Gordon) · Ronnie Gene Blevins (Harrington)
Länge
113 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Historienfilm

Brutales Drama um einen afroamerikanischen Sklaven, der in den 1860er-Jahren aus der Gefangenschaft flieht und alles daransetzt, seinen skrupellosen Verfolgern zu entkommen.

Diskussion

Im neuen Film von Antoine Fuqua schwebt der Titel „Emancipation“ über allem. Über weite Strecken wirkt das Versprechen, das in diesem Wort steckt, fast wie eine Ironie oder gar wie eine der vielen Grausamkeiten, die der Film zumutet. „Emancipation“ erzählt vom Schicksal des Sklaven Peter (Will Smith) und dessen Freiheitskampf während des US-amerikanischen Bürgerkriegs. In den 1860er-Jahren sind die Verhältnisse in den USA am Kippen. Die Truppen von Abraham Lincoln stehen kurz davor, die Südstaaten zu bezwingen. Der Fall der Konföderierten wird auch das abscheuliche Kapitel der Sklaverei in den USA beenden. Jedoch nicht ohne einen quälend langen Veränderungsprozess quer durchs ganze Land.

Von diesem historischen Wandel spüren Peter und seine aus Haiti stammende Familie noch nichts. Im Bundesstaat Louisiana befinden sich er, seine Ehefrau sowie ihre beiden kleinen Töchter in der Knechtschaft grausamer Sklavenhalter. Peter wird eines Tages an eine neue Zwangsarbeitsstätte verschleppt – zum Schienenbau der Eisenbahngesellschaft. Seine Familie bleibt ohne ihn zurück. Das einzige, woraus Peter Hoffnung schöpft, ist sein Gottesglaube. Er verlässt ihn auch dann nicht, als seine Mitgefangenen ihn fragen, wie er angesichts der täglich erfahrenen Gräuel noch ernsthaft an Gott glauben kann.

Eine Konfrontation mit der Brutalität des Rassismus

Antoine Fuqua lässt in seiner Darstellung keines dieser Gräuel aus. Peitschenhiebe, zerschmetterte Gliedmaßen, Brandmale, alles in rascher Folge. Die Frequenz der Szenen führen fast zwangsläufig zu einer Distanznahme, weil das Geschehen sich ob seiner historischen Realität kaum ertragen lässt. Fuqua vermittelt aber durchaus, dass eine solche Konfrontation für die US-Gesellschaft notwendig ist. Zu lange herrschte ein geschöntes Bild jener Zeit, auch in alten Hollywood-Filmen mit ihrem perversen Plantagen-Kitsch. Von Südstaaten-Gentlemen und holden weißen Schönheiten, die schwarzen Sklaven gegenüber generös auftreten, will Fuqua nichts wissen. „Emancipation“ ist keines jener Versöhnungsvehikel, wie sie Hollywood auch heute noch mit Feel-Good-Filmen wie „The Green Book“ herausbringt.

Die ersten Weißen, die sich Peter gegenüber nicht samt und sonders wie Teufel aufführen, sind die beiden Fotografen, die das Bild aufnehmen, das seinen von Peitschenhieben zerschundenen Leib für die Nachwelt dokumentiert. Diese ikonische Aufnahme gibt es wirklich; als historisches Zeugnis wurde sie wahlweise als „Whipped Peter“ und „Escaped Slave Gordon“ berühmt.

Für den Drehbuchautor William N. Collage war das Foto der Ausgangspunkt für eine Erzählung, die vor allem wegen der markanten Visualität des Kameramanns Robert Richardson in Erinnerung bleibt. Richardson taucht das Geschehen in gestochen scharfe Bilder einer fast bis auf Schwarz-weiß reduzierten Farbpalette. Nur ganz sachte wird das schimmernde Grün der Sumpflandschaft Louisianas sichtbar, durch die Peter schließlich seinen Sklavenhaltern entkommt. An seine Fersen heftet sich ein besonders widerlicher Zeitgenosse namens Fassel (Ben Foster), der sich einen Spaß aus Todesspielen macht. Er wird zum ultimativen Widersacher des Protagonisten, in einer Welt, die für ihn nur Schläge, Hiebe und Kugeln übrighat.

Die Verheißung auf Freiheit

Die Freiheit als Gerücht, das sich die Geflüchteten untereinander zuraunen, reicht Peter, um immer weiterzumachen. Auch der herannahende Gefechtslärm von Lincolns Truppen wirkt als Ansporn. Der Actionfilmer Fuqua, der vor allem durch Filme wie „Training Day und „The Equalizer“ bekannt wurde, bekommt die Tonalität des Dramas dabei nicht immer in Griff, etwa in einer Szene, in der Peter von einem Alligator attackiert wird. Das Ringen mit dem Vieh im Sumpf wirkt seltsam deplatziert, fast wie aus einem Monsterfilm. Andere Szenen sitzen dagegen ungemein treffend. Etwa wenn ein weißes Mädchen den flüchtenden Peter von der Veranda einer Südstaatenvilla erspäht. „Runner! Runner!“, schreit sie und weist den Schergen mit ihrem Gekeife den Weg. Es ist eine haarsträubende Sequenz, die sich ins Gedächtnis einbrennt. Ungeheure Resonanz im positiven Sinn erzeugen dagegen jene Befreiungsbilder von schwarzen Soldaten der Louisiana Native Guard, die den Arbeiter:innen der Baumwollplantagen schließlich die Freiheit bringen.

Die rassistischen Verhältnisse leben fort

„Emancipation“ beschönigt aber auch nicht die Verhältnisse in der Nordstaaten während der Zeit der Sezessionskriege. Viele der jungen schwarzen Soldaten werden im Stellungskrieg verheizt, und die rassistischen Verhältnisse leben in den gesellschaftlichen Strukturen fort, auch wenn die kulturelle Praxis sich ändert. Das alles ist eine unbequeme Erzählung.

Die Art und Weise, wie das Land eine Geschichte von sich selbst erzählt, verändert sich augenblicklich rasant. Das lässt sich an Hollywood-Filmen wie denen von Antoine Fuqua ablesen. Für den Hauptdarsteller Will Smith ist die Rolle des Sklaven Peter eine ganz große innerhalb seiner Karriere. In dem Moment, in dem sich das titelgebende Versprechen des Films einzulösen scheint, sieht man seinen Gesichtszügen an, welchen körperlichen und seelischen Tribut ihm die Rolle abverlangt haben muss.

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